Nachdem der deutsche zeitgenössische Philosoph Ernst Tugendhat, im Jahr 1993, in seinen Vorlesungen über Ethik den besonderen systematischen Stellenwert der smithschen Moralphilosophie erkannt und ausformuliert hat, erlebte die Forschung und Diskussion über die TMG eine Renaissance.
Diese Arbeit soll, orientiert an Tugendhats systematischer Einordnung, zeigen, welche Bedeutung die TMG für die Moralphilosophie hat und worin sie besteht. Plausibel ist,
dass es im Wesentlichen – mit Kant gesprochen – um eine Einbeziehung des Sinnenwesens in die universalistische Moral geht. Was für Kant eine Unmöglichkeit war, da die Moral allein der Verstandeswelt zuzuordnen ist, scheint mit Hilfe von Smith nun möglich zu sein.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Verbindung von Universalität und Sympathie in Smiths TMG
2. Erweiterung der Moralphilosophie um die Tugend der Schicklichkeit
2.1. Die moralische Grundhaltung
2.2. Soziale Tugenden
2.3. Reaktive Haltungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung von Adam Smiths Werk „Theorie der moralischen Gefühle“ (TMG) für die Moralphilosophie. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Smith das Sinnenwesen des Menschen in eine universalistische Moral integriert, indem er das Prinzip der Sympathie mit der Perspektive des unparteilichen Betrachters verknüpft und so über rein rationale oder rein empirische Ansätze hinausgeht.
- Die Synthese von kantischer Universalität und humescher Empirie durch Smith.
- Die Rolle der Sympathie als Grundlage moralischer Urteile und intersubjektiver Haltungen.
- Die Definition und Bedeutung der „Tugend der Schicklichkeit“ (propriety).
- Die Differenzierung zwischen moralischer Grundhaltung, sozialen Tugenden und reaktiven Haltungen.
- Der Vergleich von Smiths affektiver Offenheit mit modernen Theorien des kommunikativen Handelns.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die moralische Grundhaltung
Smith geht von der Fähigkeit des Menschen aus, an allen Affekten eines anderen teilzunehmen. Zugleich sieht er ein doppeltes Bedürfnis des Menschen: einerseits wünscht er, dass jemand mit ihm mitfühlt, andererseits, will er mit anderen mitfühlen. Zu beachten ist, dass der ursprüngliche Affekt selbstverständlich stärker verspürt wird als der reflektierte des Zuschauers. Damit also ein wechselseitiges Mitfühlen möglich ist, müssen beide eine für ihre Position erforderliche Grundhaltung besitzen. Als primär Betroffener muss man „seinen Affekt auf jenen Grad herabstimm[en], bis zu welchem die Zuschauer mitzugehen vermögen“4: Dementsprechend ist die geforderte Haltung die stoische Tugend der Selbstbeherrschung. Als Zuschauer hingegen ist man dazu angehalten, „so sehr [man] kann, sich in die Lage des anderen zu versetzen“5. Dafür bedarf es der Tugend der Sensibilität.
Eben jene Grundhaltung, als Betroffener möglichst selbstbeherrscht und als Teilnehmender möglichst sensibel zu sein, ist notwendige Voraussetzung für wechselseitiges affektives Mitschwingen. Sie wird von E. Tugendhat als „affektives Offensein für andere, sowohl aus der Perspektive des Betroffenen wie des Teilnehmenden“6 bezeichnet. Die von Smith geforderte affektive Offenheit wird sich als besonders brauchbar erweisen, wenn man sie mit Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns vergleicht, in welcher eine Verständigung über die Interessen anderer angestrebt wird. Das Prinzip der affektiven Offenheit fordert jedoch eine affektive Kommunikation miteinander. Die Verständigung verläuft also auf einer emotionalen Ebene, die über einen Interessenausgleich weit hinausgeht, und verhilft somit zu einer affektiven Harmonie.7 Im alltäglichen Miteinander erwarten wir schließlich nicht nur Berücksichtigung unserer Interessen, sondern genauso die Rücksichtnahme auf unsere Affekte. Wobei der Affizierte verpflichtet ist durch Selbstbeherrschung den anderen zu ermöglichen, an seinem Affekt teilhaben zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird der systematische Stellenwert von Adam Smiths Moralphilosophie im Kontext zeitgenössischer philosophischer Diskussionen verortet.
1. Verbindung von Universalität und Sympathie in Smiths TMG: Dieses Kapitel erörtert die Synthese von Kants Vernunftmoral und Humes Empirismus durch Smiths Konzept des unparteilichen Betrachters.
2. Erweiterung der Moralphilosophie um die Tugend der Schicklichkeit: Hier wird die „Schicklichkeit“ als normative Erweiterung eingeführt, die affektive Haltungen in die universelle moralische Beurteilung einbezieht.
2.1. Die moralische Grundhaltung: Es wird dargelegt, wie Selbstbeherrschung und Sensibilität die notwendigen Voraussetzungen für wechselseitiges affektives Mitfühlen bilden.
2.2. Soziale Tugenden: Aufbauend auf Aristoteles werden soziale Tugenden als intersubjektive Haltungen interpretiert, die für ein harmonisches Miteinander essentiell sind.
2.3. Reaktive Haltungen: Das Kapitel analysiert, wie der Umgang mit emotionalen Reaktionen – etwa nach Schädigungen – durch das Prinzip der Versöhnlichkeit moralisch bewertet wird.
Schlüsselwörter
Adam Smith, Theorie der moralischen Gefühle, Moralphilosophie, Sympathie, unparteilicher Betrachter, Schicklichkeit, Tugend, affektive Offenheit, Selbstbeherrschung, Sensibilität, Intersubjektivität, Moralpsychologie, Handlungsnormen, Aristoteles, Ernst Tugendhat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Adam Smiths „Theorie der moralischen Gefühle“ und wie diese dazu beiträgt, das menschliche Sinnenwesen in eine moralphilosophische Systematik zu integrieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Sympathie, dem unparteilichen Betrachter, dem Konzept der Schicklichkeit (propriety) sowie der Frage, wie affektive Zustände Gegenstand der Moral werden können.
Was ist das primäre Ziel dieser Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu zeigen, dass Smiths Ansatz eine Brücke schlägt, um moralische Universalität mit der empirisch beobachtbaren, affektiven Seite des Menschen zu verbinden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine systematische, philosophiehistorische Textanalyse, die Smiths Werk in Bezug zu Kant, Hume, Aristoteles und modernen Denkern wie Tugendhat und Habermas setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Verbindung von Universalität und Sympathie sowie eine detaillierte Analyse der Tugend der Schicklichkeit in ihren verschiedenen Formen wie Grundhaltungen, sozialen Tugenden und reaktiven Haltungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Die wichtigsten Schlagworte sind Sympathie, unparteilicher Betrachter, Schicklichkeit, Moralpsychologie, affektive Harmonie und Intersubjektivität.
Wie definiert Smith die „moralische Grundhaltung“?
Sie besteht aus dem Zusammenspiel von Selbstbeherrschung (aufseiten des Betroffenen) und Sensibilität (aufseiten des Zuschauers), um ein gegenseitiges Mitfühlen überhaupt erst zu ermöglichen.
In welchem Verhältnis stehen „soziale Tugenden“ zur Moral?
Smith ordnet sie als intersubjektive Haltungen ein, die durch den unparteilichen Betrachter in den universalistischen Pflichtenkatalog integriert werden, da sie eine wesentliche Komponente für ein harmonisches Miteinander darstellen.
Was versteht die Arbeit unter „reaktiven Haltungen“?
Hierbei geht es um das tugendhafte Reagieren auf Situationen wie Wohltaten oder Schädigungen, wobei besonders die Versöhnlichkeit bei Streitigkeiten im Fokus steht.
Warum ist das Konzept der „affektiven Offenheit“ so relevant?
Es dient als Voraussetzung für eine moralische Kommunikation, die über rein kühle Interessenausgleiche hinausgeht und stattdessen eine echte affektive Harmonie zwischen Individuen anstrebt.
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- Niels von Wardenburg (Author), 2010, Die bleibende Bedeutung von Adam Smiths Moralphilosophie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158321