Vor nun annähernd 500 Jahren gelang es Martin Luther, weit reichende Veränderungen hervorzurufen und damit eine neue Ära einzuläuten, die wir heute als Frühe Neuzeit bezeichnen. Luthers 95 Thesen waren mit ausschlaggebend für eine Reformation innerhalb der Kirche, die noch weit reichende Erneuerungen hervorrufen sollte. In diese Zeit, allerdings nun schon ein Jahrhundert später, fällt auch das „Zeitalter der Aufklärung“. Neue Erkenntnisse und Ansichten beeinflussten die Menschen, auf dem Land ebenso wie in der Stadt. Betroffen von der Aufklärung waren ebenfalls, auch wenn sie sich anfangs sehr gegen aufklärerisches Denken wehrten, die Mönche an den Klöstern. Diese Arbeit soll einen Blick auf die Literatur am frühneuzeitlichen Kloster in St. Gallen werfen. Hierbei wird ein Mönch in den Fokus der Betrachtungen gestellt, der über Jahre hinweg für die Literatur der Hautbibliothek eines Klosters verantwortlich gewesen ist: Pater Johann Nepomuk Hauntinger, Bibliothekar der Hauptbibliothek des Klosters St. Gallen im späteren 18. Jahrhundert. Durch ihn und die von ihm angeschaffte Literatur während seiner Amtszeit soll ein Überblick darüber gewonnen werden, inwiefern das Kloster der Frühen Neuzeit von der Aufklärung berührt war. Im ersten Teil der Arbeit ist ein kurzer historischer Rückblick gegeben, um eine Vorstellung darüber zu bekommen, wie das Leben im 18. Jahrhundert ausgesehen hat und welche Ereignisse in der Frühen Neuzeit datiert werden können. Weiter soll der Begriff der Aufklärung genauer definiert und Ansichten von Aufklärern dargstellt werden, um ein Verständnis dafür zu bekommen, warum die Aufklärung so weit reichende Folgen mit sich bringen konnte. Auch soll deutlich werden, warum es für einen katholischen Mönch so schwierig ist, sich mit den Auswirkungen der Aufklärung anzufreunden. Daher werfen wir auch einen Blick auf das Leben eines Benediktinermönchs im Kloster und setzen uns mit den dortigen Vorschriften und Lebensinhalten auseinander. Im nächsten Schritt geht es dann um den Bibliothekar Hauntinger, um sein Leben und seine Person, damit wir wissen, was er für ein Mensch gewesen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Rückblick
2.1 Frühe Neuzeit
2.2 Aufklärung
3. Das Kloster St. Gallen
3.1 Der Benediktinermönch
3.2 Der Bibliothekar Johann Nepomuk Hauntinger
4. Literatur am Kloster
4.1 Die theologischen Disziplinen
4.2 Die Rechtswissenschaft
4.3 Die philosophischen Fächer
4.3.1 Lexiken und Grammatiken
4.3.2 Dichtung und übrige schöne Künste
4.3.3 Gelehrsamkeitsgeschichte
4.3.4 Kirche und Profangeschichte, Historische Hilfswissenschaften
4.3.5 Politik und Zeitgeschichte
4.3.6 Geographie und Reiseliteratur
4.3.7 Naturwissenschaften
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Aufklärung auf die Bibliothek des Klosters St. Gallen unter der Amtszeit des Bibliothekars Pater Johann Nepomuk Hauntinger im späten 18. Jahrhundert. Ziel ist es zu analysieren, inwieweit aufklärerisches Gedankengut Eingang in den klösterlichen Buchbestand fand und ob Hauntinger als Aufklärer betrachtet werden kann.
- Historische Einordnung der Frühen Neuzeit und der Epoche der Aufklärung.
- Lebenswelt eines Benediktinermönchs im 18. Jahrhundert.
- Biografie und Rolle von Pater Johann Nepomuk Hauntinger als Bibliothekar.
- Analyse der Erwerbspolitik und der thematischen Ausrichtung der Klosterbibliothek.
- Rezeption aufklärerischer Literatur in einem katholischen Klosterkontext.
Auszug aus dem Buch
4.3.2 Dichtung und übrige schöne Künste
Unter den von Hauntinger in diesem Zweig angeschafften Werken befanden sich zahlreiche antike Klassiker. Ganz erstaunlich erscheint der Fakt, dass heidnische Autoren ein unangefochtenes Ansehen genossen. Dies scheint die Toleranz Hauntingers anderer Glaubens- und Gesellschaftsgruppen gegenüber widerzuspiegeln. Gerade weil es hier aber um die Poesie, also um die schönen Künste, geht, liegt der Gedanke nahe, dass sich die Literatur unbedacht der Autoren an Beliebtheit erfreute.
Nicht minder bemerkenswert ist das Auftauchen eines Werkes Lessings, der als „einer der führenden Vertreter der Aufklärung innerhalb der deutschen Literatur“ gilt. Ein weiterer führender Vertreter der Aufklärung, der Franzose Voltaire, gehört mit zwei Werken zum angeschafften Bibliotheksbestand. Allerdings handelt es sich hierbei nicht etwa um sein Gedicht Le Pour et le Contre, in dem er gegen das Christentum debattierte, sondern um sein Buch Élements de la philosophie de Newton und um seine historische Untersuchung Histoire de Charles XII. Hauntinger wird beide Werke aus Gründen der Wissensvermittlung angeschafft haben und auch hier den Aspekt, dass Voltaire ein Aufklärer gewesen ist, ausgeblendet haben oder aber es ist für ihn einfach ohne Bedeutung gewesen. Denn eigentlich hielt man „die schöne Literatur der französischen Aufklärer […] von der Hauptbibliothek fern.“ Und immerhin machte Voltaire „in seinen Satiren den König, seine Regierungsmitglieder und wichtige Kirchenleute durch Übertreibung lächerlich und versuchte so, den Leuten die Fehler und Schwächen der angeblich von Gott eingesetzten Herrscher aufzuzeigen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas, der Forschungsfrage und der methodischen Herangehensweise zur Untersuchung der Bibliothek des Klosters St. Gallen.
2. Geschichtlicher Rückblick: Überblick über die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Frühen Neuzeit und die philosophischen Merkmale der Aufklärung.
3. Das Kloster St. Gallen: Erläuterung der klösterlichen Lebensweise eines Benediktinermönchs und Porträt des Bibliothekars Johann Nepomuk Hauntinger.
4. Literatur am Kloster: Detaillierte Analyse der von Hauntinger angeschafften Bestände, unterteilt in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie Theologie, Recht und Philosophie.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Erwerbspolitik Hauntingers und Einordnung seiner Haltung gegenüber aufklärerischem Denken innerhalb des klösterlichen Umfelds.
Schlüsselwörter
Aufklärung, Kloster St. Gallen, Johann Nepomuk Hauntinger, Benediktiner, Frühe Neuzeit, Bibliotheksgeschichte, Erwerbspolitik, Literaturgeschichte, Säkularisierung, Theologie, Rechtswissenschaft, Philosophie, Voltaire, Lessing, Buchbestand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der katholischen Klosterkultur im 18. Jahrhundert und dem aufkommenden Zeitalter der Aufklärung anhand des Bibliotheksbestands des Klosters St. Gallen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschichte des Klosters St. Gallen, die religiösen und alltäglichen Pflichten eines Benediktinermönchs sowie die Analyse der gezielten Anschaffung von Literatur durch den Bibliothekar Hauntinger.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit das Kloster von aufklärerischem Denken beeinflusst wurde und ob der Bibliothekar Hauntinger bei der Auswahl seiner Bücher bewusst aufklärerische Werke integrierte oder diese als Aufklärer ansah.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historische Analyse durchgeführt, die sich primär auf den von Hauntinger angefertigten Akzessionskatalog und das Sekundärwerk von Hanspeter Marti über Klosterkultur und Aufklärung stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung der Zeit, eine Beschreibung des Lebens im Kloster und eine fachspezifische Untersuchung des Bucherwerbs in Bereichen wie Theologie, Rechtswissenschaft und Philosophie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Aufklärung, Benediktinermönch, Kloster St. Gallen, Bibliotheksgeschichte und Wissensvermittlung charakterisieren.
Welche Rolle spielt Pater Johann Nepomuk Hauntinger in der Arbeit?
Hauntinger ist die zentrale Figur der Arbeit, da er als Bibliothekar maßgeblich für die Bestandsentwicklung verantwortlich war und durch seine Reiseaktivitäten und Anschaffungen den Wissenszuwachs im Kloster prägte.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich Hauntinger?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Hauntinger zwar aufgeschlossen gegenüber zeitgenössischen Strömungen war und viele aufklärerische Werke anschaffte, er jedoch nicht im strengen Sinne als „Aufklärer“ bezeichnet werden kann, sondern eher als ein kritischer Geist innerhalb seines Ordens.
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- Katharina Neublum (Autor:in), 2008, Aufklärerische Literatur am frühneuzeitlichen Kloster St. Gallen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/160966