Am Beispiel des Erbgesundheitsgesetzes nimmt die Arbeit eine Analyse des Einflussverhältnisses von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik – als eine radikalisierte Entwicklungstendenz der staatlichen NS-Bevölkerungspolitik – vor. In diesem Bezugsrahmen wird die strategische Maßnahme der menschlichen Unfruchtbarmachung hinsichtlich seiner elementaren Funktion für diese Verbindung untersucht.
(...) Nach 1945 wurde, hauptsächlich von Rassenhygienikern, der Standpunkt vertreten, dass das Sterilisationsgesetz (Erbgesundheitsgesetz) kein politisches und folglich auch kein nationalsozialistisches Gesetz sei (...):
1. Das Gesetz enthalte keine nationalsozialistische Ideologie und sei allenfalls von Nationalsozialisten missbraucht worden. (...)
2. Das Gesetz könne nur als nationalsozialistisch gelten, wenn ausschließlich Hitler bzw. NSDAP-Mitglieder es formuliert und durchgesetzt hätten. Da aber die Forderung nach Sterilisationen „minderwertiger“ Menschen unter Zwang bereits vor 1933 existierte, wäre das Sterilisationsgesetz auch ohne die nationalsozialistische Bewegung zustande gekommen. (...)
3. Rassenhygiene und Sterilisationsgesetze, auch zwangsmäßige, habe es auch in Kulturstaaten des Auslandes, beispielsweise in Amerika gegeben, doch habe das amerikanische Militärtribunal das Sterilisationsgesetz 1947 nicht zu den nationalsozialistischen Verbrechen dazu gezählt.
(...)
In Kapitel 2 werde ich vorerst die begriffliche Klärung des Erbgesundheitsgesetzes vornehmen. (...) Dies ist eine notwendige Voraussetzung, um im folgenden, den Schwerpunkt dieser Arbeit bildenden Kapitel 3 schließlich das Einflussverhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik zu diskutieren. (...) Einleitend wird in Kapitel 3.1 die sich um die Jahrhundertwende herausbildende Möglichkeit zur Sterilisation thematisiert, um nachvollziehen zu können, aus welchen Gründen dieser Maßnahme in der Folgezeit eine derartige Zentralität zukommen konnte. Anschließend wird in Kapitel 3.2 die Interaktion von Rassenhygienikern und Sterilisationspolitikern bei der gesetzlichen Umsetzung Betrachtung finden. (...) Das 4. Kapitel wird nach den Entwicklungen und Prozessen fragen, die zum Verständnis vom sterilisierten Körper geführt haben, folglich den Zugriff auf den Körper erst ermöglichten und dem sich Rassenhygieniker und Sterilisationspolitiker gleichermaßen bedienten.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Das Erbgesundheitsgesetz
- Einflussverhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik
- Die strategische Maßnahme der Unfruchtbarmachung des Menschen um 1900
- Interaktion beim Erlass des Erbgesundheitsgesetzes
- Das Verständnis vom sterilisierten Körper
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit dem Einflussverhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik am Beispiel des Erbgesundheitsgesetzes. Der Fokus liegt auf der Analyse der strategischen Maßnahme der Unfruchtbarmachung von Menschen im Kontext der staatlichen NS-Bevölkerungspolitik.
- Die Entwicklung der Sterilisationspolitik im Kontext der Rassenhygiene
- Die Rolle des Erbgesundheitsgesetzes in der NS-Zeit
- Die Motive der Rassenhygieniker und Sterilisationspolitiker bei der Gesetzgebung
- Das Verständnis vom sterilisierten Körper und dessen Bedeutung in der Rassenhygiene
- Die Kritik am Missbrauchsmythos und der Trennung zwischen Rassenhygienikern und Nationalsozialisten
Zusammenfassung der Kapitel
- Kapitel 2 beleuchtet das Erbgesundheitsgesetz und die beteiligten Einflussgrößen bei seiner Entstehung.
- Kapitel 3 diskutiert das Verhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik. Es wird beleuchtet, welche Motive die gesetzliche Realisierung der Sterilisationspraxis beeinflussten. Dazu wird zunächst die Möglichkeit zur Sterilisation um die Jahrhundertwende thematisiert, bevor die Interaktion von Rassenhygienikern und Sterilisationspolitikern bei der Gesetzgebung betrachtet wird.
- Kapitel 4 erforscht die Entwicklungen und Prozesse, die zum Verständnis vom sterilisierten Körper führten und den Zugriff auf den Körper ermöglichten, den sich Rassenhygieniker und Sterilisationspolitiker gleichermaßen zu eigen machten.
Schlüsselwörter
Rassenhygiene, Sterilisationspolitik, Erbgesundheitsgesetz, Zwangsterilisation, NS-Bevölkerungspolitik, Körpergeschichte, Missbrauchsmythos, Unfruchtbarmachung, Körpervorstellung.
Häufig gestellte Fragen
Was war das Ziel des Erbgesundheitsgesetzes?
Das 1933 erlassene Gesetz diente der systematischen Unfruchtbarmachung von Menschen, die als "erbkrank" oder "minderwertig" eingestuft wurden, um die "Reinhaltung des deutschen Volkskörpers" zu erzwingen.
Welcher Zusammenhang bestand zwischen Rassenhygiene und Sterilisationspolitik?
Die Rassenhygiene lieferte die pseudowissenschaftliche Begründung für die Sterilisationspolitik. Sie sah im menschlichen Körper primär einen Träger von Erbgut, das im Sinne des Staates kontrolliert werden müsse.
Was ist der sogenannte "Missbrauchsmythos" nach 1945?
Viele Rassenhygieniker behaupteten nach dem Krieg, das Gesetz sei an sich unpolitisch gewesen und lediglich von den Nationalsozialisten missbraucht worden, um ihre Verantwortung zu verschleiern.
Gab es ähnliche Gesetze auch im Ausland?
Ja, Forderungen nach Sterilisationen gab es auch in anderen Ländern wie den USA. Die Nationalsozialisten radikalisierten diese Ansätze jedoch zu einem staatlichen Zwangssystem.
Wie veränderte die Rassenhygiene das Verständnis vom menschlichen Körper?
Der Körper wurde zum Objekt staatlichen Zugriffs. Er wurde nicht mehr als individuelles Subjekt, sondern als biologische Ressource betrachtet, die nach Kriterien der "Nützlichkeit" bewertet wurde.
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- Lisa Sofie Mros (Author), 2010, Der Körper im Kontext der Sterilisationspraxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168189