Vor einigen Jahrzehnten wurde ein Befreiungskrieg um den Sex entfesselt, der die Menschen gleich aus mehrfacher Knechtschaft zu erlösen versprach: Nicht nur die Lust und die Rede sollten zügelloser werden, auch die Zwänge des Industriekapitalismus, deren Ausdruck letztlich auch die Gängelung des Sexuellen sei, sollten hinweggefegt werden. Mit Blick auf den hohen Stellenwert, den der Sex und das Reden darüber heute einnehmen, lassen sich die Utopien von einst kritisch prüfen: Nicht nur darauf, ob sie ihre Versprechen eingelöst haben – dies ist längst und bis zur Erschöpfung versucht worden. Viel interessanter ist die Frage, ob die Theorie der Befreiung durch Sex eine sinnvolle Grundannahme gewesen ist. Die Betrachtung gegenwärtiger Stoffe in den Medien ermöglicht es uns zudem, die Utopienkritik, die seinerzeit formuliert worden ist, auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
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Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die sogenannten Errungenschaften der sexuellen Revolution sowie die Gültigkeit der Repressionshypothese von Michel Foucault im Kontext moderner westlicher Gesellschaften und kapitalistischer Strukturen.
- Kritische Analyse von Michel Foucaults Repressionshypothese
- Verhältnis von Sexualität, Rationalisierung und Ökonomie
- Dekonstruktion der Utopien der „68er“-Bewegung
- Zusammenhang zwischen Liberalisierung und Konsumgesellschaft
- Rolle der Sexualmoral im modernen Demokratiemodell
Auszug aus dem Buch
2.
In dem 1976 erschienen ersten Band der Studie Sexualität und Wahrheit behauptet Michel Foucault, der Zeitgeist sei beseelt von der Vorstellung, der Sex sei in den vergangenen zwei Jahrhunderten systematisch unterdrückt worden. Diese Repressionshypothese beschreibe laut Foucault nicht einfach ein Verbot, sondern die Behauptung der (öffentlichen) Nichtexistenz des Sexes. Der Behauptung, der Sex sei bestimmten Zwängen unterworfen worden, will Foucault nicht widersprechen. Seine Kritik an der Repressionshypothese lautet vielmehr, der Rekurs auf den Sex, der in den Siebzigern gerne in der Pose des Befreiers, des Tabubrechers geschehe, befände sich in einer Kontinuitätslinie mit der eigentlich angeprangerten Instrumentalisierung des Geschlechtslebens.
Im Mittelpunkt von Foucaults Interesse steht die Frage, ob einen Diskursmechanismus gibt, also ein systematisches hervorbringen von Aussagemotiven durch Institutionen der Wissenschaft, Politik, Bildung, etc., der die Behandlung des Sex damals wie heute gleichermaßen bestimmt. Zur Beantwortung dieser Frage untersucht Foucault, wie die Rede über den Sex in den vergangenen Jahrhunderten kontrolliert worden ist. Was er dabei rekonstruiert, ist ein Prozess, durch den gewissermaßen weniger und mehr vom Sex geredet wird: eine „Raffinierung“ der Rede, bei dem sich drei wesentliche Phasen ausmachen ließen. Sie beginnt im 17. Jahrhundert, in dem Foucault zufolge erstmals systematisch über den Sex geredet wurde. Als Beispiel führte er die Einübung einer besonderen Redepraxis in der kirchlichen Beichte an, bei der eine ausformulierte Analyse des Sexuallebens vom Beichtenden verlangt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1.: Einleitung in die Thematik der Sexualität im gesellschaftlichen Diskurs, ausgehend von aktuellen Medienbeispielen bis hin zur historischen Einordnung der sexuellen Befreiung.
2.: Theoretische Auseinandersetzung mit Michel Foucaults Kritik an der Repressionshypothese und die Darstellung der diskursiven Kontrolle von Sexualität über drei Jahrhunderte.
3.: Untersuchung der politischen und ökonomischen Einbettung der sexuellen Revolution sowie die Relativierung der Rolle der „68er“-Generation.
4.: Fazit und kritische Würdigung: Sexualität als integraler Bestandteil von Rationalisierungsprozessen und ökonomischen Imperativen in der modernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Sexualität, Foucault, Repressionshypothese, Diskurs, Sexualmoral, Kapitalismus, 68er, Liberalisierung, Moderne, Ökonomisierung, Rationalisierung, Sozialer Kosmos, Sex and the City, Macht, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die kritische Perspektive auf die sexuelle Revolution und hinterfragt, inwiefern die vermeintliche Befreiung der Sexualität tatsächlich eine gesellschaftliche Emanzipation darstellt oder vielmehr ökonomischen Verwertungsinteressen dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die theoretischen Ansätze Michel Foucaults, die Geschichte des Sexualdiskurses, die sozioökonomische Einbettung von Sexualmoral und eine kritische Auseinandersetzung mit der 68er-Bewegung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Prüfung der Plausibilität der Befreiungstheorie durch Sex sowie die Untersuchung der Frage, ob das Befreiungsunternehmen von vornherein ein falsches Selbstverständnis hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine diskursanalytische Herangehensweise, primär basierend auf den Thesen von Michel Foucault, ergänzt durch soziologische und medienkritische Perspektiven.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Rekonstruktion des Sexualdiskurses seit dem 17. Jahrhundert, die Verknüpfung von Sexualität und Kapitalismus sowie die Dekonstruktion der Revolutionsrhetorik der späten 1960er Jahre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sexualität, Repressionshypothese, Diskurs, Kapitalismus, Rationalisierung und gesellschaftliche Transformation.
Wie bewertet der Autor die Rolle der „68er“?
Der Autor ordnet die Rolle der 68er-Protestbewegung kritisch ein und argumentiert, dass diese zwar gesellschaftliche Verkrustungen aufbrach, aber maßgeblich von langfristigen gesellschaftlichen Freiheitsentwicklungen profitierte, die sie nicht allein erkämpfte.
Welche Bedeutung hat das Beispiel „Sex and the City“ in der Analyse?
Das Beispiel dient dazu, die vermeintliche Freiheit und Liberalität moderner Medienformate mit der tatsächlichen ökonomischen Einbindung der Protagonistinnen in akademische Arbeitsschichten zu kontrastieren.
Was bedeutet die „Ökonomisierung des Sexes“ im Text?
Der Begriff beschreibt den Prozess, in dem Sexualität nicht mehr nur ein privater Akt ist, sondern eng an ökonomische Verwertungsprozesse, Arbeitsleistung und demografische Planungen gekoppelt wurde.
- Arbeit zitieren
- Ludwig Andert (Autor:in), 2010, Sex, Revolution, Kapitalismus - Neues zu Michel Foucaults Kritik an der Repressionshypothese, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/164234