Norbert Elias beschreibt in „Über den Prozeß der Zivilisation“ wie im Abendland verfeinerte Sitten und strikte Regulation der Körperfunktionen zu Distinktionsmerkmalen der gehobenen Gesellschaft wurden. Das Bestreben sich zu distinguieren entwickelte folgliche mit figurativer Mechanik, erst in den Oberschichten, dann in angeeigneter Form im Bürgertum und in immer weiteren Bevölkerungskreisen, eine Eigendynamik und führte ultimativ dazu, dass gesellschaftliche Interaktion zu dem wurde, was Mary Douglas später „den Verkehr zwischen körperlosen Geistern nennt.“ In diesem Essay wird jedoch der Annahme nachgegangen, dass es in 'zivilisierten Gesellschaften' und anderen menschlichen Gemeinschaften Einrichtungen gibt, in denen unterdrückte Triebe dieser Kontrolle entkommen: Diese 'geheimen Orte' sind der Gesellschaft zwar bekannt sind, bleiben aber diskursiv unbeachtet, um das Bild der Zivilisiertheit zu erhalten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Funktion geheimer Räume im Zivilisationsprozess
3. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Existenz und Funktion sogenannter „geheimer Räume“ innerhalb zivilisierter Gesellschaften, in denen gesellschaftlich unterdrückte Triebe und Bedürfnisse, wie beispielsweise sexualisierte Gewalt, ausgelebt werden können. Auf Basis der Zivilisationstheorie von Norbert Elias wird kritisch hinterfragt, wie moderne Gesellschaften ihr zivilisiertes Selbstbild trotz der Realität solcher unkontrollierten Räume aufrechterhalten.
- Die zivilisationstheoretische Perspektive nach Norbert Elias
- Die Metapher des „geheimen Raumes“ als Ventil für unterdrückte Triebe
- Sexualisierte Gewalt als strukturelles Problem in der Privatsphäre
- Ausnahmezustände im Krieg und deren Auswirkungen auf die Triebregelung
- Diskursive Ausblendung und die Aufrechterhaltung eines zivilisierten Selbstbildes
Auszug aus dem Buch
Die Funktion geheimer Räume im Zivilisationsprozess
Das Umfeld der Menschen im europäischen Mittelalter war, so Elias, vergleichsweise roh und körperliche Versehrung oder Vernichtung stellten eine ständige und unmittelbare Bedrohung dar. Daher befand man sich in fortwährender Kampfbereitschaft, befriedigte jedoch ebenso spontan die als positiv empfundenen körperlichen Gelüste. Die Eingrenzung der Triebe oder körperliche Anpassung waren noch gering. Im Laufe der Zeit konnten Gewalthandlungen jedoch verstärkt an Gewaltmonopole abgegeben werden, was befriedete Räume schuf. Dies zog allerdings auch eine Verpflichtung zur eigenen Friedfertigkeit und eine Ächtung der Gewaltanwendung durch einzelne Personen nach sich. Die befriedeten Räume ermöglichten ihnen, weniger existenzielle Tätigkeiten auszuüben. Im Laufe des Zivilisationsprozesses wurden durch verstärkte gesellschaftliche und ökonomische Interdependenzen immer mehr Menschen miteinander vernetzt und durch längere Abhängigkeitsketten aneinander gebunden. Man begann sich, erst durch sozialen Druck aus der Gruppe und später durch verinnerlichte Selbstzwänge, unter gezielterer Kontrolle des jeweiligen Affekthaushaltes entgegenzutreten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Zivilisationstheorie von Norbert Elias ein und stellt die zentrale Metapher der „geheimen Räume“ vor, in denen gesellschaftlich nicht geduldete Triebe ausgelebt werden.
2. Die Funktion geheimer Räume im Zivilisationsprozess: Dieses Kapitel analysiert die Verlagerung von Triebunterdrückung in die Privatsphäre und beleuchtet anhand von Beispielen wie häuslicher Gewalt und Kriegsverbrechen, wie diese Räume diskursiv ignoriert werden, um das gesellschaftliche Selbstbild zu schützen.
3. Resümee: Das Resümee fasst die Erkenntnis zusammen, dass geheime Räume ein strukturelles Element moderner Gesellschaften sind, die trotz ihrer Brutalität notwendig erscheinen, damit das System als „zivilisiert“ funktionieren kann.
Schlüsselwörter
Zivilisationsprozess, Norbert Elias, geheime Räume, Triebregelung, Selbstzwänge, häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, Privatsphäre, Affektbeherrschung, Gesellschaftsdiskurs, Kriegsgreuel, Macht, Verdrängung, Zivilisiertheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die These, dass zivilisierte Gesellschaften Räume aufrechterhalten, in denen Triebunterdrückung ausgesetzt wird, um das offizielle Bild einer friedfertigen und kontrollierten Gesellschaft zu wahren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, der Umgang mit Sexualität und Gewalt im privaten sowie im kriegerischen Kontext und die diskursive Verdrängung dieser Phänomene.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Auslassungen in Elias' Theorie kritisch zu hinterfragen und zu verdeutlichen, dass „geheime Räume“ funktional für die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Selbstbildes sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer Konzepte, ergänzt durch eine qualitative Recherche aktueller Berichte zu häuslicher und sexualisierter Gewalt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird analysiert, wie sich Triebe in der Kleinfamilie und unter extremen Bedingungen wie im Krieg außerhalb gesellschaftlicher Normen entladen und warum darüber oft geschwiegen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Zivilisationsprozess, geheime Räume, Selbstzwänge, Triebregelung und diskursive Verdrängung.
Inwiefern spielt der Begriff „Privatsphäre“ eine Rolle für die These der geheimen Räume?
Die Privatsphäre fungiert laut Autorin als ein solcher geheimer Raum, da dort durch soziale Interdependenzen eine Triebauslebung möglich ist, die in der Öffentlichkeit durch Scham- und Peinlichkeitsschwellen sanktioniert würde.
Welche Bedeutung kommt dem Beispiel des Kongokrieges im Kontext der Arbeit zu?
Der Kongokrieg dient als Beispiel für einen „geheimen Raum der Weltgemeinschaft“, in dem Gewalt massenhaft ausgeübt wird, während die internationale Gemeinschaft zwar davon weiß, aber aufgrund ökonomischer und politischer Interessen nicht effektiv eingreift.
- Quote paper
- Stefanie Mallon (Author), 2009, Die Funktion "geheimer Räume" im Zivilisationsprozess, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158383