Seitdem die freudsche Psychoanalyse ihre Anwendung in der Literatur gefunden hat, hat sich unser Verständnis für das literarische Werk geändert.
Die Frage ist, ob man die Literatur psychoanalytisch deuten kann. Es gibt zwei entgegengesetzte Pole und zwei unterschiedliche Standpunkte zu diesem Problem. Die traditionellen Literaturkritiker wollen, dass die Literatur bei ihrer ästhetischen Funktion bleibt. Die Anhänger von Freuds Lehre sind dagegen der Meinung, dass jedes Kunstwerk einen emotionalen Konflikt des Autors ausdrückt, der sich mit dem psychoanalytischen Werkzeug untersuchen lässt. Sigmund Freud war nicht an der Kunst an sich interessiert, sondern an der Bedeutung der Symbole und Metaphern, die sie enthält. Er sagt, „Der Künstler ist im Ansatze auch ein Introvertierter, der es nicht weit zur Neurose hat. Er wird von überstarken Triebbedürfnissen gedrängt, möchte Ehre, Macht, Reichtum, Ruhm und Liebe der Frauen erwerben; es fehlen ihm aber die Mittel, um diese Befriedigungen zu erreichen. Darum wendet er sich wie ein anderer Unbefriedigter von der Wirklichkeit ab und überträgt all sein Interesse, auch seine Libido, auf die Wunschbildungen seines Phantasielebens, von denen aus der Weg zur Neurose führen konnte“ Es gibt sehr viele an die Psychoanalyse gerichtete Vorwürfe, die ihre Wissenschaftlichkeit beanstanden, jedoch hat im Laufe des letzten Jahrhunderts die psychoanalytische Methode so stark unseres Verständnis der Lebensprozesse geprägt, dass eigentlich kein Kunstkritiker frei von freudschem Einfluss ist, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. In seinem Essay über Dostojewski beruft sich Freud auf sein klinisches Wissen und auf den biographischen Stoff über diesen Schriftsteller, um zu zeigen, wieso sich Dostojewski eben mit dem Thema des Vatermordes beschäftigt hat. (...) Obwohl die Postfreudianer in letzter Zeit sehr vorsichtig geworden sind, weil sich die Auffassung der orthodoxen Lehre Freuds auch geändert hat, kann man nicht ganz auf die Psychoanalyse als Werkzeug für die Kunstinterpretation verzichten. Der Konflikt zwischen den oben genannten Standpunkten und gleichzeitig den Funktionen der Kunst ist nicht einfach zu lösen, weshalb die psychoanalytische Methode ihren Platz in der Kunstkritik weiterhin zu behalten hat, wenn sie auch nicht der einzige Weg zur Interpretation eines künstlerischen Werkes sein kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Person Dostojewskis
3. Der Roman „Die Brüder Karamasow“
3.1 Vatermord als Hauptmotiv in „Die Brüder Karamasow“
4. Die psychoanalytischen und psychologischen Gründe des Vatermordes
4.1 Freud: „Dostojewski und die Vatertötung“ – Ödipus – Komplex und Neurose
4.2 Die Figur des Vaters – homo fictus oder alter ego ?
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv des Vatermordes in Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ unter Anwendung der psychoanalytischen Theorie nach Sigmund Freud. Ziel ist es zu verifizieren, inwieweit die Psychoanalyse als Werkzeug zur Literaturinterpretation nützlich ist und wie biographische Faktoren Dostojewskis sowie die Vater-Sohn-Beziehung die Gestaltung seines letzten Romans beeinflusst haben.
- Analyse der Persönlichkeit Dostojewskis aus psychoanalytischer Sicht
- Untersuchung des Motivs des Vatermordes im Roman „Die Brüder Karamasow“
- Darstellung des Ödipus-Komplexes und der Vateridentifizierung
- Vergleich zwischen der Figur des alten Karamasow und Dostojewskis Vater
- Diskussion über die Relevanz der Psychoanalyse in der Literaturwissenschaft
Auszug aus dem Buch
4.1 Freud: „Dostojewski und die Vatertötung“ – Ödipus – Komplex und Neurose
Zum ersten konzentriere ich mich auf die Person des Dichters, so wie sie Freud in seinem Essay dargestellt hat. Er beschreibt seine Persönlichkeit als Zusammensetzung von vier Fassaden: den Dichter, den Neurotiker, den Ethiker und den Sünder. Für uns ist in diesem Moment relevant, wieso Freud ihn als Sünder und Verbrecher bezeichnet, obwohl er sich selbst bewusst ist, dass die wesentlichen Eigenschaften eines Verbrechers bei Dostojewski nicht zutreffen. Er ist weder eigensüchtig noch durch Lieblosigkeit zu charakterisieren.
Was Freud dazu veranlasst, diesem Dichter solche Eigenschaften zuzuschreiben ist die Tatsache, dass er für den Stoff seiner Werke immer gewalttätige, mörderische und eigensüchtige Charaktere wählt. Dies soll darauf hindeuten, dass in seinem Inneren solche Neigungen existieren. Deutlicher wird dies, wenn man Freuds These folgt, die besagt, dass Dostojewski einen starken Destruktionstrieb hatte, der gegen die eigene Person gerichtet war. Freud meint, dieser Destruktionstrieb äußerte sich als Masochismus und Schuldgefühle und sei hauptsächlich nach innen, statt nach außen gerichtet. Dostojewskis komplizierte Persönlichkeit ist noch schwerer verständlich durch seine Neurose. Das wichtigste Symptom seiner Neurose waren die epileptischen Anfälle. Wenn man nach Freud annimmt, dass er ein Neurotiker war, so war seine Krankheit eine „affektive“ Epilepsie, also Ausdruck einer Störung des Seelenlebens.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, inwieweit Dostojewskis Charakter und sein Verhältnis zum Vater durch die psychoanalytische Methode nach Freud interpretiert werden können.
2. Die Person Dostojewskis: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Biographie des Autors, wobei insbesondere der gewaltsame Tod seines Vaters und seine eigene Krankheitsgeschichte beleuchtet werden.
3. Der Roman „Die Brüder Karamasow“: Hier wird der Inhalt des Romans fokussiert, wobei das Verhältnis zwischen Fjodor Karamasow und seinen Söhnen als Ausgangspunkt für die psychologische Analyse dient.
3.1 Vatermord als Hauptmotiv in „Die Brüder Karamasow“: Dieser Abschnitt beschreibt die konkreten Konflikte und die wechselseitigen Schuldzuweisungen der Söhne, die schließlich zum Mord am Vater führen.
4. Die psychoanalytischen und psychologischen Gründe des Vatermordes: Ein Übergang zur theoretischen Analyse, in dem die Symmetrie zwischen Dostojewskis Leben und seinem literarischen Schaffen hervorgehoben wird.
4.1 Freud: „Dostojewski und die Vatertötung“ – Ödipus – Komplex und Neurose: Dieses Kapitel erläutert Freuds Deutung von Dostojewskis Neurose, seinem Masochismus und seiner Identifizierung mit dem Vatermörder.
4.2 Die Figur des Vaters – homo fictus oder alter ego ?: Eine Untersuchung, ob die literarische Gestalt des Fjodor Karamasow eine direkte Spiegelung von Dostojewskis Vater oder ein Ausdruck innerer psychischer Konflikte des Autors ist.
5. Schluss: Das Fazit fasst die Bedeutung der Psychoanalyse für die Literaturkritik zusammen und erkennt ihren Nutzen als Interpretationswerkzeug an.
Schlüsselwörter
Dostojewski, Psychoanalyse, Vatermord, Die Brüder Karamasow, Sigmund Freud, Ödipus-Komplex, Literaturinterpretation, Neurose, Vater-Sohn-Beziehung, Destruktionstrieb, Masochismus, Schuldgefühle, Literaturkritik, Identifizierung, Psychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der psychoanalytischen Untersuchung von Dostojewskis Leben und seinem Roman „Die Brüder Karamasow“, insbesondere mit dem zentralen Motiv des Vatermordes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Anwendung der Freudschen Psychoanalyse auf die Literatur, die Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung und die psychologischen Hintergründe der Charaktergestaltung Dostojewskis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu analysieren, ob und wie die psychoanalytische Methode nach Freud dazu dienen kann, literarische Motive und die Persönlichkeit des Autors zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die psychoanalytische Literaturanalyse verwendet, basierend auf Sigmund Freuds Essay „Dostojewski und die Vatertötung“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Vorstellung des Romans, eine biographische Einordnung Dostojewskis und eine detaillierte psychoanalytische Interpretation der Vatermord-Thematik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Psychoanalyse, Vatermord, Dostojewski, Ödipus-Komplex und Neurose charakterisiert.
Wie deutet Freud Dostojewskis Spielsucht?
Freud interpretiert die Spielsucht als eine Form der Selbstbestrafung, die mit der Schuldenlast und dem zugrunde liegenden masochistischen Strafbedürfnis des Autors verknüpft ist.
Welche Rolle spielt die Figur des Smerdjakow in der Analyse?
Smerdjakow wird als Epileptiker dargestellt, was Freud als „Geständnis“ Dostojewskis wertet, dass der neurotische Teil des Autors selbst den Vatermörder in ihm verkörpert.
Inwiefern beeinflusste Dostojewskis eigener Vater sein Werk?
Dostojewskis Vater wurde als Tyrann wahrgenommen; der Autor verarbeitete diesen Groll und die ambivalente Beziehung in seinen Romanfiguren, insbesondere in der Figur des alten Karamasow.
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- Dipl.-Soz. Beata Janosz (Author), 2004, Dostojewski und die Vatertötung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163747