Die Lebens- und Erfolgsgeschichte von Fathi Akin, einer der zur Zeit bekanntesten und zugleich beliebtesten Filmregisseure des deutschen Kinos, klingt zu schön, um wahr zu sein: Als Sohn türkischer Gastarbeiter wuchs er in einem „Sozialen- Brennpunkt- Viertel“ Hamburgs auf, war zeitweise sogar Mitglied einer türkischen Jugendgang und sprach außerhalb der Schule so gut wie kein Deutsch. Alle seine Freunde besuchten die Förder-, Haupt- oder bestenfalls die Realschule. Kontakt mit deutschen Jugendlichen hatte er kaum (vgl. Das Gupta 2009). Wider alle Erwartungen kämpfte er sich schließlich ganz nach oben, beendete seine Schullaufbahn mit der allgemeinen Hochschulreife und absolvierte ein Studium in „visuelle Kommunikation“ an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg (vgl. Distelmeyer 1997). Fathi Akin gilt heute nicht nur als das unangefochtene Nachwuchstalent der deutschen Filmbranche, sondern auch als vermeintliches Vorzeigebeispiel für die integrative Wirkung des hiesigen Bildungssystems.
Leider ist der Werdegang des türkischstämmigen Filmregisseurs eine Ausnahme: Von gelungener Integration in das deutsche Bildungssystem und somit auch in alle anderen entscheidenden gesellschaftlichen Bereiche kann in den meisten Fällen der in Deutschland lebenden Migrantenkinder keine Rede sein. Dem ersten Integrationsindikatorenbericht der Bundesregierung können wir entnehmen, dass jugendliche Migrantenkinder mit 41,7% fast doppelt so oft die Hauptschule besuchen wie ihre deutschen Altersgenossen. Im Jahr 2007 lag die Abgängerquote ohne Schulabschluss bei Migrantenkindern mit 16% sogar mehr als doppelt so hoch als bei der deutschen Vergleichsgruppe (vgl. Integrationsindikatorenbericht 2009: S. 46.).
Inhaltsverzeichnis
1. Wer sind Migranten?
2. Überblick über die Situation der Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem : Geschichtliche Aspekte- Datenlage- Benachteiligung
3. Soziologische Erklärungen für den Bildungs(miss-)erfolg von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem
3.1. Die kulturell- defizitäre Erklärung
3.2 Analyse des Ansatzes
3.3 Die humankapitaltheoretische Erklärung
3.3.1 Das „Kulturelle Kapital“ von Pierre Bourdieu als Ergänzung zur Humankapitaltheorie
3.3.2. Analyse der Ansätze
3.4 Erklärungen durch institutionelle Diskriminierung
3.5. Analyse des Ansatzes
4. Vergleich der Ansätze und eigene Einschätzung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen für das schlechtere Abschneiden von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem. Das zentrale Ziel ist es, verschiedene soziologische Erklärungsansätze kritisch zu analysieren, um ein tieferes Verständnis für die Bildungsbenachteiligung zu entwickeln und Handlungsbedarfe aufzuzeigen.
- Analyse des kulturell-defizitären Erklärungsansatzes
- Untersuchung der humankapitaltheoretischen Erklärung
- Diskussion der Bedeutung des „kulturellen Kapitals“ nach Bourdieu
- Erforschung institutioneller Diskriminierung im Schulsystem
- Vergleich der Theorien und kritische Einschätzung
Auszug aus dem Buch
3.4 Erklärungen durch institutionelle Diskriminierung
Der Erklärungsansatz der institutionellen Diskriminierung ist neu und gehört zu den bisher am wenigsten erforschten Ansätzen (vgl. Diefenbach 2007: S.135). Er stellt, im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Erklärungsansätzen für das schlechtere, schulische Abschneiden von Migrantenkindern, einen Perspektivwechsel dar: Anstatt wie bislang, das Augenmerk auf die „vermeintlich defizitären Individuen“ (Gomolla 2009: S.87) und ihre Eltern zu richten, wirft diese Theorieschule einen Blick auf die Strukturen und Programme der Bildungsinstitution Schule und versucht im System verankerte Hürden und Benachteiligungen für Migrantenkinder ausfindig zu machen.
Wichtig ist zu erwähnen, dass Diskriminierung allgemein gesehen bewusst und unbewusst stattfinden kann. Diskriminierendes Verhalten eines Einzelnen (zum Beispiel eines Lehrers) gegenüber einem Schüler setzt also keineswegs Böswilligkeit voraus. Im Falle der direkten institutionellen Diskriminierung sind hingegen öfter bestimmte Organisationsstrukturen oder Verfahrensvorschriften Grund für die (meist vom Individuum ungewollte) Diskriminierung bestimmter ethnischer Gruppen (vgl. Diefenbach 2007: S.135).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wer sind Migranten?: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Migration sowie die Zielgruppe der Migrantenkinder im Kontext der Zuwanderung nach Deutschland.
2. Überblick über die Situation der Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem : Geschichtliche Aspekte- Datenlage- Benachteiligung: Hier wird der historische Kontext der Anwerbung von Gastarbeitern beleuchtet und die empirische Datenlage zur Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern dargelegt.
3. Soziologische Erklärungen für den Bildungs(miss-)erfolg von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem: Dieses Hauptkapitel führt die drei theoretischen Hauptansätze (kulturell-defizitär, humankapitaltheoretisch, institutionelle Diskriminierung) ein und analysiert diese detailliert.
4. Vergleich der Ansätze und eigene Einschätzung: In diesem Kapitel werden die verschiedenen Theorien gegenübergestellt und eine persönliche Einschätzung zur Gewichtung der Einflussfaktoren vorgenommen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und bewertet die Erklärungsansätze im Hinblick auf ihre Aussagekraft für die Bildungssituation.
Schlüsselwörter
Migration, Bildungssystem, Migrantenkinder, Bildungsbenachteiligung, Humankapitaltheorie, kulturelles Kapital, institutionelle Diskriminierung, Pierre Bourdieu, Chancengleichheit, Schulerfolg, Bildungssoziologie, Integration, PISA-Studie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die soziologischen Hintergründe, warum Kinder aus Migrantenfamilien in Deutschland im schulischen Bildungssystem im Durchschnitt deutlich schlechter abschneiden als ihre deutschen Mitschüler.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Zentral sind die Themenbereiche der Bildungsbeteiligung, die Rolle sozioökonomischer Faktoren, der Einfluss des Elternhauses sowie die strukturelle Funktionsweise des deutschen dreigliedrigen Schulsystems.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die theoretische Durchdringung und kritische Auseinandersetzung mit drei vorherrschenden Erklärungsansätzen, um die Ursachen für Bildungsunterschiede besser zu verstehen und einzuordnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorienanalyse unter Einbeziehung empirischer Befunde, wie etwa der PISA-Studien und weiterer soziologischer Untersuchungen zur Schullaufbahn von Migrantenkindern.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung und kritische Analyse der kulturell-defizitären Erklärung, des humankapitaltheoretischen Ansatzes – ergänzt um Bourdieus Konzept des kulturellen Kapitals – sowie des Ansatzes der institutionellen Diskriminierung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Bildungssoziologie, Humankapital, kulturelles Erbe, institutionelle Diskriminierung und schulische Selektionsmechanismen beschreiben.
Inwiefern spielt der Begriff des „kulturellen Kapitals“ nach Bourdieu eine Rolle?
Der Begriff dient als differenzierte Ergänzung zur klassischen Humankapitaltheorie, um zu erklären, wie bildungsrelevante Ressourcen innerhalb der Familie „sozial vererbt“ werden und Schulerfolge maßgeblich beeinflussen.
Was versteht die Autorin unter „institutioneller Diskriminierung“ im Schulkontext?
Dies bezieht sich auf strukturelle Hürden und organisationale Verfahrensweisen im Schulwesen – wie z.B. die frühe Selektion oder die Rückstufung in Vorschulen –, die bestimmte Gruppen benachteiligen, ohne dass dies zwingend auf böswilligem Handeln einzelner Akteure beruhen muss.
- Arbeit zitieren
- Dominique Rachel Nothnagel (Autor:in), 2010, Bildungs(miss)erfolg von Migranten im deutschen Schulsystem , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155340