Die Autismus-Spektrum-Störung gilt als eine komplexe und nur unzureichend verstandene Behinderung mit einer Bandbreite von Erscheinungsformen. Abgesehen von den täglichen Herausforderungen, die mit ihrer Behinderung in Verbindung stehen, müssen sie auch mit der negativen Einstellung der Gesellschaft, einer mangelhaften Unterstützung ihrer Bedürfnisse, und in einigen Fällen mit unvorstellbarer Diskriminierung, ertragen.
Menschen mit Autismus leiden oft an zwanghaften stereotypen Bewegungsmustern oder motorische Eigenarten, durch die sie in der Gesellschaft bereits visuell auffallen. Hinzukommend sind sie im öffentlichen Leben durch ihre akustisch wahrzunehmenden Auffälligkeiten sozusagen eine Attraktion – jedoch in negativer Hinsicht. Durch ihre Symptome werden Menschen mit Autismus im Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich trotz der im Neunten Sozialgesetzbuch festgeschriebenen Leistungen zur Teilhabe behinderter Menschen benachteiligt.
In meiner Arbeit als Einzelfallhelfer (EFH) für autistische Kinder und Jugendliche sind mit diese negativen Einstellungen seitens der Gesellschaft deutlich bewusst geworden. Meine Klienten, die unter den verschiedensten Formen der Autismus-Spektrum-Störung leiden, haben Schwierigkeiten, nonverbale Verhaltensweisen zur Steuerung sozialer Interaktionen zu erkennen und zu deuten. Dies hat Folgen auf eine entwicklungsgemäßen Beziehungsaufbau zu Gleichaltrigen sowie die Fähigkeit, spontan Freude, Interessen oder Erfolge zu empfinden oder mit anderen zu teilen. [...]
In der vorliegenden Studienarbeit wird die Problematik der Einstellungsänderung mit Hilfe einer Beeinflussung der Mitschüler autistischer Kinder durch den EFH thematisiert. Hierzu werden zuerst theoretische Grundlagen zum sozialpsychologischen Begriff der Einstellung vermittelt. Anschließend wird die bestehende Einstellung gegenüber Autistischen Mitmenschen, aber auch im Speziellen autistischen Mitschülern, beleuchtet. Eine mögliche Einstellungsbeeinflussung der Mitschüler autistischer Kinder durch Eingreifen des EFH wird im Anschluss anhand von Fallbeispielen geprüft. Hierzu werden zuvor erläuterte Theorien, wie beispielsweise die der kognitiven Dissonanz von Festinger, herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Autismus
2.1 Definition
2.2 Ursachen
2.3 Merkmale
3 Soziale Einstellungen
3.1 Der Begriff Einstellung
3.2 Struktur und Merkmale der Einstellung
3.3 Funktionen von Einstellungen
3.4. Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten
3.5 Einstellungsänderung
3.5.1 Einstellungsänderung nach dem Kommunikationsmodell
3.5.2 Theorie der kognitiven Dissonanz
4 Einstellung gegenüber Menschen mit Autismus
5. Hilfen für autistische Kinder und Jugendliche durch den Einzelfallhelfer
5.1 Funktion der negativen Einstellungen der Mitschüler
5.2 Beeinflussung durch Anwendung des Kommunikations-modells
5.3 Beeinflussung mit Hilfe des Dissonanzdrucks
5.4 Fallbeispiel: Fridolin und Max
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Studienarbeit ist es, Strategien aufzuzeigen, wie Einzelfallhelfer (EFH) durch gezielte Beeinflussung negativen Einstellungen von Mitschülern gegenüber autistischen Kindern im schulischen Kontext entgegenwirken können, um eine erfolgreiche Inklusion zu fördern.
- Grundlagen und Definitionen des Autismus-Spektrums
- Sozialpsychologische Analyse der Entstehung und Struktur von Einstellungen
- Übertragung der Theorie der kognitiven Dissonanz nach Festinger auf den Schulalltag
- Anwendung des Kommunikationsmodells zur Einstellungsänderung durch den Einzelfallhelfer
- Fallbeispielbasierte Untersuchung praktischer Interventionsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
3.5.2 Theorie der kognitiven Dissonanz
Grundthese der Theorie der kognitiven Dissonanz nach Festinger ist das menschliche Streben nach einem Gleichgewicht. Der Mensch strebt funktionierende Beziehungen an und versucht jegliche Disharmonie zu vermeiden. „Ein Zustand der Dissonanz entsteht, wenn jemand gleichzeitig zwei oder mehrere Vorstellungen bzw. Kognitionen hat, die psychologisch inkonsistent, d.h. widersprüchlich sind.“ (Güttler 2000, S. 225). Der Mensch empfindet diesen gespannten Zustand, kognitive Dissonanz genannt, als unangenehm. Hierbei konnten die folgenden Bestimmungen aufgestellt werden: steigt die Wichtigkeit der Kognitionen, Zahl der dissonanzerregenden Elemente oder die Inkompatibilität der kognitiven Elemente, entsteht ebenso mehr Dissonanz.
Von Bedeutung bei der Änderung von kognitiven Elementen ist auch die Bindung des Individuums an das zu ändernde Element. Schwach gebundene Kognitionen, also diese, die nur in geringem Maß an Handlungen, Meinungen und Bewertungen gebunden sind, sind auch leichter zu verändern, als jene, die eine starke Unveränderbarkeit aufweisen. Hierbei ist auch die Veröffentlichung des kognitiven Elementes zu beachten. Privat durchgeführte Verhaltensweisen sind durchaus einfacher in der Umgestaltung, als jene, die in die Öffentlichkeit getragen bzw. öffentlich durchgeführt werden. Öffentliche Verhaltensweisen besitzen somit eine höhere Änderungsresistenz.
Zusammenfassend lässt sich daraus nehmen, dass eine Einstellungsänderung nicht allein aufgrund neuer Informationen erfolgen kann. Sie geschieht durch kognitive Arbeit, die es zu leisten gibt, wenn sich eine Dissonanz entwickelt hat. Diese will der Mensch durch kognitive Prozesse beseitigen (vgl. Güttler 2000, S. 227).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen von Autismus im Alltag und begründet die Notwendigkeit, negative gesellschaftliche Einstellungen durch die Arbeit von Einzelfallhelfern zu verändern.
2 Autismus: Dieses Kapitel definiert die Autismus-Spektrum-Störung, erläutert die verschiedenen Ursachen und beschreibt die wesentlichen Merkmale und Symptome der Störung.
3 Soziale Einstellungen: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Einstellungsbegriffs, seine Struktur sowie die psychologischen Mechanismen der Einstellungsbildung und -änderung detailliert dargelegt.
4 Einstellung gegenüber Menschen mit Autismus: Dieses Kapitel illustriert anhand konkreter Erfahrungen aus der Praxis die Vorurteile und Schwierigkeiten, denen Menschen mit Autismus in ihrem Umfeld begegnen.
5. Hilfen für autistische Kinder und Jugendliche durch den Einzelfallhelfer: Es wird analysiert, wie Einzelfallhelfer durch die Anwendung sozialpsychologischer Theorien wie dem Kommunikationsmodell oder der Dissonanztheorie aktiv zur Einstellungsänderung bei Mitschülern beitragen können.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass durch gezielte Projektarbeit und direkte Kontakte eine positive Einstellungsänderung möglich ist und bestätigt die Anwendbarkeit der theoretischen Konzepte in der Praxis.
Schlüsselwörter
Autismus-Spektrum-Störung, Einzelfallhelfer, soziale Einstellung, Einstellungsänderung, kognitive Dissonanz, Kommunikationsmodell, Schulintegration, Festinger, Vorurteile, Diskriminierung, Verhaltensauffälligkeiten, Inklusion, Identifikation, Persuasion, Sozialpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Studienarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die negativen Einstellungen gegenüber autistischen Kindern im Schulalltag und erforscht, wie ein Einzelfallhelfer diese durch gezielte sozialpsychologische Interventionen positiv beeinflussen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind Autismus, die Theorie sozialer Einstellungen, Möglichkeiten der Einstellungsänderung (insbesondere nach dem Kommunikationsmodell und der Theorie der kognitiven Dissonanz) sowie die praktische Rolle des Einzelfallhelfers in der Schule.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Handlungshinweise für Einzelfallhelfer zu entwickeln, um durch die Anwendung psychologischer Modelle eine positive Einstellungsänderung bei Mitschülern zu bewirken, die zu einem harmonischen Gruppenverhalten führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch sozialpsychologische Literatur sowie auf der Anwendung dieser Theorien auf praxisnahe Fallschilderungen aus der Tätigkeit als Einzelfallhelfer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur und Funktion von Einstellungen, erklärt die Theorie der kognitiven Dissonanz und des Kommunikationsmodells und prüft deren Übertragbarkeit auf die Arbeit mit Mitschülern autistischer Kinder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Autismus-Spektrum-Störung, Einzelfallhelfer, Einstellungsänderung, kognitive Dissonanz, Schulintegration und Inklusion.
Welche Rolle spielt die Theorie der kognitiven Dissonanz in der Arbeit?
Die Dissonanztheorie dient als Modell, um zu erklären, wie durch die Erzeugung eines sogenannten Dissonanzdrucks bei Mitschülern ein Umdenken angestoßen werden kann, wenn diese freiwillig Kontakt zu einem autistischen Kind aufnehmen.
Warum ist das beschriebene Fallbeispiel von Fridolin und Max relevant?
Das Fallbeispiel illustriert eindrucksvoll die Rollenverteilung in einer Schulklasse, in der ein einflussreicher Mitschüler (Max) die Gruppendynamik negativ prägt, und zeigt die Grenzen sowie Möglichkeiten des Einzelfallhelfers auf, diese Struktur aufzubrechen.
- Quote paper
- Anne Dreyer (Author), 2011, Die Beeinflussung der Einstellung gegenüber autistischen Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/166180