In der Abschlusskonferenz der zweiten Weltmenschenrechtskonvention im Juni 1993 in Wien bekannten sich die versammelten 171 Staaten einmütig zu ihren menschenrechtlichen Verpflichtungen. Dies ist in den meisten Fällen leider ein Lippenbekenntnis geblieben.
Wieso? Weil man einen potenten Weltgerichtshof benötigt, der die Staaten gegebenenfalls zu ihrem „Glück“ zwingen kann? Die Etablierung eines derart machtvollen Apparates halte ich für utopisch um nicht zu sagen gefährlich.
Meines Erachtens könnte er sich aber als unnötig erweisen, da die Staaten selbst sich – unter bestimmten Voraussetzungen – zur Durchsetzung der von ihnen ratifizierten Menschenrechte anspornen können. Es handelt sich dabei um ein Grundproblem, das in der soziologischen Theorie schon vielfach behandelt wurde: Das Problem öffentlicher Güter erster Ordnung. Es bedeutet, dass alle davon profitieren, wenn alle sich für ein überindividuelles Gut engagieren. Das Problem ist: Derjenige profitiert am meisten, der sich nicht für das gemeinschaftliche Gut engagiert, obgleich alle anderen es tun. Wie ist dieses Problem zu lösen?
Verschiedene Soziologen haben verschiedene Wege betreten um dieser Frage nachzugehen. Exemplarisch werden für diese Arbeit die Ansätze von Robert Axelrod, Thomas C. Schelling und Jon Elster und ein von Ernst Fehr und Simon Gächter beschriebenes und durchgeführtes Experiment herangezogen und diskutiert.
Die vorliegende Arbeit soll anhand soziologischer Überlegungen nachzuvollziehen versuchen, weshalb es an der Umsetzung der Menschenrechte, zu der sich immerhin 89% der heute von der UN vollständig anerkannten souveränen Staaten bekannt hapert, ob es für ihre Umsetzung wirklich einer übergeordneten Zentralmacht bedarf, oder ob es nicht auch einen anderen Weg geben könnte, wie sie ihre „Güte“ nicht nur bekennen, sondern auch realisieren könnten. Dafür wird das Verhältnis von strategischem und normengeleitetem Handeln individueller Akteure anhand verschiedener Ansätze diskutiert und schließlich das Ergebnis auf die Ausgangsfrage übertragen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1. Das Problem öffentlicher Güter nach Hartmut Esser…
I.2. ...und nach Thomas Hobbes
II. Konflikt oder Kooperation – die Spieltheorie
II.1. Robert Axelrod und der Schatten der Zukunft
Exkurs: Das Gefangenendilemma
II.1.1. Das Tournier
II.1.2 TIT FOR TAT
II.1.3. Kritik an Axelrods Modell
II.2 Kooperation durch Kultur – Schellings Fokalpunkte
III. Der normative Ansatz
III.1 Jon Elster und die Autonomie einer Norm
III.2 Normen versus Rationalität
III.3. Normen und Eigeninteresse
IV. Das Verhältnis von Normen und Eigeninteresse
IV.1. Altruistisches Bestrafen
IV.1.1. Das Experiment
IV.1.2 Das Ergebnis
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das grundlegende Dilemma der Kooperation im Kontext öffentlicher Güter und analysiert, ob die Durchsetzung von Menschenrechten ohne eine übergeordnete Zentralmacht möglich ist. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen strategischem Eigeninteresse und normengeleitetem Handeln beleuchtet.
- Analyse des Problems öffentlicher Güter und der Spieltheorie
- Untersuchung von Kooperationsmechanismen nach Axelrod und Schelling
- Kritische Betrachtung des normativen Ansatzes nach Jon Elster
- Diskussion über altruistisches Bestrafen als Lösungsstrategie
Auszug aus dem Buch
II.1.2 TIT FOR TAT
Das erfolgreichste Programm des von ihm initiierten Tourniers war gleichzeitig das einfachste: TIT FOR TAT („Auge um Auge“) eine Regel, die im ersten Zug kooperiert und danach den jeweils vorangegangenen Zug des Gegenspielers wählt. In dem Tournier konnten pro Spiel à 200 Zügen zwischen 0 und 1000 Punkten erzielt werden. Bei dauernder gegenseitiger Kooperation erhielten beide Spielpartner 600 Punkte, bei dauernder gegenseitiger Defektion 200 Punkte. TIT FOR TAT, der Tourniergewinner konnte durchschnittlich nur 504 Punkte pro Runde erzielen, also die Hälfte der theoretisch möglichen. Demnach war es unmöglich seinen Gegner zu besiegen. Die beste Gewinnstrategie war die größtmögliche Annäherung an 600 Punkte, also an die häufigstmögliche Kooperation. Das Fazit des ersten Tourniers lautete also: Kooperative und „freundliche Programme“ gewinnen. Ein noch kooperativeres und freundlicheres Programm hätte sogar TIT FOR TAT besiegt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in das Problem öffentlicher Güter und die Fragestellung nach der Durchsetzbarkeit von Menschenrechten ohne übergeordnete Zentralgewalt.
II. Konflikt oder Kooperation – die Spieltheorie: Untersuchung spieltheoretischer Ansätze zur Kooperation, insbesondere durch Axelrods "TIT FOR TAT" und Schellings Konzept der "Fokalpunkte".
III. Der normative Ansatz: Analyse der Rolle von Normen als eigenständige Faktoren, die über das rein instrumentelle Eigeninteresse hinausgehen.
IV. Das Verhältnis von Normen und Eigeninteresse: Empirische Betrachtung des "altruistischen Bestrafens" als Mechanismus zur Förderung von Kooperation.
V. Fazit: Zusammenführung der Erkenntnisse und Vorschlag zur Etablierung altruistischer Sanktionsmechanismen zur Durchsetzung internationaler Normen.
Schlüsselwörter
Altruistic Punishment, Öffentliche Güter, Spieltheorie, Kooperation, Rational Choice, Normen, Eigeninteresse, Menschenrechte, TIT FOR TAT, Fokalpunkte, Soziologie, Kollektives Handeln, Institutionen, Sanktionen, Motivation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das soziologische Grundproblem, wie in einer Gemeinschaft von Individuen, die primär ihrem Eigeninteresse folgen, Kooperation entstehen kann, um öffentliche Güter zu sichern.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Spieltheorie, den normativen Ansatz in der Soziologie sowie die empirische Forschung zur menschlichen Kooperationsbereitschaft durch Bestrafungsmechanismen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie die Einhaltung internationaler Menschenrechte ohne eine zwangsausübende Weltzentralmacht durch die Förderung von Interessenskonflikten und Kooperationsanreizen realisiert werden könnte.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf Konzepte des Rational Choice (Axelrod), spieltheoretische Modelle (Schelling), soziologische Theorien zum Normbegriff (Elster) sowie ökonomische Experimente (Fehr/Gächter).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Möglichkeiten und Grenzen spieltheoretischer Kooperationsmodelle, die Autonomie von Normen gegenüber der Rationalität und die Bedeutung von altruistischem Bestrafen in sozialen Dilemmata.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Altruistic Punishment, Kooperation, öffentliche Güter, Normen und Eigeninteresse definiert.
Warum wird das "TIT FOR TAT"-Programm in der Arbeit angeführt?
Es dient als prominentes Beispiel für eine erfolgreiche Strategie in wiederholten Dilemma-Situationen, um zu verdeutlichen, dass Kooperation auch unter Egoisten ohne äußeren Zwang entstehen kann.
Was besagt das Experiment von Fehr und Gächter für das Fazit der Autorin?
Das Experiment zeigt, dass die Möglichkeit zur altruistischen Bestrafung die Kooperationsbereitschaft signifikant erhöht, was als Modell für die Einhaltung von Menschenrechtsverpflichtungen auf staatlicher Ebene dient.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Normen?
Normen werden als mehr als nur Instrumente für Eigeninteressen angesehen; sie besitzen einen Eigenwert, entfalten ihre Wirkung jedoch besonders stark in Situationen, in denen Interessenkonflikte auftreten.
- Quote paper
- Marion Lichti (Author), 2008, Altruistic Punishment, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/153391