„Ich lebe.“, sagt Caligula im vierten Akt des gleichnamigen Theaterstücks von Camus zu seiner Frau Caesonia, „Ich töte, ich übe die sinnverwirrende Macht des Zerstörers, mit der verglichen die Macht des Schöpfers als billiger Abklatsch erscheint. Das heißt glücklich sein!“ . Daraufhin erwürgt er sie. Aus Mangel an den üblichen Ambitionen eines römischen Kaisers, seien es militärische Heldentaten oder groß angelegte Baumaßnahmen, hatte Caligula beschlossen, den Menschen ihr „wahres“ Wesen näher zu bringen und ihnen die Freiheit zu lehren , die sie den Göttern gleichstellen würde: die Freiheit über Leben und Tod selbst zu entscheiden. Aus diesem Grunde hatte er begonnen, seine Untertanen willkürlich hinzuschlachten. Denn wirkliche Freiheit zeigt sich im sinnlosen Universum des Caligula nur dort, wo der Mensch es unternimmt, sein solitäres Dasein selbst in die Hand zu nehmen, „die Zurückhaltung des Schicksals wettzumachen“ , selbst Schicksal zu werden und den Tod durch den Mord selbst herbeizuführen.
In der „Dialektik der Aufklärung“ heißt es im Exkurs zu Odysseus, dass die bürgerliche Ratio, welche die Mimesis verdrängt, selber Mimesis ist, nämlich Mimesis ans Tote. Denn „der subjektive Geist, der die Beseelung der Natur auflöst, bewältigt die entseelte nur, indem er ihre Starrheit imitiert und als animistisch sich selbst auflöst“ . Entseelt wird die Natur vom aufgeklärten Menschen um sie im abstrakten Begriff begreifbar und letztlich beherrschbar zu machen. Diese Herrschaft über eine den Menschen prinzipiell gefährdende äußere Natur wird so erkauft durch die Beherrschung der eigenen inneren Natur: Der Preis der Selbsterhaltung ist daher Selbstauflösung, da gerade die innere Natur, die beherrscht und unterdrückt wird, jenes Selbst ist, was erhalten werden sollte. Mit diesem Paradox ist der Rahmen des Projekts der Dialektik der Aufklärung gesteckt, innerhalb dessen sich der wahnsinnige Caligula als derjenige entpuppt, der Aufklärung beim Wort zu nehmen scheint, da er die Ausrottung der Menschheit betreibt.
Ist der Tod also der Zweck in dem Selbsterhaltung letzten Endes kulminiert und wie lässt sich das Paradoxon von Selbsterhaltung und Selbstpreisgabe auflösen?
Wie Horkheimer und Adorno diese Fragen beantworten soll auf der Textgrundlage der „Dialektik der Aufklärung“, insbesondere des Kaptitels zur Odyssee untersucht werden und anschließend im Hinblick auf Heideggers Anthropologie aus Sein und Zeit kritisch diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
I. VORWORT
II. NATUR UND MENSCH
III. INTROVERSION DES OPFERS
IV. MIMESIS ANS TOTE
V. WAS WÄRE DIE ALTERNATIVE?
VI. SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Paradoxon zwischen Selbsterhaltung und Selbstpreisgabe innerhalb der Kritischen Theorie, insbesondere auf der Grundlage von Horkheimer und Adornos „Dialektik der Aufklärung“. Dabei wird hinterfragt, wie der Mensch durch den Versuch der Naturbeherrschung und die Verdrängung des Todes in eine ontologische Sackgasse gerät, die in instrumenteller Vernunft und Selbstauflösung kulminiert.
- Kritische Analyse des Verhältnisses von Natur, Mensch und Vernunft.
- Untersuchung des Odyssee-Exkurses als Paradigma bürgerlicher Subjektivität.
- Reflexion der Rolle des Todes in der Konstitution des menschlichen Daseins.
- Diskussion der Heideggerschen Anthropologie als Gegenentwurf und Ergänzung.
- Erörterung der Möglichkeiten und Grenzen rationaler Naturbeherrschung.
Auszug aus dem Buch
IV. Mimesis ans Tote
Originär mimetischem Verhalten, jenes Verhalten, das der instrumentellen Vernunft verloren gegangen ist, besteht in der „organischen Anschmiegung ans andere“, einer Umgangsweise also, die den Dingen und Mitmenschen ihre Eigenheiten, ihr Ansich, lässt und sie nicht zu Instrumenten von Herrschaft macht. In der ritualisierten magischen Praxis, die in der zeremoniellen Vorgabe vom Einzelereignis abstrahiert, geht bereits ein Teil dieser Unmittelbarkeit verloren, um in der wissenschaftlichen Erkenntnis, in der „Rekognition im Begriff“, gänzlich zu verschwinden. Die Menschen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation verabscheuen Mimesis als Signum ihrer einstmaligen Unterwürfigkeit unter eine übermächtige Natur.
Ihre Hilflosigkeit gegenüber diesen Mächten ist die Ursache einer existenziellen Angst, durch die die Subjekte herausgefordert sind, diesen Zustand der Unsicherheit zu bewältigen, indem sie die Natur zurückdrängen und sich zum Herrscher über sie machen. Man könnte meinen, dass die Tendenz einer solchen Naturbewältigung auf eine stetig zunehmende Distanzierung der Menschen von der Natur hinausläuft. Genau das Gegenteil ist jedoch laut Horkheimer und Adorno der Fall: So wie sich Odysseus durch List den mythischen Mächten „anschmiegte“ und ihre Übermacht mit dem Ziel sie zu unterlaufen vorläufig demütig anerkannte, passt sich die aufgeklärte Ratio der Natur an, um sie zu beherrschen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. VORWORT: Diese Einleitung führt in das Paradoxon von Selbsterhaltung und Selbstaufgabe ein und stellt die theoretische Fragestellung anhand von Camus' Caligula und der „Dialektik der Aufklärung“ dar.
II. NATUR UND MENSCH: Hier wird die menschliche Emanzipation von der Natur sowie der Übergang von animistischen zu wissenschaftlichen Weltanschauungen unter Einbeziehung von Freud und Horkheimer/Adorno analysiert.
III. INTROVERSION DES OPFERS: Dieses Kapitel untersucht die Selbstbehauptung des Subjekts im homerischen Epos und analysiert das Opfer als rationales Schema sowie als Akt der Selbstverleugnung.
IV. MIMESIS ANS TOTE: Der Fokus liegt auf der Verdrängung ursprünglichen mimetischen Verhaltens durch die instrumentelle Vernunft und die resultierende Automatisierung geistiger Prozesse.
V. WAS WÄRE DIE ALTERNATIVE?: Das Kapitel reflektiert das Todesproblem kritisch und vergleicht dabei Horkheimer/Adornos Sicht mit Heideggers Analyse der Sorge und des Daseins.
VI. SCHLUSSBETRACHTUNG: Abschließend wird konstatiert, dass Selbsterhaltung und Selbstauflösung eine unvermeidliche Antinomie bilden, wobei die kommunikative Vernunft als Ausweg vorgeschlagen wird.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Dialektik der Aufklärung, Selbsterhaltung, Mimesis, Naturbeherrschung, Instrumentelle Vernunft, Tod, Odysseus, Subjektivität, Heidegger, Sein und Zeit, Entfremdung, Rationalität, Mythos, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die dialektische Beziehung zwischen dem menschlichen Streben nach Selbsterhaltung und der gleichzeitigen Selbstaufgabe im Zuge der fortschreitenden Naturbeherrschung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Kerngebieten zählen die Kritische Theorie, die philosophische Anthropologie, die Analyse der Moderne und das Verhältnis zwischen Mimesis und instrumenteller Ratio.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung fragt danach, ob und wie das Paradoxon von Selbsterhaltung und Selbstpreisgabe auflösbar ist und welche Rolle der Tod als limitierender Faktor darin spielt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine theoretisch-philosophische Analyse, die zentrale Texte der Kritischen Theorie mit existenzphilosophischen Ansätzen konfrontiert und kritisch synthetisiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Genese der Naturbeherrschung, der Analyse der Odyssee-Figur als bürgerliches Urbild und der Konfrontation von Horkheimer/Adorno mit Heideggers Daseinsontologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Mimesis, instrumentelle Vernunft, Selbsterhaltung, Naturbeherrschung und die Antinomie des Todes.
Wie unterscheidet der Text das animistische vom wissenschaftlichen Stadium?
Der Text hebt hervor, dass der Magier sich durch Mimesis in die Natur einfügt, während der moderne Wissenschaftler durch Distanz und Objektivierung eine feindliche Fremdheit gegenüber der Natur erzeugt.
Welche Bedeutung hat Odysseus für die Argumentation?
Odysseus fungiert als paradigmatisches Urbild des bürgerlichen Individuums, dessen List einerseits die Natur bezwingt, andererseits jedoch den Verzicht auf Genuss und die Selbstverleugnung erzwingt.
Warum wird Heidegger in diese Untersuchung einbezogen?
Heidegger dient als gewichtigster Antipode, da seine existenziale Analyse der Sorge und des Todes die Endlichkeit des Daseins als konstitutives Moment hervorhebt und so die Kritische Theorie ergänzt.
Was schlägt der Autor als Ausweg aus der beschriebenen Antinomie vor?
Als Überwindung der beschriebenen Herrschaftslogik und der isolationistischen Subjektivität wird ein „Bund der Lebenden“ auf der Basis der kommunikativen Vernunft vorgeschlagen.
- Quote paper
- Heribert Stenger (Author), 2007, Spekulation über die Antinomie des Todes als eigentlichen Problems der Dialektik der Aufklärung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166924