Merlin – das ist ein Name, der nahezu niemandem mehr unbekannt ist, und eine Figur, die im literarischen Bewusstsein schon vor dem Mittelalter und bis in die heutige Zeit präsent ist.
Literarische (und alsbald auch filmische) Repräsentation sind – auch in Deutschland, trotz der im Mittelalter noch recht flauen Rezeption – heute zunehmend häufiger und vielfältiger. Viele Filme und Romane tragen den Titel 'Merlin' oder führen zumindest einen Charakter mit diesem Namen auf. Merlin und der stets damit verstrickte Artus-Stoff hat seinen Weg in Comic-Serien wie 'Prinz Eisenherz' und Zeichentrickfilme wie Disneys 'Die Hexe und der Zauberer' gefunden, aber auch die Theaterbühne erobert wie beispielsweise schon mit John Drydens 'King Arthur' und in Deutschland nicht zuletzt mit Tankred Dorsts 'Merlin oder Das wüste Land'. Dabei hat die Figur die verschiedensten Ausprägungen und Wandlungen erfahren.
Doch auch in Kontexten, die zunächst unabhängig von jeglicher Artus-Legende zu sein scheinen, begegnen uns Figuren, die entweder durch bestimmte äußerliche Merkmale oder bekannte Funktionsmuster unweigerlich eine Merlin-Assoziation hervorrufen. Zwei relativ bekannte Beispiele für eine solche Figur, mit denen ich mich hier näher beschäftigen werde, sind der Zauberer Gandalf in J.R.R. Tolkiens 'Der kleine Hobbit' und 'Der Herr der Ringe' sowie der Zaubermeister Dumbledore in Joanne K. Rowlings 'Harry Potter'-Serie.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. ZAUBERER UND ZAUBEREI
1. Magie im Mittelalter
2. Merlin
3. Langer Bart, spitzer Hut – Gandalf
4. Zauberer unter Zauberern – Dumbledore
III. VERFÜHRER, FÜHRER, VATER
1. Des Zauberers Aufgabe und seine Funktion
a) Von Allwissenheit zu Weisheit
b) Vom Allvater zum Vater
2. Glaube, Liebe, Hoffnung
a) Heiden, Christen und die Sache mit der Theologie
b) Gott und Teufel, Weiß und Schwarz
IV. MENSCH ODER ÜBERMENSCH
1. Narren, die lieben…
2. Irrtum und Allmacht
V. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Traditionslinien der Merlin-Figur und deren Fortbestehen in den modernen Fantasy-Werken von J.R.R. Tolkien („Der Herr der Ringe“) und J.K. Rowling („Harry Potter“), wobei der Fokus auf den Charakteren Gandalf und Dumbledore liegt. Ziel ist es, die narrative Funktion, die moralische Rolle und die menschliche Ambivalenz dieser Zaubererfiguren im Vergleich zum mittelalterlichen Vorbild zu analysieren.
- Die literarische Entwicklung und Transformation der Merlin-Tradition.
- Strukturelle Vergleiche zwischen Gandalf, Dumbledore und Merlin.
- Die pädagogische und vaterähnliche Rolle des Zauberers als Leitfigur.
- Die Auseinandersetzung mit christlichen und heidnischen Motivkomplexen.
- Die Ambivalenz von Macht, Allwissenheit und menschlicher Fehlbarkeit.
Auszug aus dem Buch
Langer Bart, spitzer Hut – Gandalf
Nur ein alter Mann saß darin. Er trug einen spitzen blauen Hut, einen langen grauen Mantel und ein silberweißes Halstuch. Sein langer Bart war weiß, und die buschigen Brauen ragten unter der Hutkrempe vor. […] Natürlich, es war Gandalfs Zeichen, und der alte Mann war niemand anderer als der Zauberer, dessen Ansehen im Auenland hauptsächlich auf seiner Meisterschaft im Umgang mit Feuer, Rauch und Licht beruhte. Sein wahres Geschäft war viel schwieriger und gefährlicher, aber davon wussten die Auenländer nichts.
Dieser erste Eindruck, den wir im Herr der Ringe vom ‚Zauberer Gandalf’ vermittelt bekommen, macht uns sofort schon mit zwei seiner herausstechendsten Eigenschaften bekannt, nämlich mit seinem eher bescheidenen Erscheinungsbild und dem Geheimnisvollen, das sich dahinter verbirgt. Diese beiden Charakteristika zeichnen Gandalf und seine Aufgabe, deretwegen er nach Mittelerde geschickt wurde, von Anfang bis Ende aus. Als einer der Istari, die von einer höheren (vergleichsweise göttlichen) Macht nach Mittelerde geschickt wurden, soll er „den bedrohten Elben- und Menschenvölkern Rat und Ermutigung […] spenden – doch ohne sich zu erkennen zu geben oder Sauron offen mit eigener Macht entgegenzutreten“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung führt die zeitlose Präsenz der Merlin-Figur in der Literatur ein und stellt die Forschungsfrage nach den Entsprechungen dieser Figur in Tolkiens Gandalf und Rowlings Dumbledore.
II. ZAUBERER UND ZAUBEREI: Dieses Kapitel erörtert die historische Definition von Magie im Mittelalter und beleuchtet die Facetten Merlins, bevor Gandalf und Dumbledore als moderne Rezeptionen eingeführt werden.
III. VERFÜHRER, FÜHRER, VATER: Hier wird die funktionale Rolle der Zauberer als Mentoren und „Väter“ ihrer Schützlinge sowie ihre tieferen Einsichten, Tugenden und ihr Verhältnis zu Glaubensfragen analysiert.
IV. MENSCH ODER ÜBERMENSCH: Der Abschnitt konzentriert sich auf die menschliche Dimension der Zauberer, ihre Liebesfähigkeit und die Gefahren, die aus dem Streben nach oder dem Besitz von Macht entstehen.
V. SCHLUSS: Die Zusammenfassung resümiert, dass Merlin ein literarisches Grundmuster darstellt, dessen Abwandlungen in modernen Werken durch spezifische Genre-Regeln geprägt sind.
Schlüsselwörter
Merlin, Gandalf, Dumbledore, Fantasy, Literaturwissenschaft, Artus-Sage, Magie, Mittelalter, Archetyp, Mentor, Macht, Christliche Symbolik, Mythologie, J.R.R. Tolkien, J.K. Rowling.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die mittelalterliche Merlin-Tradition in moderne Fantasy-Charaktere wie Gandalf und Dumbledore eingeflossen ist und welche gemeinsamen Merkmale diese Zauberer trotz unterschiedlicher Settings teilen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle des Zauberers als Mentor und Führungspersönlichkeit, das Verhältnis von Macht zu ethischer Verantwortung sowie die literarische Adaption mythologischer Muster.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die „Merlin-Assoziation“ bei modernen Figuren aufzudecken und zu verstehen, warum diese Figuren als moralische Instanzen und Wissensvermittler in ihren Welten fungieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Vergleich („Comparative Literature“) nutzt, um Traditionslinien von mittelalterlichen Texten hin zu zeitgenössischer Fantasy nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Magie-Konzepten, die funktionale Rolle der Zauberer (Prophet/Mentor), ihr Verhältnis zur Liebe sowie die Ambivalenz zwischen ihrem Status als übernatürliche Wesen und ihrer menschlichen Fehlbarkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Merlin-Tradition, Fantasy-Genre, Mentor-Rolle, Mythologie und das Spannungsfeld zwischen Gut und Böse.
Inwiefern beeinflusst das „besondere Kind“ das Handeln von Dumbledore?
Dumbledore nimmt für Harry eine zentrale, vaterähnliche Rolle ein. Er versteht Harry als „Erwählten“, der geschützt werden muss, bereitet ihn aber gleichzeitig auf seine eigenständige Aufgabe und das Erwachsenwerden vor.
Wie unterscheidet sich Gandalfs „Wiedergeburt“ von Dumbledores Tod?
Während Gandalf als Istari nach dem Kampf gegen den Balrog von einer höheren Autorität zurückgesandt wird, ist Dumbledores Tod endgültig; er fungiert nach seinem Ableben nur noch als spiritueller Wegweiser für Harry.
- Quote paper
- Sarah Hartinger (Author), 2010, Merlin und seine Nachfolger, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/167657