Im Folgenden soll Jean-Francois Lyotards Hauptwerk Der Widerstreit einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Dabei erscheint es dem Autor notwendig das Werk in einen Kontext zu allgemeinen Tendenzen der westlichen Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert zu stellen und auch die Persönlichkeit Lyotard näher zu beleuchten, denn sowohl der Ansatz als auch die Konsequenzen der Ausführungen im Widerstreit werden von Autor als kritischer Reflex auf die Krise der Moderne und ihrer Erzählungen und Versprechen verstanden. Diese Kritik der Moderne kann aber nur richtig eingeordnet werden, wenn verstanden wird warum Lyotard eben dieser Moderne eine kritische Absage erteilt und ein gewissermaßen postmodernes Konzept von diskursiver Gerechtigkeit an ihre Stelle setzt. Zum Abschluss sollen einige kritische Anmerkungen getroffen werden, insbesondere in Bezug auf die Möglichkeiten der praktischen Umsetzbarkeit von Lyotards Konzepten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Krise der Moderne und Linguistic Turn
3 Biographische Skizze – Jean-Francois Lyotard
4 Philosophie des Widerstreits
4.1 Grundlegende Ausführungen
4.2 Exkurs: Holocaust und Widerstreit
5 Kritik an Lyotards Konzept diskursiver Gerechtigkeit - Gerechtigkeit auf welcher Basis?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht Jean-Francois Lyotards Hauptwerk "Der Widerstreit" als kritischen Reflex auf die Krise der Moderne. Ziel ist es, Lyotards sprachphilosophisches Konzept der diskursiven Gerechtigkeit einzuordnen, seine theoretischen Grundlagen zu beleuchten und kritisch im Hinblick auf seine praktische Umsetzbarkeit sowie die gesellschaftliche Realität zu hinterfragen.
- Kritik der Moderne und das Scheitern großer Erzählungen
- Der "Linguistic Turn" und die Bedeutung der Sprache für das soziale Gefüge
- Grundlagen des Begriffs "Widerstreit" (différend)
- Die Problematik der Holocaust-Leugnung als paradigmatischer Widerstreit
- Kritische Analyse von Machtstrukturen und ökonomischer Dominanz gegenüber deliberativen Diskursen
Auszug aus dem Buch
4.1 Grundlegende Ausführungen
Der Widerstreit erschien 1983 und knüpft gewissermaßen an verschiedene Fragestellungen der vorangegangen Werke Lyotards an. Und zwar in ihrer spezifischen gesellschaftlichen Ausprägung. Setzte sich Lyotard in Das postmoderne Wissen vor allem mit der Struktur moderner Wissenschaften und den spezifisch postmodernen Konditionen wissenschaftlicher Erkenntnis auseinander, so bricht Lyotard, die in Das postmoderne Wissen angefangenen Gedankengänge auf den Bereich der Politik und daraus folgend in den Bereich der Ethik und Gerechtigkeit. Grundlegend ist der skeptisch gefärbte Zugang zum Thema Gesellschaft. Genauer, die Frage danach, was Gesellschaft eigentlich konstituiert? Lyotard geht einen denkbar einfachen Weg, indem er postuliert, dass der einzige nicht mehr bestreitbare soziale Fakt der Satz ist. Und dabei vor allem das Ereignis des Satzes, das „Geschehen“. Bestreiten zu wollen, der Satz existiere nicht, würde in sich schon den Satz selbst implizieren. Der Satz ist also der elementarste Baustein von Kommunikation.
Und Kommunikation wiederum, die Grundlage von Soziabilität – zumindest dann, wenn Gesellschaft nicht als willkürliches Aggregat, reines nebeneinander von Menschen verstanden wird, sondern in gewisser Weise immer als miteinander gedacht wird. Dieses Miteinander bedeutet Interaktion, und die einfachste Form der Interaktion ist der Satz (unabhängig davon, durch welche Form der Artikulation er sich manifestiert). Interessant hierbei ist, dass Lyotard davon ausgeht, dass auch nicht viel mehr als der Satz existiert. Metakonstrukte wie z. B. Sprache, sind rein ideelle Abstrakta, die jedoch in der realen Welt keine Entsprechungen finden. Würde die Annahme, es würde ein universelles Regelsystem - wie die Sprache - existieren sich doch in die klassischen Denkstrukturen der Moderne einreihen. Mit dieser Zurückweisung universell anwendbarer Regelsysteme zeigt Lyotard das eigentliche Problem des Widerstreits auf. Es geht ihm darum, zu untersuchen nach welchen Regeln Sätze geschehen und jeweils durch neue Sätze aktualisiert werden. Wenn nun zu Beginn erwähnt wurde, dass es sich beim Widerstreit um eine Theorie der diskursiven Gerechtigkeit handelt, so muss definiert werden, worin diese Gerechtigkeit bzw. die mögliche Ungerechtigkeit besteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in Lyotards Hauptwerk "Der Widerstreit" ein und verortet es im Kontext der modernen Geisteswissenschaften sowie der Krise moderner Erzählungen.
2 Krise der Moderne und Linguistic Turn: Das Kapitel analysiert den Übergang vom materialistischen zum sprachphilosophischen Paradigma als Reflex auf das politische Scheitern totalitärer Weltentwürfe.
3 Biographische Skizze – Jean-Francois Lyotard: Es werden die prägenden Stationen im Leben Lyotards nachgezeichnet, insbesondere seine Distanzierung vom traditionellen Marxismus und die Hinwendung zur Philosophie der Konfliktkoexistenz.
4 Philosophie des Widerstreits: Hier werden die zentralen Begriffe, wie das "Geschehen" des Satzes, sowie die Differenz zwischen Rechtsstreit und Widerstreit dargelegt.
4.1 Grundlegende Ausführungen: Dieser Abschnitt erläutert die Bedeutung des Satzes als kleinstem sozialen Baustein und die Ablehnung universeller Regelsysteme.
4.2 Exkurs: Holocaust und Widerstreit: Das Kapitel untersucht anhand der Holocaust-Problematik, wie ein Widerstreit entsteht, wenn der juristische Diskurs das menschliche Leid nicht adäquat erfassen kann.
5 Kritik an Lyotards Konzept diskursiver Gerechtigkeit - Gerechtigkeit auf welcher Basis?: Der Autor hinterfragt die Anwendbarkeit von Lyotards Theorie, indem er auf die Machtungleichgewichte und die fehlende Berücksichtigung ökonomischer Faktoren hinweist.
Schlüsselwörter
Jean-Francois Lyotard, Der Widerstreit, Postmoderne, Linguistic Turn, Diskursive Gerechtigkeit, Sprachphilosophie, Deliberative Demokratie, Machtstrukturen, Gesellschaftskritik, Holocaust, Différend, Neoliberalismus, Kommunikation, Diskurs, Pluralismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert Lyotards Werk "Der Widerstreit" und dessen Beitrag zur Kritik der Moderne sowie zur Theorie der diskursiven Gerechtigkeit.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Die zentralen Themen umfassen die Krise der Moderne, die Rolle der Sprache in der Philosophie (Linguistic Turn), politische Gerechtigkeit und das Spannungsfeld zwischen Macht und Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Lyotards theoretische Ansätze zu skizzieren und ihre praktische Anwendbarkeit sowie ihre Blindstellen in Bezug auf reale gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische textimmanente Analyse und philosophische Auseinandersetzung mit der Primärliteratur von Jean-Francois Lyotard im Kontext zeitgenössischer gesellschaftspolitischer Diskurse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die philosophischen Grundlagen des Widerstreits, die Analyse des Holocaust als spezielles Beispiel für einen Widerstreit sowie eine kritische Prüfung von Lyotards Gerechtigkeitskonzept.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Begriffe Widerstreit, Postmoderne, Diskurs, Gerechtigkeit, Sprachkritik und deliberative Demokratie fassen das inhaltliche Spektrum zusammen.
Warum spielt der Holocaust eine zentrale Rolle im Werk?
Der Holocaust dient als Beispiel für einen Widerstreit, bei dem das Leid der Opfer innerhalb des juristischen Diskurses nicht bewiesen werden kann, wodurch ein unauflösbarer Konflikt entsteht.
Was ist die Hauptkritik des Autors an Lyotards Ansatz?
Der Autor kritisiert, dass Lyotard die materielle und ökonomische Machtverteilung vernachlässigt und somit offenlässt, wie eine deliberative Gerechtigkeit unter ungleichen Bedingungen praktisch umgesetzt werden soll.
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- Magister André Keil (Author), 2007, Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit - Darstellung und Kritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/161411