Im ersten Abschnitt soll zunächst auf die Frage der Häufigkeit und Entstehungsbedingungen von Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung eingegangen werden, um danach eine Begriffsdefinition für Verhaltensauffälligkeiten und für Geistige Behinderung im Sinne einer Psychoanalytischen Pädagogik zu finden. Im darauf folgenden Kapitel zur Psychoanalytischen Pädagogik soll durch eine Bestimmung ihrer wesentlichen Inhalte und Ziele, sowie die Erläuterung ihrer grundlegenden Begrifflichkeiten, eine Grundlage für das Verständnis der verschiedenen Entwicklungstendenzen innerhalb der Psychoanalytischen Pädagogik geschaffen werden, um dann der Frage nachgehen zu können, wie Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der Psychoanalytischen Pädagogik erklärt werden. Die Entstehung und Entwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik und der, für Menschen mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten bedeutsamen Erklärungsansätze wird darauf folgend dargestellt. Im letzten und zentralen Abschnitt der Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche handlungsorientierten Möglichkeiten es in der psychoanalytisch orientierten Richtung für Pädagogen im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung gibt. Dazu wird exemplarisch das Konzept Niedeckens ausführlich vorgestellt und auf verstehende Ansätze von Verhaltensauffälligkeiten bei geistiger Behinderung untersucht. Abschließend folgt die Schilderung des Szenischen Verstehens, das Niedecken bereits in ihrem Ansatz aufgegriffen hat. Das Konzept wird dargestellt, da ich es als das wesentliche psychoanalytisch orientierte Handlungsinstrument für Pädagogen erachte.
Bei der Bearbeitung des Themas werde ich mich auf einschlägige Fachliteratur beziehen. In Anbetracht dessen, dass die Psychoanalytische Pädagogik an sich, und speziell die Psychoanalytische Pädagogik geistig Behinderter eine noch nicht all zu lange Rezeptionsgeschichte besitzt, wird die verwendetet Literatur relativ aktuell sein.
Auf Grund der dadurch vereinfachten Schreibweise werde ich in der folgenden Arbeit immer die männliche Form bei Subjekten beibehalten. Dies soll nicht einen Ausschluss oder die Diskriminierung der jeweils weiblichen „Vertreter“ implizieren (...)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Geistiger Behinderung
2.1 Begriffsbestimmung Verhaltensauffälligkeiten
2.2 Begriffsbestimmung Geistige Behinderung
3 Psychoanalytische Pädagogik
3.1 Was ist Psychoanalytische Pädagogik?
3.1.1 Übertragung und Gegenübertragung
3.1.2 Projektion und Projektive Identifizierung
3.2 Die Weg zur „Klassischen Psychoanalytischen Pädagogik“
3.3 Psychoanalytische Pädagogik und Geistige Behinderung
4 Ausgewählte Konzepte der Psychoanalytischen Pädagogik zu Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung
4.1 Dietmut Niedecken „Namenlos“
4.1.1 Was ist geistige Behinderung?
4.1.2 Die Organisierung von geistiger Behinderung
4.1.3 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Niedeckens Sicht
4.1.4 Bewertung
4.2 Das Konzept des Szenischen Verstehens
4.2.1 Szenisches Verstehen in der psychoanalytischen Pädagogik
4.2.2 Szenisches Verstehen in der Geistigbehindertenpädagogik
4.2.3 Bewertung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus der Perspektive der psychoanalytischen Pädagogik. Ziel ist es, diese Verhaltensweisen nicht als bloße Symptome, sondern als sinnvolle, wenn auch verschlüsselte Mitteilungs- und Bewältigungsversuche der Betroffenen zu verstehen und pädagogische Handlungsoptionen durch eine reflexive Haltung aufzuzeigen.
- Psychoanalytische Grundlagen der Pädagogik
- Verhaltensauffälligkeiten als aktive Bewältigungsstrategien
- Kritische Analyse gesellschaftlicher "Phantasmen" über Behinderung
- Das Konzept des Szenischen Verstehens in der Praxis
- Reflexion der Rolle der pädagogischen Fachkraft (Übertragung/Gegenübertragung)
Auszug aus dem Buch
4.1.3 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Niedeckens Sicht
Im Gegensatz zu den von Niedecken genannten Therapiemethoden, welche die Verhaltensweisen zur Normanpassung weg therapieren wollen, sieht sie in den Verhaltensweisen Ausdrucksformen und keine Symptome. Sie stellen für Sie einen Versuch des Kindes dar, auf seine eigene ihm mögliche Weise „Ich“ zu sagen.
Das Verstehen dieser, für außen Stehende störende Verhaltensweisen, im Sinne dieser Arbeit Verhaltensauffälligkeiten, ist für sie Ausgangspunkt ihres psychoanalytischen Therapiekonzeptes. Niedeckens zentrale Grundannahme lautet demnach:
„ […] in allem, was von der geistig behinderten Person geäußert wird, und erscheine es noch so absurd, stereotyp, sinnlos, ( sei ) Sinn und Bedeutung verborgen […] Ein unter Umständen sehr verschlüsselter, entstellter Sinn – und die Entstellung, sofern sie verstehend aufgegriffen werden kann, zeugt von der Sozialisationsgeschichte, in welcher ein autonomer Wunsch kaum entwickelt werden konnte, oder aber ins Korsett phantasmatischer Zuschreibungen gepresst wurde.“
Sie geht also grundsätzlich davon aus, ein Kind mit Wünschen vor sich zu haben, die jedoch durch die lebensgeschichtlich bedingte Entwicklungseinschränkung des Kindes verschüttet wurden. Hinzu kommt, dass Menschen mit geistiger Behinderung auf Grund dieser Entwicklungsgeschichte oft keine Möglichkeit hatten, ein verstehbares Ausdrücken dieser Wünsche zu erlernen. Sie werden verstellt sichtbar in auffälligen Verhaltensweisen, die sich nach Niedecken als „Symptomhandlungen“ zeigen. Ein Kind teilt demnach mit den entwickelten Verhaltensauffälligkeiten seiner Umwelt etwas mit. Nicht auf der symbolischen Ebene, also über Sprache oder mit Gesten, denn diese Ebene konnte es noch nicht erreichen, sondern in Symptomhandlungen. In der Mitteilung ist der Wunsch des Kindes, verstanden und damit angenommen zu werden enthalten. Gleichzeitig zeigt die Art und Weise der Mitteilung, nämlich über Verhaltensauffälligkeiten, die Lebenserfahrung die das Kind gemacht hat: „ dass es mit seinem Wunsch in der Welt nichts auszurichten“ hat und den Wunsch „nicht auf akzeptable Weise geltend“ machen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Autorin begründet ihr Interesse an der psychoanalytischen Pädagogik anhand biografischer Erfahrungen in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen und umreißt das Ziel der Arbeit.
2 Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Geistiger Behinderung: Dieses Kapitel erläutert die Ursachen und Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten sowie die Notwendigkeit einer differenzierten Begriffsbestimmung von Verhaltensauffälligkeiten und geistiger Behinderung.
3 Psychoanalytische Pädagogik: Es werden die Grundlagen der Disziplin, zentrale Begriffe wie Übertragung und Projektion sowie die historische Entwicklung bis hin zu heilpädagogischen Ansätzen dargestellt.
4 Ausgewählte Konzepte der Psychoanalytischen Pädagogik zu Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung: Der Hauptteil analysiert das Konzept von Dietmut Niedecken und das Szenische Verstehen als wesentliche Instrumente zur verstehenden Auseinandersetzung mit Verhaltensauffälligkeiten.
5 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Verhaltensauffälligkeiten als bedeutsame Mitteilungsversuche zu sehen sind, und diskutiert die Herausforderungen einer psychoanalytisch orientierten pädagogischen Praxis.
Schlüsselwörter
Psychoanalytische Pädagogik, Geistige Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten, Symptomhandlungen, Szenisches Verstehen, Dietmut Niedecken, Übertragung, Gegenübertragung, Ich-Entwicklung, Beziehungsgestaltung, Sozialisation, Pädagogische Reflexion, Lebensgeschichte, Psychohygiene, Entwicklungschancen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen von Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung und sucht nach Erklärungsmodellen innerhalb der psychoanalytischen Pädagogik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte zur Entstehung von Verhaltensweisen als Ausdrucksmittel, die Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung in pädagogischen Beziehungen sowie die Bedeutung von gesellschaftlichen Phantasmen im Umgang mit Behinderung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, für Pädagogen einen verstehenden Zugang zu problematischen Verhaltensweisen zu eröffnen, anstatt diese lediglich als Symptome einer Behinderung abzutun.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse fachspezifischer Literatur zur psychoanalytischen Pädagogik, insbesondere unter Berücksichtigung der Ansätze von Dietmut Niedecken und Alfred Lorenzer.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung psychoanalytischer Pädagogik sowie die detaillierte Vorstellung und Bewertung des Konzepts von Niedecken und der Methode des Szenischen Verstehens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Psychoanalytische Pädagogik, Verhaltensauffälligkeiten, Szenisches Verstehen und Ich-Entwicklung.
Welche Rolle spielen "Phantasmen" im Kontext von Niedeckens Ansatz?
Nach Niedecken sind Phantasmen tief in der Gesellschaft verankerte Vorstellungen und unbewusste Einstellungen gegenüber Behinderung, die das pädagogische Handeln und die Entwicklung des Kindes maßgeblich beeinflussen und oft zu einer Stigmatisierung führen.
Warum wird das "Szenische Verstehen" als Handlungsinstrument empfohlen?
Das Konzept ermöglicht es Pädagogen, die in der Beziehung zwischen ihnen und dem Kind reproduzierten, unbewussten Konfliktmuster zu erkennen und durch eigene Reflexion professionell auf diese zu reagieren.
- Quote paper
- Anja Lengowski (Author), 2009, Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit geistiger Behinderung aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159756