Das Gebet ist ein zentraler Akt der Glaubenspraxis, in dem der Beter seinen Gott anspricht. Das bedeutet: der Beter hat einen Glauben und er hat eine Gottesvorstellung. Das Gebet kann ebenfalls ein sehr persönlicher Akt sein, der für den Betenden in seiner Suche nach Antworten auf existentielle Fragen entscheidende Bedeutung hat. Die hier vorliegende Arbeit will Wege aufzeigen, wie das Gebet als Thema des Unterricht an einer gymnasialen Oberstufe behandelt werden kann. Im Zuge der Vorbereitungen fiel mir auf, dass es reichlich Gebetsliteratur gibt, die sich vor allem aus Gebetsbüchern, Gebetsanleitungen und Sammlungen erbaulicher Texte für schwierige Lebenslagen zusammenstellt. Wenn man hingegen die theologische oder gar die religionspädagogische Fachliteratur konsultiert, hat es fast den Anschein, als sei vor allem letztere darum bemüht, das Thema Gebet im Unterricht geflissentlich weiträumig zu umfahren.
Das ist insofern bedauerlich, da sich ja gerade Schülerinnen und Schüler in einer Lebensphase befinden, in der existentielle Fragen hinsichtlich der Lebensdeutung im Bezug auf jugendliche Wirklichkeitswahrnehmung nicht selten sind. Auch beim Blick in den Lehrplan muss man schon sehr genau suchen, wo das Gebet seinen Platz finden könnte.
Der Grund für diesen Mangel an literarischer Präsenz liegt möglicherweise darin, dass heute einfach nicht mehr gebetet wird und dadurch das Gebet nicht mehr in seiner für den Menschen so bedeutenden Rolle erkannt wird. Man kann seit einiger Zeit unter Jugendlichen einen deutlichen Rückgang an Religiosität beobachten, der sich aber vor allem auf den Bereich institutioneller Religionspraxis erstreckt.
Für den Umgang mit dem Thema Gebet im Unterricht scheint es mir daher wichtig, auch danach zu fragen, wo jugendliche Religiosität heute noch zu finden ist, und wie sie sich äußert. Da die Grundbedürfnisse des Menschen auch in einer sich stetig verändernden Welt gleich bleiben, liegt es nahe, zu erfragen, auf welchen Wegen Jugendliche heute ihre Probleme zur Sprache bringen.
Die vorliegende Arbeit will dies anhand populärer Texte deutschsprachiger Musikinterpreten tun, die für Jugendliche als Idole gefeiert und verehrt werden.
Wie zeigt sich die jugendliche Wirklichkeit und welchen Einfluss hat das auf jugendliche Religiosität? Welche Ausdrucksformen finden sich heutzutage im Repertoire jugendlicher Sprache und wie können Lehrkräfte darin ein zum Gebet möglicherweise analoges Sprechen erkennen?
Inhaltsverzeichnis
1. Das Gebet als Thema im Unterricht der Sekundarstufe II – Systematische Betrachtung und Einordnung
1.1. Blick in den Lehrplan Evangelische Religion für den gymnasialen Bildungsgang (G8)
1.1.1. Lernschwerpunkt I: Individuelle Erfahrung
1.1.2. Lernschwerpunkt II: Biblisch-christliche Tradition
1.1.3. Lernschwerpunkt III: Christliches Leben in Geschichte und Gegenwart
1.1.4. Lernschwerpunkt IV: Ethik
1.1.5. Lernschwerpunkt V: Religion und Weltdeutung
1.1.6. Stellung des Gebetes innerhalb der Lernschwerpunkte
1.2. Das Gebet als Thema des Religionsunterrichts – Versuch einer Einordnung
1.2.1. Das Thementableau der Grundkurse
1.2.2. Das Thementableau der Leistungskurse
1.2.3. Schulstufenzuweisung und Abgrenzung
1.2.3.1. Themenverankerung in der 12G.2
1.2.3.2. Grund- oder Leistungskurs?
2. Religion und das Gebet als religiöse Praxis – eine Bildungsaufgabe
2.1. Ein allgemeines Bildungsgut
2.2. Sozialisationsprobleme Jugendlicher
2.3. Methodische Konsequenzen für den Unterricht – Chancen der partiellen Monoedukation
2.4. Aktuelle Bezüge zum Thema Gebet im Unterricht
3. Jugendliche und ihre Religiosität
3.1. Die Bedeutung des jugendlichen Sprachcodes
3.2. Wie äußert sich Religiosität bei Jugendlichen?
4. Stellung der Religion in der Gesellschaft und die Konsequenzen für den Unterricht
4.1. Staat und Gesellschaft
4.2. Der pluralistische Gesellschaftsaspekt
4.3. Der säkulare Gesellschaftsaspekt
4.4. Einbeziehung der Religionskritik
5. Gebete und Lieder der Popkultur als Ausdruck von Lebensfragen und Lebensdeutung
5.1. Einleitung
5.2. Die Sprache des Gebetes
5.3. Exemplarische Texte
5.3.1. Das 18-Bitten-Gebet
5.3.2. Das Vaterunser
5.3.3. Die 1. Sure Al Fatiha
5.4. Strukturelle Merkmale des Gebetes
5.4.1. Wer spricht?
5.4.2. Was wird zur Sprache gebracht?
5.4.3. Mit wem redet der Betende?
5.5. Die Sprache der Lieder der Popkultur
5.6. Menschliche Existenz und Sprache
6. Die Behandlung des Themas Gebet im Unterricht
6.1. Hinführung
6.2. Schritt 1: Vergleich eines Liedes mit einem Gebet
6.3. Schritt 2: Vergleich eines jüdischen, christlichen und islamischen Gebetes
6.4. Schritt 3: Ein neuzeitliches Gebet im Vergleich mit einem profanen Text
6.5. Schritt 4: Schweigen und Stille – Meditation
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie das Thema Gebet in der gymnasialen Oberstufe fachgerecht in den Religionsunterricht integriert werden kann, um Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer existenziellen Lebensfragen zu helfen.
- Integration des Gebets in den Lehrplan der gymnasialen Oberstufe
- Analyse jugendlicher Religiosität und Sprachcodes
- Vergleich zwischen traditionellen religiösen Gebeten und populärkulturellen Texten
- Methodische Ansätze für den Religionsunterricht
- Religionskritik und säkulare Gesellschaft im Kontext des Unterrichts
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Bedeutung des jugendlichen Sprachcodes
In ihrem persönlichen Blog, also einer Art Plattform für kommunikativen Gedankenaustausch über das Internet innerhalb eines sozialen Netzwerkes, stellt die 17-jährige Schülerin Saskia für alle ihre Freundinnen und Freunde eine Botschaft mit folgendem Inhalt ein:
„Mit Geli gestern in da CityYY! War endgeil!!! Geli Du bist mein absoluter Schatz. Lieb dich total xD *-) Und hier: tara: Das absolute pic - ich mit Geli auf neuem Style*lol* Wie fett ist das denn! Das ist sooo derbst gelungen ☺ Geli Schaddzüüü! Ich bin so glücklich das ich dich habe du bist mir mehr wert alles andere auf dieser Welt ☺ nachdem was dir passiert ist bin ich echt froh, das du wieder lachen kannst. Muhaha Ka wie das alles kam. Und auch wie es so weitergeht. Hauptsache du kannst wieder lachen. (...) Hörste dann mal die neue von Xavier Naidoo durch, mein absoluter Gott. Joa check das mal ;-) im i-net und bei youtube schon paar Sachen gefunden (...) Wenn die Atzen von sowas keine plan haben ist mir das irwie eh nur recht. Das sind sowieso die absoluten Player und machen eine auf Checker. Einfach nur Spassten.und denen ist sowieso nix heilig. (...)“
Dieser Textauszug ist eine sehr reale Erscheinung. Er dokumentiert – und soll deshalb an dieser Stelle auch präsentiert werden – die Art und Weise, mit der Jugendliche heute untereinander kommunizieren. Der Text ist voller Abkürzungen, Icons und spezieller Symbole, die keinem sprachlichen Regelwerk entstammen, sondern von Jugendlichen in einem mehr oder weniger offenen Prozess entwickelt, weitergereicht und übernommen wurden und werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Gebet als Thema im Unterricht der Sekundarstufe II – Systematische Betrachtung und Einordnung: Dieses Kapitel verortet das Thema Gebet innerhalb der Lernschwerpunkte des gymnasialen Lehrplans und erläutert dessen Einordnung in die gymnasiale Oberstufe.
2. Religion und das Gebet als religiöse Praxis – eine Bildungsaufgabe: Hier wird die Bedeutung des Gebets als allgemeines Bildungsgut sowie die Problematik der Sozialisation und die Rolle der Monoedukation im Unterricht erörtert.
3. Jugendliche und ihre Religiosität: Dieses Kapitel analysiert die spezifische Ausdrucksweise und den Sprachcode heutiger Jugendlicher sowie deren aktuelle Religiosität.
4. Stellung der Religion in der Gesellschaft und die Konsequenzen für den Unterricht: Die Untersuchung befasst sich mit der Rolle des Staates, der Pluralität und Säkularität sowie der Einbeziehung von Religionskritik im Schulkontext.
5. Gebete und Lieder der Popkultur als Ausdruck von Lebensfragen und Lebensdeutung: Es wird die Verbindung zwischen klassischen Gebetstexten verschiedener Weltreligionen und populärkulturellen Musiktexten der Jugend als Ausdrucksform existentieller Fragen analysiert.
6. Die Behandlung des Themas Gebet im Unterricht: Dieses Kapitel bietet eine praktische Anleitung in vier Schritten, wie das Thema Gebet methodisch fundiert und unter Einbeziehung von Liedern und Texten im Unterricht umgesetzt werden kann.
Schlüsselwörter
Gebet, Religionsunterricht, Jugendliche, Religiosität, Sprachcode, Popkultur, Lebensdeutung, Existenzfragen, Schule, Lehrplan, Pluralität, Säkularisierung, Religionskritik, Didaktik, Meditation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Aufbereitung und Einordnung des Themas Gebet im evangelischen Religionsunterricht der gymnasialen Sekundarstufe II.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Lehrplanbezug, die Analyse jugendlicher Religiosität, die Bedeutung der Sprache im Gebet sowie der Vergleich mit populärkulturellen Texten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie das Thema Gebet in der gymnasialen Oberstufe so behandelt werden kann, dass es für Jugendliche anschlussfähig an ihre Lebenswelt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen systematischen, religionspädagogischen Ansatz, der den Lehrplan analysiert, aktuelle gesellschaftliche Bedingungen einbezieht und eine vergleichende Textanalyse (Gebet und Popkultur) vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Einordnung in den Lehrplan, eine soziologische Betrachtung jugendlicher Lebenswelten und eine konkrete methodische Umsetzung durch Textvergleiche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Gebet, Religionsunterricht, Jugendliche, Sprachcode, Popkultur und existenzielle Lebensdeutung charakterisieren.
Warum ist der Vergleich mit populärkulturellen Liedern so wichtig?
Der Vergleich dient dazu, die Jugendlichen dort abzuholen, wo ihre aktuellen Ausdrucksformen existentieller Fragen liegen, und Brücken zwischen ihrem Sprachcode und religiöser Tradition zu schlagen.
Welche Rolle spielt die Säkularisierung in dieser Arbeit?
Die Säkularisierung wird als Herausforderung für den Religionsunterricht begriffen, da sie dazu führt, dass traditionelle religiöse Formen bei Jugendlichen an Bedeutung verlieren und das Gebet neu kontextualisiert werden muss.
- Quote paper
- Andreas Bothmann (Author), 2009, Gebet als Thema des Unterrichts in der Sek.II, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158550