In den vergangenen Jahren wurde, ausgelöst von in den Medien berichteten, teils tödlich verlaufenden Misshandlungsfällen von Säuglingen und Kleinkindern, ein dynamischer Prozess zur Verbesserung des Kinderschutzes in Gang gesetzt, der bis heute anhält. Gesetze, wie der § 8a SGB VIII wurden novelliert und Konzepte zum Kinderschutz wurden neu überdacht. Durch das zur Verfügung stellen von öffentlichen Mittel konnten vielerorts Modellprojekte ins Leben gerufen werden. Aus einem Modellprojekt entwickelte sich die Koordinierende Kinderschutzstelle (KoKi), die momentan bayernweit implementiert wird.
Am 13. Juli 2009 fand die Auftaktveranstaltung zur regelhaften Etablierung Früher Hilfen in Bayern „KoKi – Netzwerk frühe Kindheit“ statt. Im Jahr 2006 nahm Bayern im Vorfeld zusammen mit Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Thüringen länderübergreifend an dem inzwischen abgeschlossenen Modellprojekt „Guter Start ins Kinderleben“ teil. Die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer betonte dort, dass mit dem Modellprojekt in Bayern an den Standorten Erlangen und Traunstein beste Erfahrungen gemacht worden seien, sodass sich die bayerische Staatsregierung dazu entschlossen habe, die Kommunen ab 2009 bei der Installierung von KoKis zu fördern (Haderthauer, 2009, 9 f.).
Des Weiteren gibt es bereits Modellprojekte in ganz Deutschland. Unter Einbeziehung der bereits vorliegenden Erkenntnisse dieser Modellprojekte und unter Berücksichtigung der Vorgaben des Bayerischen Familienministeriums werden in der vorliegenden Arbeit Konsequenzen für die Netzwerkarbeit zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen dargestellt. Hierzu werden einleitend die KoKis betrachtet (Kapitel 2) und ein kurzer Einblick in die Erkenntnisse der Netzwerkarbeit gegeben (Kapitel 3). Im Anschluss daran werden die bereits vorhandenen Angebote des präventiven Kinderschutzes sowohl in der Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 4) als auch im Gesundheitswesen (Kapitel 5) erläutert. Basierend auf diesen Erkenntnissen werden daraus Konsequenzen für die Netzwerkarbeit gezogen (Kapitel 6).
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. KOORDINIERENDE KINDERSCHUTZSTELLE (KOKI)
2.1. Hintergrund der KoKi
2.2. Gesetzliche Grundlagen der KoKi
2.3. Konzeptionelle Grundlagen der KoKi
2.4. Aufgaben der KoKi
2.4.1. Netzwerkbezogene Aufgaben
2.4.2. Familienbezogene Aufgaben
3. ZUR NETZWERKARBEIT
3.1. Begriffsbestimmung zur Netzwerkarbeit
3.2. Theorien zur Netzwerkarbeit
3.3. Systemtheoretischer Ansatz nach Kämper und Schmidt
4. PRÄVENTIVER KINDERSCHUTZ IN DER KINDER- UND JUGENDHILFE
4.1. Leistungserbringer der Kinder- und Jugendhilfe
4.2. Präventive Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
5. PRÄVENTIVER KINDERSCHUTZ IM GESUNDHEITSWESEN
5.1. Leistungserbringer des Gesundheitswesens
5.2. Aufgabenbereiche präventiver Maßnahmen im SGB V
5.3. Aufgabenbereiche präventiver Maßnahmen im SGB IX
5.4. Aufgabenbereiche präventiver Maßnahmen im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD)
5.5. Schwangerschafts(konflikt)beratung
6. KONSEQUENZEN FÜR DIE NETZWERKARBEIT
7. FAZIT
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Bachelorarbeit setzt sich mit der Implementierung und Arbeitsweise der Koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKi) auseinander, um die Notwendigkeit und die praktischen Herausforderungen der Netzwerkarbeit zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen bei der präventiven Sicherung des Kindeswohls zu untersuchen.
- Grundlagen und Aufgaben der Koordinierenden Kinderschutzstelle (KoKi)
- Theoretische Fundierung der systemtheoretischen Netzwerkarbeit
- Präventive Ansätze und gesetzliche Rahmenbedingungen in der Jugendhilfe
- Präventive Maßnahmen und Leistungserbringer im Gesundheitswesen
- Schnittstellenmanagement zur Reduzierung von Reibungsverlusten
Auszug aus dem Buch
3.3. Systemtheoretischer Ansatz nach Kämper und Schmidt
In der neueren Systemtheorie besitzt der Begriff des Netzwerks „keinen besonderen systematischen Stellenwert.“ (Kämper/Schmidt, 2000, 217). Niklas Luhmann, einer der renommiertesten Vertreter der Systemtheorie, setzt sich mit dem Begriff der Netzwerke nur rudimentär auseinander. Der Netzwerkbegriff wird bei ihm eher metaphorisch verwendet (Trier u.a., 2003, 102). Nichtsdestotrotz sind Kämper und Schmidt der Auffassung, dass die von Luhmann eingeführte Differenzierung der Systeme in die drei Systemtypen Interaktionen, Gesellschaft und Organisationen für die Netzwerkanalyse bedeutsam ist (Kämper/Schmidt, 2000, 211).
Unter Interaktion versteht Luhmann Sozialsysteme, die durch Kommunikation der Anwesenden entstehen, indem sich Anwesende wechselseitig wahrnehmen. Nichtanwesende gehören nicht zum System (Luhmann, 2008, 211). Durch die Sprache lassen sich nichtanwesende Aspekte der Umwelt im Interaktionssystem thematisieren. Die Gesellschaft beschreibt Luhmann als ein umfassendes Sozialsystem sämtlicher mittels Kommunikation füreinander erreichbarer Handlungen. Organisationen sind nach Luhmann als Systeme zu verstehen, die bestimmte Bedingungen an eine Mitgliedschaft knüpfen, die meist in Mitgliedschaftsregeln festgehalten sind (Luhmann, 1975, 10 ff.).
Kämper und Schmidt greifen die von Luhmann vorgenommene Unterscheidung in die drei Systemtypen auf, um damit zu begründen, „dass es sich bei Netzwerken um eine Form der strukturellen Kopplung von Organisationen handelt und dass für diese Kopplung Interaktion in Anspruch genommen wird.“ (Kämper/Schmidt., 2000, 211). Eine strukturelle Kopplung findet im Sinne von Maturanas biologischen Theorie dann statt, „wenn ihre jeweiligen Strukturen sequentielle Veränderungen erfahren, ohne dass die Identität der Systeme zerstört wird.“ (Maturana, 1982, 150). Luhmann definiert strukturelle Kopplung als die Angepasstheit des Systems an die Umwelt. Operativ geschlossene Systeme sind somit für die Umwelt offen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit von Kinderschutz als gesamtstaatliche Aufgabe und führt das Modell der Koordinierenden Kinderschutzstelle (KoKi) als Antwort auf medienwirksame Misshandlungsfälle ein.
2. KOORDINIERENDE KINDERSCHUTZSTELLE (KOKI): Dieses Kapitel analysiert den Hintergrund, die rechtliche Verankerung und die konzeptionellen Aufgaben der KoKi-Stellen in Bayern.
3. ZUR NETZWERKARBEIT: Hier werden theoretische Ansätze der Netzwerkarbeit, insbesondere der systemtheoretische Ansatz nach Kämper und Schmidt, zur Analyse von organisationsübergreifenden Kooperationen herangezogen.
4. PRÄVENTIVER KINDERSCHUTZ IN DER KINDER- UND JUGENDHILFE: Das Kapitel beschreibt die gesetzlichen Aufträge und präventiven Leistungen, die Träger der öffentlichen Jugendhilfe zur Unterstützung von Familien erbringen.
5. PRÄVENTIVER KINDERSCHUTZ IM GESUNDHEITSWESEN: Es erfolgt eine detaillierte Darstellung der präventiven Möglichkeiten und Leistungserbringer im Gesundheitswesen basierend auf dem SGB V, SGB IX und dem öffentlichen Gesundheitsdienst.
6. KONSEQUENZEN FÜR DIE NETZWERKARBEIT: Das Kapitel leitet Strategien zum Schnittstellenmanagement ab, um Reibungsverluste zwischen den unterschiedlichen Systemen der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens zu minimieren.
7. FAZIT: Das Fazit fasst die Bedeutung des Modellprojekts „Guter Start ins Kinderleben“ zusammen und gibt einen Ausblick auf die zukünftige gesetzliche Entwicklung des Kinderschutzes in Deutschland.
Schlüsselwörter
Kinderschutz, KoKi, Prävention, Netzwerkarbeit, Frühe Hilfen, Jugendhilfe, Gesundheitswesen, SGB VIII, Systemtheorie, Schnittstellenmanagement, Kindeswohlgefährdung, Frühwarnsysteme, strukturelle Kopplung, Familienförderung, Guter Start ins Kinderleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie durch Koordinierende Kinderschutzstellen (KoKi) die Zusammenarbeit zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen verbessert werden kann, um den präventiven Kinderschutz zu stärken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Vernetzung verschiedener Hilfesysteme, das Erkennen von Risikofaktoren für das Kindeswohl sowie die Abstimmung zwischen pädagogischen und medizinischen Versorgungsansätzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Konsequenzen für eine effektive Netzwerkarbeit aufzuzeigen, die durch die KoKi-Stellen als Schaltzentralen gesteuert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine fundierte Literaturanalyse und greift auf Modellprojekte wie „Guter Start ins Kinderleben“ zurück, um die Praxisrelevanz systemtheoretischer Überlegungen zu untermauern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der KoKi-Stellen, theoretische Grundlagen der Netzwerkarbeit sowie eine Bestandsaufnahme der präventiven Angebote in der Jugendhilfe und im Gesundheitswesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Kinderschutz, Netzwerkarbeit, Frühe Hilfen, KoKi, Prävention und Schnittstellenmanagement.
Warum ist das Modell „Guter Start ins Kinderleben“ für die Arbeit so relevant?
Es dient als praxisnahes Beispiel, wie interdisziplinäre Netzwerke auf kommunaler Ebene erfolgreich implementiert werden können und welche Rolle dabei die KoKi-Stellen einnehmen.
Welche Bedeutung haben die sogenannten „Reibungsverluste“ in der Arbeit?
Reibungsverluste entstehen durch die unterschiedlichen Logiken und Arbeitsweisen von Jugendhilfe und Gesundheitswesen; die Arbeit zeigt auf, wie diese durch gezieltes Schnittstellenmanagement abgebaut werden können.
- Quote paper
- Birgit Rabong (Author), 2010, Koordinierende Kinderschutzstelle (KOKI), Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/162697