Das Bild des Mfecane war in der Forschung bis zu Cobbings aufsehenregendem Artikel „The Mfecane as Alibi“ beinahe unumstritten. So ging man davon aus, dass es im südlichen Afrika eine Kettenreaktion von gesellschaftlichen Zentralisierungsprozessen, Gewalt und Fluchtbewegungen gegeben habe. Am Anfang und im Zentrum dieser Kettenreaktion stand dabei Shaka Zulu bzw. das Zulu Reich. Daher war diese Sichtweise auch eng verbunden mit einem Mythos über Shaka Zulu selber: Als brutalem Despoten auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch als genialem Napoleon, der durch die Einführung einiger militärischer Innovationen wie der eines neuartigen Speeres und der Schaffung von Regimentern, den amabutho, mit dem ihm quasi ein stehendes Heer zur Verfügung stand, eine Zulu-Nation schuf. Shaka hat, folgt man diesem Mythos, das Leben von Millionen von Menschen auf dem Gewissen. Mit seinen Kriegszügen habe er ganze Völker in die Flucht getrieben, die als Reaktion darauf, seine Innovationen übernahmen, selber Reiche gründeten und wiederum weitere Fluchtbewegungen auslösten. Die Mythisierung der Figur Shakas wurde nicht zuletzt durch die sehr begrenzte Zahl an Quellen und ihre mangelnde Verlässlichkeit gefördert.
Der aus Shakas Reichsgründung resultierende Mfecane hatte nach der damaligen Lehrmeinung die Entvölkerung ganzer Regionen im Süden Afrikas zur Folge. Somit erschien also schließlich auch die Kolonisierung dieser Länder durch die Europäer als legitim und sie selber als friedensbringende Zivilisatoren.
Cobbing dagegen versuchte zu zeigen, dass dieses Bild des Mfecane eine Erfindung und ein Alibi ist. Jedoch wurde seine Darstellung als „Verschwörungstheorie“ in dieser Form abgelehnt. Dennoch ist die Idee des Mfecane als Alibi in vieler Hinsicht fruchtbar. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass man die Entstehung dieses Alibis und der damit zusammenhängenden Mythen, nicht all zu statisch und konstruiert sehen darf. Selbst Erfindungen basieren auf einem weiten Feld von schon vorhandenem Wissen einer Zeit. Jeder Mythos hat einen wahren Kern. Auch wenn also die Zulu nicht unbedingt das Zentrum der Ereignisse waren, so hat der Mythos vom Mfecane dennoch in gewisser Hinsicht seine Ursprünge in der Realität.
Die Arbeit gibt einen kurzen Abriss der Neuerungen durch Cobbing und untersucht, wie es zur Entstehung von verschiedenen Mythen und Alibis kam, welche Sicht die Perspektive der Afrikaner dabei spielte und wie diese Mythen die Geschichte überdauerten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1. Der Mfcane als Alibi
2.2. Die Revision Cobbings
3.1. Der Mfecane:
Mythen und Alibis von Schwarzen und Europäern
3.2. Umdeutung und Konservierung des Mythos im 20Jh.
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die historische Konstruktion des „Mfecane“-Begriffs in der südafrikanischen Geschichtsschreibung. Dabei wird analysiert, wie dieser Begriff sowohl von kolonialen Kräften als auch von nationalistischen Strömungen innerhalb der schwarzen Bevölkerung als politisches Instrument – ein „Alibi“ – genutzt wurde, um Machtansprüche zu legitimieren und historische Narrative zu formen.
- Dekonstruktion des Mfecane-Mythos durch Julian Cobbing und seine Kritiker.
- Analyse der instrumentellen Nutzung von Geschichte durch europäische Siedler.
- Untersuchung der Rolle Shaka Zulus als Projektionsfläche für Mythen.
- Die Bedeutung ethnischer Identitätspolitik im Kontext der Inkatha-Bewegung.
- Wechselspiel zwischen historischer Realität und bewusster Mythenbildung.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Das Bild des Mfecane war in der Forschung bis zu Cobbings aufsehenregendem Artikel „The Mfecane as Alibi“ beinahe unumstritten. So ging man davon aus, dass es im südlichen Afrika eine Kettenreaktion von gesellschaftlichen Zentralisierungsprozessen, Gewalt und Fluchtbewegungen gegeben habe. Am Anfang und im Zentrum dieser Kettenreaktion stand dabei Shaka Zulu bzw. das Zulu Reich. Daher war diese Sichtweise auch eng verbunden mit einem Mythos über Shaka Zulu selber: Als brutalem Despoten auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch als genialem Napoleon, der durch die Einführung einiger militärischer Innovationen wie der eines neuartigen Speeres und der Schaffung von Regimentern, den amabutho, mit dem ihm quasi ein stehendes Heer zur Verfügung stand, eine Zulu-Nation schuf. Shaka hat, folgt man diesem Mythos, das Leben von Millionen von Menschen auf dem Gewissen. Mit seinen Kriegszügen habe er ganze Völker in die Flucht getrieben, die als Reaktion darauf, seine Innovationen übernahmen, selber Reiche gründeten und wiederum weitere Fluchtbewegungen auslösten. Die Mythisierung der Figur Shakas wurde nicht zuletzt durch die sehr begrenzte Zahl an Quellen und ihre mangelnde Verlässlichkeit gefördert.
Der aus Shakas Reichsgründung resultierende Mfecane hatte nach der damaligen Lehrmeinung die Entvölkerung ganzer Regionen im Süden Afrikas zur Folge. Somit erschien also schließlich auch die Kolonisierung dieser Länder durch die Europäer als legitim und sie selber als friedensbringende Zivilisatoren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Debatte um den Mfecane ein und stellt die Revision von Julian Cobbing vor, der das Konzept als kolonial geprägtes „Alibi“ entlarvte.
2.1. Der Mfcane als Alibi: Hier wird erläutert, wie Cobbing die traditionelle Sichtweise der Zulu als alleinige Auslöser einer Gewalt-Kettenreaktion infrage stellte und stattdessen koloniale Interessen als treibende Kraft hervorhob.
2.2. Die Revision Cobbings: Dieses Kapitel behandelt die kritische Auseinandersetzung von Elizabeth Eldrege und anderen Forschern mit Cobbings Thesen, wobei die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung der internen afrikanischen Entwicklungen betont wird.
3.1. Der Mfecane: Mythen und Alibis von Schwarzen und Europäern: Dieses Kapitel untersucht, wie sowohl europäische als auch afrikanische Akteure Mythen über Shaka Zulu produzierten und für ihre jeweiligen politischen Ziele instrumentalisierten.
3.2. Umdeutung und Konservierung des Mythos im 20Jh.: Hier wird aufgezeigt, wie der Mfecane-Mythos und die Figur Shakas in der Apartheidsepoche einerseits zur Rechtfertigung der Segregation und andererseits vom Zulu-Nationalismus zur Identitätsstiftung genutzt wurden.
4. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass der Mfecane-Mythos eine komplexe Mischung aus realen historischen Ereignissen und gezielten Konstruktionen ist, die weit über ein einfaches Täter-Opfer-Schema hinausgeht.
Schlüsselwörter
Mfecane, Shaka Zulu, Südafrika, Kolonialismus, Apartheid, Geschichtsmythen, Cobbings Revision, Inkatha, Nationalismus, Identitätspolitik, Historische Konstruktion, Historiographie, Bantustans, Arbeitsmigration, Widerstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die kritische Aufarbeitung des historischen Begriffs „Mfecane“ und deckt auf, wie dieser als politisches Instrument zur Mythenbildung missbraucht wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Dekonstruktion kolonialer Geschichtsschreibung, die Rolle von Shaka Zulu in Mythen sowie die Nutzung ethnischer Identitätspolitik durch Apartheid und Zulu-Nationalismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie historische Ereignisse von verschiedenen Akteuren als „Alibi“ für politische Zwecke umgedeutet wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historiographische Analyse und den Vergleich unterschiedlicher Forschungspositionen, insbesondere basierend auf dem Diskurs um Julian Cobbing.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Revision der Mfecane-Theorie, der Analyse der Mythenproduktion durch Europäer und Schwarze sowie der Konservierung dieser Mythen im 20. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Mfecane, Shaka Zulu, Geschichtsmythen, Kolonialismus, Identitätspolitik und Apartheid.
Wie hat der Zulu-Nationalismus Shaka Zulu für sich genutzt?
Die Bewegung (insbesondere Inkatha) stilisierte Shaka zum ersten schwarzen Nationalisten und Revolutionär um, um eine historische Legitimation für ihre Ziele zu erhalten.
Warum war das Bild des Mfecane für die Apartheidspolitik hilfreich?
Das Bild der durch Gewalt entvölkerten Regionen diente als Rechtfertigung für die Einrichtung der Homelands und zur Unterstreichung einer rassistischen Paternalismus-Ideologie.
Hat der Mythos vom Mfecane heute noch Bedeutung?
Ja, der Autor stellt fest, dass diese Mythen teilweise weiterhin in politischen Wahlkämpfen oder durch touristische Erlebnisparks wie „Shakaland“ fortbestehen.
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- Niko Pankop (Author), 2009, Der Mfecane: Multiple Mythen und Alibis von Schwarzen und Weißen in Südafrika, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163598