Im Herbst 2009 feierte eine Inszenierung von drei Stücken Rainer-Werner Fassbinders Premiere am Mülheimer Theater an der Ruhr. Unter den Stücken befand sich auch das 1974 geschriebene und zwei Jahre später veröffentlichte Stück ‚Der Müll, die Stadt und der Tod’ (im Folgenden ‚Müll’). Es war die erste, wiederholt öffentlich aufgeführte Inszenierung des Stücks an einer deutschen Bühne. Das hat seine Gründe. Der Inhalt des Stücks löste innerhalb eines Jahrzehnts drei Kontroversen aus, 1975, 1984 und 1985, die zuerst in lokalen, später auch in überregionalen und internationalen Print- und Bildmedien ausgetragen wurden. Die Debatten gehören zu den intensivsten und langwierigsten künstlerischen und politischen Auseinandersetzungen, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte von einem literarischen Text ausgegangen sind. Im Stück ‚Müll’ präsentierte Fassbinder mit dem ‚Reichen Juden’ eine namenlose jüdische Hauptfigur, die von Habgier, Rachsucht und Geilheit getrieben wird. An besonders dieser, aber auch an weiteren Figurenzeichnungen und am Inhalt des Stücks allgemein entzündeten sich die genannten Kontroversen. Darüber hinaus wurde wiederholt der Vorwurf laut, das Stück, seine Figuren und auch Fassbinder als Autor seien antimsemitisch. Das Stück ‚Müll’ und die dadurch ausgelösten Kontroversen stehen exemplarisch für das Spannungsverhältnis von unverarbeiteter, deutscher Geschichte und dem vitalen Wunsch nach einer unbelasteten und lebenswerten Zukunft. Die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen und die daraus resultierende Arbeit an der Erinnerung und an der Schuld ist nicht nur ein Hauptthema des hier vorgestellten Stücks, sondern muss auch bei der Lektüre der Arbeit stets mitbedacht werden. Die Bandbreite der in Fassbinders ‚Müll’ angesprochenen Themen und die Reichweite der darauffolgenden Kontroversen haben gezeigt, dass das Stück nicht lediglich aus literatur- bzw. theaterwissenschaftlicher Perspektive diskutiert wurde, sondern verschiedenste Bereiche der Gesellschaft, wie Politik, Wirtschaft, Justiz, Religion, Medien und die Geschichtswissenschaft, zum lebhaften Debattieren angeregt hat. Daher wählt diese Arbeit keinen primär theater- oder medienwissenschaftlichen Zugang zur Thematik, sondern bezieht auch geschichts- und kommunikationswissenschaftliche, psychologische sowie soziologische Theorien und Modelle mit ein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitendes
1.1. Einleitung und Fragestellung
1.2. Forschungsstand
1.3. Vorgehensweise
2. Elementardaten zum Stück
2.1. Elementardaten
2.2. Kurze Inhaltsangabe
2.3. Literarische Vorlage: Gerhard Zwerenz Roman „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“
2.4. Analyse des Skandalpotentials von ‚Müll‘
3. Einführung in die Ereignistheorie
3.1. Das Ereignis, viele mögliche Zugänge und Definitionen
3.2. Ereignis: Medienereignis
4. Historische Kontextualisierung – Zur Entstehung von ‚Müll‘
4.1. Zur Situation im Nachkriegsdeutschland
4.1.1. Debatten um Schuld und Unschuld
4.1.1.1. „Stunde Null“
4.1.1.2. Kollektivschuldthese
4.1.2. Ausgewählte Ereignisse der Zeit
4.1.2.1. Das ‚Wunder von Bern‘ - WM-Sieg ‚54
4.1.2.2. Kniefall von Warschau
4.1.2.3. ‚Gnade der späten Geburt‘ und Bitburg-Affäre
4.2. Die Situation in Frankfurt am Main
4.2.1. Frankfurter Auschwitzprozesse
4.2.2. Der Häuserkampf im Westend und Faschismus von Links
4.2.3. Fassbinder als künstlerischer Leiter am TAT
4.3. Die Darstellung von Juden im Werk von R.W. Fassbinder
5. Die Kontroversen um ‚Müll‘
5.1. 1976: Kontroverse I
5.2. 1984: Kontroverse II
5.3. 1985: Kontroverse III
5.4. Mögliche Interessen der Hauptakteure
5.5. Exkurs: Der Autor und seine Dramenfiguren
5.5.1. ‚Der Reiche Jude‘: Fiktionalität und Realitätsbezug einer Dramenfigur
5.5.2. Freiheit und Verantwortung des Autors - Fassbinder ein Antisemit?
5.5.3. Kunstfreiheit oder Menschenwürde?
5.6. Aufführungsgeschichte
5.6.1. Ausland
5.6.2. Westdeutschland und BRD
5.6.3. 2009: ‚Müll‘-Inszenierung am Mülheimer Theater an der Ruhr
5.7. Chronologische Auflistung zentraler Ereignisse während der Kontroversen
6. Das Ereignis - Drei Fallbeispiele und Analyse der Fassbinder-Kontroversen
6.1.1. Fallbeispiel 1: Ereignis nach Martin Seel
6.1.2. Das ästhetische Ereignis
6.1.3. Phänomenologische Ereignis-Analyse der Fassbinder-Kontroversen
6.2. Fallbeispiel 2: Ereignis in der Systemtheorie Luhmanns
6.2.1. Systeme, Soziale Systeme und Autopoiesis
6.2.2. Das System Kunst
6.2.3. Der Übertragungseffekt am Beispiel der Reichstagsverhüllung
6.2.4. Systemtheoretische Ereignis-Analyse der Fassbinder-Kontroversen
6.3. Fallbeispiel 3: Ereignis als Event
6.3.1. Der Eventbegriff in Abgrenzung/Erweiterung zum Ereignisbegriff?
6.3.2. Die Fassbinder-Kontroversen als ‚Event‘?
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Entstehungsgeschichte des Theaterstücks ‚Der Müll, die Stadt und der Tod‘ von R.W. Fassbinder und die damit verbundenen, intensiven Kontroversen. Ziel ist es, das Skandalpotential des Stücks im Kontext der deutschen Nachkriegsgeschichte sowie gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen zu untersuchen und dabei theoretische Ansätze zur Ereignistheorie anzuwenden.
- Historische Kontextualisierung der Fassbinder-Kontroversen.
- Analyse der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.
- Theoretische Untersuchung des Ereignis-Begriffs (Seel, Luhmann, Event-Theorien).
- Fallbeispiele zur Anwendung ereignistheoretischer Konzepte.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Kunstfreiheit und Menschenwürde.
Auszug aus dem Buch
1.1. Einleitung und Fragestellung
Im Herbst 2009 feierte eine Inszenierung von drei Stücken Rainer-Werner Fassbinders Premiere am Mülheimer Theater an der Ruhr. Unter den Stücken befand sich auch das 1974 geschriebene und zwei Jahre später veröffentlichte Stück ‚Der Müll, die Stadt und der Tod‘ (im Folgenden ‚Müll‘). Das war die erste, wiederholt öffentlich aufgeführte Inszenierung des Stücks an einer deutschen Bühne, mehr als 30 Jahre nach seiner Entstehung. Das hat seine Gründe. Der Inhalt des Stücks, das Fassbinder während seiner künstlerischer Leiter am Frankfurter Theater am Turm geschrieben hatte, löste innerhalb eines Jahrzehnts drei Kontroversen aus, 1975, 1984 und 1985 (Im Folgenden Kontroverse I, Kontroverse II und Kontroverse III, bzw. Fassbinder-Kontroversen), die zuerst in lokalen, später auch in überregionalen und internationalen Print- und Bildmedien ausgetragen wurden. Die Debatten gehören zu den intensivsten und langwierigsten künstlerischen und politischen Auseinandersetzungen, die in der deutschen Nachkriegsgeschichte von einem literarischen Text ausgegangen sind. Gleich zu Beginn möchte ich hierbei betonen, dass das Skandalpotential des Stückes im Dramentext verankert ist und sich nicht aufgrund einer konkreten Inszenierung des Stoffes manifestiert hat. Der Terminus „Literaturskandal“ scheint mir daher angebrachter zu sein als der ebenfalls in diesem Kontext verwendete Begriff des „Theaterskandals“, da einerseits erste Auseinandersetzungen bereits nach Erscheinen des Textes begannen und andererseits im weiteren Verlauf der Debatten immer wieder einzelne Textpassagen, nicht aber konkrete inszenatorische Mittel, im Zentrum der Diskussion und Kritik standen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitendes: Einführung in das Thema, die Fragestellung der Arbeit und die Vorgehensweise.
2. Elementardaten zum Stück: Darstellung der Fakten zum Stück, eine kurze Inhaltsangabe sowie die Einordnung der literarischen Vorlage.
3. Einführung in die Ereignistheorie: Theoretische Auseinandersetzung mit verschiedenen Definitionen und Zugängen zum Ereignis-Begriff.
4. Historische Kontextualisierung – Zur Entstehung von ‚Müll‘: Historische Aufarbeitung der gesellschaftlichen Situation im Nachkriegsdeutschland und Frankfurt.
5. Die Kontroversen um ‚Müll‘: Chronologische Aufarbeitung der drei Kontroversen und Analyse der Akteure.
6. Das Ereignis - Drei Fallbeispiele und Analyse der Fassbinder-Kontroversen: Theoretische Anwendung der Ereignis-Konzepte auf die Kontroversen.
7. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Beantwortung der Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Rainer Werner Fassbinder, Der Müll die Stadt und der Tod, Fassbinder-Kontroversen, Ereignistheorie, Martin Seel, Niklas Luhmann, Nachkriegsdeutschland, Antisemitismus, Erinnerungskultur, Theater am Turm, Schulddebatten, Schuldabwehrantisemitismus, Event, Kunstfreiheit, Auschwitzprozesse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte des Theaterstücks ‚Der Müll, die Stadt und der Tod‘ von Fassbinder und analysiert die heftigen gesellschaftlichen Kontroversen, die dieses Stück über Jahrzehnte hinweg in Deutschland ausgelöst hat.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Themen sind die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, der Antisemitismus-Vorwurf gegen Fassbinder, die Rolle der Medien und die ereignistheoretische Einordnung dieser Vorgänge.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Skandalgeschichte des Stücks historisch zu kontextualisieren und mithilfe ereignistheoretischer Modelle (nach Seel und Luhmann) zu verstehen, wie und warum dieses Stück zu einem langjährigen nationalen und internationalen Streitpunkt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert historische Kontextualisierung mit einer ereignistheoretischen Analyse, ergänzt durch Text- und Figurenanalysen des Dramentextes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Hintergründe (Nachkriegsdeutschland, Frankfurt), die drei spezifischen Kontroversen sowie die theoretische Analyse des Ereignis-Begriffs im Kontext der Fassbinder-Debatten behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Fassbinder, Kontroverse, Ereignistheorie, Schuldabwehrantisemitismus, Erinnerungskultur und Kunstfreiheit.
Warum wurde gerade dieses Stück zum Auslöser so heftiger Debatten?
Das Stück thematisiert die Schuldfrage und den Antisemitismus in Deutschland in einer Weise, die die gesellschaftliche Identität und den Umgang mit der NS-Vergangenheit extrem herausforderte und zur Stigmatisierung des Autors führte.
Welche Rolle spielte der Frankfurter Häuserkampf in diesem Kontext?
Der Häuserkampf im Frankfurter Westend und die Rolle jüdischer Immobilienbesitzer bildeten einen zentralen, realen Hintergrund, auf den sich die Debatten um Fassbinders Stück und die damit verbundenen Vorwürfe des Antisemitismus immer wieder bezogen.
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- Michael Schmitt (Author), 2010, "Der Aufstand der Gegenwart" - Ereignistheoretische Analyse der Kontroversen um Rainer-Werner Fassbinders Skandalstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158693