"Immer mehr Asylbewerber kommen nach Deutschland. Gestern waren es 1000. Heute werden es wieder 1000 sein. Wie lange geht das noch gut?"
Diese und ähnliche Schlagzeilen waren und sind nicht nur bei der BILD-Zeitung publikumswirksame Aufmacher in den letzten Jahren. Gewalttägige Ausschreitungen gegen Fremde und nächtliche Brandanschläge haben bereits zahlreiche Menschenleben gefordert.
Dennoch rutschen diese Meldungen bereits langsam in den hinteren Teil der Fernsehnachrichten. Drohen die Massenmedien einen Gewöhnungseffekt zum Beispiel an angezündete türkische Häuser hervorzurufen, und inwieweit gewöhnen sich die Deutschen dadurch auch im täglichen Leben an die direkte und versteckte Fremdenfeindlichkeit ihrer Mitbürger? Welchen Einfluß hatte die bisherige Darstellung von Minderheiten in den Massenmedien auf das Bewußtsein der Zuschauer und Leser? Gibt es eine Ambivalenz zwischen 'abgebildeter Wirklichkeit' und den realen Zuständen im Zusammenleben von Deutschen und Nichtdeutschen?
Die vorliegende Arbeit versucht zunächst die grundsätzliche Bedeu-tung der Massenmedien im Meinungsbildungsprozeß der Bevölkerung aufzuzeigen. Gleichzeitig wird dabei die Frage nach der Kom-petenz der 'Medienmacher' gestellt. Im Anschluß daran wird anhand konkreter Untersuchungsergebnisse (1986) die Darstellung von Fremden in der bundesdeutschen Presse und im Fernsehen aufge-zeigt. Zum Schluß soll die Berichterstattung der Massenmedien über die aktuelle Situation in Deutschland kritisch untersucht werden. Hierbei wird beispielsweise der Konflikt dargestellt, in dem sich Journalisten befinden, wenn sie entscheiden, was zur Meldung gemacht wird.
Gliederung
1. Einleitende Vorbemerkung
2. Die Bedeutung der Massenmedien im Meinungsbildungsprozess
2.1. Grundsätzliches
2.2. Die Medienkonsumenten
2.2.1. Zielgruppen der Medien
2.2.2. Programmangebot für Nicht-Deutsche
2.3. Die Medienproduzenten
2.3.1. Journalisten
2.3.2. Das Verhältnis von Journalisten und den Ereignissen, über die sie berichten
3. Konkrete Untersuchungsergebnisse
3.1. Das Bild in der bundesdeutschen Presse
3.2. Darstellung im deutschen Fernsehen
4. Die Berichterstattung der Massenmedien in der aktuellen Situation
4.1. Bestandsaufnahme
4.2. Probleme/Kritik
4.2.1. Negative sprachliche Darstellung
4.2.2. Negative bildliche Darstellung
4.2.3. Relevanz der Berichterstattung
4.2.4. Verstärkung negativer Vorurteile
4.3. Positive Ansätze im Journalismus
5. Zusammenfassende Einordnung der Problematik in den Gesamtzusammenhang
6. Abschließende Stellungnahme
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den Einfluss der bundesdeutschen Massenmedien auf das öffentliche Meinungsbild gegenüber Migranten und analysiert, inwiefern eine Diskrepanz zwischen der medial vermittelten Realität und den tatsächlichen gesellschaftlichen Zuständen besteht. Dabei wird der Fokus auf die Rolle der Journalisten, die Wirkung von Berichterstattungsmustern und die daraus resultierende Verantwortung der Medienmacher gelegt.
- Die Bedeutung von Massenmedien im Meinungsbildungsprozess der Bevölkerung.
- Analyse konkreter Untersuchungsergebnisse zur Darstellung von Migranten in Presse und Fernsehen.
- Kritische Reflexion über negative sprachliche und bildliche Darstellungsmuster.
- Die Wechselwirkung zwischen medialer Berichterstattung und der Verstärkung gesellschaftlicher Vorurteile.
- Positive Ansätze im Journalismus zur Förderung von Völkerverständigung und Sachlichkeit.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Bild in der bundesdeutschen Presse
Klaus Merten, Professor für Publizistik in Münster führte 1986 eine Studie mit dem Titel "Das Bild der Ausländer in der deutschen Presse" durch. Hierbei wurden zwischen dem 20.1. und 28.8. des Jahres aus einer Stichprobe von 20 Presseorganen an jedem zehnten Tag alle diejenigen Artikel einer Inhaltsanalyse unterzogen, die explizit und implizit das Ausland oder Nicht-Deutsche erwähnten. Unberücksichtigt blieben dabei die ehemalige DDR, die Schweiz und Österreich sowie die so genannte 'hohe internationale Politik'. Insgesamt wurden 2216 Stichproben entnommen, davon 52,6% aus den zehn Tageszeitungen, 6,1% aus den beiden Boulevardblättern, 35,3% aus den sechs verwendeten Prestigepresseorganen und 6% aus zwei untersuchten Illustrierten. Jeder Artikel wurde dann nach jeweils bis zu 85 Variablen analysiert.
Merten konstatiert folgende Ergebnisse:
1. Nicht-Deutsche werden nach ihren Rollen im Erwerbsleben beurteilt, die Wertschätzung ist abhängig von der jeweils ausgeübten Tätigkeit. Hierbei können zwei Gruppen herausgearbeitet werden. Auf Einladung der Bundesrepublik Deutschland kurzfristig verweilende Nicht-Deutsche werden in der Berichterstattung formal mit 40,4% der Artikel anteilig am meisten berücksichtigt, andererseits inhaltlich besonders positiv beurteilt (80,6%). Innerhalb dieser Gruppe von Gästen, Künstlern und Sportlern liegen die Angehörigen von benachbarten EG-Staaten mit 25,1% der Erwähnungen an erster Stelle, gefolgt von den Bürgern englischsprachiger Länder (19,9%). Dieser Gruppe stehen die sehr viel negativer bewerteten Nicht-Deutschen Arbeitnehmer und Asylbewerber gegenüber. 64,8% der betreffenden Artikel stellten die Arbeitnehmer negativ und sehr negativ dar, bei den Asylbewerbern waren es sogar 75,8% der Berichte. Die dargestellte Bewertung in den Zeitungen ist also abhängig vom gesellschaftlichen Status der von den Fremden ausgeübten Tätigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Vorbemerkung: Einführung in die Problematik der medialen Darstellung von Migranten und die daraus resultierende Ambivalenz zwischen Bericht und Wirklichkeit.
2. Die Bedeutung der Massenmedien im Meinungsbildungsprozess: Erörterung der Funktionen von Medien sowie Analyse der Rollen von Medienkonsumenten und Medienproduzenten.
3. Konkrete Untersuchungsergebnisse: Zusammenfassung wissenschaftlicher Studien zum Bild von Ausländern in der bundesdeutschen Presse und im Fernsehen.
4. Die Berichterstattung der Massenmedien in der aktuellen Situation: Kritische Analyse von Problemen wie negativer Sprachwahl, Bildsuggestion und der Verantwortung der Journalisten.
5. Zusammenfassende Einordnung der Problematik in den Gesamtzusammenhang: Synthese der Ergebnisse zur Wirkung medialer Berichterstattung auf das gesellschaftliche Bewusstsein.
6. Abschließende Stellungnahme: Persönliches Fazit des Autors zur Verantwortung von Journalisten und Medien im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit.
Schlüsselwörter
Massenmedien, Migranten, Meinungsbildung, Presse, Fernsehen, Ausländerfeindlichkeit, Vorurteile, Journalismus, Berichterstattung, Sozialpsychologie, Integration, Medienwirklichkeit, Minderheiten, Sachlichkeit, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Einfluss der Massenmedien auf das öffentliche Bild von Migranten in Deutschland und wie diese Darstellung das Bewusstsein und den Umgang der Bevölkerung mit Minderheiten prägt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Rolle der Journalisten bei der Nachrichtenselektion, die Auswirkungen sprachlicher und bildlicher Darstellung sowie die Verantwortung der Medien in Zeiten eskalierenden Fremdenhasses.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ambivalenz zwischen der "abgebildeten Wirklichkeit" in den Medien und den tatsächlichen gesellschaftlichen Zuständen aufzuzeigen und die journalistische Praxis kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die Auswertung und Synthese existierender empirischer Inhaltsanalysen, insbesondere der Studien von Klaus Merten und Hildegard Kühne-Scholand, ergänzt durch medienkritische Reflexionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Im Hauptteil werden Untersuchungsergebnisse zu Presse und Fernsehen detailliert dargestellt, gefolgt von einer kritischen Analyse aktueller Berichterstattungsprobleme wie Stereotypisierung und der Verstärkung von Vorurteilen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Medienwirklichkeit, Fremdenfeindlichkeit, journalistische Verantwortung, Minderheiten und Meinungsbildungsprozess charakterisiert.
Warum spielt die "kulturelle Distanz" laut den Ergebnissen eine Rolle?
Die Untersuchungen zeigen, dass die mediale Bewertung von Nicht-Deutschen stark davon abhängt, wie groß die wahrgenommenen kulturellen und religiösen Gemeinsamkeiten zur Mehrheitsgesellschaft sind.
Welches Dilemma beschreibt der Autor für Journalisten in der aktuellen Situation?
Journalisten stehen oft vor der Wahl, entweder lückenlos über rechtsextreme Phänomene zu berichten oder diese zu ignorieren, um keine unnötige Bühne für Populismus zu bieten.
Inwiefern beeinflussen Fernsehbilder die Realitätswahrnehmung?
Der Autor argumentiert unter Berufung auf medienkritische Quellen, dass Fernsehbilder nicht nur Erfahrungen ergänzen, sondern die Realität für den Zuschauer konstruieren, da dieser kaum Kontrollmöglichkeiten besitzt.
- Quote paper
- Helmut Schäfer (Author), 1993, Die Darstellung der Migranten in den bundesdeutschen Massenmedien: Die Ambivalenz von Wirkung und Wirklichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/150626