Seit etwa anderthalb Jahrzehnten beginnt sich nicht nur die kultursoziologisch-ethnographische und die kriminologische Literatur, sondern auch die Sozialtheorie immer nachhaltiger für das Thema „Mafia“ zu interessieren, der es weniger um eine Bewertung des Phänomens „Mafia“ geht, als um eine Rekonstruktion der Umstände und Bedingungen, unter denen es durchaus lohnen und rational sein kann, sich als Nachfrager wie als Anbieter um die Bereit- und Sicherstellung mafiöser „Leistungen“ zu bemühen. Ihren theoretischen Durchbruch verdankte die wissenschaftliche Diskussion um die „Krake“ Mafia Diego Gambetta, der in einem vielbeachteten Buch über die „sizilianische Mafia“ von 1993 mit Nachdruck darauf hin wies, dass Mafiosi als (unternehmerische) Anbieter auf einem monopolartig zu organisierenden Markt für Schutzleistungen zu verstehen sind, die angesichts der Tatsache, dass Eigentumsrechte durch staatliche Instanzen (aus den verschiedensten Gründen) nicht gewährt und geschützt werden, auch dann (freiwillig) nachgefragt werden, wenn die Zahlung von Schutzgeldern und die damit verbundene Erhöhung der Transaktionskosten zu einer „Verteuerung“ der „Güterpreise“ führen und jeder einzelne Nachfrager nach Schutzleistungen sich besser stellen könnte, wenn er auf die Entrichtung von Mafiasteuern verzichten könnte. Tatsächlich ist dies aber keinem einzelnen Akteur möglich, mit der Folge, dass mafiöse Strukturen sich die Bedingungen ihrer Reproduktion immer wieder selbst beschaffen können, was den üblichen (überaus wohlmeinenden) „Counter insurgency“-Strategien jede Durchschlagskraft nimmt.
Jan Hoffmans Arbeit schließt an diese Forschungstradition an und erarbeitet souverän und in höchst lesbarem Stil die Expansion der sizilianischen Mafia in den USA – vornehmlich in New York – heraus. Er diskutiert dabei in systematischer Weise die jeweiligen Entstehungsbedingungen, die immer dann günstig sind, wenn Schutzleistungen privat nachgefragt werden, weil sie als öffentliche Güter gerade nicht bereitgestellt werden. Um ein entsprechendes Schutzleistungsangebot zu machen, sind zugleich ganz spezifische Firmeneigenschaften erforderlich, die lebhaft geschildert werden und deren Darstellung theoretisch einsichtig macht, weshalb zum teil blutige Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Gewaltanbietern stattfinden bzw. warum zugleich immer wieder Versuche unternommen werden, Angebotskartelle zu bilden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Sizilianische Mafia
2.1 Die Entstehung der sizilianischen Mafia
2.1.1 Sizilien
2.1.2 Die Entwicklung der Mafia
2.1.3 Wie die Mafia zu ihrem Namen kam
2.1.4 Wie wird man ein Ehrenmann?
2.2 Der Markt
2.2.1 Der Mafiosi als „dritter Mann“
2.2.2 Konkurrenz auf dem Markt
2.2.3 Der regulierte Markt
2.3 Die Struktur der Cosa Nostra
2.3.1 Die Identität der Mafiosi
2.3.2 Die interne Struktur
2.4 Mafia als Unternehmen
2.4.1 Mafiose Macht
2.4.2 Mafia und Staat
3 Die Mafia in den USA
3.1 Die Entstehung der Mafia in den USA am Beispiel von New York
3.1.1 Auswanderung aus Sizilien
3.1.2 Integration in die „Neue Welt“ und Entstehung der Mafia
3.1.3 Die Entwicklung und die Struktur der Cosa Nostra in New York
3.2 Der Markt in den USA
3.2.1 Betätigungsfelder der US-Mafia
3.2.2 Probleme auf dem Markt
3.3 Das Unternehmen Mafia in den USA
3.3.1 Die Mafiose Macht in den USA
3.3.2 Das Verhältnis zwischen Mafia und dem amerikanischen Staat
4 Vergleich der mafiosen Komponenten auf beiden Kontinenten
4.1 Die Entstehungshistorie
4.2 Die Strukturen
4.3 Die Märkte
4.4 Das politische Umfeld
5 Zusammenfassung
6 Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entstehung und die strukturelle Entwicklung der Mafia, insbesondere der „Cosa Nostra“, unter vergleichender Betrachtung Siziliens und der USA. Ziel ist es, die soziologischen und infrastrukturellen Bedingungen zu identifizieren, die das Entstehen und die globale Expansion dieses kriminellen Phänomens ermöglichten und förderten.
- Historische Genese der Mafia in Sizilien und den USA
- Struktureller Aufbau und Organisationshierarchien der Cosa Nostra
- Die Mafia als ökonomischer Akteur und Schutzanbieter
- Verflechtungen zwischen mafiosen Strukturen und staatlicher Macht
- Komparative Analyse der Entwicklungsunterschiede auf beiden Kontinenten
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung der sizilianischen Mafia
Die politische Struktur Siziliens ist schon seit Jahrhunderten für die außerordentliche Schwäche des formellen Herrschaftsapparates, für Misstrauen und sogar für die Feindschaft der Bevölkerung gegenüber allen staatlichen Organen bekannt (vgl. Hess, 1988, S.16). In diesem tiefen Misstrauen der Gesellschaft Süditaliens und Siziliens steckt der Ursprung der Mafia (vgl. Gambetta, 1994, S.107).
Um dem Phänomen der sizilianischen Mafia auf den Grund zu gehen, begeben wir uns in das 19. Jahrhundert zurück und werden versuchen im folgenden Kapitel alle wichtigen Fragen, Aspekte und Hintergründe, die zur Entstehung der Cosa Nostra beigetragen haben, zu beleuchten, zu hinterfragen und zu beantworten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet anhand des exemplarischen Mordes an Paul Castellano die interne Gewalt und Machtstruktur der Cosa Nostra sowie die Zielsetzung der Arbeit, das Phänomen Mafia wissenschaftlich zu ergründen.
2 Die Sizilianische Mafia: Dieses Kapitel analysiert die historischen Ursprünge auf Sizilien, das Konzept des „Schutzmarktes“, die interne Identitätsbildung sowie die Transformation der Mafia zu einem wirtschaftlich agierenden Unternehmen.
3 Die Mafia in den USA: Hier wird der Transfer und die Adaption der mafiosen Strukturen in den USA, speziell in New York, unter dem Einfluss von Immigration, Prohibition und der Koexistenz mit dem amerikanischen Staat untersucht.
4 Vergleich der mafiosen Komponenten auf beiden Kontinenten: Dieser Abschnitt kontrastiert die Entwicklung, Strukturen und politischen Rahmenbedingungen beider Entstehungsorte, um die unterschiedlichen Erfolgsfaktoren und Machtentwicklungen herauszuarbeiten.
5 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung führt die zentralen Erkenntnisse zu den drei Forschungsfragen zusammen und resümiert die Bedingungen für die Entstehung und Expansion der Mafia.
6 Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel zieht ein Fazit zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität und diskutiert aktuelle Initiativen wie „Addiopizzo“ als gesellschaftliche Lösungsansätze.
Schlüsselwörter
Cosa Nostra, sizilianische Mafia, organisierte Kriminalität, Schutzgelderpressung, Prohibition, Klientelismus, Machtstruktur, Sizilien, USA, New York, Sozialkapital, Korruption, historischer Vergleich, Ehrenmann, Omerta.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Ausbreitung der Mafia, fokussiert auf die „Cosa Nostra“, und beleuchtet die soziologischen Hintergründe, die ihre Entwicklung sowohl in Sizilien als auch in den USA ermöglichten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Genese, dem Organisationsaufbau, der Rolle der Mafia als Schutzanbieter auf illegalen Märkten sowie ihrer symbiotischen Beziehung zum Staat und zur Politik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie die Mafia trotz unterschiedlicher sozialer und infrastruktureller Umstände in den USA Fuß fassen und dort teils dominanter als in ihrer sizilianischen Heimat werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historisch-soziologische Analyse, die auf einer umfassenden Literaturrecherche, der Auswertung historischer Quellen, Gerichtsprotokollen und zeitgenössischer Medienberichte basiert.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil behandelt die Entstehungsbedingungen in Sizilien, die interne Hierarchie, die ökonomischen Tätigkeitsfelder der Mafia sowie ihre langfristigen Verflechtungen mit staatlichen Akteuren und Entscheidungsträgern.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Zu den Kernbegriffen zählen Cosa Nostra, organisierte Kriminalität, Schutzgelderpressung, Klientelismus, soziale Identität sowie die historische Entwicklung in Sizilien und den USA.
Wie unterscheidet sich die Rolle des „dritter Mannes“ von anderen Akteuren?
Der „dritte Mann“ oder Mafioso fungiert in Märkten mit fehlendem Vertrauen als Garant für Tauschbeziehungen und Qualität, wofür er eine Provision (Schutzgeld) verlangt, wodurch er oft erst das Misstrauen produziert, das er anschließend gegen Entgelt „beseitigt“.
Welchen Einfluss hatte die amerikanische Prohibition auf die Mafia?
Die Prohibition wird als entscheidender Wendepunkt identifiziert, der durch enorme illegale Profite den Übergang der Mafia von kleineren Bandenstrukturen zu einem straff organisierten, komplexen Wirtschaftsunternehmen massiv beschleunigte.
Wie wird die Beziehung zwischen Mafia und Politik beschrieben?
Die Arbeit beschreibt eine wechselseitige Koexistenz, in der die Mafia politische Karrieren durch Stimmenbeschaffung fördert und im Gegenzug Protektion oder den Zugang zu öffentlichen Ressourcen und Aufträgen erhält.
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- Jan Hoffmann (Author), 2006, Die Entstehung der Mafia, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159278