„Die Diskussion um die Amerikanisierung deutscher Wahlkämpfe wird wenigstens alle vier Jahre wiederbelebt, und das seit 40 Jahren, als sich Willy Brandt für den Bundeswahlkampf 1961 zum ersten Mal am amerikanischen Vorbild orientierte.“
Ihren bisher letzten Höhepunkt erreicht die „Amerikanisierungsdebatte“ 1998 und 2002. Im scheinbar innovativen SPD-Wahlkampf inklusive der Rekrutierung von Wahlkampfexperten (Spin Doctors) sowie den erstmals ausgetragenen TV-Duellen sah die Presse einen Umbruch in der deutschen Wahlkampfführung.
Die These von der Amerikanisierung bundesdeutscher Wahlkämpfe wird von den öffentlichen Medien zunehmend vertreten und kritisiert und wird trotz relativ weniger empirischer Befunde auch in Teilen der Wissenschaft ausführlich diskutiert. Was wird jedoch unter dem Ameri-kanisierungsbegriff verstanden und in wie weit kann von einer Amerikanisierungstendenz in bundesdeutschen Wahlkämpfen gesprochen werden? Diese Fragen sollen im Laufe der Arbeit diskutiert und beantwortet werden.
Zu diesem Zweck wird zunächst die Amerikanisierungsthese begrifflich abgegrenzt, indem die in der Literatur gängigen Erklärungsmodelle kurz vorgestellt werden. Hieraus werden dann Indikatoren abgeleitet und erläutert, die für den amerikanischen Wahlkampf charakteristisch sind. Daran anschließend beschäftigt sich der Hauptteil mit der Untersuchung bezüglich der Ausprägung dieser „Amerikanisierungsindikatoren“ speziell für die bundesdeutschen Wahlkämpfe von 1998 und 2002, vergleicht die Situation in beiden Ländern und zeigt mögli-che Ursachen für unterschiedlichen Ausprägungen auf. Untersuchungsgegenstand sind die Kampagnen der SPD und CDU/CSU.
Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und einer kritischen Beurteilung der anfangs dargestellten Erklärungsansätze unter Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSDEFINITIONEN UND ERKLÄRUNGSANSÄTZE
2.1. MODERNISIERUNGSTHEORIE
2.2. DIE AMERIKANISIERUNGSTHEORIE
2.3. INDIKATOREN DER AMERIKANISIERUNG
2.3.1. Personalisierung im amerikanischen Präsidentschaftswahlkmpf
2.3.2. Professionalisierung im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf
2.3.3. Mediatisierung im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf
3. DIE DEUTSCHEN BUNDESTAGSWAHLKÄMPFE VON 1998 UND 2002
3.1. PERSONALISIERUNG DEUTSCHER WAHLKÄMPFE
3.1.1. Personalisierung in der Wahlkampfführung
3.1.2. Personalisierung in der Medienberichterstattung
3.1.3. Vergleich der Personalisierung zwischen der BRD und USA
3.1. PROFESSIONALISIERUNG DEUTSCHER WAHLKÄMPFE
3.1.1. SPD Wahlkampfzentrale „KAMPA“
3.1.2. Wahlkampfzentrale der Unionsparteien „Arena 02“
3.1.3. Vergleich der Professionalisierung zwischen der BRD und USA
3.1. MEDIATISIERUNG DEUTSCHER WAHLKÄMPFE
3.1.1. Die Rolle des Fernsehens
3.1.2. Die Rolle der Printmedien
3.1.3. Vergleich der Mediatisierung zwischen der BRD und USA
4. VERGLEICHENDE SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit sich die politische Kommunikation in deutschen Bundestagswahlkämpfen, insbesondere 1998 und 2002, durch amerikanische Einflüsse verändert hat. Ziel ist es, die Amerikanisierungsthese kritisch zu prüfen und die Grenzen einer Übertragbarkeit dieser Strategien auf das deutsche politische und Mediensystem aufzuzeigen.
- Vergleich der Amerikanisierungs- und Modernisierungstheorie
- Analyse der drei Kernindikatoren: Personalisierung, Professionalisierung und Mediatisierung
- Untersuchung der Wahlkampagnen von SPD und CDU/CSU in den Jahren 1998 und 2002
- Gegenüberstellung der Mediensysteme und politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und den USA
- Bewertung des "Shopping Modells" als Erklärung für den Wandel der Wahlkampfführung
Auszug aus dem Buch
3.1.3. Vergleich der Personalisierung zwischen der BRD und USA
Der Vergleich der Personalisierung des Wahlkampfes beider Länder zeigt, dass es in der BRD schon immer Personalisierungsstrategien gegeben hat und nicht erst aus den USA übernommen wurden. Die herausragende Position des US-Präsidenten, das personenbezogene Mehrheitswahlsystem, das Auswahlverfahren für die Vorwahlen und das amerikanische Zwei-Parteiensystem fördern jedoch den Trend der Personalisierung, sodass dieser hier wesentlich ausgeprägter ist als in Deutschland. Begünstigt durch das amerikanische System wurde auch die Tendenz der Entkoppelung zunächst dort beobachtet. Der Regierungschef und die Partei müssen hier nicht zwangsläufig als geschlossene Handlungseinheit auftreten, um Erfolg zu haben, wodurch eine Entkoppelung leichter fällt, als im parlamentarischem System Deutschlands. Nach WAGNER ist es daher durchaus zulässig zu konstatieren, dass das deutsche Mehrparteiensystem eine durchgängige Personalisierung à la USA verhindert.
Auch das negative campaigning tritt in Deutschland weit aus weniger ausgeprägt auf als in den USA. Im deutschen Mehrparteiensystem stellt jede konkurrierende Partei auch einen potenziellen Koalitionspartner dar, so dass der Ton wechselseitiger Kritik und Angriffe zurückhaltender ist, als in Parteiensystemen mit einem „geschlossenen“ Parteienwettbewerb mit einer links-rechts-Trennung wie in den USA.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Debatte um die Amerikanisierung deutscher Wahlkämpfe ein, skizziert die methodische Vorgehensweise und benennt die Schwerpunkte der Untersuchung.
2. BEGRIFFSDEFINITIONEN UND ERKLÄRUNGSANSÄTZE: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe und stellt die theoretischen Erklärungsmodelle (Modernisierungstheorie vs. Amerikanisierungstheorie) zur Wahlkampfveränderung vor.
3. DIE DEUTSCHEN BUNDESTAGSWAHLKÄMPFE VON 1998 UND 2002: Der Hauptteil analysiert die konkreten Strategien der Personalisierung, Professionalisierung und Mediatisierung in den deutschen Wahlkämpfen und vergleicht diese mit US-amerikanischen Praktiken.
4. VERGLEICHENDE SCHLUSSBETRACHTUNG: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass systemische Unterschiede in Deutschland die volle Übernahme amerikanischer Wahlkampftechniken begrenzen.
Schlüsselwörter
Amerikanisierung, Wahlkampf, politische Kommunikation, Personalisierung, Professionalisierung, Mediatisierung, Bundestagswahl, Spin Doctors, TV-Duell, Modernisierungstheorie, politische Strategie, Deutschland, USA, Parteiensystem, Kampagnenführung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss amerikanischer Wahlkampfmethoden auf deutsche Bundestagswahlkämpfe und prüft die sogenannte Amerikanisierungsthese.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Personalisierung von Spitzenkandidaten, die zunehmende Professionalisierung der Kampagnenorganisation sowie die Mediatisierung der politischen Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, inwieweit von einer tatsächlichen Amerikanisierungstendenz gesprochen werden kann und warum deutsche Strukturen die Adaption amerikanischer Modelle einschränken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem theoretische Konzepte (Modernisierung vs. Diffusion) mit empirischen Beobachtungen der deutschen Wahlkämpfe 1998 und 2002 verglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Wahlkampfzentralen (KAMPA, Arena 02), den Einsatz von Medien und die Rolle von Spin Doctors im deutschen Kontext im Vergleich zu den USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Amerikanisierung, Professionalisierung, Wahlkampf, Mediatisierung und politische Kommunikation charakterisiert.
Warum konnte das "KAMPA-Modell" der SPD nicht vollständig als amerikanischer "war room" bezeichnet werden?
Laut ZEH war die einzige Gemeinsamkeit lediglich die räumliche Auslagerung, während in Deutschland die Einbindung von Experten und die Entscheidungsbefugnisse deutlich begrenzter blieben.
Welche Rolle spielt das deutsche Mehrparteiensystem bei der Begrenzung der Amerikanisierung?
Da Parteien in Deutschland potenzielle Koalitionspartner sind, ist der Ton bei Kritik und Angriffen zurückhaltender, was ein aggressives "negative campaigning" nach amerikanischem Vorbild erschwert.
- Quote paper
- Timm Witt (Author), 2009, Amerikanisierung von Wahlkämpfen in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154500