Noch vor den Soldaten verfasst Jakob Michael Reinhold Lenz im Jahre 1773 eine Komödie bestehend aus fünf Akten: Der neue Menoza. Oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi. Das Drama greift viele Aspekte des Sturm und Drang auf und Lenz verwendet hierin eine leidenschaftliche, bewegte und ausdrucksstarke Sprache voller Gefühle und Spannungen.
Doch nicht nur diese ist ein gängiges Zeitmotiv, das Lenz aufgreift. Darüber hinaus bringt er mit Prinz Tandi die Figur des ‚edlen Wilden‘ in seine Komödie ein. Diesem sollen die Gebräuche und Gewohnheiten Europas näher gebracht werden, wobei Tandi diese durch persönliche Erfahrungen und Bekanntschaften – beispielsweise mit dem Grafen Camäleon - schnell durchschaut und Ablehnung gegenüber ihnen äußert. Bereits der Titel von Lenz' Komödie Der neue Menoza macht den Bezug auf den dänischen Roman von Eric Pontoppidan, Menoza, ein asiatischer Prinz, welcher die Welt umher gezogen, Christen zu suchen, aber des Gesuchten wenig gefunden, deutlich. Doch Lenz nimmt kaum etwas von diesem Roman in sein eigenes Stück mit auf. Stattdessen lässt er gegenwärtige und aktuelle Motive und Gedanken die Komödie bestimmen: unter anderem Rousseaus Urteil gegenüber der Aufklärung.
Insgesamt wählt Lenz somit bedeutende und einschneidende Themen seiner Zeit und baut diese in sein Stück mit ein. Dennoch stellt er für die Komödie fest: „Komödie ist Gemählde der menschlichen Gesellschaft, und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemählde nicht lachend werden.“
In seiner Selbstrezension weist Lenz darauf hin, dass er diese menschliche Gesellschaft mit Prinz Tandi, der nach „Wahrheit, Größe und Güte“6 sucht, konfrontiert. Dadurch ist es schließlich für das Publikum möglich, Vergleiche heranzuziehen.
Doch weshalb wählt Lenz für den Neuen Menoza trotz seiner darin stark enthaltenen Kritik an der europäischen Gesellschaft überhaupt die Form der Komödie, kommt es hierin doch zur Vermittlung bedeutsamer Botschaften für das Publikum. Wenn das Gemälde für Lenz nicht lachend sein darf, weshalb zieht er die Komödie als Werkzeug der Tragödie vor?
Insgesamt fallen die Kritiken am Neuen Menoza fast durchgehend negativ aus, nur selten ist in der Forschung Positives über Lenz' Komödie zu lesen. Hat Lenz einfach nur das falsche Sprachrohr für sein Stück gewählt und wäre eine Tragödie nicht angebrachter gewesen? Oder handelt es sich überhaupt um eine Komödie, welche komischen Elemente enthält das Stück und wie ist dies zu bewerten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Handlungsstränge und Charaktere
2.1 Der Inhalt des Neuen Menoza
2.1.1 Nachtrag
2.2 Die Figuren
2.2.1 Der „edle Wilde“
2.2.2 Sprechende Namen
2.2.3 Zopf, Zierau und Beza
3. Komisch oder tragisch?
3.1 Komische Elemente
3.2 Aktives Bühnengeschehen
3.3 Die Commedia dell'arte als Inspiration
3.3.1 Überrumpelung und Sprachlosigkeit
4. Reaktionen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob es sich bei Jakob Michael Reinhold Lenz' Stück "Der neue Menoza" trotz dessen tragischer Züge und negativer zeitgenössischer Kritiken tatsächlich um eine Komödie handelt. Dabei wird analysiert, wie Lenz spezifische Komödienelemente, eine aktive Bühnendramaturgie und Figurenkonstellationen einsetzt, um sein Werk trotz der tiefgreifenden Gesellschaftskritik als solches zu legitimieren.
- Analyse der Handlungsstränge und Charakterisierung der Figuren
- Untersuchung der Komik im Spannungsfeld zwischen tragischen Elementen
- Bedeutung der Commedia dell'arte als formale Inspirationsquelle
- Auswertung der zeitgenössischen und historischen Rezeption des Stücks
- Funktion des "edlen Wilden" als gesellschaftskritische Instanz
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Überrumpelung und Sprachlosigkeit
Walter Hinck führt das Übergewicht der Situation im Neuen Menoza auf das Verlangen der Literaten des Sturm und Drang nach „Handlung und sinnlicher Anschauungskraft“ zurück. Diese Form der Darstellung wird von Lenz konstant das gesamte Stück über beibehalten. Für die Stürmer und Dränger bedeutete dies eine Lossagung von dem Typus der „schönen Natur“, ein Charakteristikum des Klassizismus.
Weiterhin hat Lenz nach Meinung von Hinck die Kulturkritik an der europäischen Gesellschaft mit Voranschreiten des Stücks vernachlässigt, sie tritt also sozusagen in den Hintergrund, wobei sie zu Beginn des Stücks eine elementare Rolle spielt. Für Hinck ist es daher nicht möglich, die szenische Beschaffenheit und Gestaltung des Neuen Menoza sowie dessen innere Form vom Sichtfeld der Gesellschaftskritik her zu interpretieren. Demgegenüber sieht er die Dominanz von Lenz' Stück in den einzelnen Situationen, die sozusagen die Struktur des Stücks bestimmen. Für Hinck stellen sie „Variationen eines Modells einer umfassenden Handlungs-Struktur“ dar.
Bereits in der ersten Szene des ersten Aktes sieht sich Hinck in seiner Annahme über das Modell des Neuen Menoza bestätigt: Prinz Tandi drängt sich hier in den privaten Familienbereich der Biederlings hinein und erzählt seine eigene Geschichte: Von der Hetze gegen seine Person durch seine eigene Stiefmutter und der dadurch ausgelöste Sprung vom Turm, in den er eingesperrt worden war. Als Tandi diesen Sprung schildert, fällt Wilhelmine in Ohnmacht, da sie sich in den Prinzen verliebt hat und mit der Erzählung nicht umgehen kann. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes von der Darstellung des Prinzen überrumpelt worden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Drama "Der neue Menoza" und Einordnung des Werks in den literarischen Kontext des Sturm und Drang.
2. Handlungsstränge und Charaktere: Detaillierte Darstellung der drei Handlungsstränge sowie Analyse der zentralen Figuren, insbesondere des Prinzen Tandi und der Familie Biederling.
2.1 Der Inhalt des Neuen Menoza: Zusammenfassung der Handlungsführung, inklusive des Anhangs als theoretische Reflexion.
2.1.1 Nachtrag: Analyse der Schlussszene und deren Bedeutung für das Verständnis der drei Einheiten und der theatralen Illusion.
2.2 Die Figuren: Untersuchung der verschiedenen Charaktertypen und ihrer Funktion innerhalb der Komödie.
2.2.1 Der „edle Wilde“: Betrachtung des Prinzen Tandi als gesellschaftskritische Kontrastfigur zur europäischen Zivilisation.
2.2.2 Sprechende Namen: Analyse der Namensgebung als Mittel zur Charakterisierung der ständischen und bürgerlichen Rollen.
2.2.3 Zopf, Zierau und Beza: Vorstellung ergänzender Figuren, die philosophische und weltanschauliche Positionen der Zeit repräsentieren.
3. Komisch oder tragisch?: Diskussion über die Gattungszugehörigkeit des Stücks angesichts seiner ambivalenten Struktur.
3.1 Komische Elemente: Herausarbeitung der komischen Merkmale, wie sie im Lustspiel der Zeit üblich waren.
3.2 Aktives Bühnengeschehen: Darstellung der Bedeutung von Regieanweisungen für die Dynamik und Komik des Bühnengeschehens.
3.3 Die Commedia dell'arte als Inspiration: Verknüpfung der dramaturgischen Technik mit den Traditionen der italienischen Komödie.
3.3.1 Überrumpelung und Sprachlosigkeit: Untersuchung der Technik, durch emotionale Extremsituationen komische oder dramatische Effekte zu erzielen.
4. Reaktionen: Übersicht über die zeitgenössische Ablehnung und die spätere Aufarbeitung in der literaturwissenschaftlichen Forschung.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Stücks als schwer zugängliche Komödie, die erst rückwirkend durch ihre strukturelle Komplexität gewürdigt wurde.
Schlüsselwörter
Jakob Michael Reinhold Lenz, Der neue Menoza, Sturm und Drang, Komödie, Prinz Tandi, Gesellschaftskritik, Aufklärung, Commedia dell'arte, Dramaturgie, Überrumpelung, Bühnengeschehen, Rezeptionsgeschichte, Sprechende Namen, edler Wilder, literarisches Lustspiel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Jakob Michael Reinhold Lenz' Stück "Der neue Menoza" und setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, wie die Gattungsbezeichnung "Komödie" bei diesem Werk gerechtfertigt werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Gesellschaftskritik, die Rolle des "edlen Wilden", die dramaturgische Umsetzung von Emotionen und die Einflüsse der Commedia dell'arte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die spezifische Mischung aus komischen Elementen und tragischen Handlungsabläufen zu erklären, die zeitgenössische Rezensenten irritierte und die Gattungsbestimmung erschwerte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung zeitgenössischer Rezensionen sowie literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur zu Lenz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Handlungsstruktur, die Figurenzeichnung, die Bedeutung von Regieanweisungen für das Bühnengeschehen sowie die strukturelle Nutzung von Überrumpelungssituationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Lenz, Sturm und Drang, Komödie, Gesellschaftskritik und dramaturgische Struktur charakterisieren.
Welche Rolle spielen die "sprechenden Namen" im Stück?
Die Namen, wie zum Beispiel "Biederling", dienen dazu, die gesellschaftliche Stellung und die Charaktereigenschaften der Figuren sofort für das Publikum greifbar und typisiert zu machen.
Warum wird die Szene zwischen Tandi und Wilhelmine im zweiten Akt als Beispiel für Überrumpelung angeführt?
Sie illustriert, wie Lenz durch abrupte Gefühlswechsel und plötzliche Sprachlosigkeit der Figuren die psychologische Spannung aufbaut, die für seine dramaturgische Technik der "Überrumpelung" charakteristisch ist.
Wie bewertet der Autor das "Fazit" in Bezug auf die Tragik?
Der Autor stellt fest, dass es sich um keine Tragikomödie handelt, da sich die tragischen Konflikte, wie das vermeintliche Inzest-Motiv zwischen Tandi und Wilhelmine, am Ende in Wohlgefallen auflösen.
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- Rebecca Schwarz (Author), 2010, "Der neue Menoza" - Lenz' Stück als Komödie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157937