Es ist vielleicht nicht wahr, aber es spricht einiges dafür. Wofür? Dafür, die konfrontative Transformation differenter Subjektivierungsregime am Beispiel von DDR und Bundesrepublik mit Konzepten und Begriffen von Michael Foucault zu betrachten. Dabei sollen mit einem kontemplativen Blick auf die politische, territoriale, kulturelle Aufpfropfung der DDR auf die BRD verschiedene Überlegungen zu anomischen Vorgängen während der reaktiven Wendejahre getätigt werden. Mithilfe der foucaultschen Konzeption von Macht, welche sich in verschiedenen Moralsphären unterschiedlich ausprägt, sowie seinem Subjektverständnis soll versucht werden die Beziehungen und Bedingtheiten von Subjekt, Freiheit und Macht darzustellen, um damit im Folgenden zeigen zu können, dass die Annahme der Individualisierungsthese, dass im Osten der Individualisierungsgrad geringer gewesen sei als im Westen, direkt auf die Art der dort vorherrschenden Form von Moralreflexion zurückzuführen ist. Letztlich lässt sich so ein Punkt aufzeigen, warum die BRD (neben all den anderen Faktoren) wirtschaftlich produktiver war als die DDR. Im Osten eher Herrschaft (bei Foucault eine Sonderform von Macht), im Westen eher Machtwirkungen auf Basis der Technologien des Selbst, die charakteristischen Ordnungsprinzipien waren. Am Ende soll versucht werden, daraus abgeleitet ein Modell einer temporären Schwächung bestimmter Machtwirkungen bei der ostdeutschen Bevölkerung zu entwickeln, um einen alternativen, auf die Subjektivierungsdifferenzen zurückzuführenden Erklärungsansatz möglich zu machen, mit dem es möglich ist, verschiedene Phänomene der unmittelbaren Wendezeit abseits des gängigen Verständnisses von Anomie zu betrachten.
Inhaltsverzeichnis
1. Versuch einer subjektiven Sicht
2. Die temporäre autonome Zone
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht mittels machttheoretischer Konzepte von Michel Foucault die unterschiedlichen Subjektivierungsregime der DDR und der Bundesrepublik. Das primäre Ziel ist es, die Transformationsprozesse der Wendezeit durch die Analyse von Machtwirkungen und Moralreflexionen neu zu interpretieren, anstatt diese lediglich als anomischen Zustand zu betrachten.
- Foucaultsche Machtkonzeption und Machtverhältnisse
- Vergleich von Code-Elementen und Techniken des Selbst
- Subjektivierungsprozesse in der DDR und BRD
- Die Wendezeit als temporäre destruktive Interferenz
Auszug aus dem Buch
Die temporäre autonome Zone
Nun haben wir die notwendigen Aspekte zusammengetragen, welche uns die Gelegenheit einräumen nicht länger von einem kollektiven Verwirrungszustand bei der Überlagerung von Ost und West zu sprechen, sondern von den potenziellen Möglichkeiten, die diese Erfahrung allen zu bieten hatte. Was aber genau kennzeichnete diese Erfahrung?
Um das klar zu machen, treten wir als Erstes über die Grenze, die zeitliche Grenze, der wir uns bisher nur angenähert haben. Wir lassen die DDR zusammenbrechen, lassen die Territorien von DDR und Bundesrepublik konvergieren, lassen gleichmütig zu, das die Institutionen der Bundesrepublik in den replantierten Teil transferiert werden und wenden dann unseren Blick auf die ebenfalls eingetretene Überlagerung der zuvor beschriebenen Subjektivierungsregime.
Mit dem Verschwinden des staatssozialistischen Disziplinarsystems verschwanden auch die durch Herrschaft ausgeübten Zwänge im Osten und somit ein wichtiger Aspekt des ostdeutschen Subjektivierungsregimes. Der Gehorsam verlor seinen Sinn, den er vormals durch den Definitor Zwang noch im Gehorsam selbst fand. Die Individuen wurden so tatsächlich in gewissem Sinne freigesetzt. Man setzte sie in die Freiheit, jedoch ohne dass die Individuen dadurch zeitlich unmittelbar zu freieren Subjekten wurden. Dies führte dazu, dass die Machttechniken der Bundesrepublik, welche auf freie Subjekte angewiesen waren, um wahrhaft produktive Wirkungen zu erzeugen, Schwierigkeiten hatten ihre Wirkungen unmittelbar auf die ostdeutsche Bevölkerung (oder zumindest Teile von ihr) auszuweiten.
Zusammenfassung der Kapitel
Versuch einer subjektiven Sicht: Einleitung in die theoretische Perspektive, die Machtverhältnisse und Subjektivierungsregime der DDR und BRD anhand foucaultscher Begriffe gegenüberstellt.
Die temporäre autonome Zone: Analyse der Wendezeit als Phase der Macht-Interferenz, in der durch das Zusammenbrechen alter Zwangsstrukturen kurzzeitig neue, unbestimmte Spielräume für gesellschaftliches Handeln entstanden.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Macht, Subjektivierung, DDR, Bundesrepublik, Moralreflexion, Gouvernementalität, Disziplinarsystem, Anomie, Wendezeit, Machtverhältnis, Freiheit, Selbstpraktiken, Transformation, Autonome Zone.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede in der Art und Weise, wie in der DDR und der BRD Macht ausgeübt wurde und wie dies die Subjektivierung der Individuen beeinflusste.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Machttheorie nach Foucault, der Vergleich von Herrschaft und Techniken des Selbst sowie die spezifische Situation der deutschen Wiedervereinigung.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, wie sich die Konfrontation unterschiedlicher Subjektivierungsregime während der Wendezeit auf das Individuum auswirkte und warum die Übernahme westlicher Strukturen nicht unmittelbar zu einer gleichartigen Subjektkonstitution führte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine diskursanalytische Perspektive und operiert mit den Konzepten von Michel Foucault, ergänzt durch soziologische Modernisierungstheorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine theoretische Einordnung der Moralregime, die Analyse des Machtbegriffs sowie die Erläuterung der Wendezeit als "temporäre destruktive Interferenz".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Subjektivierungsregime, Machttechniken, Gehorsam und temporäre autonome Zonen charakterisieren.
Was meint der Autor mit der "destruktiven Interferenz"?
Es beschreibt einen Zustand im Umbruch, in dem alte Zwangsstrukturen weggefallen sind, aber neue Machttechniken der Selbstführung bei der ostdeutschen Bevölkerung noch nicht sofort greifen konnten.
Wie unterscheidet sich die Machtausübung in der DDR von der BRD?
Die DDR-Machtausübung wird als Herrschaft durch äußere Zwänge und Gehorsam beschrieben, während die BRD stärker auf individuelle Selbstführung, Askese und Disziplinierung durch interne Techniken des Selbst setzte.
- Quote paper
- Marc Drobot (Author), 2010, Foucault und die Konfrontation differenter Subjektivierungsregime am Beispiel der DDR und Bundesrepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/160923