Das Erbschaftsteuerreformgesetz 2009 führt zu weitreichenden Änderungen bei der erbschaft- und schenkungsteuerlichen Bewertung und Besteuerung des Betriebsvermögens. Dementsprechend müssen etwa 110.000 Unternehmen mit rund 1,4 Millionen Mitarbeitern, die in den nächsten fünf Jahren laut einer Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn vor Unternehmensübertragungen stehen und daher ohnehin mit vielen Schwierigkeiten und Hürden zu kämpfen haben, auch die neuen erbschaft- und schenkungsteuerlichen Vorschriften beachten. Aus diesem Grund befasst sich die nachfolgende Bachelorarbeit mit der Behandlung des Betriebsvermögens nach dem Erbschaftsteuerreformgesetz 2009. Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt bei kleineren und mittleren Unternehmen, da diese den Großteil der kommenden Unternehmensübertragungen darstellen. Jedoch können die erlangten Kenntnisse grundsätzlich auch bei größeren Unternehmen angewendet werden.
Neben der Darstellung des Erbschaftsteuerreformgesetzes 2009 (Abschnitt 2) lässt sich die Arbeit in zwei wesentliche Teile aufteilen. Im ersten Teil (Abschnitt 3 und 4) wird auf die Änderungen innerhalb der Bewertungsebene eingegangen. Hierbei werden insbesondere die neuen Bewertungsverfahren und die gesetzliche Bewertungshierarchie kritisch gewürdigt. Dieser Teil ist etwas ausführlicher gehalten, da sich hier die grundlegenderen Änderungen ergeben haben.
Anschließend werden im zweiten Teil (Abschnitt 5) die Änderungen innerhalb der Besteuerungsebene dargestellt. In diesem Kontext werden sowohl die Voraussetzungen zur Erlangung der neuen erbschaft- und schenkungsteuerlichen Begünstigungen, als auch die Begünstigungen selbst kritisch gewürdigt.
Die Gliederung entspricht in etwa der Vorgehensweise in der Praxis. So wird im ersten Schritt der Bewertungsgegenstand festgestellt. Danach wird der Wert des Bewertungsgegenstands ermittelt und schließlich wird überprüft, ob für ihn ggf. erbschaft- bzw. schenkungsteuerliche Begünstigungen in Anspruch genommen werden können.
Bei der Arbeit wurden die Änderungen durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz vom 22.12.2009 berücksichtigt, das für Erb- und Schenkungsfälle bereits rückwirkend ab dem 01 01.2009 anzuwenden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Vorgehensweise
1.2. Definition des Begriffs „Betriebsvermögens“
1.3. Definition des Begriffs „gemeinen Werts“
2. Hintergründe des Erbschaftsteuerreformgesetzes 2009
2.1. Verfassungswidrigkeit des bisherigen Erbschaft- und Schenkungsteuerrechts
2.1.1. Verfassungswidrigkeit hinsichtlich der Behandlung des Betriebsvermögens
2.1.2. Verfassungsrechtliche Vorgaben an den Gesetzgeber
2.2. Zielsetzung des Erbschaftsteuerreformgesetzes 2009, insbesondere im Hinblick auf die Behandlung von Betriebsvermögen
3. Betriebsvermögen als Bewertungsgegenstand der Erbschaft- und Schenkungsteuer
4. Bewertungsverfahren zur Wertermittlung des Betriebsvermögens
4.1. Grundsätze der Bewertung ab dem 01.01.2009
4.1.1. Bewertungshierarchie
4.1.2. Kritische Würdigung
4.2. Zulässige Bewertungsverfahren ab 01.01.2009 im Einzelnen
4.2.1. Ableitung des gemeinen Werts aus Kaufpreisen
4.2.1.1. Kurzdarstellung des Bewertungsverfahrens
4.2.1.2. Kritische Würdigung
4.2.2. Bewertung nach dem vereinfachten Ertragswertverfahren
4.2.2.1. Kurzdarstellung des Bewertungsverfahrens
4.2.2.2. Eigenständige Wertansätze
4.2.2.3. Ermittlung des zukünftig nachhaltig erzielbaren Jahresertrags
4.2.2.4. Ermittlung des Kapitalisierungsfaktors
4.2.2.5. Kritische Würdigung
4.2.3. Bewertung nach dem Ertragswertverfahren gemäß IDW S 1
4.2.3.1. Kurzdarstellung des Bewertungsverfahrens
4.2.3.2. Ermittlung der künftigen Netto-Ausschüttung
4.2.3.3. Ermittlung des Kapitalisierungszinssatzes
4.2.3.4. Kritische Würdigung
4.2.4. Multiplikatorverfahren
4.2.4.1. Kurzdarstellung des Bewertungsverfahrens
4.2.4.2. Kritische Würdigung
4.2.5. Bewertung nach dem Substanzwert und nach dem Liquidationswert
4.2.5.1. Kurzdarstellung des erbschaft- und schenkungsteuerlichen Substanzwerts
4.2.5.2. Kurzdarstellung des Liquidationswerts
4.2.5.3. Kritische Würdigung
5. Erbschafts- und schenkungsteuerliche Begünstigungen für Betriebsvermögen
5.1. Betriebsvermögen als begünstigtes Vermögen
5.1.1. Begünstigtes Betriebsvermögen dem Grunde nach
5.1.2 Verwaltungsvermögen als Negativabgrenzung für begünstigtes Betriebsvermögen
5.1.3. Kritische Würdigung
5.2. Verschonungsregelungen
5.2.1. Regelverschonung
5.2.2. Optionsverschonung
5.2.3. Steuertarifbegrenzung
5.2.4. Kritische Würdigung
5.3. Wohlverhaltensregelungen
5.3.1. Lohnsummenregelung
5.3.2. Behaltensregelungen
5.3.3. Überentnahmeregelung
5.3.4. Kritische Würdigung
6. Zusammenfassung und Fazit
6.1. Bewertungsebene
6.2. Besteuerungsebene
6.3. Abschließende Worte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des Erbschaftsteuerreformgesetzes 2009 auf die erbschaft- und schenkungsteuerliche Bewertung und Besteuerung von Betriebsvermögen. Ziel ist es, die neuen, komplexen Bewertungsverfahren und Begünstigungsregelungen kritisch zu würdigen und deren Praxistauglichkeit sowie Verfassungskonformität zu hinterfragen, mit besonderem Fokus auf die Situation von kleinen und mittleren Unternehmen.
- Bewertungshierarchie und Methoden der Wertermittlung
- Kritische Analyse des vereinfachten Ertragswertverfahrens
- Voraussetzungen für erbschaft- und schenkungsteuerliche Begünstigungen
- Strukturelle Analyse der Verschonungs- und Wohlverhaltensregelungen
Auszug aus dem Buch
4.2.4.2. Kritische Würdigung
Das Multiplikatorverfahren ist im Vergleich zu Bewertungsverfahren, die durch die Berücksichtigung der Ertragsaussichten gekennzeichnet sind, relativ schnell durchführbar. Ebenso ist es aufgrund des einfachen Wertermittlungsschemas leicht verständlich und somit gut kommunizierbar. Für die Anwendung des Multiplikatorverfahrens ist nur eine vergleichsweise geringe Datenbasis erforderlich. So benötigt man für die Ermittlung des Betriebsvermögenswerts faktisch nur eine Bezugsgröße und den entsprechenden Preis eines Vergleichsunternehmens. Die Vergleichbarkeit der Unternehmen ist aber nur selten gegeben, da i. d. R. die Repräsentativität der Datenbasis nicht gewährleistet ist. Dabei hängt die Genauigkeit dieses Bewertungsverfahrens von der Qualität der Datenbasis ab.
Daneben ist die eingeschränkte Berücksichtigung der zukünftigen Ertragsaussichten des Bewertungsobjekts nachteilig zu sehen, da bei der Wertermittlung von Vergangenheitswerten ausgegangen wird. Aufgrund dieser negativen Aspekte dient das Multiplikatorverfahren in der betriebswirtschaftlichen Theorie grundsätzlich nur als Plausibilitätskontrolle für andere Bewertungsverfahren, wie dem Ertragswertverfahren gemäß IDW S 1. Jedoch wird das Multiplikatorverfahren in der Praxis häufig zur Bestimmung des Kaufpreises für kleine und mittlere Unternehmen angewendet und ist daher geeignet, den gemeinen Wert zu ermitteln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die Problemstellung im Kontext des Erbschaftsteuerreformgesetzes 2009 und legt den Aufbau der Arbeit dar.
2. Hintergründe des Erbschaftsteuerreformgesetzes 2009: Das Kapitel analysiert die Gründe für die Verfassungswidrigkeit des alten Erbschaftsteuerrechts und die daraus resultierenden neuen Vorgaben an den Gesetzgeber.
3. Betriebsvermögen als Bewertungsgegenstand der Erbschaft- und Schenkungsteuer: Hier werden die Grundlagen der steuerlichen Bemessungsgrundlage und die Einbeziehung von Betriebsvermögen in die Erbschaft- und Schenkungsteuer erörtert.
4. Bewertungsverfahren zur Wertermittlung des Betriebsvermögens: Dieser Hauptteil widmet sich detailliert den verschiedenen zulässigen Bewertungsverfahren und der gesetzlichen Bewertungshierarchie ab 2009.
5. Erbschafts- und schenkungsteuerliche Begünstigungen für Betriebsvermögen: Dieses Kapitel stellt die neuen Verschonungs- und Wohlverhaltensregelungen dar, die den Erhalt von Arbeitsplätzen fördern sollen.
6. Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse zur Bewertungsebene sowie Besteuerungsebene zusammen und bewertet die Reform kritisch.
Schlüsselwörter
Erbschaftsteuerreformgesetz 2009, Betriebsvermögen, Unternehmensbewertung, Bewertungsverfahren, vereinfachtes Ertragswertverfahren, Ertragswertverfahren IDW S 1, Multiplikatorverfahren, Substanzwert, Verschonungsregelungen, Wohlverhaltensregelungen, Lohnsummenregelung, Verwaltungsvermögen, Unternehmensnachfolge, Gemeinwohl, Steuerbelastung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die kritische Auseinandersetzung mit der erbschaft- und schenkungsteuerlichen Behandlung von Betriebsvermögen nach dem Erbschaftsteuerreformgesetz 2009.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die neuen gesetzlichen Bewertungsverfahren, die Bewertungshierarchie sowie die Bedingungen und Anforderungen für steuerliche Begünstigungen bei der Unternehmensnachfolge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob die durch die Reform eingeführten Verfahren und Regelungen eine realitätsgerechte und verfassungskonforme Bewertung ermöglichen und die Unternehmensnachfolge effektiv erleichtern.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine tiefgehende Literaturanalyse durch, würdigt die gesetzlichen Neuregelungen und vergleicht diese mit den Anforderungen der Bewertungspraxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung und Kritik der Bewertungsmethoden (Ertragswert, Multiplikator, Substanzwert) sowie die Analyse der Begünstigungs- und Wohlverhaltensregelungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erbschaftsteuerreformgesetz 2009, Betriebsvermögen, Verschonungsregelungen, Lohnsummenregelung, Bewertungshierarchie und Verwaltungsvermögen.
Warum wird das vereinfachte Ertragswertverfahren oft kritisiert?
Es wird kritisiert, dass es aufgrund starrer Typisierungen und einer starken Vergangenheitsorientierung häufig zu falschen Bewertungsergebnissen führt, die vom tatsächlichen gemeinen Wert abweichen.
Was ist das Problem der Lohnsummenregelung für Unternehmer?
Die Lohnsummenregelung stellt eine hohe Hürde dar, da eine Unterschreitung innerhalb der Behaltensfrist zu einem rückwirkenden Entfall der Begünstigungen führt, was ein erhebliches Nachbesteuerungsrisiko für Unternehmen birgt.
Welche Empfehlung gibt der Autor für die Praxis?
Der Autor empfiehlt insbesondere für größere Unternehmen die Einrichtung eines Erbschaftsteuercontrollings, um kritische Vorgänge rechtzeitig zu erfassen und bei drohenden Verstößen gegen Wohlverhaltensregelungen gegensteuern zu können.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2010, Die Behandlung des Betriebsvermögens nach dem Erbschaftsteuerreformgesetz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165330