Kennen Sie das aus Ihrer pädagogischen Praxis - „Julian kann überhaupt nicht spielen, rennt den ganzen Tag durch das Zimmer und räumt nur alles raus. Kontakt zu anderen Kindern findet er nicht. Aber ist ja auch kein Wunder, mit ihm beschäftigt sich ja auch keiner zu Hause.“ „Paula spielt nicht. Den ganzen Tag steht sie neben mir, verfolgt mich wie ein Schatten und findet keinen Kontakt zu anderen Kindern. Ist ja auch kein Wunder, zu Hause wird sie von allen bespielt.“
Diese zwei Aussagen, getroffen von Erzieherinnen beschreiben beobachtetes, unterschiedliches Spielverhalten zweier Kinder, dass vom „normalen“ alterstypischen Spielverhalten abzuweichen scheint. Die Abweichungen sind verschieden. Gleich ist bei beiden Beobachtungen, dass die Kinder sich nicht konzentriert und intensiv einer Sache hingeben können, soziale Kontakte zu anderen Kindern und gemeinsames Explorieren eingeschränkt sind und Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden.
Geht man davon aus, dass sich Kinder im Vorschulalter ihre Welt im Spiel erschließen, so sind die Entwicklungsmöglichkeiten von Julian und Paula eingeschränkt.
Die alltagstheoretischen Schlussfolgerungen der Erzieherinnen liefern keine hinreichende Begründung für ihr Verhalten. Was könnte die mögliche Ursache dafür sein, dass sie nicht neugierig und interessiert im Spiel mit anderen Kindern ihre Welt erforschen?
Nach Largo/Benz kann ein Kind nur spielen, wenn es sich wohl und geborgen fühlt. (vgl. Largo/Benz, 2003, 58) Warum fühlen diese Kinder sich nicht wohl und geborgen? Mögliche Ursachen werden in der vorliegenden Hausarbeit aus bindungstheoretischer Sicht dargestellt und Konsequenzen für die pädagogische Praxis abgeleitet.
Kapitel eins stellt die Grundannahmen der Bindungstheorie nach John Bowlby und die Erkenntnisse der Bindungsforschung Mary Ainsworths dar. Weiterhin wird auf die Entwicklung von Bindungsbeziehungen im Vorschulalter eingegangen.
In Kapitel zwei werden Bedeutung und Besonderheit von Exploration im Vorschulalter und der Zusammenhang zur Bindung dargestellt. Kapitel drei beschäftigt sich abschließend mit möglichen Konsequenzen für die pädagogische Praxis, um Kindern wie Julian und Paula breitere Entwicklungschancen eröffnen zu können.
Leider wird in Anbetracht des zur Verfügung stehenden Umfangs der Hausarbeit vieles nur angerissen und kurz erläutert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Grundannahmen der Bindungstheorie
1.1 Bindungstheorie nach John Bowlby
1.2 Bindungsforschung Mary Ainsworths
1.3 Muster von Bindungsverhalten
1.3.1 Muster „Sicher gebunden“
1.3.2 Muster „Unsicher vermeidend gebunden“
1.3.3 Muster „Unsicher ambivalent gebunden“
1.3.4 Muster „Desorganisiert gebunden“
1.4 Bedingungen für die individuelle Entwicklung von Bindungsqualität
1.5 Bindungsbeziehungen im Verlauf der Entwicklung bis zum sechsten Lebensjahr
1.5.1 Bindungsentwicklung im Vorschulalter
1.5.2 Aufbau außerfamiliärer Bindungsbeziehungen – die Erzieherin–Kind Bindung
2 Exploration im Vorschulalter
2.1 Exploration als Voraussetzung für die Aneignung von Welt
2.2 Zusammenhang von Bindung und Exploration
2.3 Explorationsverhalten im Hinblick auf Bindungsmuster
2.3.1 Exploration sicher gebundener Kinder
2.3.2 Exploration unsicher vermeidend gebundener Kinder
2.3.3 Exploration unsicher-ambivalent gebundener Kinder
2.3.4 Exploration desorganisiert gebundener Kinder
3 Konsequenzen für die pädagogische Arbeit
3.1 Auswirkungen der unterschiedlichen Bindungsmuster auf die Entwicklung der Kinder
3.2 Entwicklungschancen durch Beachtung bindungstheoretischer Aspekte in der pädagogischen Arbeit
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den engen Zusammenhang zwischen frühkindlicher Bindung und dem Explorationsverhalten. Ziel ist es aufzuzeigen, wie unterschiedliche Bindungsmuster die Lern- und Entwicklungschancen von Kindern im Vorschulalter beeinflussen und welche Konsequenzen sich daraus für eine bindungsorientierte pädagogische Praxis in Kindertagesstätten ergeben.
- Grundlagen der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth
- Differenzierung verschiedener Bindungsmuster (sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, desorganisiert)
- Bedeutung der Exploration als Voraussetzung für das Lernen im Vorschulalter
- Die Rolle der Erzieherin als zusätzliche „sichere Basis“
- Handlungsmöglichkeiten zur Förderung der Entwicklungschancen in der Kita
Auszug aus dem Buch
1.3.3 Muster „Unsicher ambivalent gebunden“
Eine dritte Gruppe, die unsicher ambivalent gebundenen, waren unruhig beim Weggang der Mutter, weinten und ließen sich von der fremden Person nicht recht trösten. Nach Rückkehr der Mutter wurde diese zwar begrüßt, gleichermaßen aber Zeichen von Verärgerung gezeigt. Diese Kinder beruhigten sich bei der Mutter nur schwer, wiesen Spielzeug zurück, suchten Körperkontakt und wollten doch im nächsten Moment wieder losgelassen werden. Eine unzufriedene ärgerlich- aggressive oder stark passive Grundstimmung war beobachtbar. (vgl. Dornes, 2000, 51)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grundannahmen der Bindungstheorie: Dieses Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen von Bowlby und Ainsworth ein und definiert die verschiedenen Bindungsmuster sowie deren Entstehungsbedingungen.
2 Exploration im Vorschulalter: Hier wird die zentrale Bedeutung des Explorationsverhaltens für die Aneignung von Welt erläutert und wie diese durch das Bindungssystem beeinflusst wird.
3 Konsequenzen für die pädagogische Arbeit: Dieses Kapitel leitet aus den theoretischen Erkenntnissen praktische Implikationen für Erzieherinnen ab, um Kinder in ihrer Entwicklung gezielt zu unterstützen.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, Exploration, Bindungsmuster, Frühpädagogik, Erzieherin-Kind-Bindung, Sichere Basis, Sozialverhalten, Vorschulalter, Bindungs-Explorations-Balance, Entwicklungschancen, Feinfühligkeit, Pädagogische Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftlichen Analyse des Zusammenhangs zwischen der Bindungsqualität eines Kindes und seiner Fähigkeit, die Welt durch Exploration zu erschließen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den bindungstheoretischen Grundlagen, der Differenzierung von Bindungsmustern, der Verknüpfung von Bindung und Exploration sowie der pädagogischen Umsetzung in der Kita.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie pädagogische Fachkräfte durch ein Verständnis der Bindungsdynamik die Entwicklungschancen von Kindern, insbesondere bei unsicheren Bindungserfahrungen, aktiv verbessern können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse aktueller bindungstheoretischer Forschung und deren Anwendung auf den Kontext der frühkindlichen Bildung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen der Bindung, die Analyse der Wechselwirkung von Bindung und Exploration sowie die Ableitung von Konsequenzen für die pädagogische Arbeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bindungssicherheit, Explorationsverhalten, Feinfühligkeit der Bezugsperson und pädagogische Professionalität charakterisieren.
Warum spielt die „sichere Basis“ eine so große Rolle für Kinder in der Kita?
Die „sichere Basis“ ermöglicht es dem Kind, sich bei Stress zu regulieren und aus dieser Sicherheit heraus neugierig die Umgebung zu erkunden und soziale Kontakte zu knüpfen.
Welche Bedeutung hat die Erzieherin für ein Kind, das keine sichere Bindung zu Hause hat?
Die Erzieherin kann als „zusätzliche sichere Basis“ fungieren, die fehlende Bindungssicherheit kompensieren und so dem Kind neue Entwicklungschancen eröffnen.
Können sich Bindungsmuster bei Kindern verändern?
Ja, Bindungsmuster sind nicht starr; durch neue, stabile und feinfühlige Beziehungsangebote (wie beispielsweise durch eine Erzieherin) können Kinder auch im Verlauf ihrer Entwicklung positive Veränderungen erfahren.
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- Kathleen Siebert (Author), 2009, Der Zusammenhang von Bindung und Exploration, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157307