Aus dem Schluss der Einführung:
"Was ich zu zeigen versuche ist, dass hier, zumindest in den Medien, ein Sprechen über die Wirtschaftskrise in Begriffen der Virologie um sich greift. An diesem Sprechen zeigt sich ein verborgener und mittels der Metaphernanalyse sichtbar gemachter Diskurs über Globalisierung, der dem Bedrohlichen - entgegen Konstruktionen wie dem gemütlichen 'globalen Dorf' - erst Ausdruck verschafft."
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung ins Thema
2. Superposition von Globalisierung und Virus
3. Zur Diagnostik infizierter Volkswirtschaften
4. Theoretisch-methodischer Teil
4.1. Kognitive Linguistik
4.2. Über die Diskurs- zur Metaphernanalyse
5. Analyseteil
5.1. Die Wirtschaft als Krisen- und Krankheitsfall
5.2. Die zwei Seiten des Wachstums
5.3. Hoffnung auf Beherrschung
6. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den Globalisierungsdiskurs während der Finanz- und Wirtschaftskrise ab Herbst 2008 unter Verwendung der Metaphernanalyse. Ziel ist es aufzuzeigen, wie komplexe ökonomische Phänomene durch medizinische Begriffe wie "Virus" oder "Krankheit" kognitiv erschlossen werden und welche ideologischen Konstrukte sich in dieser Metaphorik verbergen.
- Metaphorische Konzeptualisierung der Wirtschaft als Organismus
- Analyse der Übertragung von medizinischen Begriffen auf ökonomische Krisen
- Untersuchung des Spannungsfelds zwischen Wachstum als unternehmerische Maxime und als unkontrollierbare Bedrohung
- Die Rolle der Metaphernanalyse als Methode der Wissenssoziologie
- Kritische Reflexion des neoliberalen Globalisierungsdiskurses
Auszug aus dem Buch
3. ZUR DIAGNOSTIK INFIZIERTER VOLKSWIRTSCHAFTEN
Natürlich hat es immer wieder Epidemien gegeben, die sich in (für die jeweiligen Verhältnisse) rasantem Tempo über den Globus oder über Teile desselben ausgebreitet hatten. Der von Mensch zu Mensch übertragene Erreger, sei dies nun ein Bakterium wie bei der Tuberkulose oder ein Virus wie bei der Grippe, hat in seiner Tendenz zur Verbreitung entlang von Handels- oder Kriegesrouten immer wieder von Neuem die Diffusität künstlicher wie natürlicher Grenzen aufgezeigt. Aber weder kann man deshalb schon von einer globalisierten Welt sprechen noch lässt sich ein damals bereits vorhandenes Bewusstsein dafür konstatieren. Ganz anders heute.
Auf eine Weise ist es, als würden wir hier, in diesem Prozess, auf den Globus wie durch die Linse eines Mikroskops blicken, die das zelluläre Geschehen in einem ungleich grösseren Massstab abbildet: Ausgehend von einem lokalen Infektionsherd (in diesem Fall: Mexiko) breitet sich das Virus allmählich über die Blutbahnen (Verkehrswege) in andere Regionen des Körpers (Länder) aus, wo es sich, solange es nicht genug bekämpft wird, der Replikation widmet und immer mehr Zellen (Menschen) befällt. Doch das Virus befällt nicht nur lebende Organismen, seien dies nun Menschen oder Zellen. Es infiziert auch ganze Volkswirtschaften und Unternehmen – nicht weil in diesen auch Menschen vorkommen, die sich ihrerseits mit Schutzimpfungen und anderen Hygienemassnahmen herumschlagen (müssen), sondern als „eine mastermetaphor der globalisierten Welt. In mehrfach doppeldeutiger Weise signifiziert sie die Lust an schrankenlosem Austausch und die Angst vor Infektion in diesen Kontakten“ (Sarasin 2004b:291). Das Virus funktioniert auf metaphorischer Ebene optimal als (Über-) Träger von Inhalten – und das gleich in doppelter Hinsicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung ins Thema: Einführung in die Problematik der Metaphorik von Globalisierung und deren Untersuchung anhand der Finanz- und Wirtschaftskrise.
2. Superposition von Globalisierung und Virus: Theoretische Herleitung, warum das abstrakte Konzept Globalisierung kognitiv über die Metapher des Virus erschlossen wird.
3. Zur Diagnostik infizierter Volkswirtschaften: Untersuchung der medialen Darstellung von Wirtschaftskrisen als medizinische Ansteckungsphänomene.
4. Theoretisch-methodischer Teil: Vorstellung der theoretischen Grundlagen (Kognitive Linguistik) und der angewandten Methode (Metaphernanalyse).
5. Analyseteil: Praktische Anwendung der Metaphernanalyse auf Pressetexte zur Finanz- und Wirtschaftskrise.
6. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Reflexion über die Ambivalenz des Wachstumsbegriffs im globalisierten Kontext.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Wirtschaftskrise, Metaphernanalyse, Virus, Organismus, Rezession, Neoliberalismus, Wissenssoziologie, Finanzkrise, Infektion, Wachstum, Diskurs, Kommunikation, Medienanalyse, Körpermetaphern.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 in den Medien durch medizinische und virologische Metaphern beschrieben und interpretiert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Soziologie der Globalisierung, die kognitive Linguistik, die Diskursanalyse sowie die wirtschaftswissenschaftliche Krisenberichterstattung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das ideologische Konstrukt hinter der metaphorischen Sprache aufzudecken, die das abstrakte Phänomen der Globalisierung durch das greifbare, aber bedrohliche Konzept eines "Virus" beschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor verwendet die Metaphernanalyse, insbesondere in der Tradition von Sabine Maasen und Peter Weingart, um Wissenstransfers in Diskursen sichtbar zu machen.
Was bildet den Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert konkrete Pressetexte, in denen Begriffe wie "Infektion", "Krebsgeschwür" oder "Patient" genutzt werden, um die Zustände von Volkswirtschaften zu beschreiben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe "Metaphorik des Viralen", "Wirtschaftsorganismus", "Globalisierungsdiskurs" und "Interventionsmöglichkeiten" kennzeichnen.
Wie unterscheidet sich "Wachstum" in diesem Kontext?
Der Autor arbeitet heraus, dass "Wachstum" im neoliberalen Kontext einerseits als erstrebenswerte Maxime, andererseits in medizinischen Metaphern als zerstörerische, unkontrollierbare Vermehrung (wie bei einem Virus) gerahmt wird.
Warum wird die Metapher des Patienten für Staaten wie Griechenland genutzt?
Die Metapher dient dazu, die vermeintliche Hilfsbedürftigkeit und notwendige externe "Behandlung" (Sanierung) einer Wirtschaft zu rechtfertigen, indem der Staat als ein auf Heilung wartender Körper dargestellt wird.
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- Markus Kocher (Author), 2010, Die zwei Seiten des Wachstums, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163412