Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten.
Otto Wels, Rede vor dem Reichstag am 23. März 1933
Die Rede des sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Otto Wels während der Sitzung des Reichstags am 23. März 1933 war ein letzter Akt des Aufbäumens gegen die republikfeindlichen Nationalsozialisten. Diese Sitzung markierte nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 zugleich das Ende der Weimarer Demokratie. Mit einer Zweidrittelmehrheit verabschiedete das Parlament das Gesetz zur „Behebung der Not von Volk und Reich“. Das Gesetz ermöglichte es den Nationalsozialisten ohne Zustimmung des Reichstags Gesetze zu erlassen und wird oftmals als erster Tag der Diktatur Hitlers bezeichnet. Einzig die 94 Abgeordneten der SPD stimmten gegen die Verabschiedung des Gesetzes. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der Rolle der Sozialdemokraten bei der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur durch Adolf Hitler. Trägt die SPD politische Verantwortung für den Untergang der Weimarer Republik, oder wurde das Mögliche zur Verhinderung der Entstehung der NS-Diktatur getan? Diese Frage in Bezug auf die Endphase der Weimarer Republik zu beantworten ist Ziel dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gründung und Kaiserreich
3. Weimarer Republik 1918 bis 1930
4. Das Ende der Weimarer Republik 1930 bis 1933
4.1 Sozialdemokratische Politik 1930 – 1933
4.1.1 Tolerierungspolitik
4.1.2 Das Präsidialkabinett Papen
4.1.3 Hitler an der Macht
4.2 Sozialdemokratische Wählermilieus
4.3 Sozialdemokratische Programmatik und Selbstverständnis
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die politische Rolle und Strategie der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) in der Endphase der Weimarer Republik zwischen 1930 und 1933. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob die Partei durch ihr politisches Handeln zur Verhinderung der nationalsozialistischen Diktatur das ihr Mögliche unternommen hat oder ob sie durch ihre Strategie, insbesondere die Tolerierungspolitik, den Untergang der demokratischen Ordnung ungewollt mitbegünstigte.
- Die Tolerierungspolitik gegenüber den Präsidialkabinetten
- Die Wählerwanderungen zur NSDAP und KPD
- Die Entwicklung der sozialdemokratischen Programmatik
- Das Spannungsfeld zwischen demokratischem Anspruch und realpolitischer Notwendigkeit
- Die Rolle der Partei bei der Verteidigung der parlamentarischen Demokratie
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Tolerierungspolitik
Bis zur Mitte des Jahres 1930 fand eine Auseinandersetzung der Sozialdemokratie mit dem Erstarken der nationalsozialistischen Bewegung nicht statt (Pyta 1989: S. 203). Die Entscheidung der Reichstagsfraktion der SPD vom März 1930, einem Kompromiss zur Zukunft der Arbeitslosenversicherung nicht zuzustimmen, zeigt, dass Überlegungen für eine Politik zur Bekämpfung des Nationalsozialismus nicht im Vordergrund standen. Durch die Ablehnung des Kompromisses wurde die weitere Stabilität der Koalition gefährdet (Pyta 1989: S. 204). Im Streit mit der DVP über die Höhe der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung war die SPD nicht zu Zugeständnissen bereit, da sie bei einem Nachgeben eine Wählerwanderung zur KPD befürchtete (Bracher 1984: S. 266 f.). Am 28. März 1930 zerbrach die Große Koalition aus SPD, Zentrum, DVP, DDP und BVP schließlich. Zwar waren drei von vier sozialdemokratischen Ministern für die Zustimmung zum Kompromissvorschlag des Zentrumsfraktionsvorsitzenden Brüning, die SPD Reichstagsfraktion lehnte diesen jedoch ab (Weißbecker 1990: S. 132). Mit dem Bruch der Koalition wurde dem Einzug der Präsidialkabinette, an deren Ende die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 stand, die Tür geöffnet (Pyta 2004: S. 96).
Nach dem Zusammenbruch der Koalition rückten die Nationalsozialisten im Juni 1930 erstmals in den Vordergrund der Diskussion. Nach den Zugewinnen der NSDAP bei der Landtagswahl in Sachsen, bei der die Partei 14,5 % der Stimmen erreichte und damit hinter der SPD zweitstärkste Partei wurde, stellte sich erstmals das Problem der parlamentarischen Mehrheitsfindung. Die Argumentation des „kleineren Übels“ hielt Einzug bei den Sozialdemokraten. Die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien wurde intensiviert und prägte die Politik der Partei bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Im Reichstag stütze die sozialdemokratische Fraktion die eigentlich ungeliebte Brüning-Administration um eine Regierungsbeteiligung der NSDAP zu verhindern (Klenke 1983: S. 202).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die historische Zäsur des Jahres 1933 und definiert das Ziel der Arbeit, die Rolle der SPD in der Endphase der Weimarer Republik kritisch zu beleuchten.
2. Gründung und Kaiserreich: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung der Partei und ihre marginalisierte Rolle im Obrigkeitsstaat sowie die anfängliche Oppositionshaltung nach.
3. Weimarer Republik 1918 bis 1930: Hier wird der Anteil der SPD an der Etablierung der demokratischen Republik und die spätere Arbeit in verschiedenen Regierungskonstellationen bis 1930 behandelt.
4. Das Ende der Weimarer Republik 1930 bis 1933: Der Hauptteil analysiert die Tolerierungspolitik, die Wählermilieus und die ideologische Programmatik der Partei in der Zeit der Präsidialkabinette und des Aufstiegs der NSDAP.
5. Fazit: Das Fazit bewertet die Rolle der SPD kritisch und kommt zu dem Schluss, dass die Partei zwar als einzige die Demokratie verteidigte, jedoch durch Passivität und politische Blindheit nur begrenzte Möglichkeiten zur Verhinderung der NS-Diktatur hatte.
Schlüsselwörter
Sozialdemokratie, Weimarer Republik, SPD, Tolerierungspolitik, Nationalsozialismus, NSDAP, Präsidialkabinett, Heinrich Brüning, Franz von Papen, Kurt von Schleicher, Arbeiterbewegung, Parlamentarismus, Faschismus, Preußenschlag, Wählerwanderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das politische Handeln und die Strategien der SPD in der Endphase der Weimarer Republik zwischen 1930 und 1933.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung behandelt?
Die zentralen Themen sind die Tolerierungspolitik gegenüber Präsidialkabinetten, die Auswirkungen auf die Wählerbasis sowie das Ringen der SPD um eine konsistente Linie gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob die SPD durch ihr politisches Handeln das Äußerste getan hat, um den Untergang der Weimarer Republik und die Machtübernahme Hitlers zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur und historischen Quellen basiert, um die strategischen Entscheidungen der Parteiführung zu bewerten.
Was umfasst der inhaltliche Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Jahre 1930 bis 1933, beleuchtet die Tolerierungspolitik unter Brüning, die Ereignisse um den Preußenschlag sowie die programmatische Haltung der SPD.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Wichtige Begriffe sind Tolerierungspolitik, Präsidialkabinette, Faschismus-Analyse und die Spaltung der Arbeiterbewegung.
Warum war die Tolerierungspolitik für die SPD so problematisch?
Obwohl sie eine kurzfristige Regierungsbeteiligung der NSDAP verhinderte, entzog sie der SPD die parlamentarische Handlungsfähigkeit und schwächte durch die Stützung einer Notverordnungsregierung die demokratische Legitimation.
War der Widerstand gegen den sogenannten „Preußenschlag“ laut der Arbeit erfolgreich?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass ein aktiver Widerstand angesichts der massiven wirtschaftlichen Not und der Schwäche der preußischen Polizei aussichtslos gewesen wäre.
- Arbeit zitieren
- Benjamin Käflein (Autor:in), 2010, Die Sozialdemokratie während der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163140