Der Performance-Aspekt des rituellen Handelns wird in den theoretischen Arbeiten der letzten Zeit auffallend betont. Der Begriff Performance scheint den Begriff Ritual oft sogar zu ersetzen. Geertz, Schechner und auch Tambiah sprechen von der „kulturellen Perfomance“ als Darstellung und zugleich als Reproduktion kultureller Sinn- und Handlungsmuster. Die theoretische Begründung von Ritualen als performative Akte geht insbesondere auf Anregungen von Tambiah zurück. In Anlehnung an Austins (1962) Sprachtheorie beschreibt er Rituale als performativ in dem Sinne, daß etwas sagen auch etwas tun bedeutet. Damit ist ausgedrückt, daß Rituale auch über ihren semantischen Gehalt hinaus eine Bedeutung haben, die auf ihre Effektivität als Handlung zurückgeht. Diese Effektivität wird durch die Verwendung multipler Medien- von Liedern, Tänzen, Musik, Formeln und Gaben- sowie durch die den Ritualen eigentümliche formalisierte und redundante Form erzeugt.
In dem Artikel „Eine performative Theorie des Rituals“ aus dem Band „Ritualtheorien“ beschreibt Tambiah, wie kulturelle Inszenierungen (Performanzen), worunter er Rituale versteht, durch ihre spezifische Ausgestaltung eine soziale Kommunikation in gesteigerter Form erzeugen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Kulturelle Performance
2. Tambiahs Definition von Ritual
3. Ritual als Medium
4. Ritual als konventionalisiertes Handeln
5. Die Idee der performativen Handlung
6. Rituelle Kommunikation
7. Gesteigerte Kommunikation
8. Kritik und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der performativen Ritualtheorie von Stanley Jeyaraja Tambiah auseinander, mit dem Ziel, dessen theoretisches Modell der rituellen Kommunikation zu erläutern und in den wissenschaftlichen Kontext der Ritualforschung einzuordnen.
- Die begriffliche Abgrenzung von Ritual, Spiel und performativem Handeln.
- Die Analyse des Rituals als ein konventionalisiertes System der Kommunikation.
- Die Bedeutung von Formalität, Stereotypie und Redundanz in Rituallabläufen.
- Die Rolle der Performanz bei der Konstruktion sozialer Wirklichkeit.
- Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der transformativen Kraft von Ritualen.
Auszug aus dem Buch
Tambiahs Definition von Ritual
„Das Ritual ist ein kulturell konstruiertes System der Kommunikation. Es besteht aus strukturierten und geordneten Sequenzen von Worten und Handlungen, die oft multimedial ausgedrückt werden und deren Inhalt und Zusammenstellung charakterisiert sind durch Formalität (Konventionalität), Stereotypie (Rigidität), Verdichtung und Redundanz (Wiederholung).“
Rituelle Handlung ist auf drei Arten performativ. Erstens nach Austins Sprechakttheorie: „Etwas Sagen bedeutet etwas tun“. Zweitens macht die Dramatik einer Performance das Ereignis zu einer intensiven Erfahrung. Zu diesem Zweck werden auch verschiedene Medien verwendet. Der dritte Aspekt ist der indexikale Wert, das, was die Akteure der Performance zuschreiben und was sie aus ihr ableiten. Nach Tambiah sind Rituale auf doppelte Weise indexikalisch. Die in ihnen verwendeten Symbole und Ikonen verweisen erstens auf einen bestimmten kosmologischen Bedeutungsgehalt und etablieren damit zweitens eine Beziehung zwischen den kosmologischen Annahmen und den die Symbole verwendenden Akteuren. Durch den Verwies auf den Zusammenhang zwischen Kosmos und Welt werden bestehende soziale Beziehungen re-etabliert, sanktioniert oder umgeformt.
Zu dieser Definition haben die Überlegungen geführt, die ich im folgenden erläutern will: Zunächst handelt es sich nach Tambiah um ein analytisches Problem: die Integration von kultureller Beschreibung und formaler Analyse. Nach Tambiah sind „kulturelle Überlegungen in der Form enthalten, die das Ritual annimmt“ und „eine Verbindung von Form und Inhalt (ist) dem performativen Charakter und der Wirksamkeit rituellen Handelns eigen.“ (Tambiah 1998, 230).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Kulturelle Performance: Das Kapitel führt in den Performance-Begriff in der Ritualforschung ein und verortet Tambiahs Ansatz innerhalb der theoretischen Tradition.
Tambiahs Definition von Ritual: Hier wird Tambiahs Kernverständnis des Rituals als strukturiertes, kommunikatives System vorgestellt, das auf formalisierten und indexikalischen Merkmalen basiert.
Ritual als Medium: Dieses Kapitel erörtert die Rolle des Rituals als Medium zur Konstruktion sozialer Wirklichkeit und zur Vermittlung kosmologischer Konzepte.
Ritual als konventionalisiertes Handeln: Der Fokus liegt auf dem sogenannten „Distanzierungseffekt“ und der Unterscheidung zwischen ritualisiertem Verhalten und persönlicher Gefühlsausdrückung.
Die Idee der performativen Handlung: Das Kapitel überträgt die Sprechakttheorie von Austin auf rituelle Kontexte und beleuchtet die performative Kraft ritueller Handlungen.
Rituelle Kommunikation: Es wird analysiert, wie Redundanz und formale Sprachmuster im Ritual zur sozialen Integration beitragen und Mustererkennung ermöglichen.
Gesteigerte Kommunikation: Dieses Kapitel betrachtet das Ritual als dramatische Darstellung, die durch ein komplexes Zusammenspiel von Medien in veränderte Bewusstseinszustände führen kann.
Kritik und Ausblick: Hier wird Tambiahs Modell einer kritischen Revision unterzogen, insbesondere im Hinblick auf das in der neueren Forschung betonte Potenzial zur gesellschaftlichen Transformation.
Schlüsselwörter
Ritualtheorie, Stanley Jeyaraja Tambiah, Performanz, Kommunikation, Redundanz, Indexikalität, Sprechakttheorie, rituelle Handlung, soziale Integration, kulturelle Performance, Ritualanalyse, Kosmologie, Transformation, Ethnologie, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine fundierte Rezension und Analyse von Stanley J. Tambiahs performativer Theorie des Rituals, indem sie dessen zentrale Thesen und Definitionen systematisch darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verknüpfung von Ritual, Sprache und Handeln sowie der Untersuchung, wie Rituale durch formale Strukturen soziale und kosmologische Ordnungen herstellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Tambiahs Modell der „kulturellen Performance“ verständlich zu machen und die theoretische Debatte um die Wirksamkeit und transformative Kraft ritueller Handlungen zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse, um Tambiahs theoretische Annahmen mit anderen Ansätzen der Ritualforschung (wie etwa Geertz, Turner oder Rappaport) in einen kritischen Dialog zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Begriffen wie Ritual, Medium, Konventionalisierung, performative Rede und die Rolle von gesteigerter Kommunikation in rituellen Abläufen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Performanz, rituelle Kommunikation, indexikalischer Wert, soziale Konstruktion und die transformationale Wirksamkeit ritueller Handlungen.
Wie unterscheidet Tambiah das Ritual vom gewöhnlichen Handeln?
Tambiah nutzt Kriterien wie Formalität, Stereotypie, Redundanz und einen sogenannten „Distanzierungseffekt“, um rituelles Handeln von alltäglichem, direktem Ausdruck persönlicher Gefühle abzugrenzen.
Welchen Kritikpunkt führen Köpping und Rao an Tambiah an?
Kritisiert wird vor allem die vermeintliche Geschlossenheit und Bedeutungseinheit in Tambiahs Modell, da es den transformativen Aspekt und die konflikthafte Dynamik von Ritualen vernachlässige.
- Quote paper
- M.A. Alexa Junge (Author), 2003, Rezension zu Stanley J. Tambiahs "Eine performative Theorie des Rituals", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/161609