Mehr als hundert Jahre ist das bewegte Bild nun alt und trotzdem bis heute nicht aus der Mode gekommen. Mittlerweile wird der Film als Kunstform neben den älteren Künsten akzeptiert und gewürdigt und kann es sich so erlauben, seine Ideen aus diesen auch ohne Rechtfertigung zu entnehmen. Besonders beliebt für einen Rückgriff hat sich die Literatur herausgestellt.
Im Kontrast zur Literatur, die erst besonders wertvoll galt, wenn nur eine auserwählte Leserschaft sich ihrer bediente und sie als herausragende Kunst verstehen und würdigen konnte, wollte der Film vor allem eines: so viele Zuschauer wie möglich in das Kino locken.
Das Misstrauen, welches dem Film entgegengebracht wurde, schlug sich in logischer Konsequenz in den Schulen nieder. Zwar wurde schnell erkannt, dass der Film als neues Medium nicht aus dem Unterricht ausgeschlossen werden konnte, allerdings unter der Prämisse, dass die Schüler durch einen kritischen Umgang vor den Inhalten des mehr und mehr zum Massenphänomen ausufernden Unterhaltungsmediums geschützt werden müssten.
Trotz viel bemühter Versuche Filme besser in den Unterricht zu integrieren, musste Peter Kern auch nach der Jahrtausendwende noch feststellen, dass es keine Filmdidaktik gibt. Und tatsächlich werden Filme, auch heute noch, vor allem als Belohnung eingesetzt, um den Schülern nach beschwerlicher Textarbeit eine vermeintlich leichte Kost vorzusetzen und die zähen Klassiker in Form von Bildern zu veranschaulichen. Umso paradoxer erscheint es, betrachtet man die Lebenswelt der Schüler. Gerade der tägliche Fernsehkonsum ist beinahe obligatorisch geworden und „Internet“ ist kein Fremdwort mehr, sondern Alltag. Aus diesem Grund fragt die vorliegende Arbeit danach, ob sich Literaturverfilmungen für den Deutschunterricht eignen und wenn ja, wie man sie sinnvoll integrieren kann. Gerade weil an dieser Stelle das Buch und die Literaturlektüre nicht in den Hintergrund treten sollen, beschäftigt sie sich im Folgenden besonders mit diesem besonderen Filmgenre, um den Film als gleichberechtigten Partner neben das, keinesfalls zu vernachlässigende, Buch zu stellen.
Insgesamt wird somit der Frage nachgegangen, wie sich die Verfilmung eines klassischen Werkes, welches auch im Literaturkanon verzeichnet ist, sinnvoll in den Unterricht einbauen lässt, in der Form, dass die Schüler Erfahrungen im Umgang mit Medien erlernen und vertiefen, der Film zugleich Mittel und Gegenstand ist und trotzdem keine „Feiertagsdidaktik“ erhoben wird.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
A: Voraussetzungen
1. Die Literaturverfilmung in der Wissenschaft
1.1. „Literaturverfilmung“ versus „Adaption“ – eine Begriffsbestimmung
1.2. Zur Problematik der Literaturverfilmung
1.2.1. Historischer Abriss der Adaption
1.2.2. Forschungsstand
1.2.3. Film und Buch – ungleiche Partner
1.3. Typologien der Literaturverfilmung
1.4. Schriftliterarisches und filmisches Erzählen
1.4.1. Gemeinsamkeiten
1.4.2. Unterschiede/ filmische Darstellungsverfahren
2. Literaturverfilmungen im Deutschunterricht
2.1. Stellenwert von Filmen
2.1.1. - bei Jugendlichen
2.1.2. - im Deutschunterricht
2.1.3. - im Lehrplan
2.2. Didaktische Standpunkte zur Nutzung von filmischen Adaptionen
2.2.1. Begründung
2.2.2. Ziele eines medienintegrativen Literaturunterrichts
2.2.2.1. Kompetenzdiskussion – Medienkompetenz
2.2.2.2. (Spiel-)Filmkompetenz
2.2.3. Methoden
2.3. Eigenes didaktisches Konzept
2.3.1. Begründung
2.3.2. Zielsetzung
2.3.3. Methoden/Verfahren
B: Die Integration der Literaturverfilmung im Deutschunterricht am Beispiel „Der Besuch der alten Dame“
1. Sachanalyse: Ein Buch und seine Adaption im Vergleich: Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und die gleichnamige Verfilmung von Nikolaus Leytner
1.1. „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt
1.1.1. Entstehung
1.1.2. Handlung
1.1.3. Analyse ausgewählter Aspekte der Darstellung
1.1.4. Interpretation
1.2. „Der Besuch der alten Dame“ von Nikolaus Leytner (2008)
1.2.1. Entstehung
1.2.2. Handlung
1.2.3. Narrations- und filmspezifische Merkmale
1.2.4. Interpretation
2. Didaktische Überlegungen für die Integration des ausgewählten Beispiels in den Deutschunterricht
2.1. Warum „Der Besuch der alten Dame“?
2.2. Zielstellung
2.3. Methodisch-Didaktische Überlegungen
C: Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern Literaturverfilmungen als gleichberechtigte Partner von literarischen Werken im Deutschunterricht eingesetzt werden können. Ziel ist es, ein didaktisches Konzept zu entwickeln, das über die bloße Belohnungsfunktion von Filmen hinausgeht und die Ausbildung von Medien- und Filmkompetenz durch den gezielten Vergleich von Buchvorlage und filmischer Adaption fördert.
- Wissenschaftliche Aufarbeitung des Begriffs der Literaturverfilmung und deren Typologien.
- Analyse des aktuellen Stellenwerts und der Integrationsmöglichkeiten von Filmen im Deutschunterricht.
- Entwicklung eines didaktischen Modells zur medienintegrativen Arbeit mit Literaturverfilmungen.
- Exemplarische Untersuchung von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und der Verfilmung von Nikolaus Leytner.
- Ableitung praktischer Methoden für den Unterricht, insbesondere zur Analyse der Filmsprache und Transformation von Texten.
Auszug aus dem Buch
1.2.3. Film und Buch – ungleiche Partner
Auch hier beginnt die Kontroverse zwischen Buch und Film bereits zu der Zeit, als die bewegten Bilder noch in ihren Kinderschuhen steckten. Wie der historische Abriss gezeigt hat, fanden die ersten Vorführungen vor allem auf Jahrmärkten statt und erreichten damit ein Publikum der niederen Bildungsschicht, was ihnen die Missgunst gebildeter Bürger einbrachte. Schon damals galt, was sich lange Zeit nicht erheblich ändern konnte und in geringerem Ausmaß bis heute gilt: Die Literatur ist dem Film erhaben. Nicht nur, dass es das ältere beider Medien ist und somit einen ersten Anspruch des Überlegenen rechtfertigte, der Film wurde zudem als reines Industrieprodukt, was einzig der Unterhaltung der Masse dient, gewertet. Der Film barg somit Gefahren für die Gesellschaft, im Gegensatz zu den traditionellen Künsten, die Moral vermittelten und die eigenes Denken anregten. Dem aktiven Lesegenuss stand somit der passive Filmkonsum gegenüber, der das Buch als „reine“ vom Film als „kommerzielle Kunst“ abgrenzte.
Auch wenn, besonders in der ehemaligen Sowjetunion, viele Literaturverfilmungen produziert wurden und dort auch bereits früh Ansätze zu einer Gleichstellung der Medien aufkamen, dauert es bis 1952, als André Bazin einen Versuch wagte, die Literaturverfilmung als eigene Gattung wahrzunehmen, indem er „für ein unreines Kino“ warb. Trotzdem blieb auch er weiterhin der Werktreue verhaftet, die ein Schlagwort für das Verhältnis von Literatur und Kunst ist und bereits mehrfach erwähnt wurde. Gemeint ist damit ursprünglich die unbedingt geforderte Nähe des Filmes zu seiner literarischen Vorlage, um diese nicht zu verraten. Demnach soll der Film keine Grenzen überschreiten und eine eigene Interpretationsleistung liefern, sondern die „richtige“ Deutung des literarischen Werkes nachempfinden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die historische Abwertung des Films gegenüber der Literatur skizziert und die Notwendigkeit aufgezeigt, den Film als gleichwertigen, analysierbaren Gegenstand im Deutschunterricht zu etablieren.
1. Die Literaturverfilmung in der Wissenschaft: Das Kapitel klärt grundlegende Begriffe, beleuchtet die Geschichte und Problematik der Adaption sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Literatur und Film.
2. Literaturverfilmungen im Deutschunterricht: Es werden der Stellenwert von Filmen bei Jugendlichen und im Unterricht untersucht sowie didaktische Konzepte und die Verankerung im Lehrplan analysiert.
B: Die Integration der Literaturverfilmung im Deutschunterricht am Beispiel „Der Besuch der alten Dame“: Dieses Kapitel bietet eine inhaltliche Sachanalyse beider Werke und leitet daraus ein konkretes, methodisch begründetes didaktisches Konzept für den Literaturunterricht ab.
C: Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Literaturverfilmungen wertvolle Lerngegenstände sind, sofern sie methodisch fundiert eingebettet werden, und fordert eine stärkere Verankerung der Filmbildung in der Lehrerausbildung und im Schulalltag.
Schlüsselwörter
Literaturverfilmung, Filmdidaktik, Adaption, Deutschunterricht, Medienkompetenz, Filmkompetenz, Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Werktreue, Narrationskompetenz, Medienintegration, Filmanalyse, Transformationsprozess, Literaturbetrieb, Schulpraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Potenzial und die methodische Integration von Literaturverfilmungen im Fach Deutsch, um den Film als gleichwertigen Partner neben der Literatur zu etablieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die wissenschaftliche Definition von Literaturverfilmungen, die aktuelle Didaktik der Filmarbeit, der Stellenwert von Medien im Unterricht sowie die praktische Umsetzung am Beispiel von Dürrenmatts Werk.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Autorin fragt, ob sich Literaturverfilmungen für den Deutschunterricht eignen und wie man sie sinnvoll integrieren kann, ohne den Fokus auf die Literaturlektüre zu verlieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Zusammenführung medienwissenschaftlicher und literaturdidaktischer Erkenntnisse, die in einem eigenen didaktischen Konzept gipfeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Grundlagenabschnitt zu Film und Adaption sowie einen praktischen Teil, der die Integration von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ mitsamt Film- und Textvergleich detailliert darlegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Literaturverfilmung, Filmdidaktik, Medienkompetenz, Werktreue und Narrationskompetenz.
Warum wird gerade Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ als Fallbeispiel gewählt?
Das Stück ist im Abiturkanon fest verankert, bietet vielfältige aktuelle Themen und erlaubt aufgrund seiner Struktur einen effektiven Vergleich zwischen dramatischer Vorlage und filmischer Umsetzung.
Welches Ziel verfolgt die vorgeschlagene Unterrichtseinheit konkret?
Schüler sollen durch einen vergleichenden Prozess – vom Szenenprotokoll zum eigenen Drehbuch bis hin zum Abgleich mit dem Original – lernen, den Transformationsprozess vom Text zum Film zu verstehen und eine fundierte Filmkompetenz zu entwickeln.
- Quote paper
- Viktoria Dießner (Author), 2010, Literaturverfilmungen im Deutschunterricht. Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und die filmische Adaption von Nikolaus Leytner (2008), Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166978