Der Begriff der religiösen Erfahrung wurde und wird immer wieder verschieden interpretiert. Dabei können große Unterschiede schon bei der Definition von Erfahrung auftreten. Diese setzen sich fort, wenn es darum geht, wann eine Erfahrung eine religiöse ist und ob religiöse Erfahrungen einen Wahrheitsanspruch haben. Im Folgenden wird hierzu der Ansatz von Matthias Jung behandelt, wie er ihn in dem Artikel „Qualitatives Erleben und artikulierter Sinn“ dargestellt hat.
Jung geht davon aus, dass heute wieder mehr von religiöser Erfahrung gesprochen wird. Er sieht hier die Notwendigkeit einer „Strukturanalyse der Form religiöser Erfahrung“ und einer Auseinandersetzung mit ihren spezifischen Inhalten. Es geht ihm bei der Analyse des Begriffs der religiösen Erfahrung um drei Akzente, erstens um die „Frage nach einer nichtnaiven Konzeption des Inhalts“ religiöser Erfahrung, zweitens um das Verhältnis zwischen gewöhnlicher und religiöser Erfahrung und drittens um die Normativität der begrifflichen Struktur einer alltäglichen Lebenspraxis für die weitere "Spezifikationen des Erfahrungsbegriffs".
Entsprechend den Überlegungen bei Jung beschäftigt sich auch diese Arbeit in einem ersten Abschnitt mit dem Erfahrungsbegriff allgemein und im zweiten Abschnitt mit den formalen Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit von einer religiösen Erfahrung gesprochen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Erfahrung
2.1. Individuum und Umwelt in Interaktion
2.2. Qualitatives Erleben und Erfahrung
2.3. Die semantische Artikulation qualitativen Erlebens
2.4. Die Erfahrung in ihrer reflexiven Gestuftheit
2.5. Zusammenfassung zum Begriff der Erfahrung
3. Die religiöse Erfahrung
3.1. Kriterien religiöser Erfahrung
3.1.1. Erstes Kriterium: Der metaevaluative Charakter
3.1.2. Zweites Kriterium: Festlegungen ontologischer und normativer Art
3.1.3. Drittes Kriterium: Die narrative Individuierung
3.2. Die Artikulation und Bedeutung religiöser Erfahrung
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der religiösen Erfahrung auf Basis des Ansatzes von Matthias Jung, um zu klären, wie sich religiöse von gewöhnlichen Erfahrungen unterscheiden und welchen Wahrheitsanspruch sie erheben.
- Grundlagen des allgemeinen Erfahrungsbegriffs nach Dilthey und dem amerikanischen Pragmatismus.
- Die dreigliedrige Relation von Erleben, Artikulation und Erfahrung.
- Formale Kriterien zur Qualifizierung einer Erfahrung als religiös (metaevaluativer Charakter, ontologische/normative Festlegungen, narrative Individuierung).
- Die Bedeutung der Ersten-Person-Perspektive bei der semantischen Artikulation von Erleben.
- Der Zusammenhang zwischen personaler Identität, religiöser Tradition und religiöser Erfahrung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Kriterien religiöser Erfahrung
Damit von einer Erfahrung gesagt werden kann, dass es eine religiöse Erfahrung ist, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein. Jung geht von drei notwendigen Kriterien aus, die allerdings nur zusammen hinreichend sind, eine Erfahrung als religiös zu qualifizieren.
3.1.1. Erstes Kriterium: Der metaevaluative Charakter
Geht man von der reflexiven Gestuftheit der Erfahrung aus und verbindet mit Jung die Ideen Frankfurts und Taylors zur Struktur des Handelns mit den Überlegungen Martha Nussbaums zur Bedeutung von Emotionen als evaluativen Urteilen, so kann man dahin kommen, von Urteilen zu sprechen, die etwas über die Werthierarchie des jeweiligen Menschen aussagen. Dabei muss man aber beachten, dass mit dem Begriff des Emotionalen mehr gemeint ist, als evaluative Urteile. Es sind hier einerseits reflexartige Reaktionen gemeint, welche keinen Urteilscharakter haben, andererseits kann das Emotionale eine „affektive Grundierung reflektierter Weltdeutung“ verdeutlichen. Die Integration qualitativen Erlebens in eine Weltdeutung, welche auf reflexiven Wertungen beruht, stellt eine Leistung des Individuums dar, welche erst eine Unterscheidung „lebensweltliche[r] Erfahrung von folgenlosem Erleben einerseits und wissenschaftlicher Empirie andererseits“ ermöglicht.
Erfahrungen sind also von natur aus emotional und evaluativ. Im Falle religiöser Erfahrung verschärft sich der evaluative Charakter noch dahingehend, dass es hier zur Ausbildung eines Deutungsrahmens kommt, welcher für alle weiteren Bewertungen von Erleben maßgeblich ist. Man kann hier von einem metaevaluativen Charakter der religiösen Erfahrung sprechen. Ein religiöser Deutungsrahmen, d.h. die Annahme religiöser Überzeugungen und Wertungen als Rahmen für die Artikulation und damit für das Verstehen eines Erlebens, mit diesem metaevaluativen Charakter, stellt damit dar, was für das jeweilige Individuum den unüberbietbaren Rahmen für alle anderen Deutungen von Erleben bildet und sie gewissermaßen einfärbt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Interpretation religiöser Erfahrungen ein und stellt den Ansatz von Matthias Jung vor, der die Notwendigkeit einer Strukturanalyse betont.
2. Der Begriff der Erfahrung: Das Kapitel erläutert die Grundlagen des Erfahrungsbegriffs, insbesondere die Interaktion zwischen Individuum und Umwelt sowie die Bedeutung der semantischen Artikulation für das qualitative Erleben.
3. Die religiöse Erfahrung: Hier werden die drei notwendigen Kriterien definiert – der metaevaluative Charakter, ontologische und normative Festlegungen sowie die narrative Individuierung –, die eine Erfahrung als religiös qualifizieren.
4. Schlussbemerkung: Die Zusammenfassung unterstreicht, dass eine religiöse Erfahrung ein durch Artikulation gedeutetes Erleben ist, das auf einem religiösen Deutungsrahmen basiert und für das Individuum identitätsstiftende Relevanz besitzt.
Schlüsselwörter
Religiöse Erfahrung, Matthias Jung, Erfahrung, Artikulation, qualitatives Erleben, Deutungsrahmen, metaevaluativer Charakter, narrative Individuierung, Erste-Person-Perspektive, Identität, Religion, Hermeneutik, religiöse Tradition, Sinnbestimmung, Weltdeutung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Begriff der religiösen Erfahrung auf Basis des Ansatzes von Matthias Jung, um zu verstehen, wie religiöse Erfahrungen in einer philosophischen Perspektive definiert und begründet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der allgemeine Erfahrungsbegriff, die Bedeutung von Artikulation für Sinnbildung, die Struktur religiöser Deutungsrahmen sowie die Bedingungen, unter denen ein Erleben als religiös qualifiziert werden kann.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Kriterien herauszuarbeiten, die eine klare Abgrenzung religiöser Erfahrungen von alltäglichen Erfahrungen ermöglichen und deren Wahrheits- bzw. Geltungsanspruch untersuchbar machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen hermeneutisch-pragmatischen Ansatz, indem sie die Philosophie von Matthias Jung aufgreift und mit Theorien zur Struktur von Erfahrung, Handeln und Identität verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Klärung des allgemeinen Erfahrungsbegriffs (interaktive Sinnbestimmung) und die Definition der drei spezifisch religiösen Kriterien (metaevaluativer Charakter, ontologische/normative Festlegungen, narrative Individuierung).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen religiöse Erfahrung, Artikulation, qualitatives Erleben, Deutungsrahmen, narrative Individuierung und die Erste-Person-Perspektive.
Warum ist die Erste-Person-Perspektive für religiöse Erfahrungen so wichtig?
Die Erste-Person-Perspektive ist unhintergehbar, da religiöse Erfahrung immer ein subjektiv erlebtes Ereignis ist, das erst durch die spezifische Artikulation des Erlebenden seine Bedeutung und Geltung für dieses Individuum erhält.
Wie unterscheidet sich die "dunkle Nacht" der Erfahrung bei Michael Schneider von einer gewöhnlichen Glaubenskrise?
Die Erfahrung der Dunklen Nacht wird als ein tiefes Existential gedeutet, das nicht zur Verneinung Gottes führt, sondern als Eintreten in eine Mystik des Abstiegs und als Prozess gesehen wird, in dem der Mensch dem Menschgewordenen Christus ähnlicher wird.
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- Brigitte Benz (Author), 2009, Qualitatives Erleben und artikulierter Sinn - Die Rede von der religiösen Erfahrung bei Matthias Jung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157608