Die Erfindung der Buchdruckkunst und die damit verbundenen Vervielfältigungsmöglichkeiten führten zur schnellen und weiten Verbreitung von Reiseberichten. Diese Literaturgattung hat die Menschen schon immer fasziniert, da sie dadurch auf einfache Weise Kenntnis von anderen Völkern und Kulturkreisen erlangen konnten, ohne selbst reisen zu müssen.
Reiseberichte sind eine kultur- und wirtschaftshistorische Quelle erster Güte, deren Rolle im Rahmen materieller und theoretischer Transfers durch die Arbeit näher beleuchtet wird.
Vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses an historischen Reiseberichten in den letzten Jahren sind aber nicht nur gedruckte Reiseberichte von Interesse, sondern auch die zahlreich überlieferten handschriftlichen Beispiele, deren Autoren nicht a priori beabsichtigten, sie literarisch zu verwerten.
Ein solcher Reisebericht ist die 800 seitige Tagebuchaufzeichnung Henry Theodor von Böttingers seiner Reise um die Welt,
„Durch 360 Längen – Grade“ (Rund d´rum Rum),
die der Autor in seiner Eigenschaft als Mitglied der Direktion der Bayer AG vom 11. Dezember 1888 bis zum 1. Juni 1889 unternommen hat. Böttinger war ein Schwiegersohn des Firmengründers Friedrich Bayer und mit dessen jüngerer Tochter Adele verheiratet. Er war ab 1882 in führender Position für die Bayer AG tätig, zunächst im Vorstand, und ab 1907 bis zu seinem Tode 1920 als Aufsichtsratsvorsitzender. In diesen nahezu vierzig Jahren hat er maßgeblich die Entwicklung und den Aufstieg der Bayer AG zu einem Weltkonzern vorangetrieben.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Einleitende Bemerkungen zum Vorhaben
1.2. Eingrenzung und Aufbau der Arbeit
1.3. Quellenlage
1.4. Stand der Forschung
2. DER REISEBERICHT – ZUR HISTORIE EINER LITERATURGATTUNG
2.1. Von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert
2.1.1. Von den frühesten Anfängen bis zum Mittelalter
2.1.2. Entwicklungsvarianten seit Beginn der Frühen Neuzeit
2.1.3. Die Entstehung der Ars apodemica
2.1.4. Die Kavalierstour
2.1.5. Entdeckungs- und Forschungsreisen
2.1.6. Von den Amerikareisen im 20. Jahrhundert bis heute
2.2. Zur Rezeptionsgeschichte von Reiseberichten
2.3. Modi der Fremdwahrnehmung
2.4. Die Bedeutung von Reiseberichten im Rahmen kultureller und wirtschaftlicher Transferleistungen
3. HENRY THEODOR VON BÖTTINGER
3.1. Herkunft, Erziehung, Ausbildung, beruflicher Werdegang
3.2. Zu seiner Rolle als Wirtschaftsbürger und Unternehmer
3.3. Ehrungen, Titel, Orden und Auszeichnungen
3.4. Zum politischen Einfluss
3.5. Zur sozialen und philanthropischen Einstellung
4. DIE REISE UM DIE WELT
4.1. Ziel und Zweck der Reise, Äußere Umstände, Reiseverlauf
4.2. Erfahrungen, Beobachtungen, Erkenntnisse
4.2.1 Kulturelle Erfahrungen
4.2.2 Wirtschaftsbezogene Beobachtungen
4.2.3 Religiöse Erkenntnisse
4.3 Zur literarischen Form
4.4 Materielle und theoretische Transferleistungen
5. ZUSAMMENFASSENDE BETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kultur- und wirtschaftshistorische Relevanz von Reiseberichten am Beispiel des Reisetagebuchs von Henry T. von Böttinger aus den Jahren 1888/89. Ziel ist es, den Beitrag solcher Berichte zum Wissens- und Technologietransfer sowie zur Globalisierung zu analysieren und die Rolle Böttingers als Wirtschaftsbürger einzuordnen.
- Historische Entwicklung der Gattung Reisebericht
- Methodik des Reisens und der Wissensgewinnung
- Wirtschaftliche und materielle Transferleistungen
- Mentalitätsgeschichte und Wahrnehmung des Fremden
- Detailanalyse einer industriegeschichtlichen Quelle
Auszug aus dem Buch
Die Kavalierstour
Ziel der Ars apodemica war die systematische, umfassende Selbstbildung von Erwachsenen (Akademikern) durch den Besuch verschiedener Orte. In dem Maße, wie dieses Ziel erreicht war, wandelten sich Ziel und Zielgruppe. Reisen wurde nun bevorzugt zum Erziehungsmittel für reiche junge Herren von Stand als Abschluss ihrer Erziehung. Die Bezeichnung dafür war „Grand Tour“ oder „Kavalierstour“, zeitgenössisch auch „Länderreise“ genannt. „Die Reise selbst wurde zum Bildungserlebnis“.
Das Ziel der Kavalierstour war die Vervollkommnung standesspezifischer Umgangsformen sowie die Einführung und Aufnahme in die höfische Gesellschaft. Die Kavalierstour war Höhepunkt und Abschluss der Ausbildung junger Edelleute. Neben Ritterakademien und Universitäten, wo der junge Kavalier an Veranstaltungen teilnahm und die Landessprache erlernte, bestand der Reiseinhalt vor allem aus dem Besuch fremder Residenzen und von Hauptstädten. Bevorzugte Reiseländer waren Frankreich, Italien und die Niederlande, vereinzelt auch Spanien oder England. „Die in hohem Maße standardisierte Reise diente der Aneignung höfisch - weltläufiger Lebensart und politischen Sachwissens, der Repräsentation ständischer Herrschaftsgewalt und der internationalen Verflechtung unterschiedlichster Adelskreise“. Im engen höfischen Kontakt übte man sich in Etikette und im standesgemäßen Parlieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Relevanz von Reiseberichten als historische Quelle und Einführung in das konkrete Untersuchungsobjekt, das Tagebuch von Henry T. von Böttinger.
2. DER REISEBERICHT – ZUR HISTORIE EINER LITERATURGATTUNG: Historischer Überblick über die Entwicklung des Reiseberichts von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, inklusive der methodischen Ansätze wie der „Ars apodemica“.
3. HENRY THEODOR VON BÖTTINGER: Biografische Skizze Böttingers, seiner Rolle als Unternehmer bei der Bayer AG und seiner Einordnung als Wirtschaftsbürger.
4. DIE REISE UM DIE WELT: Detaillierte Analyse des Reiseverlaufs, der kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Beobachtungen sowie der Transferleistungen des Reiseberichts.
5. ZUSAMMENFASSENDE BETRACHTUNG: Zusammenführung der Ergebnisse hinsichtlich der Bedeutung von Reiseberichten als Instrument für kultur- und wirtschaftshistorische Forschung.
Schlüsselwörter
Reisebericht, Henry T. von Böttinger, Bayer AG, Wirtschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, Ars apodemica, Kavalierstour, Technologietransfer, Globalisierung, Mentaltitätsgeschichte, Fremdwahrnehmung, Indutrialisierung, Taylorismus, Wirtschaftsbürgertum, Rezeptionsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, welchen Wert Reiseberichte als historische Quelle für kultur- und wirtschaftshistorische Fragestellungen besitzen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung der Reiseliteratur, die Rolle von Reiseberichten als Transfermedien für Wissen und Technik sowie die spezifische Fallstudie des Reisetagebuchs von Henry T. von Böttinger.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll herausgefunden werden, inwieweit Reiseberichte zur Globalisierung beigetragen haben und wie die Beobachtungen eines Unternehmers aus dem späten 19. Jahrhundert wissenschaftlich zu bewerten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit kombiniert eine Aufarbeitung der Sekundärliteratur zur Gattungsgeschichte mit einer detaillierten inhaltlichen Analyse einer Primärquelle (Böttingers Reisetagebuch).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Gattung, eine Biografie Böttingers und eine detaillierte Auswertung seiner Weltreise von 1888/89 hinsichtlich wirtschaftlicher und kultureller Beobachtungen.
Was sind die wichtigsten Schlüsselwörter der Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Reisebericht, Wirtschaftsbürgertum, Bayer AG, Wissens- und Technologietransfer sowie die Ars apodemica.
Welche Rolle spielte Böttinger für die Bayer AG?
Böttinger war als Mitglied des Vorstands und späterer Aufsichtsratsvorsitzender maßgeblich an der weltweiten Expansion der Bayer AG beteiligt.
Warum war Böttingers Reise für die Firma von Bedeutung?
Die Reise diente der Erkundung neuer Märkte in Asien und Amerika sowie der Einführung neuer pharmazeutischer Produkte und Farbstoffe.
Welche technischen Innovationen konnte Böttinger beobachten?
Böttinger dokumentierte unter anderem effiziente Produktionsprozesse in den Schlachthöfen Chicagos, die später als Vorläufer des Taylorismus identifiziert wurden.
- Arbeit zitieren
- Josef Knoke (Autor:in), 2009, Reiseberichte als kultur- und wirtschaftshistorische Quelle, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/152746