Die Seminararbeit analysiert Theorien der Corporate Governance am Beispiel der Dieselgate-Affäre bei Volkswagen und gliedert sich in Einleitung, Stand der Wissenschaft, Dieselgate-Affäre und Resümee.
Die Einleitung betont die Notwendigkeit von Wirtschaftsethik angesichts globaler Ungleichheiten und Skandale wie Dieselgate, die das Vertrauen in Unternehmen wie VW erschütterten. Der zweite Abschnitt erläutert Corporate Governance, insbesondere die Prinzipal-Agenten-Theorie, die Interessenkonflikte zwischen Eigentümern und Managern fokussiert, und den Stewardship-Ansatz, der auf vertrauensvolles, kollektivistisches Verhalten von Führungskräften setzt.
Im dritten Teil wird die Dieselgate-Affäre beschrieben: Volkswagen manipulierte Abgaswerte durch illegale Software, was milliardenschwere Verluste und einen Imageverlust verursachte. Die Arbeit untersucht, warum Corporate-Governance-Mechanismen versagten, und wendet beide Theorien an, um Schwächen in der Überwachung und Verantwortung zu identifizieren. Der Stewardship-Ansatz wird als mögliche Präventionsstrategie diskutiert.
Das Resümee betont die Relevanz beider Ansätze, empfiehlt jedoch eine differenzierte Anwendung je nach Unternehmenskontext. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick auf weiterführende Forschung, etwa durch Experteninterviews, um die Eignung der Ansätze zu prüfen.
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T A B E L L E N V E R Z E I C H N I S
A B B I L D U N G S V E R Z E I C H N I S
A B K Ü R Z U N G S V E R Z E I C H N I S
3 Dieselgate-Affäre
4 Resümee
L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S
T A B E L L E N V E R Z E I C H N I S
Tabelle 1 Unterscheidung Shareholder- und Stakeholderansatz - Eigene Tabelle in Anlehnung an Hirth (2013: S. 29ff.)
A B B I L D U N G S V E R Z E I C H N I S
Abb. 1: Monistisches vs. Dualistisches System der Corporate Governance (Eigene Darstellung in Anlehnung an Hansch 2012: S. 11)
Abb. 2 Evolution von CG – Eigene Darstellung in Anlehnung an Zwick/ Jeromin 2023: S. 83
Abb. 3 Systematisierung des deutschen Corporate-Governance-Systems – Eigene Darstellung in Anlehnung an Winkler 2018: S. 8
Abb. 4 Aktionärsstruktur der Volkswagen AG zum 31. Dezember 2023 in Prozent des gezeichneten Kapitals – Eigene Darstellung in Anlehnung an https://www.volkswagen-group.com/de/aktionaersstruktur-15951
Abb. 5 Leitfragen für die Diagnose einer Ausgangssituation von Transformationsprozessen (Künkel 2023: S. 33)
Abb. 6 Beispielhafte Anwendung des Individuelle Leadership Kompetenz-Tools nach Künkel
A B K Ü R Z U N G S V E R Z E I C H N I S
Abb. Abbildung
AG Aktiengesellschaft
BoD Board of Directors (deutsch: Vorstand)
CEO Chief Executive Officer (deutsch: Vorstandsvorsitzender)
CG Corporate Governance
CSR Corporate Social Responsibility (deutsch: gesellschaftliche Unternehmensverantwortung)
EU Europäische Union
MitbestG Mitbestimmungsgesetz
NOx Stickstoffoxide
PKW Personenkraftwagen
US EPA Environmental Protection Agency (deutsch: Umweltschutzbehörde)
VW Volkswagen
1 Einleitung
Die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen eines rasanten Kapitalismus haben in den letzten Jahrzehnten den Ruf nach einer Wirtschaftsethik laut werden lassen. Dieser Ruf verdankt der anfänglich vagen Intuition, dass mit diesen Nebenwirkungen nicht alles in Ordnung ist: die ungleichgewichtige Verteilung von Reichtum und Armut im globalen wie auch nationalen Maßstab, die zunehmende Unberechenbarkeit sozialer Auf- oder Abstiege und die zunehmenden Wettbewerbs- und Betrugsskandale. All das führt zu einem mehr oder weniger diffusen Unbehagen am kapitalistischen Wirtschaftssystem (vgl. Trautnitz 2008: S. 340).
In den vergangenen Jahrzehnten traten viele mikro- und makroökonomische Wirtschaftskrisen sowie Skandale und Betrugsfälle im Wirtschaftsrecht auf, die für die beteiligten Unternehmen und Unternehmensvertreter rechtliche Konsequenzen mit sich brachten (vgl. Spennlingwimmer 2017: S. 1). Die Corporate Governance-Debatte wurde durch spektakuläre Ereignisse wie den Korruptionsskandal bei Siemens im Jahr 2006 oder die Bilanzmanipulation bei Enron im Jahr 2001 vorangetrieben (vgl. Zerfaß/ Piwinger/ Röttger 2022: S. 236). Der deutsche Aufsichtsrat zum Beispiel ist nicht unbedingt auf internationaler Ebene beliebt. Sollen die Rechtsordnungen in Europa das Ende der AG und des AktG einleiten? Die Frage zielt sowohl auf den Regelungswettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten der EU als auch auf die Demarkationslinien zwischen Mitgliedstaaten und Verbund ab (vgl. Grundei et. al. 2012: S. 52). Im Jahr 2015 erfuhr man, dass der Volkswagen-Konzern die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen millionenfach manipuliert hat. Kurz vor seinem erzwungenen Ausscheiden im Jahr 2015 sprach Martin Winterkorn, der technikbesessene Vorstandsvorsitzende, von einem „schlimmen Fehler einiger Weniger“ und versprach eine schnelle und umfassende Aufklärung. Er will nichts von dem Einbau der Betrugssoftware gewusst haben (vgl. Ahlheim et. al. 2024: S. 28). Warum wurde dieser Zwischenfall trotz der Corporate Governance (CG) nicht bemerkt? Hinzukommt, dass lt. einer Befragung aus dem Jahr 2016 ca. 42 % der Befragten angaben, dass das Vertrauen in VW durch den Abgasskandal geschwunden ist. Also kann man hier von einem Imageverlust sprechen (vgl. Statista Umfrage KFZ 2016).
Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit dem Stand der Wissenschaft des CG. Hierbei wird im engeren Sinne der Stewardship-Ansatz sowie die Prinzipal-Agenten-Theorie betrachtet und deren Auswirkungen auf die Gestaltung der CG veranschaulicht. Im zweiten Abschnitt dieser Arbeit werden die Theorien auf die sog. VW „Dieselgate“-Affäre angewendet und es wird herausgearbeitet, inwiefern diese Methoden den Skandal erklären oder hätten verhindern/ reduzieren können. Hierbei wird zuerst der Sachverhalt vorgestellt. Im nächsten Schritt (Anwendung der in dieser Arbeit vorgestellten theoretischer Konzepte) wird überprüft, welche Faktoren des CG hier nicht gegriffen haben und wie diese hätte vermieden werden können. Bei dem Vergleich der beiden Ansätze wird u.a. die Stewardship-Diagnose nach Künkel angewandt. Den Schluss der Arbeit bildet ein Fazit, in dem die Erkenntnisse präsentiert werden, die aus der Verbindung des theoretischen und praktischen Teils resultieren.
2 Stand der Wissenschaft
2.1 Corporate Governance
Die Komplexität des Begriffs CG liegt darin begründet, dass es verschiedene Grundverständnisse darüber gibt, warum CG notwendig ist und wie diese Anforderungen in gesetzlichen oder paragesetzlichen Vorschriften dargestellt werden sollten (vgl. Kormann 2017: S. 55). Seit den 1990er Jahren findet der englische Begriff CG vermehrt in der deutschen Fachliteratur Anwendung und zählt heute zu den meistdiskutierten Managementthemen. In einer Kurzform wird CG als der rechtliche und faktische Rahmen für die Führung und Kontrolle eines Unternehmens bezeichnet (vgl. Hommelhoff 2009: S.4). Die internationale Kontroverse, die heute mit der CG verbunden ist, hat jedoch die Aufmerksamkeit auf dieses Thema gelenkt und sein Profil ins Unermessliche gesteigert. Regierungen, Finanzinstitute, Unternehmen und Akademiker haben sich aufgrund der weit verbreiteten öffentlichen Besorgnis intensiv mit den Dilemmata der CG auseinandergesetzt (vgl. Cornforth 2013: S.3).
Die internen und externen Leitungs-, Kontroll- und Überwachungsmechanismen eines Unternehmens sind somit die Grundlage für CG (vgl. Rauschenberg 2018: S. 103). Der Begriff wird auch im Hinblick auf einzelne Organisationen, also auf organisatorischer Ebene, genutzt. Die Vorstellung von CG bezieht sich auf die Anforderung, ein Unternehmen auf verantwortungsvolle und ethisch einwandfreie Weise zu leiten. Dieser normative Ansatz gilt nicht nur für den Bereich der Privatwirtschaft, sondern auch für öffentliche Unternehmen (öffentlicher Dienst) (vgl. Möltgen-Sicking/ Winter 2009: S.9). Die Tatsache, dass der Staat auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene öffentliche Leistungen auslagert und über Dritte erbringen lässt, ist ein wesentlicher Grund für die Notwendigkeit von CG im öffentlichen Dienst (vgl. Daiser 2018: S. 7).
Im globalen Vergleich lassen sich verschiedene Arten von CG-Systemen erkennen. Die gemeinsame Eigenschaft all dieser Formen ist, dass sie zum einen das Prinzipal-Agenten-Problem[1] lösen sollen, das mit der Trennung von Eigentum und Management verbunden ist, zum anderen verursachen sie aber auch Transaktionskosten. Die formale Struktur von Leitung und Kontrolle in einem Unternehmen ist ein bedeutendes Merkmal von CG-Systemen. Im angloamerikanischen Raum wird zwischen dem einstufigen Modell und dem zweistufigen Modell unterschieden. Bei letzterem werden die Entscheidungs- und Kontrollgewalt in einem Organ, dem Board of Directors, zusammengefasst. Dieses Modell unterscheidet sich durch eine Trennung von Unternehmensführung (Vorstand) und Kontrolle (Aufsichtsrat) (vgl. Hansch 2012: S. 10). Das Dualistische System wird zum Beispiel in Deutschland in der Aktiengesellschaft[2] angewendet.

Abb. 1: Monistisches vs. Dualistisches System der Corporate Governance (Eigene Darstellung in Anlehnung an Hansch 2012: S. 11)
Viele Autoren stellten fest, dass das traditionelle deutsche CG-System eine Lehre konsistenter und komplementärer Elemente darstellt. Dabei lautet die Argumentation – sehr verkürzt – folgendermaßen: Die Beteiligung der Beschäftigten an der CG (voice) führte dazu, dass sie das Gefühl hatten, als Partner der Unternehmen zu arbeiten. Dies machte einen Arbeitgeberwechsel (exit) unattraktiv. Die Arbeitgeber fanden es daher attraktiv, dass die Arbeitnehmer firmenspezifisches Wissen erlangen, um den Lohndruck zu minimieren und Streiks zu vermeiden. Die daraus resultierende Zuverlässigkeit von Mitarbeitern und Fremdkapitalgebern hätte auch für Aktionäre eine gesteigerte Anziehungskraft gehabt, durch strategische Beteiligungen einen aktiven Einfluss auf die Unternehmensführung zu nehmen (voice), anstatt sich für eine hohe Liquidität (exit) zu entscheiden (vgl. Hommelhoff 2009: S. 65).
Die Sichtweise der CG, die den Interessen der Aktionäre Vorrang einräumt, wurde von bekannten Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern im Bezug zu den anderen Sichtweisen als normativ überlegen bezeichnet. (vgl. Stoelhorst/ Vishwanathan 2024: S. 107).
In den letzten Jahren kann eine Weiterentwicklung des CG in Richtung Stakeholder Orientierung festgestellt werden. Die Evolution wird in der folgenden Abbildung dargestellt (vgl. Zwick/ Jeromin S. 82f.).

Abb. 2 Evolution von CG – Eigene Darstellung in Anlehnung an Zwick/ Jeromin 2023: S. 83
Alle Lösungsansätze, die Investoren ergreifen, um sicherzustellen, dass die von ihnen beauftragten Manager mit dem zur Verfügung gestellten Kapital die erwartungsgemäße Rendite erzielen, werden in der international gängigsten Begriffserklärung der CG aufgeführt. Daher konzentrieren sie sich auf die Beziehung zwischen Manager und Aktionär sowie auf die Möglichkeiten der Anleger, finanzielle Ansprüche gegen das Unternehmen zu erheben. Die Gesamtheit der Lösungsmöglichkeiten lässt sich in interne und externe (unternehmensverwaltungs-) Elemente unterteilen und im Wesentlichen weiter strukturieren. Laut der internen CG soll die funktional zweckmäßige Gestaltung der Unternehmensverwaltung, die im Sinne der Aktionäre nach dem Shareholder-Value-Prinzip umgesetzt werden soll, angesprochen werden. Im Gegensatz dazu zieht die externe Unternehmensführung die Existenz von Märkten und deren maßgeblichen Einfluss auf die Unternehmensführung in Betracht (vgl. Winkler 2018: S. 7f.).

Abb. 3 Systematisierung des deutschen Corporate-Governance-Systems – Eigene Darstellung in Anlehnung an Winkler 2018: S. 8
In der folgenden Tabelle wird der Shareholder- bzw. der Stakeholderansatz erläutert, um einen besseren Überblick aller Aktoren zu erhalten.


Tabelle 1 Unterscheidung Shareholder- und Stakeholderansatz - Eigene Tabelle in Anlehnung an Hirth (2013: S. 29ff.)
2.2 Prinzipal-Agenten-Theorie
Die Annahmen der Neoklassik, die von vollkommenen und vollständigen Märkten ausgehen, werden von der neuen Institutionenökonomik kritisch hinterfragt sowie nach und nach aufgehoben. Dadurch wird es möglich, positive Transaktionskosten und asymmetrische Informationsverteilungen im Rahmen ökonomischer Modelle explizit zu berücksichtigen. Im Mittelpunkt der neuen Institutionenökonomik steht die Annahme, dass Institutionen für wirtschaftliche Abläufe relevant sind. Die neue Institutionenökonomik untersucht eine Welt, in der individuelle Nutzenmaximierung, begrenzte Rationalität und opportunistisches Verhalten die ökonomische Handlungsweise von Wirtschaftssubjekten beeinflussen. Es handelt sich bei der neuen Institutionenökonomik nicht um ein einzelnes Theoriegebäude, sondern um mehrere miteinander verknüpfte Theoriebausteine, die sich teilweise überschneiden und ergänzen (vgl. Welge/ Eulerlich 2021: S. 8). Im Folgenden werden zwei Modelle der neuen Institutionenökonomik, die Prinzipal-Agent-Theorie und der Stewardship Ansatz erläutert.
Ein wichtiges Modell, um das Verständnis der Asymmetrie-Probleme zwischen den einzelnen Teilnehmern innerhalb eines Finanzierungsvorgangs zu beschreiben, ist das bereits erwähnte Prinzipal-Agent-Modell. Erste Nennung des Bergriffes des „Agency“ wurde 1977 von Stephan A. Ross getätigt. Der Begriff der Agentur ist eine Bezeichnung sozialer Interaktion. Diese Beziehung besteht zwischen zwei (oder mehreren) Parteien. Eine Partei, welche Ross als Agent bezeichnet, handelt im Namen eines Vertreters, dem Prinzipal. Er beschreibt die Beziehung zwischen der Agentur und einem Prinzipal als universell, wie etwa Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Staat und Bürger sowie Auftraggeber und Kunde (vgl. Ross 1973: S. 134). Diese Annahme wurde von Jensen und Meckling, welche die Nutzenmaximierung zweier miteinander interagierender Marktteilnehmer (der Agent sowie der Prinzipal) erläutert, weiterentwickelt (vgl. Jensen/ Meckling 1976: S. 5-6). Dem Modell liegt das Menschenbild des Homo oeconomicus zugrunde, welches besagt, dass Individuen Nutzenmaximierer sind und ihre eigenen Interessen auch unter Verwendung von opportunistischem Verhalten verfolgen. Der Agent hat gegenüber dem Prinzipal einen Informationsvorsprung (vgl. Mathissen 2009: S.17-18). Das Modell trifft Aussagen darüber, wie eine effiziente Vertragsgestaltung rational denkender Parteien bei asymmetrischen Informationen aussehen könnte. Hierbei sind die Transaktionskosten prohibitiv hoch, also bietet sich eine Risikobeteiligung als hypothetische Verhandlungslösung zur Simulation durch das Recht an, um opportunistisches Verhalten des Gläubigers zu verhindern (vgl. Siepmann 2011: S. 37). Hierbei kann der Gläubiger nur durch den Einsatz von Monitoring[3] den Projekterfolg des Schuldners kostspielig verifizieren (vgl. Stadler 1997: S. 155). Die Prinzipal-Agenten-Theorie nach Douglas W. Diamond basiert auf der Annahme, dass der Kreditgeber und der Schuldner ungleiche sowie ex post Informationen über das Projektresultat besitzen. Sollte der Kreditgeber die Projekte des Kreditnehmers nicht überwachen (Monitoring), kann der Kreditgeber auf seine Kreditsicherung zurückgreifen, wann immer es zu einem Zahlungsausfall kommt, unabhängig von der Ursache (vgl. Ries/ Terstege 2006: S. 206).
Bei Hidden Characteristics (versteckten Merkmalen) kennt der Prinzipal die Merkmale des Agenten, insbesondere dessen Leistung, nicht im Voraus und steht somit vor dem Problem der adversen Selektion[4] (negative Selbstselektion). Die nachteilige Auswahl bezieht sich auf das systematische Risiko, dass der Auftraggeber bei der Auswahl eines Agenten aufgrund unzureichender Vorvertragsinformationen einen Agenten auswählt, der nicht über die erforderlichen Eigenschaften verfügt oder schlechtere Eigenschaften als andere potenzielle Agenten zur Ausführung der Aufgabe aufweist (vgl. van Uden 2021: S. 21).
In der betriebswirtschaftlichen Forschung lässt sich demnach die Notwendigkeit einer anreizkompatiblen Gestaltung von Vorstandsvergütungen in der Regel mit dieser Theorie erklären. Dem deutschen dualistischen Unternehmensverfassungssystem zufolge ist die Vergütung des Vorstands bei Unternehmen des öffentlichen Interesses ein wesentlicher Faktor für einen optimalen Anreizvertrag zur Verringerung von Interessenkonflikten und Informationsasymmetrien zwischen den Aktionären (Prinzipal) und dem Vorstand (Agent). Die Bedeutung des moralischen Risikos als Agency-Konflikt liegt darin begründet, dass ein risiko- und arbeitsscheuer Vorstand mit seiner Leistung den erwarteten Unternehmenserfolg der risikoneutralen Shareholder beeinflussen kann, wenn er opportunistisch handelt (vgl. Velte et. al. 2018: S. 271).
CG kann als Instrument zur Beseitigung von Problemen zwischen Prinzipal und Agent angesehen werden. CG versucht zudem, Verhaltensregeln festzulegen und Stakeholdern die Möglichkeit zu nehmen, opportunistisch, also zum Nachteil des Unternehmens zu handeln (vgl. Mahnke/ Rohlfs 2020: S. 237).
2.3 Stewardship Ansatz
Zuerst werden die Begriffe Leadership und Stewardship erläutert, um seine Einordnung als Methode im Bereich des CG besser zu verstehen.
Nachfolgend wird der Ausdruck Leadership erläutert. Das Nomen leader bezeichnet eine Person, die die Führung und Leitung eines sozialen Systems übernimmt, wie der Führer, der aus bekannten Gründen ausscheidet, oder die Führerin, die am ehesten als Zug-, Fahrzeug- oder Diensthundeführerin auftritt. Das Suffix ship geht vermutlich auf das englische Wort „shape“ zurück. Die deutsche „schaft“ dient dazu, einem Wort eine besondere Qualität zu verleihen oder eine besondere Stellung oder Fähigkeit hervorzuheben. Damit liegt Leadership nahe der Theorie der Führung. Der „Leader“ muss über stabile, situationsunabhängige und sogar angeborene Eigenschaften verfügen (vgl. Stahl et. al. 2023: S.7).
Im Jahr 1996 führte der amerikanische Organisationsberater Peter Block den Begriff Stewardship in Diskussionen über Führungswechsel ein, da er die Gefahr sah, dass der Begriff „Führung“ ein Bild von Kontrolle und Egozentrik erzeugen könnte, das angesichts der heutigen Ereignisse nicht mehr hilfreich wäre. Er war auf der Suche nach einem Begriff, der die guten Eigenschaften von Führung bewahrt, wie z. B. einer Person die Richtung vorgeben, Visionen und Verantwortung für das Leben übernehmen. Dieser Begriff sollte jedoch die weniger hilfreichen Aspekte wie Machtmissbrauch und Führungsnarzissmus beinhalten. Diese Person sollte immer die richtige Antwort haben, Bedürfnis oder Tendenzen überwinden und anderen nicht ihren Willen aufzwingen wollen (vgl. Künkel 2023: S. 13).
Die Stewardship-Theorie unterscheidet sich von der Prinzipal-Agenten-Theorie dadurch, dass sie davon ausgeht, dass Manager unter der Bedingung bestimmter situativer und psychologischer Faktoren Anreize folgen, sich kooperativ im Sinne der Anteilseigner zu verhalten, und nicht einem individuellen Nutzenkalkül (vgl. Balsmeier/ Buchwald/ Peters 2010: S.552).
Die Stewardship Theorie stammt aus der Theologie, die im Wissenschaftssystem als Universalwissenschaft betrachtet wird. Aufgrund des theologischen Hintergrunds wird in der Stewardship Theorie angenommen, dass angestellte Manager nicht zweckrational oder egozentrisch agieren, sondern vertrauenswürdig sind. Aus diesem Grund sind kollektivistisches Verhalten, hohes Verantwortungsbewusstsein, Engagement und die langfristige Verbesserung der Unternehmensleistung zentrale Annahmen der Theorie. Die Stewardship Theorie steht nicht im Gegensatz zur Prinzipal-Agenten-Theorie, sondern versucht primär die Schwächen bzgl. der Annahmen über menschliches Verhalten zu kompensieren. (vgl. Becker/ Ulrich 2022: S. 460)
Im Rahmen des Stewardship-Ansatzes wird somit ein neues Konzept zur Gestaltung des Verhältnisses zwischen Kapitalgebern und Managern entwickelt. Der Steward strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu Gunsten des gesamten Unternehmens zu nutzen. Durch eine modifizierte Nutzenfunktion wird das kollektivistische Verhalten erklärt, wobei die Unternehmenszielerreichung höher bewertet wird, als seine individuelle Zielerreichung. Obwohl die Grundprinzipien des Stewardship-Ansatzes durchaus überzeugen können, besteht bei der Unterscheidung zwischen Agenten und Steward noch weiterer Klärungsbedarf. Auch müsste näher spezifiziert werden, ob Stewardship-Ansatz und Agenturansatz tatsächlich komplementär sein können. Ebenso sind die Vertreter des Agenturansatzes zur kritischen Auseinandersetzung mit der Argumentation des Stewardship-Ansatzes aufgerufen (vgl. Macharzina/ Wolf 2023: S.75). Die Stewardship-Theorie besagt, dass Topmanager auch dann im besten Interesse des Unternehmens handeln können, wenn es keine finanziellen Anreize und Kontrollsysteme gibt, die dies gewährleisten. Unter solchen Umständen verlagert sich die Rolle des Vorstandes von der Überwachung zur Unterstützung bei der Strategieformulierung und -umsetzung auf höhere Ebene (vgl. Hilb 2016: S.75).
Das Hauptproblem besteht darin, dass dem Stewardship-Ansatz konzeptionelle Defizite unterlaufen. Es besteht hier trotz vereinzelter empirischer Studien kein Mangel an empirischer Bestätigung. Das Erreichen dieses Defizits ist angesichts des hohen Abstraktionsgrades der Ansätze und den damit verbundenen Operationalisierungsproblemen sowie des schwierigen empirischen Zugangs nach dem gegenwärtigen Forschungsstand fraglich (vgl. Macharzina/ Wolf 2023. S. 75f.).
- Quote paper
- Benjamin Wagner (Author), 2024, Theorien der Corporate Governance am Beispiel der Dieselgate-Affäre, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1619708