Die Schlacht von Tannenberg ist das epochale Ereignis im Späten Mittelalter. Mit dem Sieg über den Deutschen Orden stoppte die polnisch-litauische Union die deut-sche Expansion in Osteuropa. Die feindlichen Lager hatten aber schon in den Jahr-zehnten zuvor unzählige Feldzüge gegeneinander geführt, doch keiner war mit der Schlacht von Tannenberg vergleichbar. Beide Kriegsparteien wollten auf Kosten der jeweils anderen expandieren, eine große endgültige Auseinandersetzung war also unvermeidbar. Aber wer war letzten Endes der Aggressor dieser Schlacht? Der Deut-sche Orden oder Polen-Litauen? Diese Frage soll auf den folgenden Seiten geklärt werden.
Einführend sollen die Entwicklungen aufgezeigt werden, die letztlich zu dieser un-abwendbaren Konfrontation führten. Um die unmittelbare Vorgeschichte der Schlacht besser verstehen zu können, soll in aller Kürze das zeitgenössische Fehde-recht erläutert werden. Dass beide Seiten den Aggressor der Schlacht in der jeweils anderen suchten, soll unter Zuhilfenahme zweier Chroniken jener Zeit verdeutlicht werden. Als ordensfreundliche Chronik soll die Chronik des Posilge nebst Nachfol-ger, als polenfreundliche Chronik die Annales des Jan Długosz herangezogen und analysiert werden. Nach einer knappen Schilderung der Kriegsfolgen bis zum Ersten Thorner Frieden 1411 sollen schließlich die Ergebnisse zusammengetragen und die Eingangsfrage beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Litauen als neues Missionsgebiet
2.1 Der Heidenkampf gegen die Litauer
2.2 Der Weg zur polnisch-litauischen Union
2.3 Die polnisch-litauische Union
3 Die Schlacht bei Tannenberg
3.1 Das Fehderecht im Späten Mittelalter
3.2 Eine ordensfreundliche Schilderung der Schlacht bei Tannenberg
3.2.1 Die Chronik des Johann von Posilge
3.2.2 Die Schlacht bei Tannenberg in der Chronik des Johann von Posilge
3.3 Eine polenfreundliche Schilderung der Schlacht bei Tannenberg
3.3.1 Die Annales des Jan Długosz
3.3.2 Die Schlacht bei Tannenberg in den Annales des Jan Długosz
3.4 Ergänzende Angaben zur Schlacht bei Tannenberg
4 Die unmittelbaren Folgen der Schlacht
5 Schluss
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Auseinandersetzung um die Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410 mit dem Ziel, die Frage nach dem eigentlichen Aggressor zwischen dem Deutschen Orden und der polnisch-litauischen Union zu klären, indem zeitgenössische, parteiische Chroniken analysiert und in den historischen Kontext eingeordnet werden.
- Analyse des zeitgenössischen Fehderechts als rechtliche Grundlage.
- Kontrastierende Untersuchung der ordensfreundlichen Chronik des Johann von Posilge.
- Untersuchung der polenfreundlichen Perspektive in den Annales des Jan Długosz.
- Bewertung der unmittelbaren Kriegsfolgen und der Friedensschlüsse.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Fehderecht im Späten Mittelalter
In jeder militärischen Auseinandersetzung muss die Rechtsordnung der Fehde beachten werden: das so genannte Fehderecht. Dabei ergänzen sich moralisch-theologische und rechtliche Beweggründe, wenn es sich um Begriffe wie „Friedensbruch“ und „Rechtsverweigerung“ handelt. Bei der Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Orden und Polen-Litauen handelt es sich um eine erweiterte Fehde, ein so genannter „namhafter Krieg“, und ist damit eines der legalen Mittel der Durchsetzung des eigenen Rechts. Das Fehderecht unterscheidet ausdrücklich den „namhaften Krieg“ von der „gemeine Fehde“. Der „namhafte Krieg“, der „Heerzug“ oder die „Heerfahrt“, nimmt, anders als die „gemeine Fehde“, auch „täglicher Krieg“ genannt, die Kräfte des ganzen Landes in Anspruch. Es sind größere militärische Unternehmungen, die sich jedoch rechtlich nicht von der Fehde unterscheiden.
Neben dem Fehderecht müssen noch die Rechtsformen des Schiedsgerichts berücksichtigt werden. Das Schiedsgericht ist ein Weg zur Vermeidung oder zur Beendigung einer Feindschaft. Wird es von einem der Rechtsgegner ausgeschlagen, sieht sich der andere „zur Fehde gedrungen“, um sein Recht zu bewahren. Er führt in der Folge eine „rechte Fehde“ im Gegensatz zur „ungerechten“ oder „mutwilligen“ Fehde der anderen Partei, dem „Rechtsverweigerer“. Das Schiedsgericht geht dabei zwingend einer „rechten Fehde“ voraus. Ein ordnungsgemäß beurkundeter Schiedsspruch ist geltendes Recht, der beide Parteien bindet. Hält sich eine Partei nicht an den Schiedsspruch, wird sie ebenfalls zum „Rechtsverweigerer“. Zum Rechtsmittel der Fehde wird also erst gegriffen, nachdem alle anderen Mittel, den Streit beizulegen, versagt haben. Das Schiedsgericht ist die Rechtsgrundlage und damit zwingende Voraussetzung für eine Fehde.
Neben dem Schiedsgericht – so besagt das Fehderecht – muss einer Fehde eine formelle Ankündigung der Feindschaft durch das „Absagen“ oder „Entsagen“ der bisher bestehenden Rechts- und Treuebeziehung vorausgehen. Die „Absage“ kommt somit einer Kriegserklärung gleich („Absagebrief“). Fehlt dem Gegner der rechte Grund, kann die eine von der anderen Partei der Unrechtmäßigkeit beschuldigt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Schuldfrage bzw. dem Aggressor bei der Schlacht von Tannenberg.
2 Litauen als neues Missionsgebiet: Dieses Kapitel erläutert die Expansion des Deutschen Ordens und die politische sowie ideologische Situation in Litauen im 14. Jahrhundert.
3 Die Schlacht bei Tannenberg: Das Hauptkapitel behandelt die militärische Auseinandersetzung, das zeitgenössische Fehderecht und analysiert detailliert zwei gegensätzliche historiographische Quellen.
4 Die unmittelbaren Folgen der Schlacht: Hier werden die militärischen und politischen Nachwirkungen des Sieges sowie der Erste Frieden von Thorn analysiert.
5 Schluss: Das Schlusskapitel resümiert die Analyse der Propagandaschriften und beantwortet die Eingangsfrage zum Aggressor.
6 Literaturverzeichnis: Auflistung der für die Arbeit verwendeten Fachliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Schlacht bei Tannenberg, Deutscher Orden, Polen-Litauen, Fehderecht, Mittelalter, Johann von Posilge, Jan Długosz, Annales, Missionskrieg, Aggressor, Friede von Thorn, Geschichte Preußens, Osteuropa, Propaganda, Historische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der historischen Einordnung der Schlacht bei Tannenberg von 1410 und der Frage, welche Rolle Propaganda und parteiische Geschichtsschreibung bei der Zuschreibung der Aggressorenrolle spielten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Expansionsgeschichte des Deutschen Ordens, die Entwicklung der polnisch-litauischen Union und die Analyse mittelalterlicher Rechtsformen der Fehde.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, wer letzten Endes der Aggressor der Schlacht war – der Deutsche Orden oder Polen-Litauen – und wie diese Schuldfrage durch zeitgenössische Quellen konstruiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine vergleichende Quellenanalyse, indem er eine ordensfreundliche Chronik und eine polenfreundliche Chronik gegenüberstellt, um die historischen Ereignisse zu relativieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden das Fehderecht, der ideologische Hintergrund der Auseinandersetzungen, der Ablauf der Schlacht und die divergierenden Darstellungen in den Chroniken von Posilge und Długosz behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlacht bei Tannenberg, Deutscher Orden, Polen-Litauen, Fehderecht, Propaganda, Quellenanalyse, Friede von Thorn.
Wie unterscheidet sich die Schilderung von Posilge von jener von Długosz?
Posilge schildert den polnischen König als Kriegstreiber und Rechtsverweigerer, während Długosz den König als gerechten Herrscher ("rex iustus") darstellt und die Ordensritter als hochmütig charakterisiert.
Was waren die unmittelbaren Folgen des Sieges für den Orden?
Obwohl der Orden eine schwere militärische Niederlage erlitt, konnte er sein Haupthaus, die Marienburg, halten, musste jedoch hohe Kriegsentschädigungen zahlen und geriet in eine Periode finanzieller und politischer Schwäche.
Warum wird die Schlacht unterschiedlich benannt?
Die Benennung spiegelt die jeweilige Perspektive wider: Der Orden benannte sie nach dem Dorf Tannenberg, die polnische Seite nach dem nahegelegenen Grünfelde (Grunwald).
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- M. Ed. Torsten Gruber (Author), 2008, Die Schlacht bei Tannenberg, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155333