Zentrales Element Pastiorscher Syntax ist das Fehlen des Prädikats – und somit die Aufforderung des Autors an den Leser, selbst weiterzudenken. Die Betrachtung der Morphologie hingegen ließ Rückschlüsse auf Pastiors kreatives Verhältnis zur deutschen Sprache zu: Das Schaffen neuer Wörter entpuppte sich als Protest gegen das Verharren in festgefahrenen Normen – und seien es nur die des Wortschatzes. Zuletzt offenbarte die Analyse seiner Semantik das selbstbewusste Spiel des Unsinnspoeten mit der eigenen Sinnhaltigkeit: Indem er seine Texte stets zwischen Sinn und Unsinn schwanken lässt, fordern sie ein permanentes Hinterfragen heraus: Des Inhalts ebenso wie der Sprache an sich. Umgekehrt konnte gezeigt werden, dass mögliche andere Spielarten des Unsinns fehlten – etwa die Änderung der Satzreihenfolge. Ihre Nichtexistenz ließ ebenso auf die Gesamtintention der Pastiorschen Texte schließen, wie die oben beschriebenen „Stilmittel des Unsinns“. Das „Tangopoem“ erweist sich als Pastiors ironische Verbeugung vor der Suche nach dem vollkommenen Unsinn. Denn dieser bleibt selbst für den virtuosesten Sprachanarchisten unerreichbar.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sinn und Unsinn
2.1 Was ist Sinn?
2.2 Was ist Unsinn?
3 "Ein Tangopoem und andere Texte" als Beispiel für Sinndekonstruktion
3.1 Spielarten der Sinndekonstruktion I - Syntaktischer Unsinn
3.2 Spielarten der Sinndekonstruktion II - Morphologischer Unsinn und Schriftbild
3.3 Spielarten der Sinndekonstruktion III - Semantischer Unsinn
3.4 Ist vollkommene Sinndekonstruktion möglich? – Eine Analyse anhand des „Tangopoem“
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der Sinndekonstruktion im lyrischen Werk von Oskar Pastior, insbesondere in seinem Buch "Ein Tangopoem und andere Texte". Dabei wird der Frage nachgegangen, ob bei der bewussten Konstruktion von "unsinnigen" Texten eine zugrunde liegende Struktur existiert oder ob eine vollkommene Sinndekonstruktion überhaupt erreicht werden kann.
- Definition von Sinn und Unsinn im linguistischen Kontext
- Analyse syntaktischer Dekonstruktion (z.B. Weglassen von Prädikaten)
- Morphologische Verfahren der Sprachverfremdung und Schriftbild-Experimente
- Semantische Strategien der Sinndekonstruktion und deren Grenzen
- Untersuchung des Paradoxons der "Struktur im Unsinn"
Auszug aus dem Buch
3.3 Spielarten der Sinndekonstruktion III - Semantischer Unsinn
Hielt sich Pastior beim Schriftbild noch zurück, präsentiert er sich umso findungsreicher beim Sprengen des semantischen Rahmens. Insbesondere in den „Stimmen im Badhaus“, der Lesefassung der „Sauna von Samarkand“, verwirrt er die scheinbar harmlosen, syntaktisch wie morphologisch wohlgeformten, Prosatexte mittels systematischen Anwenden teils selbst geschaffener, teils übernommener Stilmittel des Unsinns.
Altbekannt in der Literatur ist etwa der immer wiederkehrende Bruch der Stilebene: Wenn in einer Szene eher beiläufigen Erzählens plötzlich, "ein beliebtes Gesellschaftsspiel [...] Madensack" heißt, wird die angenommene Erzählhaltung ebenso konterkariert, wie bei der Empfehlung beim Rösten von Auberginen das Fleisch „schön unansehnlich schrumpeln“ zu lassen. Ebenso nicht ganz neu sind die Personifizierungen unbelebter Dinge ("Wir haben den grünen Tee nach dem Wetter gefragt") oder das Zusammenbringen metaphorischer Begriffe mit dinglichen Handlungen:
"Wringt sich die saure Mühe aus dem Bart", "die [...] Auberginen schwitzen Zitate aus".
Original Pastior ist hingegen das Durchbrechen standardsprachlicher Phrasen durch Ersetzen einzelner Begriffe: So verwandelt der Autor die Allerweltswendung "ein Prachtkerl, dieser Herr Däubler" kurzerhand in "Ein Prachtkegel, dieser Herr Däubler!" Die Verwandtschaft mit dem morphologischen Unsinn liegt auf der Hand. Ebenfalls eng mit dem letzteren verzahnt ist die Kombination semantisch nicht zusammenpassender Wörter. Im Gegensatz zum erstgenannten folgen jene Neuschöpfungen den Regeln der deutschen Sprache. In einem anderen Kontext gestellt, könnten sie durchaus Sinn ergeben, in der Pastiorschen Ungebundenheit aber stehen sie isoliert im Raum. Ein gutes Beispiel ist das Wort "Heißluftgestühl". In einer Fachzeitschrift für Heizungsinstallateure wäre die Bedeutung dieses Wortes möglicherweise erklärbar, in Kombination mit der Neuschöpfung "Etuba", gibt auch dieses formal korrekte Wort dem Leser Rätsel auf.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die Schwierigkeit der Interpretation von Pastiors Werk und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Existenz einer Struktur im Unsinn.
2 Sinn und Unsinn: Hier werden linguistische Definitionen für die Begriffe Sinn und Unsinn erarbeitet, um ein theoretisches Fundament für die Analyse zu legen.
3 "Ein Tangopoem und andere Texte" als Beispiel für Sinndekonstruktion: Dieses Kapitel bildet das Kernstück, in dem die drei Dimensionen der Sinndekonstruktion (Syntax, Morphologie, Semantik) anhand konkreter Beispiele aus dem Werk untersucht werden.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass ein vollkommener Unsinn innerhalb der Sprachgrenzen nicht möglich ist, da der Rezipient immer nach Sinn sucht.
Schlüsselwörter
Oskar Pastior, Sinndekonstruktion, Unsinnspoesie, Linguistik, Syntax, Morphologie, Semantik, Ein Tangopoem, Sprachverfremdung, Nonsense, hermeneutische Interpretation, Literaturwissenschaft, Struktur, Sprachmagie, Sprachanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das lyrische Werk von Oskar Pastior unter der Fragestellung, wie er durch verschiedene sprachliche Verfahren den Sinn dekonstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die syntaktische Struktur, die morphologische Wortbildung und die semantische Ebene von Pastiors Texten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, ob in Pastiors scheinbar "sinnlosen" Texten eine verborgene Struktur existiert und ob ein "vollkommener Unsinn" überhaupt sprachlich realisierbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine linguistisch fundierte literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text anhand theoretischer Konzepte zum Thema "Nonsense" untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Spielarten der Sinndekonstruktion in Pastiors "Ein Tangopoem und andere Texte", wobei er zwischen syntaktischem, morphologischem und semantischem Unsinn unterscheidet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Sinndekonstruktion, Unsinnspoesie, Sprachverfremdung und die spezifische Poetik Oskar Pastiors.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Sinn" und "Unsinn" für Pastior eine so große Rolle?
Pastior kokettiert mit der Erwartungshaltung der Leser, die immer wieder nach Sinn im Text suchen, obwohl er diesen durch gezielte Störungen bewusst zu verhindern sucht.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Möglichkeit eines "vollkommenen Unsinns"?
Die Analyse zeigt, dass eine vollkommene Sinndekonstruktion unerreichbar bleibt, da Worte, sobald sie Sprache sind, zwangsläufig mit Sinnspuren behaftet bleiben.
Was zeigt das Beispiel "Heißluftgestühl"?
Dieses Beispiel demonstriert, dass Pastior Wörter zwar neu schöpft, die grammatikalisch korrekt gebildet sein können, aber im Textzusammenhang dennoch isoliert und rätselhaft wirken.
Wie reagieren Rezipienten laut der Arbeit auf Pastiors Texte?
Die Arbeit stellt fest, dass Rezipienten – entgegen der Absicht des Autors – dazu tendieren, den Text als geordnetes System wahrzunehmen und stets nach einer tieferen Bedeutung oder Struktur zu suchen.
- Quote paper
- Stefan Sewenig (Author), 2006, Spielarten der Sinndekonstruktion am Beispiel von Oskar Pastiors "Ein Tangopoem und andere Texte", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159139