Die Beschäftigung mit der Geschichte der Ersten Republik findet nicht nur in populärwissenschaftlichen Darstellungen immer noch unter Einhaltung gewisser „politischer Spielregeln“, die sich aus dem vielzitierten politischen „Nachkriegskonsens“ entwickelt haben, statt. Dabei werden Fakten und Zusammenhänge unterbelichtet oder vollständig ignoriert. Ein Beispiel hierfür ist die Rolle der Christlich-Sozialen Partei in ihrer offiziellen wie auch - durch
Einzelpersonen verkörperten - inoffiziellen Haltung in der Zwischenkriegszeit. Keineswegs sollen dabei andere politische Akteure dieser Zeit durch die Nicht- oder seltene
Erwähnung als unbeteiligt erscheinen oder sogar exkulpiert werden. Ebenso wie die Christlich-Sozialen haben auch die Sozialdemokraten und Kommunisten „weiße Flecken“ in ihrem politischen Selbstbild dieser Zeit, egal ob dies nun mit antisemitischen Strömungen, der NSDAP oder anderen Phänomenen zu tun hat. Sie sind aber nicht Gegenstand dieser Arbeit.
Ziel dieser Arbeit ist es nicht nur, vorhandene Beziehungen zwischen katholischen und völkisch-nationalen bzw. nationalsozialistischen Persönlichkeiten in der Ersten Republik aufzuzeigen,
sondern auch in Ansätzen nachzuvollziehen, warum diese Übereinstimmungen bestanden haben, und trotzdem nach 1945 eine vermeintlich klare Trennungslinie zwischen beiden Lagern gezogen werden konnte. Dabei wird die These verfolgt, daß diese Trennungslinie wenigstens streckenweise ein Konstrukt der Nachkriegszeit darstellt. Es soll nicht versucht werden, möglichst lückenlos „aufzuzeigen“ oder sogar „aufzudecken“, wer mit
wem entgegen der „Nachkriegshistoriographie der ÖVP“ regen Gesinnungsaustausch pflegte - das ist erstens schon über weite Strecken geschehen (siehe u.a. Wolfgang Rosars´ Dissertation über Seyss-Inquart in der Anschlußbewegung), und würde zweitens den Rahmen einer Seminararbeit sprengen - sondern es soll vielmehr verdeutlicht werden, daß gesellschaftspolitische Positionen wie
Antisemitismus oder Antiparlamentarismus in der Ersten Republik nicht nur von politischen Extremisten vertreten wurden. Ganz im Gegenteil herrschte weitgehende Einigkeit über solche politischen Fragen innerhalb eines weiten Spektrums von Gesinnungsgemeinschaften.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung:
2. Die Turnvereine als Bindeglied:
3. „Nationale Persönlichkeiten“ und die Deutsche Gemeinschaft:
3.1. Feldmarschalleutnant Bardolff:
3.2. Arthur Seyss-Inquart:
4. Engelbert Dollfuß:
4.1. Knabenseminar Hollabrunn:
4.2. Studienzeit in Wien:
4.3. Erster Weltkrieg:
4.4. Studium nach dem Krieg:
4.5. Dollfuß und die DG:
4.6. Andere „katholisch-nationale“ Vereinigungen und Verhandlungen der Regierung mit den Nationalen:
5. Kurt Schuschnigg:
6. Christlichsoziale, Kirche und Nationalsozialismus:
7. Schlußwort:
8. Bibliographie:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die in der Nachkriegszeit weitgehend tabuisierten Verbindungen zwischen führenden christlichsozialen Persönlichkeiten der Ersten Republik – insbesondere Engelbert Dollfuß – und dem nationalsozialistischen Lager. Ziel ist es, die ideologische Nähe und institutionelle Zusammenarbeit aufzuzeigen sowie zu analysieren, warum nach 1945 eine vermeintlich scharfe Trennungslinie zwischen diesen Lagern konstruiert wurde.
- Die Rolle der „Deutschen Gemeinschaft“ als Geheimbund und Vermittlungsinstanz.
- Die Funktion von Turnvereinen als Bindeglied zwischen Christlichsozialen und Nationalen.
- Engelbert Dollfuß' politische Sozialisation und seine Kontakte zu nationalsozialistischen Akteuren.
- Der Umgang der christlichsozialen Führung mit dem „Anschluss“-Gedanken und Antisemitismus.
- Die Aufarbeitung von Tabus der Zwischenkriegszeit in der österreichischen Nachkriegshistoriographie.
Auszug aus dem Buch
3. „Nationale Persönlichkeiten“ und die Deutsche Gemeinschaft:
Carl Freiherr von Bardolff, der das Ende der Monarchie als hoch dekorierter Feldmarschalleutnant miterlebt hatte, kann als Beispiel für die Kriegsgeneration des 1. Weltkrieges und deren politischen Werdegang gelten.
Er war gezwungen, nachdem er im Krieg u.a. Generalstabschef der 2. Armee war, in Gröbming als Rechtsanwaltsanwärter zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er erhielt für diese Tätigkeit 40 Kronen im Monat. Seine politische Gesinnung war bereits im Krieg nach Deutschland orientiert, was in seinen Bemühungen zum Ausdruck kommt, in Österreich-Ungarn eine Militärregierung zu etablieren, die in der Folge eine Militärkonvention mit dem Deutschen Reich zum Abschluß bringen sollte, um die deutsch-österreichische Zusammenarbeit noch weiter zu vertiefen. Sein Interesse galt schon vor 1918 in erster Linie den deutschsprachigen Bevölkerungsteilen der Monarchie, deren Zukunft er in einer immer engeren Verbindung mit dem Deutschen Reich sah. Nach der Ausrufung der Rebublik Deutschösterreich war für ihn der Anschluß an das Deutsche Reich der einzig gangbare Weg, und er begann schon am 6. Jänner 1919 seine diesbezügliche Vortragstätigkeit in verschiedenen deutsch-national gesinnten Kreisen. Bardolff lehnte die Bemühungen legitimistischer Kreise um eine „Gegenrevolution“ ab, obwohl jene an ihn herangetreten waren, um ihn als Führungspersönlichkeit für ihr Vorhaben zu gewinnen.
Er ist „von Anfang an einer Fülle von deutschfreundlichen, ist gleich anschlußfreundlichen, Vereinen und Organisationen“ beigetreten. „So fand man Bardolff also schon in der frühesten Zeit der 1. Republik in all jenen Gruppierungen, die über kurz oder lang in der nationalsozialistischen Bewegung aufgehen würden, vertreten.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit kritisiert den selektiven Nachkriegskonsens, der die ideologischen Überschneidungen zwischen Christlichsozialen und Nationalsozialisten tabuisiert hat.
2. Die Turnvereine als Bindeglied: Es wird dargelegt, wie die christlich-deutschen Turnvereine durch ihre Struktur und Ideologie als Wegbereiter für faschistische und rassistische Strömungen fungierten.
3. „Nationale Persönlichkeiten“ und die Deutsche Gemeinschaft: Dieses Kapitel analysiert die Rolle von Akteuren wie Bardolff und Seyss-Inquart innerhalb der geheimbündlerischen „Deutschen Gemeinschaft“.
4. Engelbert Dollfuß: Eine detaillierte Untersuchung der persönlichen Laufbahn und politischen Netzwerke von Dollfuß, die seine frühe Nähe zu nationalen Kreisen offenbart.
5. Kurt Schuschnigg: Das Kapitel beleuchtet Schuschniggs Versuche, das politische System unter Einbeziehung nationaler Persönlichkeiten zu stabilisieren, was faktisch zu einer schleichenden Legalisierung der Nationalsozialisten führte.
6. Christlichsoziale, Kirche und Nationalsozialismus: Hier wird das spannungsreiche Verhältnis der Kirche zu nationalsozialistischen Programmen und der daraus resultierende ideologische Verlust für den Ständestaat thematisiert.
7. Schlußwort: Ein Fazit zur Wirksamkeit der Tabuisierung und zur Notwendigkeit, das historisch verklärte Bild der Akteure der Ersten Republik zu hinterfragen.
8. Bibliographie: Eine Auflistung der verwendeten Literatur und Quellen zur Untersuchung des politischen Katholizismus und Nationalismus.
Schlüsselwörter
Erste Republik, Christlichsoziale Partei, Engelbert Dollfuß, Nationalsozialismus, Deutsche Gemeinschaft, Antisemitismus, Anschlussbewegung, Ständestaat, Arthur Seyss-Inquart, Tabuisierung, politische Netzwerke, Austrofaschismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die in der Nachkriegszeit weitgehend ignorierten oder tabuisierten Verbindungen zwischen christlichsozialen Akteuren der Ersten Republik und dem nationalsozialistischen Lager.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die ideologischen Gemeinsamkeiten (wie Antisemitismus und Anschlusswunsch), die Rolle von Geheimbünden wie der „Deutschen Gemeinschaft“ und die Rolle einzelner Politiker als „Brückenbauer“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte aufzeigen, dass die nach 1945 konstruierte Trennung zwischen christlichsozialem Lager und Nationalsozialisten eine historische Fiktion darstellt und die tatsächliche Zusammenarbeit in der Zwischenkriegszeit beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine zeithistorische Analyse, die auf der Auswertung von Biographien, Vereinsstatuten, Zeitzeugenberichten und zeitgenössischer Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Lebenswege zentraler Figuren, die Funktion paramilitärischer Verbände und kirchlicher Vereine sowie die politischen Verhandlungen, die den Übergang zum austrofaschistischen System prägten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Christlichsoziale Partei, Engelbert Dollfuß, Deutsche Gemeinschaft, Antisemitismus, Anschlussbewegung und Tabuisierung.
Warum spielt die „Deutsche Gemeinschaft“ eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Dollfuß?
Die Deutsche Gemeinschaft fungierte als geheimes Netzwerk, das Dollfuß' politischen Werdegang mit dem nationalen Lager verknüpfte und vermutlich einen prägenden Einfluss auf seine spätere ständestaatliche Ideologie ausübte.
Wie erklärt die Arbeit den Widerspruch zwischen dem „Märtyrer“-Bild von Dollfuß und seinen Kontakten zu Nationalsozialisten?
Die Arbeit argumentiert, dass dieses Bild durch die Propaganda der Vaterländischen Front und spätere politische Tabus in der österreichischen Nachkriegszeit gezielt konstruiert wurde, um unerwünschte Kontakte zu verschleiern.
- Quote paper
- David Schriffl (Author), 1998, Die Verbindungen christlichsozialer Persönlichkeiten zum Nationalsozialismus der Ersten Republik. Engelbert Dollfuß und die „Deutsche Gemeinschaft“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155290