In der philosophischen Debatte um die Frage der Tierrechte gehört Peter Singers präferenz-ethischer Ansatz zu den prominentesten und einflussreichsten Beiträgen. Ausgehend vom logisch schwachen „Prinzip der gleichen Interessenabwägung“[39] versucht Singer zu zeigen, dass bestimmten „non-human animals“[82] moralische Rechte zukommen. Seine Begründungsstrategie versteht sich dabei als eine patho-zentrische, fußt also auf dem Begriff des Leidens.
Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, die Möglichkeit einer solchen Begründung zu hinterfragen. Im I. Teil sollen zunächst die logischen Kriterien für die Zuschreibung von Interessenfähigkeit geprüft werden. Dabei werde ich mich auf die Überlegungen von Joel Feinberg stützen. Es wird sich zeigen, dass der Leidensbegriff bei Singer unterbestimmt ist und sein Ansatz die Möglichkeit zweier alternativer Lesarten eröffnet. Im II. Teil soll zunächst die Unhaltbarkeit der ersten Lesart aufgezeigt werden. Die Überlegungen von Peter Carruthers’ sollen hierbei den Ausgangspunkt bilden. Im Anschluss daran werde ich im III. Teil der Arbeit einige Vorüberlegungen hinsichtlich der Vorrausetzungen für die Leidensfähigkeit einer bestimmten Entität anstellen. Dieses Problem soll dann im IV. Teil der Arbeit anhand von David Rosenthals HOT-Modell genauer untersucht werden. Die Implikationen, die sich daraus in Hinblick auf Singers Tierrechtskonzeption ableiten lassen, werden dann im abschließenden V. Teil geprüft. Dabei wird sich, ausgehend von Überlegungen Donald Davidsons und Ludwig Wittgensteins, die grundsätzliche Unzulänglichkeit einer patho-zentrischen Begründung, was die Ausarbeitung einer präferenz-ethischen Tierrechtskonzeption angeht, zeigen.
Inhaltsverzeichnis
I.
II.
III.
IV.
V.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die patho-zentrische Begründung der Tierrechtskonzeption von Peter Singer. Ziel ist es, die logischen Voraussetzungen für die Interessensfähigkeit von Entitäten zu hinterfragen und zu prüfen, ob ein auf Leid basierender Ansatz tatsächlich moralische Rechte für Tiere begründen kann, insbesondere unter Einbeziehung von Modellen des Bewusstseins.
- Logische Kriterien für Interessenfähigkeit und Leidensbegriffe
- Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Erfahrungen
- Die Rolle von "Higher-Order Thoughts" (HOT) für das Bewusstsein
- Die Verbindung von Sprache, Selbstzuschreibung und Moral
- Grenzen einer auf Interessen gestützten Ethik
Auszug aus dem Buch
Die Unterscheidung von bewussten und unbewussten mentalen Zuständen
Wenn in der Philosophie von Erfahrung gesprochen wird, dann referiert dieser Begriff in der Regel auf bewusste Erfahrungen (zur genauen Bestimmung des Begriffs der >bewussten Erfahrung< siehe unten). Daneben gibt es jedoch auch Ansätze, welche einen logisch schwächeren Erfahrungsbegriff vertreten. So hat etwa Peter Carruthers darauf hingewiesen, dass nicht jede Erfahrung zwangsläufig bewusst sein muss. Er unterscheidet demnach zwischen >conscious experience< und >unconscious experience<.
Als Beispiel für unbewusste Erfahrungen verweist er auf Wahrnehmungen bei stark automatisierten Handlungsvollzügen, etwa beim Autofahren: “I may be thinking deeply about a current piece of writing of mine, [...], to the extent of being unaware of what I am doing on the road. […]. Yet there is a clear sense in which I must have been seeing, or I should have crashed the car. My passenger sitting next to me may correctly report that I have seen the lorry double parked by the side of the road, since I had deftly steered the car around it“[Carruthers 258].
Ich würde gerne ein weiteres Beispiel anführen, welches das Gemeinte vielleicht noch deutlicher macht, nämlich die Wahrnehmung eines Schlafwandlers: Ich kann wohl sinnvoller Weise sagen, dass die schlafwandelnde Person X den Stuhl der ihr im Weg stand und um den sie herumgegangen ist >gesehen< hat – sprich der Stuhl Inhalt einer von X gemachten Erfahrung war -, und dennoch könnte ich wohl kaum sagen, dass das Vorhandensein des Stuhls und ihr eigenes Ausweichmanöver X im eigentlichen Sinne bewusst war, dass also X von diesem Stuhl und ihrem eigenen Ausweichmanöver >wusste<, wie könnte ich sonst überhaupt noch den Zustand des Schlafwandelns von demjenigen des Wachseins abgrenzen?
Zusammenfassung der Kapitel
I.: Dieses Kapitel führt in Singers Interessenansatz ein und hinterfragt die logischen Voraussetzungen für die Zuschreibung von Interessen, wobei Joel Feinbergs Kriterien und die begriffliche Abgrenzung zwischen Schmerz und Leiden zentral sind.
II.: Hier wird anhand der Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Erfahrungen (nach Carruthers) erörtert, ob die bloße Wahrnehmung eines Reizes bereits ein Interesse an Schmerzfreiheit begründen kann.
III.: Dieses Kapitel vertieft die Analyse mentaler Zustände und untersucht das Verhältnis von Bewusstsein zu höherstufigen Gedanken, um die notwendigen Bedingungen für ein "Wissen von" etwas zu klären.
IV.: Hier wird David Rosenthals HOT-Modell (Higher-Order Thoughts) eingeführt, um die Art des Bewusstseins genauer zu bestimmen, die für eine moralische Berücksichtigung einer Entität erforderlich ist.
V.: Das letzte Kapitel zieht Konsequenzen aus der HOT-Theorie für die Tierrechtsfrage und kommt zu dem Schluss, dass die notwendige sprachliche Fähigkeit zur Selbstzuschreibung eine patho-zentrische Tierrechtskonzeption in ihrer ursprünglichen Form in Frage stellt.
Schlüsselwörter
Tierrechte, Peter Singer, Interessenethik, Leidensfähigkeit, Bewusstsein, Qualia, Higher-Order Thoughts, HOT-Modell, Joel Feinberg, Peter Carruthers, Selbstzuschreibung, Sprache, Donald Davidson, Interessenfähigkeit, pathozentrische Begründung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die philosophische Begründung von Tierrechten durch Peter Singer, insbesondere dessen Fokus auf die Leidensfähigkeit als zentrales Kriterium für moralische Relevanz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit bewegt sich im Schnittfeld von Tierethik, Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie, wobei Fragen des Bewusstseins, der Wahrnehmung und der Voraussetzungen für Interessen im Mittelpunkt stehen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu hinterfragen, ob die pathozentrische (auf Leid basierende) Argumentation Singers tragfähig ist, um moralische Rechte für Tiere zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine analytische philosophische Methode verwendet, die logische Kriterien prüft, Begriffsanalysen durchführt und etablierte Bewusstseinstheorien (wie HOT-Modelle) auf die ethische Fragestellung anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den logischen Voraussetzungen für das Haben von Interessen, der Differenzierung von Bewusstseinszuständen und der Rolle von Sprache und Selbstzuschreibung bei der Konstitution von moralisch relevanten Subjekten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Tierrechte, Interessenethik, Leidensfähigkeit, Bewusstsein, Higher-Order Thoughts und die kritische Auseinandersetzung mit der Möglichkeit, Tieren im Sinne Singers Rechte zuzuschreiben.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Schmerz und Leiden?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Leiden eine höherstufige Beziehung zu einer Schmerzempfindung darstellt, die ein "Wissen von" und ein "In-einem-Verhältnis-Stehen" zum Schmerz voraussetzt, was über reine Schmerzwahrnehmung hinausgeht.
Warum wird die Sprache als entscheidendes Element hervorgehoben?
Die Arbeit argumentiert, dass die für ein moralisches Subjekt notwendige Selbstzuschreibung von Bewusstseinszuständen nur innerhalb einer intersubjektiven Sprachgemeinschaft möglich ist, was die Argumentation für Tiere außerhalb dieser Gemeinschaften erschwert.
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- Florian Riehle (Author), 2007, Warum Tiere nicht leiden, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/164661