Der Tod des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos löst eine Welle der Entrüstung in Griechenland aus. Er wurde von dem Polizisten Epaminondas Korkoneas erschossen. Wie dies geschah, wird auf zwei unterschiedliche Arten erklärt. In der ersten Version – der des Polizisten – ist die Rede davon, dass der „Ordnungshüter“ und seine Kollegen mit Steinen beworfen wurden. Infolge dessen habe er drei Warnschüsse abgegeben, und ein Geschoss traf den Jugendlichen als Querschläger in den Leib, woran dieser starb. Mindestens drei Zeugen sagen jedoch aus, dass der Jugendliche gezielt erschossen wurde. Der Staatspräsident Papoulias kündigt hartes Vorgehen gegen die Randalierer und Unerbittlichkeit gegen den Angeklagten an. Der Polizist befindet sich bereits in Untersuchungshaft.
Das zeigt wie anders man mit dem Tod eines jungen Menschen, durch einen Polizisten umgehen kann, als „die Politiker“ des Sommers 1967, die Regenbogenpresse derselben Zeit und die Justiz, nach dem Tod Benno Ohnesorgs in der „Frontstadt West-Berlin“. Auch der Verlauf der Ereignisse, die dazu führten, dass der 26-jährige Student starb, hatte wesentlich gröbere Fahrlässigkeit als Wurzel, als bei den heutigen Aufständen in Griechenland.
Ziel dieser Arbeit ist es eine Antwort auf die Titelfrage zu geben, bzw. die Folgen des – wie Günther Grass es nannte – „ersten politischen Mordes in der Bundesrepublik“ zu umreißen. Der im Titel verwendete Terminus „Radikalisierung“ bedarf zuerst einer näheren Bestimmung.
Den Hauptteil beginne ich damit die Situation zu umschreiben, in der sich die Jugendbewegung vor dem grausamen Ende des Studentenlebens Benno Ohnesorgs befindet. Dann leite ich mit einer Umschreibung wichtiger Ereignisse an dessen in der heutigen Gesellschaft noch weitgehend bekanntem Todesdatum über, zu der Kernfrage: Wie wirkte sich der Tod des jungen Studenten auf die Jugendbewegung aus? Am Ende steht ein Versuch dieses, schon alleine aufgrund der Fragestellung nicht eindeutig lösbares, Problem zu bearbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. DARSTELLUNG DES THEMAS
2. DIE SITUATION DER JUGENDBEWEGUNG VOR DEM 2. JUNI 1967
2.1. DIE APO
2.2. DIE NEUE LINKE
2.3. DER „AUTONORMALE“ BEWOHNER
2.4. DIE STUDENTENBEWEGUNG
3. WAS GESCHAH AM 2. JUNI 1967?
3.1. VOR DEM SCHÖNEBERGER RATHAUS
3.2. VOR DER DEUTSCHEN OPER
4. DAS ECHO
5. WURDE DIE BEWEGUNG DURCH BENNO OHNESORGS TOD RADIKALER?
5.1. DIE WEIBLICHEN HAUPTPERSONEN
5.2. DIE GESAMTE STUDENTENBEWEGUNG IM BLICKFELD
6. RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 eine tatsächliche Radikalisierung der westdeutschen Studentenbewegung zur Folge hatte, oder ob dieser Vorfall lediglich als Katalysator für bereits bestehende Strömungen fungierte.
- Analyse der soziopolitischen Situation der Jugendbewegung vor dem 2. Juni 1967.
- Detaillierte Rekonstruktion der Ereignisse am 2. Juni 1967 (Schöneberger Rathaus und Deutsche Oper).
- Untersuchung der medien- und staatspolitischen Reaktionen auf das Ereignis.
- Betrachtung individueller Perspektiven und Reaktionen von Aktivisten auf den Tod Ohnesorgs.
- Kritische Reflexion der These der „Radikalisierung“ durch ein einzelnes Ereignis.
Auszug aus dem Buch
3.2. Vor der Deutschen Oper
Die Vorbereitungen der Protestierenden für die Demonstration vor der Deutschen Oper waren angesichts der Vorfälle vor dem Schöneberger Rathaus sehr harmlos. In der Kommune I wurden Eier mit roter Farbe gefüllt, Papiertüten wurden mit Karikaturen der Herrscher beklebt und Rauchkerzen wurden hergestellt. Es ist nicht auszuschließen, dass der V-Mann Peter Urbach für die Rauchkerzen verantwortlich war. Man kann jedoch mit Gewissheit sagen, dass die Staatsorgane über diese Planungen informiert wurden.
Es wäre möglich gewesen die Demonstration vor der Oper zu untersagen, zumal keine Demonstration angemeldet war. Die Polizeileitung entschied sich jedoch dafür die Demonstration kontrolliert auf beschränktem Gebiet zu halten. Daher wurde der Gehweg gegenüber der Deutschen Oper abgesperrt. So waren die ankommenden Demonstranten (und auch wirkliche Bewunderer des Schah – motiviert durch die Klatsch-Presse) auf einem schmalen Streifen eingepfercht. Dieser Streifen wurde als der „Schlauch“ oder auch von Duesing, dem Polizeipräsidenten der Berliner Polizei, als „Leberwurst“ bezeichnet. Der Begriff hängt mit der Taktik, die verwendet wurde um die Demonstration „im Zaum zu halten“. Wie Duesing gemeint hat, müsse man die Ruhestörer in einen Schlauch pressen und dann wie in eine Leberwurst stechen so, dass es an beiden Seiten herausspritzt. Nach einer Reihe von Provokationen von Seiten der Polizei, und unbegründeten Körperverletzungen und der Kriminalisierung von Protestierenden, die Rauchkerzen von der Polizei aus der dicht gedrängten um Atem ringenden Menge zurück warfen um ernsthafte leibliche Schäden zu vermeiden, „stach das Messer in die Leberwurst“. Einzelne Polizeibeamte überstiegen die Absperrungen und ließen ihre Knüppel wahllos auf die wehr- und ahnungslosen niederprasseln. Nun steckte also das Messer in der Leberwurst, aber sie konnte an den Seiten nicht aufplatzen. Egal wohin man fliehen wollte, stieß man auf wahllos um sich schlagende Polizeibeamte. Panik brach aus. Als über einen Lautsprecher die Falschmeldung bekannt gegeben wurde, dass ein Polizist von einem Protestierenden erstochen worden sei, wurde die Wut der Polizisten ungezügelt auf die Zivilisten losgelassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DARSTELLUNG DES THEMAS: Der Autor führt in die Thematik ein, indem er den Tod Benno Ohnesorgs in den Kontext politischer Gewalt stellt und die zentrale Forschungsfrage nach einer daraus resultierenden Radikalisierung definiert.
2. DIE SITUATION DER JUGENDBEWEGUNG VOR DEM 2. JUNI 1967: Dieses Kapitel beleuchtet das soziopolitische Umfeld, insbesondere die Rolle der APO und der Neuen Linken, sowie die generelle Stimmung gegenüber den Studenten.
3. WAS GESCHAH AM 2. JUNI 1967?: Die Ereignisse des Tages werden chronologisch rekonstruiert, wobei der Fokus auf den Protesten am Schöneberger Rathaus und vor der Deutschen Oper liegt.
4. DAS ECHO: Hier wird analysiert, wie die Presse und die Politik auf die Ereignisse reagierten und wie diese Berichterstattung die Wahrnehmung der Studentenbewegung beeinflusste.
5. WURDE DIE BEWEGUNG DURCH BENNO OHNESORGS TOD RADIKALER?: Das Kapitel untersucht anhand von Fallbeispielen und einer allgemeinen Analyse, ob der Tod Ohnesorgs eine echte Radikalisierung bewirkte oder ob er lediglich vorhandene Tendenzen bestärkte.
6. RESÜMEE: Der Autor fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Tod Ohnesorgs im Kontext eines größeren Puzzles aus staatlicher Gewalt und medialer Verzerrung zu betrachten ist, dessen Gesamtwirkung schwer isoliert zu beurteilen bleibt.
Schlüsselwörter
Benno Ohnesorg, 2. Juni 1967, Studentenbewegung, APO, Radikalisierung, Schah-Besuch, Polizeigewalt, West-Berlin, SDS, Neue Linke, Protestkultur, Springerpresse, politische Gewalt, Demonstrationsrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Ereignissen rund um den 2. Juni 1967 in West-Berlin, insbesondere mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Studentenbewegung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Analyse der APO, die Rolle der Presseberichterstattung, das Verhalten der Sicherheitskräfte und die ideologische Verortung der studentischen Proteste.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob der Tod Benno Ohnesorgs eine direkte Radikalisierung der Studentenbewegung ausgelöst hat oder ob die Radikalität bereits zuvor vorhanden war und durch den Vorfall lediglich sichtbar wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode, indem er zeitgenössische Quellen, Berichte, Flugblätter und wissenschaftliche Literatur zur Studentenbewegung miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ausgangslage der Bewegung, die Abläufe der Proteste an den Tatorten sowie die nachfolgenden Reaktionen von Politik und Medien auf diese Ereignisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Studentenbewegung, APO, 2. Juni 1967, Polizeigewalt, Radikalisierung und die Wahrnehmung staatlicher Institutionen durch die Protestierenden charakterisiert.
Warum wird im Kontext der Demonstration vor der Deutschen Oper von einer "Leberwurst-Taktik" gesprochen?
Der Begriff beschreibt die Taktik der Polizei, die Demonstranten in einen engen Korridor (den „Schlauch“) zu pressen und dann gezielt gegen sie vorzugehen, um die Menge zu spalten und handlungsunfähig zu machen.
Welche Rolle spielte die Springerpresse in der Wahrnehmung der Ereignisse?
Die Springerpresse wird als einflussreicher Faktor gesehen, der durch unsachliche und meinungsbetonte Berichterstattung wesentlich zu einer Stimmung gegen die Studenten beitrug und diese zusätzlich kriminalisierte.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Radikalisierung?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Radikalisierung bereits vor dem Tod Ohnesorgs angelegt war, der Vorfall jedoch viele Menschen „aktivierte“ und die Solidarität innerhalb der Bewegung gegen das als präfaschistisch wahrgenommene System stärkte.
Wie bewertet der Autor die Rolle der individuellen Komponenten?
Die persönliche Komponente wird als unvermeidbare Variable eingestuft, die jede exakte allgemeine Vorhersage oder Spekulation über den Verlauf der Geschichte ohne dieses Ereignis unmöglich macht.
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- Manfred Lotz (Author), 2008, Führte der Tod Benno Ohnesorgs zu einer Radikalisierung der Studentenbewegung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158087