Was sind die handlungsleitenden Motive der Täter der nationalsozialistischen Verbrechengewesen? Oder auch: was heißt Motivationsforschung? Dies sollten zentrale Fragen sein, welchen sich die neuere Täterforschung seit den 1990er Jahren gegenüber sieht. Dabei sind Motive hier weder im juristischen noch psychologischen Sinn gemeint; vielmehr bilden sie die Summe aller möglichen Einflussvariablen auf ein Individuum, die dazu beitragen können, seine Beteiligung an den Morden zu erklären und historisch zu rekonstruieren.
Die Erforschung der Motive kann grob auf die drei Faktoren Sozialisation, politisches System und situativer Kontext begrenzt werden, hinter denen sich alles von Kindheitserfahrung, Elternhaus, Karriere, Gewalterfahrung über das System von Befehl und Gehorsam, Ideologie, Antisemitismus und Propaganda bis hin zu den konkreten Morden am Tatort und deren Begleitumständen verbirgt. Die Begriffe Motiv und Motivation sind hier also im historisch-explikativen Sinne definiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Explikation Fragestellung
Methode
2. Browning und das Polizeibataillon 101 in Polen
Übersicht über die Stationen des Polizeibataillons
Der multikausale und kulturpessimistische Ansatz
Bedeutung für die Wissenschaft
3. Motivationsforschung in der neueren Täterforschung
Gruppenbiographien
Nichtbearbeitung
Scheffler, Pohl, Angrick, Gerlach
Angrick, Voigt, Ammerschubert, Klein, Alheit, Tyder
Ralf Ogorreck
Arūnas Bubnys
Eric Heine
Winfried Nachtwei
Hans-Heinrich Wilhelm
Stefan Klemp
Implizite Bearbeitung
Andrej Angrick
Stefan Klemp
Explizite Hinwendung
Knut Stang
Thomas Geldmacher
Christian Gerlach
Klaus-Michael Mallmann
Stefan Klemp
Einzelbiographien
Wolfram Wette über Karl Jäger
Martin Hölzl über Walter Nord
Michael Wildt über Erich Ehrlinger
Jürgen Matthäus über Georg Heuser
Lawrence D. Stokes über Heinz Seetzen
David Kitterman über Otto Ohlendorf
Andrej Angrick über Erich von dem Bach-Zelewski
Zusammenfassung
4. Wie kann ein Motivationsmodell aussehen?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den Stand der Motivationsforschung innerhalb der neueren deutschen NS-Täterforschung mit einem Fokus auf Polizeibataillone und Einsatzgruppen. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der empirischen Forschung und der mangelnden theoretischen Auseinandersetzung mit individuellen Handlungsmotiven aufzuzeigen, um abschließend ein systematisches Faktorenmodell zur Interpretation von Täterbiographien zu entwickeln.
- Analyse der Rezeption von Christopher R. Brownings Arbeiten in der neueren Täterforschung.
- Kategorisierung der Forschungsliteratur in Nichtbearbeitung, implizite und explizite Bearbeitung.
- Untersuchung der methodischen Probleme bei der Erforschung individueller Motive.
- Entwicklung eines interdisziplinären Faktorenmodells für Täterbiographien (Sozialisation, politisches System, situativer Kontext).
Auszug aus dem Buch
1.1. Explikation Fragestellung
Was sind die handlungsleitenden Motive der Täter der nationalsozialistischen Verbrechen gewesen? Oder auch: was heißt Motivationsforschung? Dies sollten zentrale Fragen sein, welchen sich die neuere Täterforschung seit den 1990er Jahren gegenüber sieht. Dabei sind Motive hier weder im juristischen noch psychologischen Sinn gemeint; vielmehr bilden sie die Summe aller möglichen Einflussvariablen auf ein Individuum, die dazu beitragen können, seine Beteiligung an den Morden zu erklären und historisch zu rekonstruieren. Die Erforschung der Motive kann grob auf die drei Faktoren Sozialisation, politisches System und situativer Kontext begrenzt werden, hinter denen sich alles von Kindheitserfahrung, Elternhaus, Karriere, Gewalterfahrung über das System von Befehl und Gehorsam, Ideologie, Antisemitismus und Propaganda bis hin zu den konkreten Morden am Tatort und deren Begleitumständen verbirgt. Die Begriffe Motiv und Motivation sind hier also im historisch explikativen Sinne definiert.
Diese Abgrenzung ist nötig, da eine Verengung des Begriffs Motiv oder Motivation auf seinen juristischen bzw. psychologischen Bedeutungsgehalt sehr schnell in Sackgassen führt, die einer historischen Forschung, die über die Rekonstruktion von Details sich einem Gesamtbild nähern möchte, zugegen läuft. Sich diese Abgrenzung zu vergegenwärtigen, ist essentiell zum Verständnis meines Ansatzes. Die angebotene Definition ist gleichsam als Methode zu verstehen, mit welchem Blick die Geschichtswissenschaft die Analyse von Tatgeschehen und Tätern vornehmen sollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Debatte der neueren NS-Täterforschung ein, definiert den Begriff der Motivationsforschung und legt die methodische Vorgehensweise der Arbeit dar.
2. Browning und das Polizeibataillon 101 in Polen: Hier werden die Ergebnisse von Christopher R. Browning analysiert, dessen Werk als methodischer Maßstab für die neuere Täterforschung fungiert.
3. Motivationsforschung in der neueren Täterforschung: Dieses Hauptkapitel kategorisiert und evaluiert eine Vielzahl von Studien zu Polizeibataillonen und Einsatzgruppen hinsichtlich ihrer Auseinandersetzung mit Motiven.
4. Wie kann ein Motivationsmodell aussehen?: Basierend auf der Analyse wird ein deduktives Faktorenmodell entworfen, das als theoretische Folie zur Interpretation von Täterbiographien dienen soll.
5. Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert für einen methodisch reflektierteren und interdisziplinär offenen Umgang der Geschichtswissenschaft mit Erklärungsmodellen.
Schlüsselwörter
Motivationsforschung, NS-Täterforschung, Polizeibataillone, Einsatzgruppen, Christopher R. Browning, Täterbiographien, Sozialisation, politisches System, situativer Kontext, Ideologie, Befehl und Gehorsam, Handlungsspielräume, Holocaust, Historiographie, Interdisziplinarität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, inwiefern sich die neuere NS-Täterforschung mit den handlungsleitenden Motiven der Täter auseinandersetzt und ob hierbei theoretische oder methodische Standards eingehalten werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Aufarbeitung der Verbrechen durch Polizeibataillone und Einsatzgruppen sowie die theoretische Fundierung des Motivbegriffs in der Geschichtswissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Forschungsstand zur Motivationsforschung zu sichten, Defizite aufzuzeigen und ein theoretisches Faktorenmodell zur besseren Analyse von Täterbiographien zu etablieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen deduktiven Ansatz und kategorisiert die Forschungsliteratur nach dem Grad ihrer Auseinandersetzung mit Motiv- und Interpretationsfragen (Nichtbearbeitung, implizite oder explizite Bearbeitung).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zahlreiche Gruppen- und Einzelbiographien daraufhin untersucht, ob und wie sie Motive der Täter thematisieren oder ob sie lediglich deskriptiv verfahren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Motivationsforschung, Täterbiographien, NS-Vernichtungspolitik, Sozialisation und situativer Kontext charakterisieren.
Warum spielt Browning eine so zentrale Rolle für die Untersuchung?
Browning hat mit seinen Arbeiten zum Polizeibataillon 101 Standards gesetzt, an denen sich die nachfolgende Täterforschung in Bezug auf Methodik und Interpretation zwangsläufig messen lassen muss.
Was ist das Hauptergebnis bezüglich der Forschungsliteratur?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass eine dezidierte Motivationsforschung innerhalb der neueren Täterforschung weitgehend fehlt und viele Autoren den interpretatorischen Teil ihrer Arbeit vernachlässigen.
- Quote paper
- Jan Oswald (Author), 2005, Was ist Motivationsforschung? Zur Frage der Motivation in der neueren NS-Täterforschung bei Polizeibataillonen und Einsatzgruppen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/167960