Schon in seinen Anfängen zeichnete sich die literarische Karriere Peter Handkes durch Skandale aus. Angefangen bei seinem Auftritt in Princeton bei der Gruppe 47 bis schließlich zu seiner Grabrede für Slobodan Milošević. Es fällt auf, dass der Schriftsteller in seinen früheren Werken darum bemüht war, in den Menschen verankerten Überzeugungen entgegen zu treten. Seine Leser und die Zuschauer waren zuerst empört über diese neue Art der Literatur und des Theaters, gewöhnten sich jedoch mit der Zeit an Peter Handkes unkonventionelle Darstellungsform. Der Schriftsteller konnte dadurch keine neuen Skandale auslösen, womit er eine wichtige Intention seiner literarischen Darbietungsweise verlor. Erst als Handke in seinem Reisebericht Eine winterliche Reise eine politische Stellung bezog, sorgte der Schriftsteller wieder für größere Aufregung unter seinen Kritikern. Sein Publikum hatte nicht damit gerechnet, dass Peter Handke nach seinen auf die poetische Dimension ausgerichteten Texten unversehens politisch und historisch argumentierte. In einem Interview im März 1996 eröffnete er:
„Mein Schreiber-Leben hat einen Sprung bekommen. Einen Sprung wie bei einem Gefäß oder einen Sprung wie hic Rhodus, hic salta! - da bin ich mir selbst noch nicht sicher. Etwas wird dazukommen müssen, was ich immer abgelehnt habe: Historie. Geschichte. Oder es wird überhaupt nichts mehr sein.“
Seine Werke zu Serbien wurden nicht als wirkungsvollen Affront gegen gesellschaftliche Konventionen gesehen, sondern als Entwurf eines utopischen Wunschlandes oder sie wurden sogar demagogisch aufgefasst. Immer wieder warfen seine Kritiker dem Schriftsteller Realitätsferne, falschen Pathos und narzisstische Selbstinszenierung vor. Bis zu den Texten und Essays von Handke waren die Politiker und Medien lediglich auf Europa und die NATO fokussiert und verweigerten sich daher einer anderen Betrachtungsweise der Kriege gegen Serbien, wie Handke sie vertritt. Doch allein ihre negativen Reaktionen auf Handkes Stellungnahme war wieder ein Beweis für den skandalösen Effekt, den Handkes Werke in der Öffentlichkeit hervorriefen. Daraus entstand ein intensiver Diskurs um Peter Handke, der noch einmal neu entfacht wurde, als der Schriftsteller seinen Standpunkt zum Prozess gegen Slobodan Milošević äußerte. Die folgende Arbeit setzt sich mit der Inszenierung Handkes in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens auseinander.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die ersten Skandale
2.1 Der Auftritt bei der Tagung der Gruppe 47
2.2 Die Publikumsbeschimpfung
2.3 Der Bewohner des Elfenbeinturms
2.4 Peter Handkes frühe Inszenierung
3. Die Serbien-Kontroverse – Europa im Krieg
3.1 Peter Handkes Jugoslawien-Werke
3.2 Kritische Reaktionen
3.3 Handkes Inszenierung im Zuge der Serbien-Kontroverse
4. Peter Handke und Slobodan Milošević
4.1 Die Situation um Peter Handke und den ehemaligen serbischen Präsidenten
4.2 Die Tablas von Daimiel
4.3 Die Kritik an Peter Handkes Parteinahme an Slobodan Milošević
4.4 Die Grabrede
4.5 Peter Handkes Inszenierung um Slobodan Milošević
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Inszenierung im literarischen und öffentlichen Wirken von Peter Handke. Ziel ist es, die Entwicklung von Handkes Provokationen – von seinen frühen literarischen Skandalen bis hin zu seiner umstrittenen Parteinahme im Zuge der Jugoslawienkriege und im Kontext von Slobodan Milošević – zu analysieren und die Rolle von Medien und Verlagen bei dieser (Fremd-)Inszenierung kritisch zu beleuchten.
- Analyse der frühen literarischen Provokationen Handkes (u.a. Gruppe 47)
- Untersuchung der Reiseberichte im Kontext der Serbien-Kontroverse
- Betrachtung der Kontroverse um Handkes Positionierung zu Slobodan Milošević
- Reflexion über das Zusammenspiel von Ästhetik und politischer Parteinahme
- Beleuchtung der Rolle medialer Berichterstattung bei der Entstehung von Handkes Image
Auszug aus dem Buch
3. Die Serbien-Kontroverse – Europa im Krieg
Das ehemalige Jugoslawien mitsamt seinen Kriegen und seinem daraus hervorgehenden Fortgang liefert für Peter Handke seit Anfang der neunziger Jahre reichlich Stoff und Material zur Kommentierung und literarischen Bearbeitung in Texten und Essays. Der im Jahre 1991 publizierte Text Abschied des Träumers vom Neunten Land stellt hierbei den Auftakt dar. In diesem Nachruf auf Slowenien schildert Handke, wie das Land aus seiner Sicht mit der Staatsgründung und Loslösung von Jugoslawien geschädigt wird. Auch in dem etwas früheren, im Jahre 1986 veröffentlichtem Roman Die Wiederholung beschreibt Peter Handke seine Vorstellung von Slowenien als Heimat und utopisches Land. Auch wenn sein Reisebericht von 1996 Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa, und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, der in zwei Reisebeschreibung unterteilt ist, vor allem als „Augenzeugenschaft“ angelegt ist, erzeugten die medienkritischen Angriffe gegen die Berichterstattung über Serbien im Prolog und Epilog die passende und vorhersehbare Empörung. Auch sein Reisebericht mit dem Titel Unter Tränen fragend, der 1999, also während der NATO-Luftangriffe, erschienen ist, rief einen bis heute breit geführten gesellschaftlichen Diskurs nach sich, sahen Kritiker in ihm doch einen Vergleich zwischen der Judenvernichtung und dem NATO-Krieg gegen Serbien durch Handke. Handkes Texte und Essays über die postjugoslawischen Kriege riefen damit eine öffentliche und zum Teil auch kontroverse Debatte um den Autor hervor. Im Folgenden soll das Skandalon dieser Texte, welches wohl vor allem durch Handkes Mischung aus Referenz auf brisante politische Ereignisse und scheinbar unpolitischer Ästhetisierung ausgelöst wurde, näher erläutert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die literarische Karriere Handkes ein und skizziert die Fragestellung zur Skandalinszenierung und politisch-ästhetischen Positionierung.
2. Die ersten Skandale: Das Kapitel befasst sich mit den Anfängen von Handkes Provokationen, angefangen beim legendären Auftritt vor der Gruppe 47 bis zur Publikumsbeschimpfung.
3. Die Serbien-Kontroverse – Europa im Krieg: Hier wird die mediale und literarische Auseinandersetzung Handkes mit den Jugoslawienkriegen sowie die damit einhergehende Kritik analysiert.
4. Peter Handke und Slobodan Milošević: Dieses Kapitel thematisiert die umstrittene Nähe des Autors zum ehemaligen serbischen Präsidenten und die daraus resultierenden öffentlichen Debatten.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Handke sein Image als „Provokateur“ durch bewusste Inszenierung mitgestaltete, um seine Leser zur kritischen Auseinandersetzung anzuregen.
Schlüsselwörter
Peter Handke, Skandal, Inszenierung, Literatur, Jugoslawienkrieg, Serbien, Slobodan Milošević, Medienkritik, Ästhetik, Politik, Provokation, Reiseberichte, Gesellschaftskritik, Kriegsberichterstattung, Autorenbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die literarische und öffentliche Karriere des Schriftstellers Peter Handke mit einem besonderen Fokus auf die wiederkehrenden Skandale und seine bewusste sowie wahrgenommene Selbst- und Fremdinszenierung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die frühen literarischen Auftritte, die medienkritische Perspektive in seinen Reiseberichten über den Jugoslawienkrieg sowie die kontroverse Beziehung zur Figur Slobodan Milošević.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, nachzuzeichnen, inwieweit Handkes provokante Positionierungen in öffentlichen Diskursen ein gezieltes literarisches und strategisches Instrument darstellen oder eine logische Konsequenz seines Selbstverständnisses als Schriftsteller sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse primärer literarischer Texte Handkes sowie der Auswertung zeitgenössischer Sekundärliteratur und medialer Reaktionen (Feuilleton-Debatten).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Komplexe: Die frühen Provokationen (Gruppe 47, Theaterstücke), die Serbien-Kontroverse durch seine Reiseberichte und die komplexe Debatte um seine Haltung zu Slobodan Milošević inklusive Grabrede.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Inszenierung, Skandal, Peter Handke, Serbien, Jugoslawienkrieg, Ästhetik und Medienkritik.
Inwiefern spielt die "Süddeutsche Zeitung" laut der Arbeit eine Rolle für Handkes Image?
Die Arbeit stellt heraus, dass die Wahl des Untertitels „Gerechtigkeit für Serbien“ für den Reisebericht Eine winterliche Reise durch die Süddeutsche Zeitung eine politische Interpretation des Werks vornahm, die wesentlich zur Stigmatisierung des Autors in der Öffentlichkeit beitrug.
Wie unterscheidet sich laut Handke seine politische Grabrede von einer journalistischen Stellungnahme?
Handke betont, dass seine Motivation nicht in einer Loyalität gegenüber Slobodan Milošević lag, sondern in der Loyalität zu einer „anderen Sprache“, die sich dem journalistischen und herrschenden Sprachgebrauch verweigerte.
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- Rebecca Schwarz (Author), 2009, Peter Handke - Skandale, oder eine skandalöse Inszenierung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165783