In Bezug auf das Seminar zum Thema "Suizid in der Frühen Neuzeit“ habe ich mich bei meiner Hausarbeit für das Thema „Selbstmord aus phrenologischer Sicht“ entschieden. Die Phrenologie spielt bei der Betrachtung des Suizids eine wichtige Rolle insofern, dass man im 19. Jahrhundert versucht hat, den Zusammenhang zwischen dem organischen Bau und der Psyche herzustellen, während der Suizid sonst eher im Kontext von Religion und Gesellschaft betrachtet wurde. Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich die Frage beantworten, inwiefern man zur Annahme gelangte, die Form des Schädels und die Ausprägung bestimmter Kräfte könne auf das Leben der Menschen und speziell auf die Entscheidung zum Selbstmord einwirken. Hierbei interessieren mich sowohl bestimmte Temperamente, die aus phrenologischer Sicht einem höheren Suizidrisiko unterliegen könnten als andere, als auch einzelne Kräfte, durch die man rein aus Veranlagung eher zum Suizid neige. Auch auf die zeitgenössische Rezeption und Kritik werde ich eingehen.
Die Annahme, dass die Form des Schädels Einfluss auf bestimmte Charakterzüge habe, scheint mir ohne näheres Befassen mit dieser Lehre doch recht haltlos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass beispielsweise alle Selbstmörder an einer bestimmten Stelle des Kopfes eine Wölbung oder Ähnliches haben sollen. Wenn das wirklich der Fall wäre, so frage ich mich, warum weiß man dann nicht schon im Vorfeld, welcher Mensch morden oder Kinder schänden wird. Wieso kommt es immer wieder zu soviel Leid auf der Welt, wenn man doch angeblich schon durch einfaches Beobachten und Abtasten des Kopfes, herausfinden kann, welcher Mensch sich vermutlich in die Luft sprengen und dabei unzählige Unschuldige mit in den Tod reißen wird?! Ich vermute, dass man einfach ein paar Parallelen zwischen verschiedenen Menschen gefunden und darauf diese Lehre aufgebaut hat. Mit Hilfe vielerlei Recherchen versuche ich die Grundlagen der Phrenologie nachzuvollziehen und ordne diese Lehre dann in den zeitgenössischen Kontext ein. Außerdem werde ich einen kurzen Ausblick auf den Einfluss der Phrenologie auf die Entwicklung der Psychologie geben. Im Anhang werden abschließend Schädelabbildungen zum besseren Verständnis der Lage einzelner Kräfte zu finden sein.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
1.1 Vorbemerkungen zum Suizid aus phrenologischer Sicht
1.2 Zur Geschichte und Verbreitung der Phrenologie
2. Hauptteil
2.1 Die Grundsätze der Phrenologie
2.2 Zur Anordnung bestimmter Kräfte und deren Auswirkungen
2.3 Die vier Temperamente und deren Einfluss auf das menschliche Wesen
3. Schluss
3.1 Die Phrenologie unter zeitgenössischer Rezeption und Kritik
3.2 Zusammenfassung und Beurteilung der phrenologischen Lehre
4. Quellen- und Literaturverzeichnis
5. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die phrenologische Lehre des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf ihre Erklärungsmodelle für suizidale Handlungen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Phrenologen einen Zusammenhang zwischen der individuellen Schädelform, den ausgeprägten Gehirnkräften und der Neigung zum Suizid konstruierten und wie diese pseudowissenschaftlichen Thesen zeitgenössisch rezipiert und kritisch hinterfragt wurden.
- Grundlagen und Entstehungsgeschichte der Phrenologie als Gehirn- und Seelenlehre
- Die Zuordnung phrenologischer Organe und Kräfte zu suizidalen Trieben
- Einfluss der vier Temperamente (nach Hippokrates) auf das phrenologische Suizidrisiko
- Kritische Auseinandersetzung mit der methodischen Haltbarkeit phrenologischer Untersuchungen
- Historische Rezeption, Relevanzverlust und Bezugspunkte zur modernen Psychologie
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Grundsätze der Phrenologie
Der Ursprung des Begriffs „Phrenologie“ liegt im Griechischen. Das Wort „Φρήυ“ steht für die Seele und „λόγος“ wird mit Lehre übersetzt. Die Phrenologie ist demnach die Lehre von der Seele, die Seelenlehre oder auch die Lehre des Geistes. Sie basiert maßgeblich auf Erfahrungen und „vergleicht den Bau des Gehirns der verschiedenen Individuen der Erde mit ihren an den Tag gelegten Eigenschaften, und hat auf den Grund dieser Vergleichung durch eine Reihe unwiderleglicher und unleugbarer Thatsachen einen Causalzusammenhang zwischen diesen und jenem aufgefunden.“ Doch auch wenn dies der Anspruch der Phrenologen an ihre Lehre ist, so wurde sie schon während dem 19. Jahrhundert von Anatomen wie beispielsweise Jacob Fidelis Ackermann widerlegt.
In der Phrenologie gilt es den Zusammenhang zwischen der Schädel- und Gehirnform einerseits und dem Charakter und Geist andererseits zu untersuchen. Das Gehirn sei der eigentliche Sitz aller geistigen Tätigkeit des Menschen. Man ging in der Phrenologie davon aus, dass an einer bestimmten Stelle des Schädels eine bestimmte Kraft, auch Trieb, Sinn oder Organ genannt, zu finden sei. Dieser Aufbau sei angeblich bei jedem Menschen gleich, doch die Größe der Anlage variiere individuell und führe so zur Ausbildung unterschiedlich ausgeprägter Charakterzüge.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema des Suizids aus phrenologischer Sicht ein und benennt die Forschungsfrage sowie die verwendeten Quellen.
1.1 Vorbemerkungen zum Suizid aus phrenologischer Sicht: Hier wird die Motivation für die Untersuchung erläutert, insbesondere der Versuch des 19. Jahrhunderts, organische Strukturen mit psychischen Zuständen wie dem Suizid zu verknüpfen.
1.2 Zur Geschichte und Verbreitung der Phrenologie: Dieses Kapitel skizziert die historischen Vorläufer der Phrenologie sowie deren Ausbreitung und Etablierung in Europa und Nordamerika.
2. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, welche die theoretischen Grundlagen, die Lokalisationslehre und den Einfluss der Temperamente auf das Suizidrisiko behandeln.
2.1 Die Grundsätze der Phrenologie: Hier werden die Kernthesen der Lehre, insbesondere der Zusammenhang zwischen Schädelform und geistigen Fähigkeiten, sowie die erste Kritik an dieser Methode dargelegt.
2.2 Zur Anordnung bestimmter Kräfte und deren Auswirkungen: Dieser Abschnitt analysiert, wie spezifische Gehirnorgane und Triebe (z.B. Zerstörungstrieb) von den Phrenologen mit Suizidalität in Verbindung gebracht wurden.
2.3 Die vier Temperamente und deren Einfluss auf das menschliche Wesen: Es wird untersucht, wie sanguinische, phlegmatische, melancholische und cholerische Temperamente hinsichtlich ihrer potenziellen Suizidgefährdung phrenologisch kategorisiert wurden.
3. Schluss: Der Schlussteil reflektiert die phrenologische Lehre und zieht ein abschließendes Urteil.
3.1 Die Phrenologie unter zeitgenössischer Rezeption und Kritik: Dieses Kapitel dokumentiert die zeitgenössische Ablehnung durch Wissenschaftler und Zeitgenossen, die die Methode als wissenschaftlich haltlos entlarvten.
3.2 Zusammenfassung und Beurteilung der phrenologischen Lehre: Abschließend wird festgehalten, dass die Phrenologie heute als Pseudowissenschaft gilt, wenngleich sie Ansätze zur Lokalisationslehre enthielt, die in der modernen Psychologie in abgewandelter Form weiterlebten.
4. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung aller verwendeten Quellen und Literaturangaben zur Arbeit.
5. Anhang: Enthält ergänzendes Bildmaterial zur Veranschaulichung der phrenologischen Schädelbeschriftung und Darstellungen von Persönlichkeitsmerkmalen.
Schlüsselwörter
Phrenologie, Suizid, Schädelform, Franz Joseph Gall, Organenlehre, Temperamente, Gehirn, Seelenorgan, Kognitivismus, Pseudowissenschaft, Psychologie, Charakterzüge, Kranioskopie, Triebtheorie, Geschichte der Medizin.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen wissenschaftstheoretischen Analyse des Suizids im Kontext der Phrenologie des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die phrenologische Lokalisationslehre, die physiognomische Typologie sowie die zeitgenössische Kritik an dieser Lehre.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, wie die Phrenologen versucht haben, den Suizid als direkte Folge anatomischer Gegebenheiten am menschlichen Schädel zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Quellenarbeit, die die phrenologische Literatur des 19. Jahrhunderts analysiert und mit zeitgenössischen sowie modernen medizinischen Erkenntnissen konfrontiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert den Grundsätzen der Phrenologie, den verschiedenen Trieben wie dem Zerstörungs- oder Nahrungstrieb und der Kategorisierung des Menschen in vier Temperamente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Phrenologie, Suizid, Schädelform, Franz Joseph Gall, Organenlehre und Psychologiegeschichte.
Wie bewerten die Phrenologen den Zerstörungstrieb bei Suizidenten?
Sie sahen im Zerstörungstrieb eine anatomisch lokalisierte Kraft, die bei Übermaß in Autoaggression und damit in den Suizid münden könne.
Warum wird die Phrenologie heute als Pseudowissenschaft betrachtet?
Die Lehre basiert auf unsystematischen Beobachtungen an Leichen, mangelnder Datenbasis und der unzulässigen Verallgemeinerung von Schädelmerkmalen auf komplexe menschliche Charaktereigenschaften.
Welche Rolle spielt das melancholische Temperament in dieser Arbeit?
Das melancholische Temperament wurde von Phrenologen als besonders suizidgefährdet eingestuft, da es mit tiefgründigem, dunklem Nachdenken assoziiert wurde, was die Arbeit kritisch hinterfragt.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2006, Suizid aus phrenologischer Sicht in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/153343