Im Folgenden möchte ich die Rolle der Philosophie in der Gesellschaft auf Grundlage der Interpretation eines Textauszugs aus Platons „Politeia“ („Der Staat“, Buch 5, Kap.18-22, 473b-480a) herausstellen. Es handelt sich hierbei um einen Dialog zwischen Sokrates und Glaukon.
Ausgangspunkt der Problematik ist Sokrates‘ Auffassung, dass die Regenten eines Staates zugleich Politiker und Philosophen sein sollten. Obwohl er hiervon überzeugt ist, rechnet er doch damit, auf Unverständnis und Spott zu stoßen. Durch die Wortwahl („[…]die jetzt sogenannten Könige und Gewalthaber[…]“) werden eben diese Regenten diffamiert. Sokrates stellt pessimistisch in Aussicht, dass kein Staat funktionieren oder „zur Glückseligkeit gelangen kann“, wenn ein Regent nicht sowohl die politische Macht als auch die Liebe zur Weisheit vereint. Sowohl Sokrates selbst als auch Glaukon scheinen sich dessen bewusst zu sein, dass diese Auffassung auf Protest in der Bevölkerung stoßen wird. Aus diesem Grund beginnt Sokrates, das Wesen der Philosophie an sich zu beschreiben; er will rechtfertigen, dass den „Weisheitsliebenden“ die Führungsposition im Staat zukommen sollte.
Dies beginnt er mit einer Erklärung des Begriffs der Liebe. Nach Sokrates ist Liebe kompromisslos und bedingungslos; wer etwas liebt, der begehrt diese Sache vollständig und nicht nur Teile davon. Der Liebende findet immer einen „Vorwand“, unter dem er die Sache „herrlich“ findet. Daher scheint der Philosoph (=Weisheitsliebender; griechisch: φιλοσοφία: philosophía: Liebe zur Weisheit) die ganze Weisheit erfahren zu wollen, nicht bloß Teile von ihr. Im Gegensatz zu diesem steht der Mensch, der sich nicht mit den Wissenschaften auseinandersetzt und auch kein Interesse daran zeigt, sondern nur gewisse oberflächliche Dinge begehrt („Schaulustige“, „Liebhaber von Künsten und Vertreter der praktischen Berufe“). Hierzu führt Sokrates nun den Vergleich mit abstrakten Begriffen („das Schöne“, „[das]Gerechte[…]“…) an: Sie sind einfache, eindeutige Begriffe, die jeweils einem anderen entgegengesetzt sind (gut – schlecht; hässlich – schön), doch scheinen sie durch die verschiedenen subjektiven Auslegungen nicht mehr eindeutig.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Problemstellung
2. Das Wesen der Philosophie und des Philosophen
2.1 Definition der Liebe und des Philosophen
2.2 Unterscheidung: Wachende und Träumende
3. Erkenntnistheoretische Grundlagen
3.1 Wissen versus Meinung
3.2 Die Stellung der Meinung zwischen Sein und Nichtsein
4. Platons Ideenlehre und die Rolle der Philosophenkönige
5. Kritische Würdigung und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Rolle der Philosophie in der Gesellschaft auf Basis von Platons „Politeia“ zu untersuchen. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwiefern die Forderung nach einer Herrschaft von Philosophen begründet ist und wie die Abgrenzung zwischen Wissen und Meinung bei Platon zu bewerten ist.
- Analyse des Dialogs zwischen Sokrates und Glaukon über die Philosophenherrschaft.
- Untersuchung der platonischen Definition von Liebe als Streben nach Weisheit.
- Differenzierung zwischen dem Wissen der „Wachenden“ und der Meinung der „Träumenden“.
- Einordnung des Erkenntnisbegriffs in Bezug auf die Ideenlehre und das Sonnengleichnis.
- Kritische Reflexion der strikten Trennung zwischen Wissenden und Meinenden.
Auszug aus dem Buch
Das Wesen der Philosophie und die Unterscheidung der Menschen
Dies beginnt er mit einer Erklärung des Begriffs der Liebe. Nach Sokrates ist Liebe kompromisslos und bedingungslos; wer etwas liebt, der begehrt diese Sache vollständig und nicht nur Teile davon. Der Liebende findet immer einen „Vorwand“, unter dem er die Sache „herrlich“ findet. Daher scheint der Philosoph (=Weisheitsliebender; griechisch: φιλοσοφία: philosophía: Liebe zur Weisheit) die ganze Weisheit erfahren zu wollen, nicht bloß Teile von ihr. Im Gegensatz zu diesem steht der Mensch, der sich nicht mit den Wissenschaften auseinandersetzt und auch kein Interesse daran zeigt, sondern nur gewisse oberflächliche Dinge begehrt („Schaulustige“, „Liebhaber von Künsten und Vertreter der praktischen Berufe“).
Hierzu führt Sokrates nun den Vergleich mit abstrakten Begriffen („das Schöne“, „[das]Gerechte[…]“…) an: Sie sind einfache, eindeutige Begriffe, die jeweils einem anderen entgegengesetzt sind (gut – schlecht; hässlich – schön), doch scheinen sie durch die verschiedenen subjektiven Auslegungen nicht mehr eindeutig.
So teilt Sokrates die Menschen in zwei Kategorien: diejenigen, die sich nur für die Erzeugnisse der Kunst, das heißt deren Abbilder begeistern und anderseits jene, die das Wesen der Dinge an sich zu schauen begehren, die Weisheitsliebenden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Problemstellung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Rolle des Philosophenkönigs im antiken Staat nach Platon.
2. Das Wesen der Philosophie und des Philosophen: Erläuterung des Philosophenbegriffs als Liebhaber der Weisheit und Abgrenzung zu den bloßen Schaulustigen.
3. Erkenntnistheoretische Grundlagen: Analyse der Unterscheidung zwischen Wissen als unfehlbarem Erkennen des Seienden und Meinung als subjektivem, fehlbarem Zustand.
4. Platons Ideenlehre und die Rolle der Philosophenkönige: Darlegung der Ontologie Platons und der Rechtfertigung der Herrschaft durch die Erkenntnis der „Idee des Guten“.
5. Kritische Würdigung und Fazit: Kritische Auseinandersetzung mit Platons strenger Trennung zwischen Meinenden und Wissenden sowie Reflexion über die Umsetzbarkeit des Philosophenkönigs in der Realität.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Philosophie, Philosophenkönig, Sokrates, Glaukon, Erkenntnistheorie, Wissen, Meinung, Ideenlehre, Idee des Guten, Sonnengleichnis, Ontologie, Weisheit, Staatsphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay primär?
Der Essay untersucht Platons Forderung, dass Philosophen als Regenten eines Staates fungieren sollten, basierend auf dem fünften Buch der „Politeia“.
Welche zentralen Themen werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen das Wesen der Philosophie, die Unterscheidung zwischen Sein und Schein, die Definition von Wissen gegenüber der Meinung sowie Platons Ideenlehre.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit hinterfragt die philosophische Begründung für die Herrschaft der Philosophenkönige und prüft deren Realisierbarkeit sowie die Strenge der platonischen Kategorisierung der Bevölkerung.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Die Autorin wählt einen interpretativen Ansatz, der den Textauszug aus Platons „Der Staat“ analysiert und mit philosophischen Konzepten wie der Ideenlehre in Bezug setzt.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsbestimmung des Philosophen, die erkenntnistheoretische Abgrenzung zwischen Wissen und Meinung sowie die Einbettung in das Sonnengleichnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Philosophenherrschaft, das Wissen versus Meinung, die Ideenlehre und das Streben nach Weisheit.
Wie begründet Sokrates die Führungsposition der Philosophen?
Sokrates begründet dies mit der Fähigkeit der Philosophen, das „wirkliche Seiende“ und die „Idee des Guten“ zu erkennen, was sie dazu prädestiniert, den Staat nach wahren Werten zu lenken.
Wie bewertet die Autorin Platons Trennung zwischen Meinenden und Wissenden?
Die Autorin kritisiert Platons strikte Trennung als zu streng und realitätsfern, da die Bildung einer Meinung ihrer Ansicht nach einen notwendigen Prozessschritt zur Erlangung von Wissen darstellt.
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- Sina Volk (Author), 2010, Platons "Politeia": Die Rolle der Philosophie in der Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157370