Lachen ist im Zusammenhang mit Gesundheitsförderung ein vielbeachtetes Thema, das durch die Ergebnisse der Gelotologie, einer medizinisch orientierten Lachforschung, wissenschaftlichen Rückhalt bekommt. Die Frage, ob und wie Lachen auch im Rahmen von Psychotherapie sinnvoll zur Anwendung kommen kann, macht es erforderlich, Lachen komplex zu erfassen und genau zu beschreiben. Es wird erforderlich, spontanes und absichtliches Lachen zu differenzieren und von angrenzenden Themen wie Humor, Clownerie, dem Lächerlichen und Witz abzugrenzen. Die Sichtung der philosophischen Literatur und der vorliegenden Lach- und Humortheorien zeigt, dass dem Thema Lachen explizit bisher wenig Beachtung zuteil wurde. Erst das Aufkommen einer neuen, durch Lachyoga ausgelösten Lachbewegung hat erweitere Perspektiven auf das Lachen ermöglicht und der Lachpraxis starke Impulse gegeben. Lachpraxis im Rahmen von Psychotherapie bedarf gründlicher anthropologischer und entwicklungstheoretischer Begründungen und therapeutischer Verfahren, die theoretisch begründete Modelle zur Adaption und Integration kompatibler Methoden und Techniken bereitstellen. Das Konzept des Intentionalen Lachens nimmt die Methode des Lachyogas von Madan Kataria auf, erweitert sie durch angrenzende Themen wie Lächeln, Lachen und Blickkontakt und verbindet sie mit den theoretischen Konzepten der Integrativen Therapie. Exemplarische Modelle zeigen Anwendungs-möglichkeiten des Lachens im Rahmen therapeutischer Arbeit.
Abstract
Laughing is a much noticed topic in the promotion of health that is backed up scientifically by results in gelotology, the medically orientated research into laughing. The question as to whether and how laughing can also be used meaningfully in psychotherapy demands that laughing is comprehended in its complexity and described precisely.
It will be essential to differentiate between spontaneous and deliberate laughing and to delineate it from neighbouring themes such as humour, clowning, the laughable and jokes.
Inspecting philosophical literature and the current theories of laughter and humour shows that until now the theme of laughing has explicitly been granted little recognition.
Inhaltsverzeichnis
1 Annäherung an das Lachen
1.1 Etymologie
1.2 Redewendungen und sprachlich-literarische Zugänge zum Lachen
1.3 Über die Schwierigkeiten bei der Erforschung eines unwissenschaftlichen Phänomens
1.4 An-, Ab- und Begrenzungen
1.4.1 Lachen und Weinen
1.4.2 Lächeln und Lachen
1.4.3 Lachen, Heiterkeit und Fröhlichkeit
1.4.4 Lachen und das Lächerliche
1.4.5 Lachen, Witz und Humor
1.4.6 Lachen und Glück
1.4.7 Echtes, künstliches und natürliches Lachen
1.4.8 Funktionalisiertes und instrumentalisiertes Lachen
2 Definitionen, Erscheinungsbilder und Funktionen des Lachens
2.1 Definitionen des Lachens
2.2 Lachen als akustisches und phonetisches Phänomen
2.3 Mimik und Blickverhalten beim Lächeln und Lachen
2.4 Körperbewegungen beim Lächeln und Lachen
2.5 Variationen und Qualitäten des Lächelns und Lachens
2.6 Funktionen und Wirkungen des Lachens
3 Evolution des Lächelns und Lachens
3.1 Lächeln und Lachen aus phylogenetischer Sicht
3.1.1 Lächeln als Submissionsgeste – “Silent Bared Teeth Display“
3.1.2 Lachen als Ausdruck einer Spielintention – “Relaxed Open Mouth Display“
3.2 Lächeln und Lachen aus ontogenetischer Sicht
3.2.1 Die Entwicklung des Lächelns beim Säugling
3.2.2 Die Entwicklung des ersten Lachens
3.3 Paläoanthropologische Überlegungen zum Lächeln und Lachen
4 Lachtheorien
4.1 Überlegenheitstheorie
4.2 Inkongruenztheorie
4.3 Energetische Lachtheorien
4.4 Traditionelle Lachtheorien und Intentionales Lachen
5 Anthropologie des Lachens
5.1 Zur Psychologie des Lachens und der Freude
5.2 Zur Anthropologie des Lächelns und der Freundlichkeit
5.3 Lächeln, Lachen und die Babyforschung – „Engelskreise positiver Gegenseitigkeit“
5.4 Mimik, Spielgesicht und Spiellaune
5.5 Lachen und spielen
5.6 Die dunklen Seiten des Lachens – Anthropologisch-ethische Überlegungen
5.7 Das dunkle Lachen, der “böse“ Mensch und säkularer humanitärer Meliorismus
6 Gelotologie – gesundheitsorientierte Lachforschung
6.1 Physiologische Auswirkungen des Lachens (nach Fry)
6.2 Lachen und Schmerz
6.3 Lachen, Neurologie und Psychoneuroimmunologie
6.4 Gegenwärtige Lachforschung
6.5 Das Heiterkeits- und Lachnetzwerk
7 Lachen in der Psychotherapie
7.1 Moreno, „der Mann, der das Lachen in die Psychiatrie brachte“
7.2 Freud, der Witz und der Humor
7.3 Therapeutischer Humor, „HumorCare“ und das Lachen
7.4 Provokative Therapie und Lachen
8 Lachen als Beitrag zur Humantherapie
8.1 Lachen in therapeutischen Prozessen
8.2 Lächeln, Lachen und Freundlichkeit vor dem Hintergrund der Affiliationstheorie
9 Lachyoga – spielerische Lachpraxis
9.1 Entstehung des Hasya-Yoga
9.2 Lachyoga – technisches Lachen?
9.3 Zur Praxis des Lachyoga
9.4 Lachyoga – Lachen und Yoga
9.5 Anwendbarkeit von Lachyoga
10 Intentionales Lachen
10.1 Begriff und Bedeutung des Intentionales Lachens
10.2 Ziele des Intentionalen Lachens
11 Integrative Therapie
11.1 Entstehung und Quellen des Verfahrens
11.2 Tree of Science – Das Strukturmodell der IT
11.3 Integrative Humantherapie – Partnerschaftliches Handeln
11.4 Die vier Wege der Heilung und Förderung
11.5 Relationalität und Ko-respondenz
11.6 Entwicklungstheoretische und persönlichkeitstheoretische Grundannahmen der IT
11.7 Salutogenese- und Pathogense-Konzept der IT
11.8 Methoden, Techniken, Medien und Modalitäten in der IT
11.9 Wirkfaktoren in der Therapie
12 Theorie und Praxis des Intentionalen Lachens im Rahmen der Integrativen Therapie
12.1 Beziehung von Lachyoga, IL und IT
12.2 Metatheoretische Überlegungen – Integrationsparadigma und Kompatibilitätsprüfung als Voraussetzungen für die Anwendung des IL im Rahmen der IT
12.2.1 Lachen in übungszentriert-funktionaler Modalität
12.2.2 Atemanregung, Entspannung, Vitalisierung durch Lachen
12.2.3 Balance finden durch Lachen und Atmen
12.3 Intentionales Lachen und Lächeln in erlebnisorient-stimulierender Modalität
12.3.1 Lächeln, Lachen und Mimik als psychophysische Selbsterfahrung
12.3.2 Lächeln, Lachen und Schauen im mimischen Interplay
12.3.3 Lächel-Meditation
12.3.4 Die Kraft positiver Bilder
12.4 Intentionales Lachen in aufdeckend-konfliktzentrierter Modalität
12.4.1 Lach-Panorama
12.5 Intentionales Lachen im Rahmen tragfähiger, sozialer Netzwerke
13 Abschließende Bemerkungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, das Phänomen Lachen umfassend zu analysieren und als forschungs- und ausbildungsrelevantes Thema innerhalb der Psychotherapie zu positionieren. Dabei wird ein didaktischer Ansatz entwickelt, der auf dem Konzept des Intentionalen Lachens basiert, welches Erkenntnisse aus der Gelotologie, dem Lachyoga nach Madan Kataria und der Integrativen Therapie miteinander verknüpft, um Patienten eine gesundheitsfördernde, leiblich-spirituelle Ressource zu erschließen.
- Anthropologische und evolutionstheoretische Grundlagen des Lachens
- Differenzierung zwischen spontanem, funktionalisiertem und intentionalem Lachen
- Integration von Lachyoga-Praxis in psychotherapeutische Modalitäten
- Bedeutung von Lächeln, Mimik und Blickkontakt als Affiliationssignale
- Ethik und professionelle Anwendung von Lachen in der Therapie
Auszug aus dem Buch
1.4 An-, Ab- und Begrenzungen
Wer sich mit dem Lachen beschäftigt, trifft auf eine Vielzahl von Begriffen für unterschiedliche Phänomene, die in der Literatur und in der Alltagssprache oft im Zusammenhang mit Lachen oder als Synonym für Lachen verwendet werden: Humor, Witz, das Lächerliche, Fröhlichkeit, Heiterkeit, Glück. Zahlreiche Adjektive unterscheiden das Lachen in echtes, unechtes oder falsches, künstliches oder natürliches, bösartiges oder gutartiges, spontanes und willkürliches Lachen. Dadurch werden Kategorisierungen, Differenzierungen und Bewertungen geschaffen, ohne dass präzise Begriffsdefinitionen vorgelegt werden. Dies vergröbert die Thematik und erschwert die Auseinandersetzung mit dem Lachen. Das ganzkörperliche Ausdrucksverhalten Lachen ist nicht mit Gefühlen zu verwechseln, welche durch Lachen erzeugt werden können, auch wenn beides oft miteinander zusammenhängt. Und die das Lachen begünstigende, humorvolle Charaktereigenschaft einer Person ist nicht das Lachen an sich. Lachhafte Dinge, welche zum Lachen bringen, sind nicht identisch mit dem Akt des Lachens. Im Interesse der Klarheit und besseren Verständlichkeit werden in den folgenden Abschnitten Angrenzungen und Abgrenzungen zum Lachen aufgezeigt und Begrenzungen der Thematik vorgenommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Annäherung an das Lachen: Dieses Kapitel gibt einen linguistischen und begrifflichen Überblick, indem es die Etymologie des Wortes Lachen betrachtet und wichtige Abgrenzungen zu verwandten Phänomenen wie Weinen, Witz, Humor und Glück vornimmt.
2 Definitionen, Erscheinungsbilder und Funktionen des Lachens: Hier werden gängige wissenschaftliche Definitionen kritisch betrachtet und eine eigene, biopsychosoziale Definition des Lachens vorgeschlagen, ergänzt durch Ausführungen zu dessen physikalischen, mimischen und funktionellen Aspekten.
3 Evolution des Lächelns und Lachens: Der Fokus liegt auf der phylogenetischen und ontogenetischen Entwicklung, wobei das Lächeln als Submissionsgeste und das Lachen als Ausdruck einer Spielintention sowie deren Ursprünge in der frühkindlichen Entwicklung beleuchtet werden.
4 Lachtheorien: Es erfolgt eine Zusammenfassung der klassischen Lachtheorien – Überlegenheitstheorie, Inkongruenztheorie und energetische Theorien – und deren Einordnung im Hinblick auf das Konzept des intentionalen Lachens.
5 Anthropologie des Lachens: Dieses Kapitel erörtert die psychologischen Wurzeln des Lachens in Freude und Angst sowie die Rolle der Freundlichkeit und menschlichen Verbundenheit, inklusive einer ethischen Reflexion der „dunklen Seiten“ des Lachens.
6 Gelotologie – gesundheitsorientierte Lachforschung: Eine Darstellung der wissenschaftlichen Lachforschung, ihrer Pionierarbeit, der physiologischen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus und der Bedeutung für die Stressregulation.
7 Lachen in der Psychotherapie: Der Autor widmet sich der historischen Einbettung des Lachens in die Psychiatrie und Therapieansätze von Moreno, Freud sowie moderner Konzepte wie dem therapeutischen Humor und der provokativen Therapie.
8 Lachen als Beitrag zur Humantherapie: Die therapeutische Relevanz des Lachens wird vertieft, insbesondere in Bezug auf die Arbeit in psychotherapeutischen Prozessen und die Einbindung der Affiliationstheorie zur Förderung menschlicher Nähe.
9 Lachyoga – spielerische Lachpraxis: Dieses Kapitel führt in die Methode des Hasya-Yoga von Dr. Madan Kataria ein und beleuchtet die Entstehung, die Technik sowie die Anwendbarkeit dieses spielerischen Zugangs zum Lachen.
10 Intentionales Lachen: Vorstellung des vom Autor entwickelten didaktischen Konzepts, das Lachen als intentional verfügbare Ressource im Kontext von Therapie und Pädagogik etabliert.
11 Integrative Therapie: Eine theoretische Fundierung des Verfahrens, das als ganzheitliche "Integrative Humantherapie" begriffen wird und die Basis für die Integration des intentionalen Lachens bildet.
12 Theorie und Praxis des Intentionalen Lachens im Rahmen der Integrativen Therapie: Der praxeologische Kernteil der Arbeit, der die praktische Anwendung des intentionalen Lachens in verschiedenen Modalitäten der Integrativen Therapie detailliert darlegt.
Schlüsselwörter
Intentionales Lachen, Integrative Therapie, Gelotologie, Lachyoga, Affiliationstheorie, Humantherapie, Psychotherapie, Salutogenese, Mimik, Lächeln, Spielgesicht, Neurobiologie, psychophysische Selbsterfahrung, Interaktion, Gesundheitsförderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen Lachen in seiner Komplexität und entwickelt das didaktische Konzept des "Intentionalen Lachens", um diese Ressource innerhalb der Integrativen Therapie nutzbar zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen die anthropologischen und evolutionstheoretischen Grundlagen des Lachens, die medizinische Lachforschung (Gelotologie), moderne Ansätze wie das Lachyoga sowie die theoretische Verankerung in der Integrativen Therapie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Lachen als eine willentlich verfügbare, ethisch reflektierte und gesundheitsfördernde Methode in den psychotherapeutischen Alltag zu integrieren und damit eine Brücke zwischen spielerischer Praxis und fundierter Therapie zu schlagen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine breite Literaturanalyse anthropologischer, psychologischer und philosophischer Texte sowie auf die systemtheoretischen Ansätze der Integrativen Therapie und empirische Ergebnisse der modernen Gelotologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der Lachtheorien und der evolutionären Wurzeln des Lachens sowie in einen praxeologischen Teil, der spezifische Übungen und Modalitäten des Intentionalen Lachens für therapeutische Zwecke beschreibt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Intentionales Lachen, Integrative Therapie, Affiliation, Salutogenese, psychophysische Selbsterfahrung und der "Tree of Science" als Strukturmodell.
Wie unterscheidet sich "Intentionales Lachen" vom natürlichen Lachen?
Im Gegensatz zum spontanen, oft unkontrollierten Lachen ist das "Intentionale Lachen" ein selbstinduzierter, absichtsvoller Vorgang, der unabhängig von äußeren humorvollen Reizen als Instrument zur emotionalen Umstimmung und Beziehungsgestaltung eingesetzt werden kann.
Welche Rolle spielt die Integrative Therapie in diesem Konzept?
Die Integrative Therapie dient als metatheoretisches Gerüst, das durch ihr breites Integrationsparadigma die Kompatibilität des intentionalen Lachens prüft und eine ganzheitliche Anwendung ermöglicht, die körperliche, seelische und soziale Dimensionen umfasst.
Ist "Intentionales Lachen" für jeden Patienten geeignet?
Die Arbeit betont, dass beim Einsatz in der Therapie hohe Sensibilität erforderlich ist, da das Thema für viele Patienten unvertraut oder mit Scham besetzt sein kann; daher ist eine fundierte Aufklärung und eine behutsame therapeutische Anleitung essenziell.
- Quote paper
- Peter Cubasch (Author), 2009, Lachen - Ein anthropologische Konstante als Konzept des Intentionalen Lachens im Kontext der Integrativen Therapie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163807