„Was soll ein Roman? Er soll (...) Anregung geben, ohne aufzuregen; er soll (...) am Schluss aber empfinden lassen, teils unter lieben und angenehmen, teils unter charaktervollen und interessanten Menschen gelebt zu haben, deren Umgang uns schöne Stunden bereitete, uns förderte, klärte und belehrte. Das etwa soll ein Roman“ Theodor Fontane in: Gustav Freytag: Die Ahnen. Bd. I–III. Buchbesprechung in der „Vossischen Zeitung“ vom 14. und 21. Februar 1875.
Theodor Fontanes Romane zählen zur Standardlektüre in der gymnasialen Oberstufe. Standardlektüre wird dabei oft als lästige Pflichtlektüre verstanden. Dieses Vorurteil nimmt die vorliegende Arbeit zum Anlass, eine schülergerechte Unterrichtsreihe zu gestalten. Diese orientiert sich an den Lehrplänen der 11. Klasse einer gymnasialen Oberstufe, kann allerdings auch für andere Altersgruppen, Schulformen und –stufen verwendet werden. In ihrer Methodik und Didaktik ist sie bleibend aktuell. Hinter dem schülergerechten Ansatz steht eine Verbindung von handlungs- und produktionsorientiertem Arbeiten mit analytischer Textarbeit. Diese Arbeitsweise ermöglicht es allen Schülern, sich dem Text so zu nähern, dass sie die geforderten Lernziele erreichen und dabei zentrale Grundkompetenzen von Lernen generell und im Umgang mit Texten im Besonderen erwerben.
Zur Autorin:
Dr. Anabel Ternès ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, Diplompädagogin und Diplomkauffrau. Zusammen mit ihrer internationalen Tätigkeit in PR und Marketing macht sie dies zur Expertin für zielgruppenspezifische Ansprache, Darstellung und Umsetzung von Texten und Sprache. Durch ihre langjährige Erfahrung in der Aus- und Weiterbildung verfügt sie über ein großes Repertoire an methodischen und didaktischen Aufbereitungsmöglichkeiten von Inhalten.
Inhaltsverzeichnis
1. Angaben zur Lerngruppe
1.1. Bedingungsanalyse
1.2. Lernvoraussetzungen
2. Sachanalyse
2.1. Epoche, Autor, Entstehungskontext
2.2. Romanhandlung
2.3. Ausgewählte Kompositionsprinzipien
2.4. Zentrale thematische Aspekte
2.4.1. Bourgeoismentalität und ideelle Werte des Bildungsbürgers
2.4.2. Reflexion über Liebe und Ehe
2.4.3. Frauenbilder
2.5. Das gehobene Bürgertum im ausgehenden 19. Jahrhundert
2.6. Jenny Treibel
2.7. Corinna Schmidt
3. Eigene Erwartungen an den Unterrichtsversuch: Entwurf einer Zielperspektive
4. Didaktische Überlegungen
4.1. Legitimation
4.1.1. Jenny Treibel, Corinna Schmidt und das Streben nach dem „Höheren“ - Beispiele für das gehobene Bürgertum im ausgehenden 19. Jahrhundert
4.1.2. Figurenbeschreibung, Personenrede, Interaktion
4.1.3. Textanalyse, -produktion und -reflexion
4.2. Akzentuierung und Reduktion
4.2.1. Akzentuierung des Themas
4.2.2. Auswahl der Texte
4.3. Didaktischer Lösungsweg
4.4. Lernziele des Unterrichtsversuchs
5. Methodische Überlegungen
5.1. Sozial- und Aktionsformen
5.2. Phasen der Textarbeit
5.3. Medien
6. Geplanter Verlauf der Unterrichtseinheit im Überblick
7.1. Vorbemerkung
7.2. Tatsächlicher Verlauf der Unterrichtseinheit
7.3. Zur Auswahl der detailliert dargestellten Stunden
7.4. Dokumentation der Unterrichtsstunden
8.1. Vorbemerkung
8.2. Reflexion der Einzelstunden
8.3. Gesamtreflexion des Unterrichtsversuchs
8.3.1. Reflexion der Themenwahl
8.3.2. Reflexion der Textauswahl
8.3.3. Reflexion der Verfahren
8.3.4. Reflexion der Methoden
8.3.5. Reflexion der Medien
8.3.6. Reflexion der fiktiven Lernzielkontrolle
8.3.7. Überlegungen zu einem ähnlichen zukünftigen Unterrichtsvorhaben
8.3.8. Nachbemerkung zur Lerngruppe
8.3.9. Ausblick auf die weitere Arbeit in der Klasse 11 b
9.2. Kommentierter Sitzplan zum Klassenraum
9.3. Gruppenarbeiten (Schülermaterialien)
9.4. Tafel- und Folienbilder (geplante und realisierte)
9.5. Materialien und Aufgabenblätter: Geographische Karten, Personenverzeichnis, Rezensionsblätter und Informationstext „Bürgerfrauen im ausgehenden 19. Jahrhundert im Wilhelminischen Preußen“ von Anabel Niermann (Ternès)
9.6. Schülertexte (Auswahl aus einer Hausaufgabe mit Korrekturblättern)
9.7. Aufgabenstellungen für die Klausur mit Wertungsbogen und Lösungsskizze
9.8. Schülerklausuren (Auswahl mit ausgefüllten Wertungsbögen)
9.9. Legende
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser pädagogischen Prüfungsarbeit ist die Durchführung eines handlungs- und produktionsorientierten Unterrichtsversuchs zu Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ in einer 11. Klasse eines Gymnasiums. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie durch gezielte methodische Ansätze – wie das produktive Schreiben von Monologen oder das Gestalten von Personenreden – die Analysekompetenz der Schüler gestärkt und ein vertieftes Verständnis für die widersprüchlichen Charakterdarstellungen des Romans sowie die gesellschaftlichen Kontexte des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelt werden kann.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen „Höherem“ (Idealen) und materiellem Wohlleben bei den Protagonistinnen Jenny Treibel und Corinna Schmidt.
- Untersuchung der gesellschaftlichen Rollenbilder von Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert und deren Konformität bzw. Emanzipationsbestrebungen.
- Erprobung handlungs- und produktionsorientierter Verfahren zur Förderung von Textnähe und analytischer Durchdringung literarischer Figuren.
- Evaluation der Wirksamkeit von Rollenspielen und fiktiven Dialogen für das Textverständnis und die Reflexionsfähigkeit der Lerngruppe.
- Vergleich von zeitgenössischen Lebensentwürfen im Bürgertum mit der heutigen Lebensrealität der Lernenden.
Auszug aus dem Buch
2.1. Epoche, Autor, Entstehungskontext
„Frau Jenny Treibel“ zählt zum Standardwerk Theodor Fontanes (1819- 1898). Der Roman erschien 1893 und ist der elfte von insgesamt 14 Fontaneromanen. Die Literatur dieser Zeit gehört zur Epoche des Realismus, genauer zum poetischen, psychologischen bzw. bürgerlichen Realismus. Fontane gilt als einer seiner wichtigsten Vertreter, da er mit dem Zeitrahmen und der Vielfalt seines Gesamtwerkes die Ausprägungen dieser Literaturepoche abdeckt. Fontane versteht darunter nicht „das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens“, sondern „eine Übertriebenes und Häßliches vermeidende Geschichte, an die wir [...] zu glauben Vermögen“. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch im Spannungsfeld zwischen seinem Dasein als persönliche Existenz und gesellschaftlichen Wesen. Fontanes Romane sind, seinem eigenen Anspruch gemäß, durch Auswahl, Zusammenstellung und Deutung manipulierte Bilder seiner Zeit. Sie sind realistisch, indem sie Alltägliches mit einem Höchstmaß an genau erfasster Scheinwirklichkeit gestalten. Da sie Inhalte vermitteln, die das erzählte alltägliche Leben symbolisch als Verweis auf eine höhere Ordnung durchsichtig machen und belehren, darüber hinaus auch bestimmte Inhalte zur Unterhaltung aussparen und optimistische Ausnahmen zeigen, haben sie romantischen Züge.
„Frau Jenny Treibel“ vereint in sich die genannten Aspekte und gilt als Fontanekunstwerk „erster Ordnung“. Sein Schauplatz, Berlin im Frühsommer 1886, weist auf Fontanes Zeit und Heimat hin. Ebenso ähneln Milieu, Situation und die meisten Romanfiguren denen seiner Umwelt. Zahlreiche Briefe und literarische Bemerkungen des Autors zeigen, dass das Werk aus persönlicher Betroffenheit entstanden ist, zum Beispiel nennt Fontane in einem Brief als Zweck dieses Romans, „das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Kaltherzige des Bourgeoisstandpunktes zu zeigen“. Er stört sich an der Bourgeoismentalität, der „Geldsackgesinnung“, von der er sich selbst beherrscht glaubt. Diese Abirrung findet offenbaren Ausdruck in Corinnas Hang nach Wohlleben, in der die Forschung Fontanes Tochter Mete erkennt. Wesentliche Züge Professor Schmidts sollen denen des Autors entsprechen und für Jenny Treibel soll Fontanes Schwester Jenny Sommerfeldt gestanden haben. Offenbar haben die Romanfiguren und ihr gesellschaftlicher Hintergrund konkrete zeitgenössische Vorbilder, doch sollte man Fontanes Realismusbegriff beachten und von einer autobiographischen Deutung absehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Angaben zur Lerngruppe: Umfasst die Analyse der Lernvoraussetzungen und der spezifischen Dynamik der 11. Klasse.
2. Sachanalyse: Bietet einen tiefen Einblick in den Entstehungskontext, die Romanhandlung und die zentralen thematischen Spannungsfelder des Werkes.
3. Eigene Erwartungen an den Unterrichtsversuch: Entwurf einer Zielperspektive: Formuliert die pädagogischen Absichten und die gewünschten Lernergebnisse des Projekts.
4. Didaktische Überlegungen: Erläutert die methodisch-didaktische Herleitung, inklusive Textauswahl und Begründung der Arbeitsphasen.
5. Methodische Überlegungen: Beschreibt die eingesetzten Sozialformen, Medien und den Phasenverlauf der Textarbeit.
6. Geplanter Verlauf der Unterrichtseinheit im Überblick: Stellt das zeitliche und inhaltliche Raster der Unterrichtsreihe dar.
7. Dokumentation: Fasst den geplanten und tatsächlichen Unterrichtsverlauf sowie die didaktische Auswahl zusammen.
8. Reflexion: Analysiert den Erfolg der gewählten Methoden, die Schülerleistungen und gibt einen Ausblick auf künftige Vorhaben.
9. Anhang: Enthält das Literaturverzeichnis, Arbeitsmaterialien, Sitzpläne und eine Auswahl an Schülertexten.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, handlungsorientierter Literaturunterricht, produktionsorientierter Unterricht, Realismus, Bourgeoisie, Bildungsbürgertum, Romananalyse, Frauenbild, 19. Jahrhundert, Unterrichtsplanung, Figurencharakterisierung, Personenrede, Textreflexion, Kompetenzentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit dokumentiert einen praxisnahen Unterrichtsversuch in einer 11. Klasse, bei dem Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ mit handlungs- und produktionsorientierten Methoden behandelt wird.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Arbeit befasst sich intensiv mit dem Konflikt zwischen materiellen Werten (Bourgeoisie) und ideellen Werten (Bildungsbürgertum) sowie der Darstellung und Entwicklung der weiblichen Hauptfiguren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch produktive Verfahren – wie das Verfassen von Monologen oder Dialogen – die analytische Auseinandersetzung der Schüler mit dem literarischen Text zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Es wurde ein handlungs- und produktionsorientierter Ansatz gewählt, der analytische Textarbeit mit kreativer Produktion und anschließender Reflexion verbindet.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte deckt der Hauptteil ab?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Planung, eine systematische Dokumentation der Unterrichtsstunden sowie eine reflektierte Auswertung der Ergebnisse.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Theodor Fontane, handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht, Figurencharakterisierung, bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und Kompetenzförderung.
Wie unterscheidet sich Jenny Treibel von Corinna Schmidt im Kontext der Romananalyse?
Die Arbeit zeigt auf, dass beide Frauen zwar ähnliche soziale Ambitionen haben, aber Jenny durch eine „Schutzmaske“ aus Sentimentalität und materiellen Ansprüchen geprägt ist, während Corinna versucht, Bildung und Selbstverwirklichung zu verbinden.
Warum spielt die Personenrede eine zentrale Rolle in der Unterrichtsplanung?
Die Untersuchung der Personenrede dient als Schlüssel zur Entschlüsselung der Charaktere, da sich die Figuren in ihren Äußerungen, Sprachmustern und in der Interaktion mit anderen authentisch offenbaren.
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- Dr. Anabel Ternes (Autor:in), 1998, Streben nach dem Höheren, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165468