Der Dichter Ulrich von Zatzikhoven verfasst um 1210 ein umfangreiches Werk von etwa 9500 Versen, den 'Lanzelet'. Überliefert ist der 'Lanzelet' lediglich in zwei Handschriften und vier Fragmenten. Der Stoff dieser Dichtung ist möglicherweise auf den französischen Epiker Chrétien de Troyes zurückzuführen. Dieser hat zwischen 1160 und 1190 den keltisch-bretonischen Sagenstoff um König Artus in Versromanen wie 'Erec', 'Yvain', 'Lancelot' und 'Perceval' zu einer geschlossenen Dichtungswelt jenseits der vorausgegangenen historischen Tatsächlichkeit umgearbeitet. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Fiktionalität im Lanzelet genauer zu untersuchen. Um dies zu ermöglichen, wird zuerst der Fiktionsbegriff genauer definiert, um für die darauffolgende Untersuchung am Text selbst, Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten, mit denen dem Fiktionalitätsverständnis Ulrichs und auch dem der mittelalterlichen Rezipienten etwas näher gekommen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Der Fiktionsbegriff – Von der Antike bis heute
1.1 Fiktionalität in der Antike und im Mittelalter
1.2 Fiktionalität in der Neueren Forschung
2. Funktion der indirekten Sprache
3. Untersuchungen der Fiktionalität an Ulrichs von Zatzikhoven Lanzelet
4. Schlussbetrachtungen
5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel der Arbeit ist die Untersuchung der Fiktionalität im mittelhochdeutschen Artusroman Lanzelet von Ulrich von Zatzikhoven. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie der Erzähler durch bewusste Brüche in der Erzählstruktur und den Einsatz indirekter Sprache ein Spiel mit Realitätsillusion und Fiktionsbewusstsein beim mittelalterlichen Rezipienten erzeugt.
- Grundlagen des Fiktionsbegriffs von der Antike bis zur modernen Literaturtheorie
- Funktion und Absichten der indirekten Sprache in mittelalterlichen Texten
- Analyse der Minnezelt-Szene als Beispiel für fiktionale Descriptio
- Untersuchung von Erzählerbrüchen und der Selbstthematisierung des Autors am Ende des Werks
- Reflexion über das Wirklichkeitsverständnis und die Rolle des Rezipienten im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
Untersuchungen der Fiktionalität an Ulrichs von Zatzikhoven Lanzelet
Nachdem Lanzelet, der sich auf der Suche nach seiner Identität befindet, seine Aufgabe, nämlich Iweret zu töten, erfüllt hat, erfährt er von einer Botin seinen Namen und seine Herkunft. Als Geschenk überreicht sie ihm und seiner Frau Iblis ein stattliches Zelt mit wundersamen Eigenschaften, welches vom Erzähler in 194 Versen ausführlich beschrieben wird. Hiltrud Katharina Knoll ist der Ansicht, dass Ulrich immer nur dann ausführlich beschreibt, wenn es etwas Außergewöhnliches zu erzählen gibt. Ulrich würde, so Knoll, abgesehen von der bis zur Unwahrscheinlichkeit getriebenen Pracht des Zeltes, sieben Einzelheiten erwähnen, die dem Zelt eindeutig den Charakter des Wunderbaren verleihen.
Eine dieser Eigenschaften bewirke beispielsweise, dass derjenige, der das Zelt betritt, kunde nimer werden wê und außerdem, dank eines Zauberspiegels, erfahren kann, welches sein treuester Freund sei. Zu alledem soll die vierte Plane des Zeltes aus weißer Fischhaut gefertigt worden sein, mit der es auf der ganzen Welt keine andere jemals aufnehmen könne. Auch war demjenigen der Zutritt verwehrt, der guoten liuten lotter truoc und die Zeltstange, die in etwa die Länge einer Lanze ereichte, ließ sich nach Belieben verlängern. Ebenfalls sei es kein Problem, das Gewicht und die Größe des Zeltes zu verändern, denn der Erzähler berichtet, swenne manz zesamene vielt, sô wart ez sô gefüege, daz ez lîhte trüege ein juncvrowe in ir handen. Als siebte Eigenart des Zeltes führt er an, dass Lanzelet und Iblis, sobald sie das Minnezelt betreten hatten, in einen Spiegel sahen, und dadurch imstande gewesen seien, zu erkennen, dass sich keinerlei Falschheit zwischen ihnen befand.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in das Werk von Ulrich von Zatzikhoven und Definition des Forschungsziels, die Fiktionalität anhand ausgewählter Textstellen im Lanzelet zu untersuchen.
1. Der Fiktionsbegriff – Von der Antike bis heute: Darstellung der historischen Entwicklung des Fiktionsbegriffs von Aristoteles über die mittelalterliche Auffassung bis hin zu modernen sprechakttheoretischen Ansätzen.
2. Funktion der indirekten Sprache: Analyse der rhetorischen Absichten hinter der Nutzung von Gleichnissen, Metaphern und uneigentlicher Rede im mittelalterlichen Kontext.
3. Untersuchungen der Fiktionalität an Ulrichs von Zatzikhoven Lanzelet: Anwendung der erarbeiteten Fiktionstheorien auf konkrete Textpassagen des Lanzelet, insbesondere das Minnezelt und das mehrfache Ende des Werks.
4. Schlussbetrachtungen: Zusammenfassende Bewertung der erzählerischen Strategien Ulrichs, die den Rezipienten zwischen Wirklichkeitsillusion und der Distanzierung durch fiktionale Brüche bewegen.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen zur Untermauerung der literaturwissenschaftlichen Argumentation.
Schlüsselwörter
Lanzelet, Ulrich von Zatzikhoven, Fiktionalität, Fiktivität, Artusroman, Mittelalter, Erzählstruktur, indirekte Sprache, make-believe-Haltung, Rezipient, Wirklichkeitsillusion, Literaturtheorie, Minnezelt, Narratologie, Autorschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Fiktionalität im Artusroman Lanzelet und analysiert, wie der Dichter Ulrich von Zatzikhoven seine Erzählung gestaltet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Fiktion von der Antike bis zur Gegenwart, die Funktion indirekter Sprache und die narrativen Besonderheiten des Lanzelet.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Fiktionalitätsverständnis Ulrichs von Zatzikhoven durch eine Textanalyse aufzuzeigen, wobei insbesondere Brüche in der Erzählung als Werkzeuge zur Steuerung des Lesers identifiziert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf literaturtheoretische Konzepte, insbesondere zur Fiktion und Fiktivität von Autoren wie Frank Zipfel, Wolfgang Iser und Gertrud Grünkorn, um den Text zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definition von Fiktionalität, die Rhetorik der indirekten Sprache und wendet diese theoretischen Erkenntnisse auf das Minnezelt und den Epilog des Romans an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Lanzelet, Fiktionalität, Artusroman, Erzählstruktur und die make-believe-Haltung des Lesers.
Warum wird das Minnezelt als Beispiel für Fiktionalität herangezogen?
Das Minnezelt wird genutzt, da es eine hochgradig fiktionale "Descriptio" enthält, in der der Erzähler seine eigene Erzählkompetenz in Frage stellt, was das Fiktionsbewusstsein des Lesers provoziert.
Welchen Zweck verfolgt Ulrich von Zatzikhoven mit den Brüchen am Ende des Werks?
Durch das mehrfache Ende und die explizite Nennung seiner Identität als Autor demonstriert er seine Unersetzbarkeit und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers von der fiktiven Welt hin zur Autorschaft.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Birn (Autor:in), 2006, Die Fiktionalität in Ulrichs von Zatzikhoven "Lanzelet", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157511