Ich habe für diese Übungsarbeit die beiden Beiträge von Tim Ingold, “Jagen und Sammeln als Wahrnehmungsformen der Umwelt” und “Building, dwelling, living: How animals and people make themselves at home in the world” gewählt. Tim Ingolds Konzeption einer “neuen Ökologie”, welche er anhand philosophischer, biologischer und psychologischer Ansätze entwickelt und seine Beschreibungen der Umweltbeziehungen von Jägern und Sammlern, haben meinen eigenen Standpunkt maßgeblich erschüttert. War ich zunächst gemäß der cartesianischen Tradition von der Untrennbarbeit des Denkens und des menschlichen Seins (“Ich denke, also bin ich”) überzeugt, so lautet die rhetorische Frage jetzt: “Bin ich, nur weil ich denke?”. Rhetorisch ist diese Frage, da sie ein “Nein” als Antwort bereits voraussetzt: Der Mensch existiert keineswegs aufgrund seiner Fähigkeit zu denken; sondern vielmehr als Teil eines totalen Gefüges, das sein Denken und Handeln bedingt. Im abendländischen Denken ist diese Tatsache jedoch kategorisch verleugnet worden. Nicht zuletzt um die Überlegenheit des Menschen, die Unterwerfung der Natur und ihre Ausbeutung zu rechtfertigen, wurden stattdessen Dichotomien wie Mensch/Tier, Kultur/Natur, Person/Organismus, einhergehend mit zahlreichen weiteren Unterscheidungen, postuliert. Ingold zeigt, dass diese kategorischen Unterscheidungen letztlich unhaltbare Konstrukte sind. Angesichts des katastrophalen ökologischen und sozialen Ungleichgewichts, welches durch die rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen und deren ungerechte Verteilung herbeigeführt wurde, erscheint die gedankliche radikale Trennung von Mensch und Natur geradezu selbstzerstörerisch. Die äußerst langsam wachsende Einsicht innerhalb der westlich erzogenen Bevölkerung, dass der Mensch, genauso wie jedes andere Lebewesen in ein umweltliches Netzwerk eingesponnen ist, ist in Jäger- und Sammler- Gemeinschaften selbstverständlich. Ingolds Vorschlag, die Sichtweise von Jägern und Sammlern ernst zu nehmen, scheint mir daher sehr richtig: einerseits um der populären Einschätzung dieser Gemeinschaften als “primitiv” entgegenzuwirken und andererseits um ein umfassendes ökologisches Bewusstsein –als Voraussetzung für die Abkehr von der fortschreitenden Umweltzerstörung- voranzutreiben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Building Perspective - Eine konventionelle anthropologische Position
2. Die Dwelling Perspective - Ausgangspunkt einer neuen Ökologie
Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Tim Ingolds Konzept der „neuen Ökologie“ und stellt die „Building Perspective“ der „Dwelling Perspective“ gegenüber, um westliche anthropologische Sichtweisen auf Umweltbeziehungen kritisch zu hinterfragen.
- Kritik an westlichen Dichotomien wie Natur/Kultur und Mensch/Umwelt.
- Analyse der „Building Perspective“ als kulturelles Konstrukt.
- Einführung der „Dwelling Perspective“ als alltägliche Auseinandersetzung mit der Welt.
- Ethnographische Beispiele: Mbuti-Pygmäen, Nayaka, Cree, Pintupi und Koyukon.
- Die Rolle des Bewohnens als Fundament des Seins und Bauens.
Auszug aus dem Buch
Die Dwelling Perspective - Ausgangspunkt einer neuen Ökologie
Als Ausweg aus dieser Sackgasse schlägt Ingold vor, die Sichtweise von Jägern und Sammlern nachzuvollziehen. Hier wird keine Unterscheidung von “Natur” und “Kultur”, “Körper” und “Geist”, “Mensch” und “Organismus”, etc. unternommen, vielmehr werden diese Kategorien als untrennbar begriffen. “Natur” wird dementsprechend nicht in kulturell bedingten intentionalen Welten gedacht und konstruiert, vielmehr wird in alltäglicher praktischer Auseinandersetzung mit der Umwelt diese bewohnt. Dieses Bewohnen der Umwelt nennt Ingold “dwelling perspective”, eine Sichtweise, die er in Anlehnung an Martin Heideggers Essay “Building Dwelling Thinking” entwickelt.
Hier wird der etymologische Ursprung des Begriffs “Bauen” aus dem Begriff “Bewohnen” (bedeutungsgleich mit “Sein”) hergeleitet und somit die ursprüngliche Reihenfolge, Bewohnen als Fundament des Bauens, zu rehabilitieren versucht: “Heidegger’s concern is to regain the original perspective, so that we can once again understand how the activities of building – of cultivation and construction – belong to our dwelling in the world, to the way we are” (Ingold 2000, S.185). In diesem Zusammenhang macht Ingold seine Auffassung vom Haus als “living organism” (Ingold 2000, S.187) geltend und zeigt, dass sich das Haus, in dem Menschen leben, nicht von einer Eiche, einer Biberburg oder einer Muschelschale unterscheidet: Jedes “Zuhause” formt sich nicht als “extended phenotype” (Ingold 2000, S.175), sondern zuallererst durch das Bewohnen von Umwelt, welches sich durch die Interaktion verschiedenster Konstituenten dieser ergibt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung begründet die Wahl der Texte von Tim Ingold und stellt die zentrale These auf, dass die cartesianische Trennung von Denken und Sein eine radikale ökologische Abkehr erfordert.
1. Die Building Perspective - Eine konventionelle anthropologische Position: Dieses Kapitel erläutert die „Building Perspective“, bei der die Welt als kulturelles Konstrukt betrachtet wird, das geistig entworfen wird, bevor es physisch bewohnt wird.
2. Die Dwelling Perspective - Ausgangspunkt einer neuen Ökologie: Hier wird Ingolds Gegenentwurf präsentiert, der die Umwelt als ein durch ständige Interaktion und „Bewohnen“ konstituiertes Geflecht begreift, das keine künstlichen Trennungen zwischen Natur und Kultur kennt.
Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass indigene Wahrnehmungsformen ein tieferes Verständnis für die Verbundenheit aller Lebewesen bieten und für westliche Gesellschaften als lehrreiches Korrektiv dienen können.
Schlüsselwörter
Anthropologie, Building Perspective, Dwelling Perspective, Tim Ingold, Ökologie, Natur, Kultur, Umweltbeziehungen, Jäger und Sammler, Wahrnehmungsformen, Identität, Landschaft, Dichotomie, Konstruktivismus, indigene Völker
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die anthropologische Kritik von Tim Ingold an westlichen Sichtweisen auf die Umwelt und stellt seine Konzepte der „Building“ und „Dwelling Perspective“ vor.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die kritische Auseinandersetzung mit der Dichotomie von Natur und Kultur, das Verständnis von Umweltbeziehungen bei Jägern und Sammlern sowie die ökologische Philosophie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie westliche Denktraditionen unsere Wahrnehmung der Natur verzerren und warum die indigene „Dwelling Perspective“ einen notwendigen Ausweg bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse zentraler Texte von Tim Ingold, um anthropologische Theorien und ethnographische Fallbeispiele gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der konventionellen „Building Perspective“ und die ausführliche Erklärung der „Dwelling Perspective“ anhand verschiedener indigener Kulturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Anthropologie, Dwelling Perspective, Natur, Kultur, Umweltethik und das indigene Verständnis von Lebenswelten.
Wie unterscheidet sich die „Dwelling Perspective“ von der „Building Perspective“?
Während die „Building Perspective“ die Welt als ein vom Menschen konstruiertes, geistiges Produkt ansieht, betrachtet die „Dwelling Perspective“ das Bewohnen als primären Akt, in dem sich Mensch und Umwelt untrennbar konstituieren.
Welche Rolle spielen die Beispiele von indigenen Gemeinschaften wie den Cree oder den Mbuti-Pygmäen?
Sie dienen als empirische Belege für ein Weltbild, in dem Tiere, Pflanzen und Landschaften als gleichwertige „Personen“ und Bewohner der Welt begriffen werden, anstatt sie lediglich als „natürliche Objekte“ zu klassifizieren.
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- Anonym (Author), 2010, Anthropologie der Natur, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159694