Wer nur einmal einen modernen Film des indischen Populärkinos gesehen hat, dem wird eine eigentümliche Erfahrung zuteil. Diese besteht aus mehreren miteinander konkurrierenden Eindrücken: Zunächst stellt man fest, dass man soeben gut drei Stunden im Kino verbracht hat, ohne es recht bemerkt zu haben. Außerdem hat man das Gefühl, einen Film gesehen zu haben, zu dem im ersten Moment nur negativ konnotierte Beschreibungsformeln einfallen wollen: „Schmonzette“, Tanzfilm, Heimatfilm, Liebesmärchen, „Soap Opera“ – und sich dabei dennoch köstlich amüsiert zu haben.
Gegenwärtig ist ein Trend zu beobachten, vermehrt „indische Elemente“ auch in westlichen Film- und Theaterproduktionen zu verarbeiten. Diese als „Bollywood-Chic“ bezeichnete Tendenz hat Züge des Orientalismus des 19. Jahrhunderts, oder vereinfacht gesagt: Wenn man das Exotische einer fremden Kultur für die westlichen Sehgewohnheiten auf Hochglanz poliert, wird es für eine Gesellschaft, die des eigenen kulturellen Mainstreams überdrüssig wird, erst richtig interessant.
Was macht diese eigentümliche Faszination eines Bollywood-Films aus? Was reizt an einem Film, in dem „die Protagonisten unversehens und ohne Not und direkten Anlass ins Singen und Tanzen geraten“, wie es die Schweizer Filmwissenschaftlerin Dr. Alexandra Schneider ausdrückt? Diese Arbeit spürt diesem Phänomen nach und beleuchtet insbesondere die Dramaturgie, den Spannungsbogen, der dieses Konglomerat stilistischer Mittel zusammenschweißt zu einem rezeptiven Erlebnis, das den Betrachter über gut drei Stunden fesselt und auch hinterher einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Als Beispiel dient dafür in erster Linie der Film "Kabhi Khushi Kabhie Gham", der 2001 gedreht wurde und als erster Film aus Bollywood in die deutschen Programmkinos kam. Nachdem der Film dort nur mit deutschen Untertiteln zu sehen war, brachte ein Privatsender 2004 eine vollständig synchronisierte Fassung mit dem deutschen Titel „In guten wie in schweren Tagen“ ins Fernsehen. Damit dürfte „Kabhi Khushi Kabhie Gham“, was richtig übersetzt „Manchmal glücklich, manchmal traurig“ heißt, der bis dahin international erfolgreichste indische Film sein, der auch in Indien mit seinem enormen Staraufgebot zu einem „Gassenhauer“ wurde.
Ende Februar 2005 sendete außerdem „arte“ anlässlich des 100sten Geburtstags des indischen Films eine ganze Reihe neuerer indischer Filme und auch mehrere Dokumentationen, die auch in dieser Arbeit berücksichtigt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Thematische Bestimmung
Anmerkungen zur Gegenwartskultur Indiens
Zur Geschichte des indischen Mainstream-Films
Über die Besonderheiten der indischen Film- und Kinokultur
Ein Wort zur Zensur
Kabhi Khushi Kabhie Gham – eine kurze Inhaltsangabe
Über den typischen Aufbau eines indischen Mainstream-Films
Typische dramaturgische Elemente
Exkurs: Das Sanskrit-Drama im Beispiel
Weitere dramaturgische Elemente
Gesang und Tanz
Hintergrundmusik
Die „rasas“
Das Schicksal
Die Verbundenheit im Geist
Die Hochzeit
Das religiöse Ritual
Wetter
Tränen
Dramaturgische Funktion und Konzeption
Traditionelle Rollenverteilungen
Handlungsraum „Familie“
Figurennamen als Charakterstereotypen
Die Figur der Mutter
Das Adoptivkind
Klassische dramatische Struktur
Kabhi Khushi Kabhie Gham –Vorbemerkungen
Kabhi Khushi Kabhie Gham – Szenen und Kommentare
Grundkonstellation
01 Vorspann (00:00:55 – 00:04:20)
02 London, Manor House College (00:04:20 – 00:07:31)
Anmerkungen (Szenen 01 und 02)
03 Hardwar, in einem Tempel (00:07:31 – 00:13:05)
Anmerkungen (Szene 03)
04 Rückblende: Das Lichterfest (00:13:06 – 00:20:29)
Anmerkungen (Szene 04)
05 Familienleben / Das Versprechen (00:20:30 – 00:26:30)
Anmerkungen (Szene 05)
06 Anjali (00:26:30 – 00:30:36)
Anmerkungen (Szene 06)
07 Rahul und Naina / Ein erster Disput (00:30:37 – 00:33:16)
Anmerkungen (Szene 07)
08 Anjali und Rahul (00:33:17 – 00:40:59)
Anmerkungen (Szene 08)
09 Der 50. Geburtstag (00:41:00 – 00:51:57)
10 Die Entschuldigung (00:51:58 – 00:54:46)
11 Schulstress (00:54:47 – 00:55:42)
12 Die Versöhnung (00:55:43 – 00:58:14)
13 Volksfest in Ägypten (00:58:15 – 01:10:14)
Anmerkungen (Szene 13)
14 Dissonanzen (01:10:14 – 01:14:15)
15 Die Hochzeit (01:14:16 – 01:20:41)
16 Naina gibt Rahul frei (01:20:42 – 01:23:27)
17 Liebe oder Gehorsam (01:23:28 – 01:24:52)
18 Die Liebe und der Tod (01:24:53 – 01:27:28)
Anmerkungen (Szenen 14 bis 18)
19 Verstoßen (01:27:29 – 01:37:25)
Anmerkungen (Szene 19)
20 Abschied von Rohan (01:37:26 – 01:38:47)
Anmerkungen (Szene 20)
21 Zurück in der Gegenwart (01:38:48 – 01:39:06)
22 Der Entschluss (01:39:07 – 01:40:59)
Anmerkungen (Szene 22)
23 Veränderungen (01:41:03 – 01:41:50)
24 Nachforschungen (01:41:51 – 01:43:55)
25 Abschied (01:43:45 – 01:46:34)
26 London (01:46:34 – 01:49:01)
27 Rahuls neues Leben (01:49:02 – 01:54:35)
28 Das Wiedersehen (01:54:36 – 02:04:52)
29 Der Fremde (02:04:53 – 02:11:49)
30 Annäherung (02:11:50 – 02:17:51)
31 King’s College Party (02:17:52 - :02:27:40)
32 Väter (02:27:41 – 02:32:21)
33 Karwa Chauth (02:32:21 – 02:36:43)
34 Das Fest (02:36:44 – 02:42:20)
35 Schulfest (02:42:21 – 02:57:01)
36 Brüder (02:57:02 – 03:00:28)
37 Der Lockvogel (03:00:28 – 03:01:50)
38 Bluewater Einkaufszentrum (03:01:50 – 03:07:12)
39 Starrköpfigkeit (03:07:13 – 03:11:45)
40 Höhere Gewalt (03:11:45 – 03:13:31)
41 Abrechnung (03:13:32 – 03:19:30)
42 Happy End (03:19:31 – 03:28:05)
43 Abspann (03:28:06 – 03:30:04)
Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die dramaturgischen Elemente des modernen indischen Mainstream-Films am Beispiel von Kabhi Khushi Kabhie Gham. Ziel ist es, die spezifischen Mechanismen und Erzählstrukturen zu identifizieren, die den Erfolg dieser Filme im indischen Kontext sowie zunehmend auch international erklären und definieren.
- Analyse traditioneller indischer Einflüsse (Sanskrit-Drama) und deren Integration in moderne Filmplots.
- Untersuchung der Bedeutung von Musik, Gesang, Tanz und religiösen Ritualen als emotionale Katalysatoren.
- Betrachtung von Familienrollen und gesellschaftlichen Werten im Kontext von Globalisierung und Modernisierung.
- Dekonstruktion des "Erfolgsrezepts" und der emotionalen Dramaturgie im indischen Mainstream-Kino.
Auszug aus dem Buch
Exkurs: Das Sanskrit-Drama im Beispiel
Das vor über 1600 Jahren entstandene Drama Śakuntalā aus der Feder des berühmten Sanskrit-Dramatikers Kalidasa (er lebte vermutlich in der Zeit zwischen 315 und 415 n.Chr. in der sog. Gupta-Klassik) handelt in sieben Akten von der Liebe des Herrschers Dusyanta zu Śakuntalā, der Adoptivtochter eines hochgeachteten Einsiedlers.
Das Verhängnis nimmt eines Tages ohne Vorwarnung seinen Lauf: Śakuntalā, in Gedanken abwesend, versäumt es nach dem Abschied von ihrem Geliebten, einem großen Seher den ihm gebührenden Respekt zu erweisen. Der dadurch in Zorn Geratene verflucht sie daraufhin.
Ein Fluch trennt nun die Liebenden voneinander, noch bevor sie ihre Liebe ausgekostet haben: Der König, durch den Verlust seines Gedächtnisses geschlagen, erinnert sich nicht mehr an seine Herzenserwählte. Seinen Ring, einziges Zeichen und alleiniger Beweis der Begegnung, verliert Śakuntalā beim Baden im Fluss. In tiefer Betrübnis und Beschämung muss sie den Hof des Königs wieder verlassen. Der Ring der Erinnerung scheint für immer verschwunden. Vergessen ist nun die Sehnsucht des Königs nach seiner Geliebten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Faszination des indischen Populärkinos für westliche Betrachter und führt den Film Kabhi Khushi Kabhie Gham als zentrales Analyseobjekt ein.
Anmerkungen zur Gegenwartskultur Indiens: Dieses Kapitel skizziert den soziokulturellen Hintergrund Indiens, insbesondere die Bedeutung von Religion, Kastenwesen und der ökonomischen Schichtung für das alltägliche Leben.
Zur Geschichte des indischen Mainstream-Films: Die historische Betrachtung legt den Fokus auf die Medienpräsenz in Indien seit den 90er Jahren und den Einfluss von Fernsehen, Satellitentechnik und Filmpiraterie auf die Kinoindustrie.
Über die Besonderheiten der indischen Film- und Kinokultur: Hier wird der Kinobesuch in Indien als "Realitätsflucht" und interaktives soziales Ereignis analysiert, das sich deutlich vom westlichen Kinokonsum unterscheidet.
Ein Wort zur Zensur: Dieses Kapitel erörtert die kulturelle und religiöse Selbstbeschränkung der indischen Filmbranche, die auf die Wahrung traditioneller Anstandsgrenzen abzielt.
Kabhi Khushi Kabhie Gham – eine kurze Inhaltsangabe: Es wird die zentrale Handlung um die Familie Raichand und das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn dargelegt.
Über den typischen Aufbau eines indischen Mainstream-Films: Diese Sektion analysiert die Erfolgsformeln und Genres, wie das Melodram und das Musical, die den indischen Mainstream charakterisieren.
Typische dramaturgische Elemente: Der Autor untersucht hier Tradierungen aus dem Sanskrit-Theater, wie die Bedeutung von Gesang, Tanz, religiösen Riten, Wetterphänomenen und Schicksal für die filmische Dramaturgie.
Traditionelle Rollenverteilungen: Dieses Kapitel betrachtet die familiären Rollenbilder, insbesondere die Bedeutung der Mutter und des Adoptivkindes als wiederkehrende Archetypen.
Klassische dramatische Struktur: Der Autor stellt Bezüge zwischen der Drei-Akt-Struktur der indischen Filme und aristotelischen Elementen der Tragödie her.
Schlüsselwörter
Bollywood, Indischer Film, Kabhi Khushi Kabhie Gham, Dramaturgie, Sanskrit-Drama, Familie, Tradition, Moderne, Musik, Tanz, Rasas, Religion, Kastensystem, Diaspora, Melodram.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die spezifische Dramaturgie des modernen indischen Mainstream-Kinos und beleuchtet, wie kulturelle, religiöse und historische Einflüsse die filmische Erzählweise prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Integration von traditionellen Elementen wie Tanz und Gesang in moderne Produktionen, die Bedeutung des Familienverbunds und der Wandel der indischen Gesellschaft in Bezug auf Tradition und westliche Moderne.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Faszination indischer Filme zu ergründen und die dramaturgischen Mittel zu identifizieren, die es den Filmemachern ermöglichen, ein komplexes Geflecht aus Musik, Emotionen und moralischen Botschaften zu einem erfolgreichen "Blockbuster" zu verweben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende medienwissenschaftliche Analyse des Films "Kabhi Khushi Kabhie Gham", ergänzt durch literaturwissenschaftliche Vergleiche zum antiken Sanskrit-Drama und soziologische Beobachtungen der gegenwärtigen indischen Alltagskultur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit dramaturgischen Standards, Rollenbildern, der klassischen Struktur sowie einer chronologischen Analyse der Schlüsselszenen des Beispiel-Films.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Bollywood, Dramaturgie, Tradition, Moderne, Familie und das Sanskrit-Drama als Ursprung filmischer Archetypen geprägt.
Inwiefern beeinflusst das indische Kastensystem die Filmplots?
Das Kastensystem und die damit verbundene Lehre von Karma und Wiedergeburt dienen oft als moralischer Kompass und beeinflussen die Darstellung sozialer Schichten sowie die Motivation der Figuren in Konfliktsituationen.
Welche Funktion hat die Musik im indischen Mainstream-Film laut Autor?
Die Musik fungiert nicht nur als Unterhaltungselement, sondern dient vor allem dazu, die emotionale Grundstimmung zu synchronisieren und die Zuschauer auf einer tiefen emotionalen Ebene mit den Charakteren zu verbinden.
- Arbeit zitieren
- Holger Pinnow-Locnikar (Autor:in), 2005, Die Dramaturgie des indischen Films, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155421