Heute wird das 18. Jahrhundert in der Forschung meistens, wenn nicht als das „Jahrhundert der Toleranz“, so als Zeitalter in dem die Forderung nach Toleranz eine primäre Rolle spielte, definiert. Gerade in den bi- oder mehrkonfessionellen Staaten, wie Österreich musste die Forderung nach religiöser Toleranz eine entscheidende Rolle für das Staatsverständnis und Überleben der Dynastie spielen. Denn der Westfälische Friede von 1648 und die damit verbundene gegenseitige Anerkennung von katholischem-tridentinischen und reformierten Glauben, brachte für die Kronländer des Hauses Habsburg keine religiöse Entspannung. In den habsburgischen Erblanden existierten weiterhin, starke religiöse Minderheiten, die im gesellschaftlichen Leben stark benachteiligt waren, wie den Juden in Österreich, den Lutheranern und Kalvinisten in Böhmen und Ungarn, sowie den orthodoxen Christen in Siebenbürgen und im Banat. Der Vielvölkerstaat war Mitte des 18. Jahrhunderts ein durch die katholische Barockfrömmigkeit im aufklärerisch-innovativen Sinne erstarrtes Gebilde, das zugleich, durch die schlechte außen- und innenpolitische Lage mit starken politischen und religiösen Zerreißkräften konfrontiert wurde. Denn zusammengehalten wurde dieses Riesenreich allein durch die Personalunion der habsburgischen Dynastie, die über Jahrhunderte hinweg den Schutz des Katholizismus zu ihrem politischen Programm machte, und der wirtschaftlichen Pulsader des Landes: die Donau. Der gegenreformatorisch-tridentinische Katholizismus mit seinen machtvollen Institutionen wie dem Jesuitenorden war der wesentliche Garant zur Gewährleistung der gesellschaftlichen Wohlfahrt, Sittenlehre und Bildung. Doch zugleich waren die ausgedehnten Besitzungen der Kirchenorden, der Hochstifte und Bruderschaften, ein wirtschaftlicher und politischer Hemmfaktor, für den im 17. und 18. Jahrhundert, in Europa zunehmenden Staatsbildungsprozess und der damit einhergehenden Säkularisierung und Effizienzsteigerung. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass es für das Haus Habsburg überlebenswichtig war, die religiösen und damit politischen Probleme durch eine neuartige Toleranzpolitik zu lösen.
In dieser Arbeit wird zu zeigen sein, wodurch in Österreich zwischen 1765 und 1790 eine, in dieser Form und Radikalität noch nie dagewesene, Toleranzpolitik nötig und möglich wurde und was ihre primären Ziele sein sollte.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Strukturelle Erfordernisse der Toleranzpolitik
1.1. Österreichs außenpolitische Situation
1.2. Österreichs innenpolitische Situation
2. Kaiser Josephs II. persönliche Beweggründe für die Toleranzpolitik
2.1. Ausbildung, Lehrer, Einflüsse
2.2. Josephs Staatsziele im Verhältnis zu Kirche und Toleranz
3. Das Toleranzpatent von 1781
III. Schluss
Fazit
IV. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung und Bedeutung der religiösen Toleranzpolitik unter Kaiser Joseph II. im Kontext der staatlichen Effizienzsteigerung des absolutistischen Österreichs zwischen 1765 und 1790. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Toleranzpolitik als pragmatisches Instrument zur Stärkung des Staates diente.
- Strukturelle Bedingungen und außenpolitische Zwänge für das Habsburgerreich.
- Persönliche Beweggründe Josephs II. unter Einfluss der Aufklärung.
- Die Instrumentalisierung von Toleranz zur Verstaatlichung der Kirchenmacht.
- Analyse des Toleranzpatents von 1781 als politisches Steuerungsinstrument.
Auszug aus dem Buch
1.1. Österreichs außenpolitische Situation
Als Joseph II. im Jahr 1765 deutscher Kaiser wurde, befinden sich die Habsburgerländer in einer schwierigen Position. Schon nach dem Frieden von Utrecht 1713, als Österreich durch die Annexion der Südlichen Niederlande in direkte Nachbarschaft mit den innovativen protestantischen Staaten England und den Niederlanden kam, hatte man die Möglichkeit die Effizienz der Staatswirtschaft und -verwaltung direkt miteinander zu vergleichen.6 Die fatale Lage und Ineffizienz der österreichischen Länder, zeigte sich dann plötzlich in den katastrophalen Niederlagen im Österreichischen Erbfolgekrieg und den Schlesischen Kriegen.7 Das demographisch und territorial um ein vielfaches kleinere Preußen zeigte sich über Jahre hinweg dem riesigen Österreich ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen und konnte somit erfolgreich das reiche Schlesien für sich beanspruchen. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. ( der Große ) von Preußen schafften es, durch eine tolerante und äußerst effiziente Verwaltung, die preußischen Minderheitenprobleme zu lösen und einen Verwaltungs- und Armeeapparat aufzubauen, der in dieser Perfektion in ganz Europa seinesgleichen suchte.8
Trotz früher Reformen im Militärbereich und in der Finanzverwaltung 1748/49, durch die Kaiserin Maria Theresia,9 erwies sich Preußen im Siebenjährigen Krieg 1756-1763, erneut als ebenbürtig. So musste man in Wien zwangsweise auf die Frage kommen: Warum war die staatliche Effizienz der protestantischen Länder und insbesondere Preußens, denen der katholischen Länder bzw. Österreichs überlegen?10 Hier musste man schon bald zu der Erkenntnis kommen, dass die protestantischen Länder es durch eine rigorose Toleranzpolitik besser verstanden, die eigenen Minderheiten an sich zu binden und zu guten und damit effizienten Bürgern zu machen.11 Gerade Preußen verstand es, sich als „religiösen Retter“ hinzustellen, dessen Anziehungskraft jede benachteiligte Minderheit in Österreich und besonders die Protestanten zu potentiellen Kollaborateuren machte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in das 18. Jahrhundert als Zeitalter der Toleranz ein und skizziert die Notwendigkeit einer Toleranzpolitik für das Habsburgerreich angesichts politischer und religiöser Zerreißproben.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die strukturellen Erfordernisse, die persönlichen Beweggründe Josephs II. sowie die konkrete Ausgestaltung des Toleranzpatents als Maßnahme zur Steigerung der Staatseffizienz.
1. Strukturelle Erfordernisse der Toleranzpolitik: Dieses Kapitel beleuchtet, wie der außenpolitische Vergleich mit Preußen und die innenpolitische Machtstellung des Jesuitenordens Reformzwänge für das Kaiserreich erzeugten.
1.1. Österreichs außenpolitische Situation: Fokus liegt auf dem Konkurrenzkampf mit protestantischen Mächten und der Erkenntnis, dass Toleranz die Staatskraft stärken kann.
1.2. Österreichs innenpolitische Situation: Analyse der dominierenden katholischen Institutionen und der Benachteiligung religiöser Minderheiten, die als Hemmfaktor für den Staatsbildungsprozess fungierten.
2. Kaiser Josephs II. persönliche Beweggründe für die Toleranzpolitik: Untersuchung der intellektuellen Einflüsse auf Joseph II. und wie diese seine Reformabsichten formten.
2.1. Ausbildung, Lehrer, Einflüsse: Darstellung der aufklärerischen Denkansätze und Vorbilder wie Friedrich der Große, die Josephs Toleranzauffassung prägten.
2.2. Josephs Staatsziele im Verhältnis zu Kirche und Toleranz: Erläuterung von Josephs Bestreben, das Kirchenwesen der staatlichen Autorität unterzuordnen und als Werkzeug für das Gemeinwohl zu nutzen.
3. Das Toleranzpatent von 1781: Die Umsetzung der Toleranzpolitik wird anhand des Patents als Instrument zur Vermeidung von Kollaborationen und zur Festigung der Staatsmacht dargelegt.
III. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bewertet die Toleranzpolitik im Gesamtzusammenhang des Josephinismus.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Toleranzpolitik primär der Effizienzsteigerung des absolutistischen Staates und der Schwächung konkurrierender kirchlicher Machtstrukturen diente.
IV. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Josephinismus, Toleranzpolitik, Kaiser Joseph II., Absolutismus, Österreich, Aufklärung, Staatseffizienz, Toleranzpatent 1781, Staatsbildungsprozess, Maria Theresia, Religionspolitik, Kirchenreformen, Minderheiten, Gegenreformation, Preußen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung und strategischen Bedeutung der Toleranzpolitik unter Kaiser Joseph II. im späten 18. Jahrhundert in Österreich.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der absolutistische Staat, die Rolle der katholischen Kirche, die Auswirkungen der Aufklärung sowie der Zusammenhang zwischen religiöser Toleranz und staatlicher Effizienz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie und warum Toleranz in Österreich zwischen 1765 und 1790 zu einem notwendigen Instrument staatlicher Machtausübung und Reformpolitik wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die strukturelle äußere und innere Einflüsse, biographische Aspekte des Kaisers und die Dokumentenanalyse des Toleranzpatents von 1781 kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der außen- und innenpolitischen Erfordernisse, die Untersuchung der persönlichen Beweggründe Josephs II. und die Betrachtung des Toleranzpatents als konkretes Beispiel staatlicher Steuerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Josephinismus, Toleranzpolitik, Staatseffizienz, Aufgeklärter Absolutismus und die Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche.
Inwiefern beeinflusste Friedrich der Große die Toleranzpolitik Josephs II.?
Joseph sah in Preußen und dem toleranten Regierungsstil Friedrichs II. ein Modell zur Effizienzsteigerung, das er zur Lösung der österreichischen Minderheitenprobleme adaptieren wollte.
Warum stand Maria Theresia den Reformen ihres Sohnes skeptisch gegenüber?
Maria Theresia sah in der religiösen Toleranz eine Gefahr für die Herrschaftslegitimation und den Katholizismus, während Joseph sie als weltliches Mittel zur Stärkung des Staatswohls betrachtete.
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- Tim Altpeter (Author), 2009, Von der Entstehung und Bedeutung der religiösen Toleranz im Hinblick auf die Effizienz des absolutistischen Staates am Beispiel des Josephinismus 1765-1790, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163793