Seit den frühesten Zeiten bestand ein besonderes Interesse an fremden Völkern, deren Erscheinungsbild und allgemeiner Lebensweise. Noch bevor man überhaupt der außereuropäischen Völker ansichtig wurde, gab es im Volksglauben bereits den Topos des wilden Menschen. Im Mittelalter betonte man die Andersartigkeit der Menschen, die jenseits
des christlich-europäischen Raumes wohnten. Es herrschten die Darstellungen von Fabelwesen, Monstren oder menschlichen Missgestalten. In der Scholastik des 13. Jahrhunderts beschäftigte man sich sogar mit der Frage, ob man die Pygmäen zu Menschen rechnen könnte.
„Die dort lebenden Menschen stellte man sich zumeist als fabelhafte Monstren vor. Auf den weißen Flecken der Karten und auf ihren Umrandungen finden sich Gestalten mit einem Bein, den Kopf zwischen den Schultern, die Ohren so lang, dass man das Gesicht damit bedecken konnte, Hermaphroditen, oder sonst wie von der Schöpfung hervorgebrachte Missbildungen.
Dorthin zu gelangen, galt als mühsam und gefahrvoll – die See als Tummelplatz gieriger Ungeheuer, der Mensch als Spielball entfesselter Naturgewalten“. Die angsterregenden Beschreibungen oder Bilder von Monstern, Barbaren oder Wilden galten dem Zweck der Abgrenzung, der Wahrung von Identität und Territorialität und nicht zuletzt zur Legitimation eigener Superioritätsansprüche. Auch mit den ersten Entdeckungsreisen im beginnenden 16. Jahrhundert fand die
Mythisierung keineswegs ihr Ende. Die zur Publikation geeinigten Bilder von den außereuropäischen Völkern, wurden meistens von den heimischen Künstlern angefertigt. Diese Künstler richteten sich fast ausschließlich nach den Berichten der Reisenden, da sie selbst die fremden Länder nicht bereist haben. In dieser Zeit herrschten zwei Stereotypen:
eines Wilden, der als Vertreter eines reinen Naturzustandes gesehen war, und eines grausamen und unzivilisierten Fremden. Für diese beiden Stereotype wurden die Abbildungen orgiastischer Menschenfresserei charakteristisch.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die frühe Reisefotografie
3. Die anthropologische Fotografie
4. Die ethnographische Fotografie
5. Die Bildlektüre
5.1 „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ von E. E. Evans-Pritchard
5.1.1. „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ im Kontext des Textes
5.1.2. Produktionsumstände
5.2. Fa. Kerry Photo: „Kampfesweise der australischen Ureinwohner“
5.3. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Fotografien
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung des Einsatzes von Fotografie im Rahmen der Ethnologie und fokussiert dabei auf die Konstruktion des „Fremden“ durch fotografische Praktiken. Anhand von Fallbeispielen wird analysiert, wie Fotografen durch Inszenierungen und Selektionen bestimmte Stereotype erzeugten, und welche Rolle der Kontext bei der Interpretation dieser Bilder spielt.
- Historische Entwicklung der ethnologischen Fotografie
- Konstruktion des „Fremden“ (Edler Wilder vs. Primitiver)
- Wissenschaftliche Instrumentalisierung der Fotografie
- Methodik der Bildlektüre und Kontextanalyse
- Vergleich unterschiedlicher fotografischer Darstellungsweisen
Auszug aus dem Buch
Die anthropologische Fotografie
Der Begriff Anthropologie wurde 1501 von dem Magdeburger Arzt Magnus Hundt in seinem Werk Anthropologium de homnis dignitate […] erstmal verwendet.17 Im Allgemeinen untersucht die Anthropologie die Vielgestaltigkeit des Menschen in seiner körperlichen Erscheinungen. Nach Elisabeth Edwards zeigen die Fotografie und die Anthropologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung, sich gegenseitig stützende Parallelen. In ihrem Aufsatz „Andere ordnen, Fotografie, Anthropologien und Taxonomien“ beschreibt Edwards die Rolle der Fotografie für die Anthropologie. Die Fotografien sollen der Sicherung und Schaffung von Daten dienen. An anderer Stelle schreibt sie, dass sie auch zur Demonstration eigener wissenschaftlichen Position und zur Schaffung von Taxonomien verwendet werden können.
Da viele von den Forschungsreisenden von Beruf Mediziner waren, interessierten sie sich in besonderem Masse für den menschlichen Körper. Sie wurden mit ausführlichen Anweisungen für die visuelle Wiedergabe von Körpern ausgestattet. Den Maßstab bildeten, die von T.H. Huxley und John Lamprey entwickelte anthropometrische Systeme.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Erläutert die historische Mythisierung fremder Völker und die Entstehung von Stereotypen über „wilde“ oder „primitive“ Menschen, die auch die spätere Fotografie beeinflussten.
2. Die frühe Reisefotografie: Definiert die Reisefotografie als Dokumentationsmedium kolonialer Expansion und beleuchtet die unterschiedlichen Akteure sowie die Inszenierung in Studioateliers.
3. Die anthropologische Fotografie: Analysiert den Einsatz der Fotografie als wissenschaftliches Instrument zur Datensicherung, Taxonomie und Vermessung menschlicher Körper nach anthropometrischen Systemen.
4. Die ethnographische Fotografie: Untersucht, wie die ethnographische Fotografie den Habitus von Menschen darstellte, oft jedoch durch inszenierte Bilder Überlegenheitsgefühle beim europäischen Publikum weckte.
5. Die Bildlektüre: Führt eine tiefgehende Interpretation zweier spezifischer Fotografien durch, analysiert deren Kontext und Produktionsumstände und vergleicht Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
6. Zusammenfassung: Fasst die Ergebnisse zusammen, betont die Rolle der Fotografie bei der Legitimierung kolonialer Machtansprüche und reflektiert die Persistenz dieser Denkmuster.
Schlüsselwörter
Ethnologie, Fotografie, Reisefotografie, Anthropologie, Ethnographie, Konstruktion des Fremden, Stereotype, Bildlektüre, Kolonialismus, E.E. Evans-Pritchard, Identität, Taxonomie, Inszenierung, Repräsentation, Bildanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie die Fotografie historisch in der Ethnologie eingesetzt wurde, um das Bild des „Fremden“ zu konstruieren und welche Rolle dabei stereotype Darstellungen spielten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt die frühe Reisefotografie, die anthropologische Fotografie und die ethnographische Fotografie unter besonderer Berücksichtigung ihrer Funktion bei der Darstellung außereuropäischer Völker.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den historischen Einsatz der Fotografie im ethnologischen Kontext zu analysieren und aufzuzeigen, wie durch spezifische fotografische Praktiken das „Fremde“ konstruiert und stereotypisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Autorin verwendet eine methodische Bildlektüre, bei der Fotografien unter Berücksichtigung ihres Entstehungskontextes, des textlichen Umfelds und der Produktionsumstände interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die verschiedenen Strömungen der Fotografie im ethnologischen Kontext theoretisch beleuchtet, gefolgt von einer detaillierten Analyse und einem Vergleich zweier beispielhafter Fotografien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie ethnologische Fotografie, Konstruktion des Fremden, Stereotypisierung, kolonialer Kontext und wissenschaftliche Dokumentation geprägt.
Welche Rolle spielt E.E. Evans-Pritchard in der Arbeit?
Er dient als Fallbeispiel, wobei seine Fotografie „Youth (Eastern Gaajok) fastening giraffe-hair necklace on friend“ aufgrund ihrer untypischen, friedlichen Darstellung als Kontrast zu anderen, eher stereotypen Bildern analysiert wird.
Wie unterscheiden sich die im Buch behandelten Fotografien in ihrer Wirkung?
Die Arbeit kontrastiert ein Bild des „edlen Wilden“ (friedlich, gesellig), das eine persönliche Nähe zum Fotografen suggeriert, mit einem inszenierten Foto, das den „gewalttätigen Primitiven“ zur Erzeugung von Angst beim Betrachter nutzt.
- Quote paper
- Justyna Purwin (Author), 2005, Die fotografische Darstellung der Menschen in der Ethnologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/160374