Im Anschluss an die am 2. Juni 2000 vom UN-Sicherheitsrat eingerichtete Expertengruppe zur Untersuchung der „illegalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen und anderer Formen des Wohlstands“ im Kongo (vgl. Johnson 2008 : 127), erzeugte vor allem die Berichterstattung über den Zusammenhang zwischen der kongolesischen Kriegswirtschaft und Coltan eine breite Resonanz, nicht nur in Expertengremien.
Im Folgenden möchte ich versuchen, den Begriff der Anerkennung, wie ihn Axel Honneth in seinem Werk Kampf um Anerkennung skizziert, auf Aspekte der Gesellschaft, der Ökonomie und der Politik in der DRK zu beziehen, um darzulegen, wie das Ausbleiben gelingender Anerkennungsverhältnisse und das Fehlen von Räumen, in welchen Kämpfe um Anerkennung institutionalisiert ausgetragen werden können, militärisches Handeln, den Abbau von Coltan und so die Gewaltökonomie fördern. Um diesen kulturell vorgeprägten Begriff nicht einfach der kongolesischen Gesellschaft “überzustülpen“, will ich versuchen, den Begriff in Auseinandersetzung mit dem Textmaterial über die DRK neu zu formulieren. Hierzu wähle ich die Form des Essays, um den Anerkennungsbegriff kontextspezifisch zu bestimmen. So erlaubt der Essay ein Verständnis des Kongo im Angesicht der Begrenztheit der eigenen Perspektive und zielt mehr auf die bestimmte Deutung des Phänomens, denn auf eine abschließende Kausalerklärung:
Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich möglichst knapp den Begriff der Anerkennung diskutieren und darlegen, warum er sowohl für das Handeln als auch die Identität der Akteure in gesellschaftlichen Kontexten einen hohen Stellenwert einnimmt. Zudem möchte ich deutlich machen, dass der Begriff „Anerkennung“ durch die Verschränkung mit dem Begriff der Identität auch einen Bezug zur Kategorie „Gender“ unterhält. Anschließend werde ich in einem kurzen Essay den Anerkennungsbegriff auf die Lebenswelt des Kivu in den Jahren 1999/2000 beziehen. In Auseinandersetzung mit den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Segmenten, die Bestandteil des Kreislaufs der Kriegsökonomie waren, werde ich die Muster von Idenitätsbildung und die Forderungen nach Anerkennung in der Bevölkerung herausarbeiten und darlegen, wie deren Missachtung einen entscheidenden Einfluss auf das zu verstehende Phänomen hatte. Im letzten Teil werde ich auf diese Auseinandersetzung reflektieren und davon ausgehend mögliche Anknüpfungspunkte für Prozesse des Peacebuilding und Nationbuilding aufzeigen .
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG – SPANNUNGEN
2 DER BEGRIFF DER ANERKENNUNG
2.1 LIEBE/MISSHANDLUNG
2.2 RECHT/ENTRECHTUNG
2.3 SOLIDARITÄT/ENTWÜRDIGUNG
2.4 ZWISCHENFAZIT
3 KÄMPFE UM ANERKENNUNG, ÜBERLEBENSKÄMPFE UND COLTAN
3.1 ANERKENNUNG UND MISSACHTUNG IN FRAGMENTIEREN LEBENSWELTEN
4 KREISLÄUFE
4.1 ...UND AUSWEGE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Kriegsökonomie in der Demokratischen Republik Kongo während des sogenannten „Coltan-Booms“ unter Anwendung des Anerkennungsbegriffs nach Axel Honneth. Ziel ist es, das Handeln der Akteure vor dem Hintergrund des Staatsverfalls zu analysieren und aufzuzeigen, wie das Streben nach Anerkennung in einem Kontext von Missachtungserfahrungen und ökonomischer Not zur Gewaltökonomie beitragen kann.
- Analyse der Kriegsökonomie und des „Coltan-Booms“ in der DRK
- Anwendung des Anerkennungsbegriffs (Liebe, Recht, Solidarität)
- Untersuchung der Identitätsbildung unter Bedingungen von Gewalt und Staatsverfall
- Geschlechtsspezifische Missachtungserfahrungen und deren Folgen
- Reflexion über Ansätze für Peacebuilding und Nationbuilding
Auszug aus dem Buch
3 Kämpfe um Anerkennung, Überlebenskämpfe und Coltan
Wie hat man sich also die Situation im östlichen Kongo in den Jahren 1999/2000 vorzustellen? Ich will versuchen, das Kriegsgeschehen und die Zustände in der Region – so weit dies möglich ist – in knapper Form zu vergegenwärtigen. Denn bevor ich mich dem Kampf um Anerkennung, seinen Akteuren und deren Anteil am Phänomen „Kriegswirtschaft und Coltan“ zuwende, möchte ich daran erinnern, dass dieselben Akteure zugleich in einen anderen Kampf verwickelt waren: den Kampf ums eigene Überleben. Für einen großen Teil der Bevölkerung in Kivu sowie für die dort aktiven militärischen Akteure, war die Zeit der Stellungskämpfe des zweiten Kongo-Krieges nämlich geprägt von alltäglicher Unsicherheit; ob es gelingen würde, die eigene gesellschaftliche Existenz zu sichern und ob man die man die Allgegenwart militärischer Auseinandersetzungen überstehen würde, mit denen körperliche Gewalt und schwerste Misshandlungen eine unberechenbare Selbstverständlichkeit erhielten - selbst dort, wo sie nur ferne Bedrohung blieben:
„Nirgends im Kongo waren die Kriege verheerender als im Osten des Landes, wo sie ihren Ausgang genommen hatten. Die verschiedenen Armeen zogen hier nicht nur durch, sondern blieben und lebten auf dem Rücken der Bevölkerung“ (Johnson 2008 : 114).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG – SPANNUNGEN: Die Einleitung führt in die Problematik der öffentlichen Aufmerksamkeit für globale Konflikte ein und verortet das gesteigerte Interesse am zweiten Kongo-Krieg durch den „Coltan-Boom“.
2 DER BEGRIFF DER ANERKENNUNG: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen von Axel Honneths Anerkennungskonzept in den drei Sphären Liebe, Recht und Solidarität sowie die entsprechenden Formen der Missachtung.
3 KÄMPFE UM ANERKENNUNG, ÜBERLEBENSKÄMPFE UND COLTAN: Es wird die Situation im Kivu der Jahre 1999/2000 analysiert, wobei das Streben nach Anerkennung und Überleben in einer fragmentierten, gewaltgeprägten Gesellschaft im Vordergrund steht.
4 KREISLÄUFE: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse der Untersuchung im Kontext des Staatsverfalls und skizziert Ansätze für eine politische und gesellschaftliche Transformation.
4.1 ...UND AUSWEGE: Dieser Abschnitt diskutiert mögliche Wege für Nation- und Peacebuilding, wobei die Stärkung ziviler Kräfte und deliberative demokratische Verfahren als zentral erachtet werden.
Schlüsselwörter
Kriegsökonomie, Coltan, Demokratische Republik Kongo, Anerkennung, Axel Honneth, Staatsverfall, Identitätsbildung, Kivu, Missachtung, Zivilgesellschaft, Gewalt, Gender, Peacebuilding, Nationbuilding, Rohstoffausbeutung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem „Coltan-Boom“, der kongolesischen Kriegsökonomie und den sozialen sowie psychologischen Bedürfnissen der betroffenen Bevölkerung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Staatsverfall in der Demokratischen Republik Kongo, die Rolle von Rohstoffen in bewaffneten Konflikten und die sozialtheoretische Perspektive der Anerkennung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Brille des Anerkennungsbegriffs nach Axel Honneth zu verstehen, warum die Bevölkerung und verschiedene Akteure in der DRK in der beschriebenen Weise handelten, um ihre Existenz zu sichern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die Form des Essays, um den theoretischen Anerkennungsbegriff auf die spezifischen gesellschaftlichen und politischen Realitäten im Kongo zu beziehen und zu modifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Konzepte von Anerkennung und Missachtung und überträgt diese auf die fragmentierten Lebenswelten in der Kivu-Region während der Jahre 1999/2000.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kriegsökonomie, Anerkennung, Staatsverfall, Coltan und Identitätsbildung charakterisiert.
Welche Rolle spielt das Geschlecht in der Identitätsbildung?
Geschlechterrollen sind zentral, da Frauen in der traditionellen Struktur oft entrechtet sind und Missachtungserfahrungen wie sexuelle Gewalt gezielt zur Destabilisierung genutzt werden.
Warum ist das Konzept des "failed state" für das Verständnis wichtig?
Der "failed state" DRK erklärt den Wegfall staatlicher Garantien, was dazu führte, dass die Menschen in lokale, oft ethnisch geprägte Gruppen und informelle Wirtschaftswege auswichen.
- Quote paper
- Sebastian Weirauch (Author), 2010, Wie hängt der Mensch am Coltan?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159859