Im Mittelpunkt der "Philosophischen Untersuchungen" (PU) stehen Wittgensteins Gedanken zur Philosophie der Sprache. Der Schlüsselbegriff seiner späten Philosophie ist der Begriff des Sprachspiels. Ein umfassendes Verständnis dieses Begriffs erscheint somit unabdingbar, um die Wittgensteinschen Überlegungen zur Sprache in den PU hinreichend nachvollziehen zu können. Demzufolge möchte ich in vorliegender Arbeit den Versuch einer textnahen und adäquaten Annäherung an den Begriff des Sprachspiels unternehmen. Ziel der Arbeit soll sein, mit Hilfe jener Begriffsklärung die zentralen Gedanken Wittgensteins zur Sprachphilosophie herauszuarbeiten und zu erläutern Auf diesem Wege soll verdeutlicht werden, welche Neuerungen, Vorteile und Anregungen der Wittgensteinsche Ansatz bietet und inwiefern er hiermit Substanzielles zur Philosophie der Sprache beiträgt.
Im vorliegender Arbeit werde ich allgemeine Charakteristika aller Sprachspiele in den PU darstellen. In einem weiteren Schritt sollen dann die verschiedenen Verwendungsweisen des Begriffes vorgestellt und anhand wesentlicher Merkmale umrissen werden. Um das Verständnis des Sprachspielbegriffes abzurunden, möchte ich zuletzt einige weitere zentrale Begriffe aus den PU erläutern, welche mit Wittgensteins Gedanken zum Sprachspiel verknüpft und für deren umfassendes Verständnis unabdingbar sind. Hierbei soll es um die Wittgensteinschen Grundbegriffe „Familienähnlichkeit“ und „Lebensform“ sowie um seine Überlegungen zum Regelfolgen gehen. Im Fazit möchte ich zuletzt die Frage behandeln, inwiefern die erarbeiteten Gedanken Wittgensteins geeignet sind, die Struktur und die Funktionsweise der Sprache zu erfassen. Dies soll an dieser Stelle auch in einer Gegenüberstellung der Grundgedanken des Traktats und der PU geschehen. Hierbei soll das Hauptaugenmerk auf der Frage liegen, welche Vorzüge und Nachteile die Überlegungen in den PU bieten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Sprachspiels
2.1. Das Sprachspiel im „Blauen Buch“
2.2. Das Sprachspiel im „Braunen Buch“
2.3. Das Sprachspiel in den PU
2.3.1. Entstehung des ersten Teils der PU
2.3.2. Allgemeine Merkmale des Sprachspielbegriffs
2.3.3. Sprachspiel, Gebrauch und Bedeutung
2.3.4. Das Sprachspiel als primitive Sprachform
2.3.5. Sprachspiel und Kindersprache
2.3.6. Sprachspiele als sprachliche Aktivitäten
2.3.7. Das Sprachspiel als Ganzes der Sprache
3. Sprachspiel und Familienähnlichkeit
4. Sprachspiel und Regelfolgen
5. Sprachspiel und Lebensform
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, den zentralen Begriff des Sprachspiels in Ludwig Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen" durch eine textnahe Analyse zu erschließen, um dessen Rolle und Bedeutung für Wittgensteins Spätphilosophie sowie für die Sprachphilosophie insgesamt zu verdeutlichen.
- Analyse des Sprachspielbegriffs in verschiedenen Entwicklungsstadien (Blaues Buch, Braunes Buch, PU).
- Untersuchung der Verbindung von Sprache und nichtsprachlicher Praxis.
- Erörterung der Bedeutung als Gebrauch im Kontext der Sprachspiele.
- Darstellung der Zusammenhänge mit den Begriffen Familienähnlichkeit, Regelfolgen und Lebensform.
- Kritische Würdigung des methodischen Ansatzes Wittgensteins im Vergleich zum Tractatus Logico-philosophicus.
Auszug aus dem Buch
2.3.4. Das Sprachspiel als primitive Sprachform
Zunächst wird das Sprachspiel in den PU als Modell einer primitiven Sprache aufgefasst. Diese primitiven Sprachformen sollen jedoch –, ähnlich der Charakterisierung im „BrB“ - als vollständige, in sich geschlossene Sprachen aufgefasst werden. Bereits auf den ersten Seiten der PU finden sich zwei prägnante Beispiele für Wittgensteins Vorstellung eines Sprachspiels. Um das Verständnis der folgenden Überlegungen zu erleichtern, werden diese Sprachspiele in Gänze wiedergeben. Das erste jener Sprachspiele ist das so genannte „Kaufmannsbeispiel“.
„Denke nun an diese Verwendung der Sprache: Ich schicke jemand einkaufen. Ich gebe ihm einen Zettel, auf diesem stehen die Zeichen: „fünf rote Äpfel“. Er trägt den Zettel zum Kaufmann; der öffnet die Lade, auf welcher das Zeichen „Äpfel“ steht; dann sucht er in einer Tabelle das Wort „rot“ auf und findet ihm gegenüber ein Farbmuster; nun sagt er die Reihe der Grundzahlwörter – ich nehme an, er weiß sie auswendig – bis zum Worte „fünf“ und bei jedem Zahlwort nimmt er einen Apfel aus der Lade, der die Farbe des Musters hat.“ ( PU 1)
Schon in diesem frühen Beispiel eines Sprachspieles zeigt Wittgenstein auf, dass Sprache selbst eine Praxis ist, für deren Verständnis die äußeren Handlungszusammenhänge von großer Bedeutung sind. Letztlich hat der Ausdruck „fünf rote Äpfel“ erst durch den sozialen Kontext Sinn. Der Ablauf der fiktiven Situation wird durch die Bedingungen der gesellschaftlichen Praxis bestimmt, an der Kaufmann und Kunde gleichermaßen teilhaben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Ambivalenz der Rezeption von Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen" ein und umreißt das Ziel der Arbeit, den Begriff des Sprachspiels als Schlüsselbegriff zu untersuchen.
2. Der Begriff des Sprachspiels: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Verwendungsweisen des Sprachspielbegriffs in Wittgensteins Werken und zeigt dessen Bedeutung als Modell einer primitiven Sprache sowie als Kommunikationssystem auf.
3. Sprachspiel und Familienähnlichkeit: Dieses Kapitel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Sprachspielen und Familienähnlichkeiten als Gegenentwurf zu strikten Wesensbestimmungen und Begriffsdefinitionen.
4. Sprachspiel und Regelfolgen: Hier wird untersucht, wie das Befolgen von Regeln als Praxis verstanden wird, die untrennbar mit dem Sprachspielbegriff und dem alltäglichen Sprachgebrauch verbunden ist.
5. Sprachspiel und Lebensform: Dieses Kapitel thematisiert die konzeptuelle Verknüpfung von Sprachspielen mit dem Begriff der Lebensform als Bezugssystem menschlichen Handelns.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und bewertet den Wert der Wittgensteinschen Sprachspielkonzeption für die Philosophie der Sprache.
Schlüsselwörter
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Sprachspiel, Familienähnlichkeit, Lebensform, Bedeutung als Gebrauch, Sprachphilosophie, Regelfolgen, Alltagssprache, Sprachanalyse, Sprachpraxis, Tractatus Logico-philosophicus, Sprachspielmethode.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den zentralen Begriff des "Sprachspiels" in Ludwig Wittgensteins Spätwerk "Philosophische Untersuchungen".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Neben der Definition des Sprachspiels stehen die Verknüpfung von Sprache und Praxis, die Bedeutungstheorie, sowie die Begriffe Familienähnlichkeit, Regelfolgen und Lebensform im Zentrum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist eine textnahe und adäquate Annäherung an den Sprachspielbegriff, um die Funktionsweise von Wittgensteins Ansatz zur Sprachphilosophie herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt eine textanalytische Methode, die sich eng an den "Philosophischen Untersuchungen" orientiert und die verschiedenen Lesarten des Begriffs durch einen Vergleich mit anderen zentralen Konzepten Wittgensteins erhellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Facetten des Sprachspiels, von den frühen Entwürfen im "Blauen" und "Braunen Buch" bis hin zur Ausarbeitung in den "Philosophischen Untersuchungen", inklusive der kritischen Abgrenzung zum "Tractatus".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachspiel, Familienähnlichkeit, Lebensform, Bedeutung als Gebrauch, Regelfolgen und Alltagssprache.
Wie unterscheidet sich Wittgensteins Spätphilosophie laut der Arbeit vom frühen "Tractatus"?
Während der "Tractatus" eine ideale, logisch exakte Sprache anstrebte, erkennt Wittgenstein in den "Philosophischen Untersuchungen" die Mannigfaltigkeit der natürlichen Sprache an und fokussiert sich auf deren tatsächliche Verwendung im menschlichen Lebensvollzug.
Warum ist das "Kaufmannsbeispiel" für die Argumentation wichtig?
Es dient als anschauliches Modell, um zu zeigen, dass Sprache eine Praxis ist, die nur im sozialen Kontext und in Verbindung mit nichtsprachlichem Handeln ihren Sinn erhält.
Wie löst Wittgenstein das Problem der Begriffsbestimmung?
Er verzichtet auf strikte Definitionen und ersetzt sie durch das Konzept der "Familienähnlichkeit", bei dem Wörter durch ein kompliziertes Netz sich überschneidender Ähnlichkeiten verbunden sind.
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- B.A. Nicolas Lindner (Author), 2010, Wittgensteins Begriff des Sprachspiels, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165015