Dieser Essay bezieht sich auf das Sehen der Kunst während des Spazierengehens und wurde im Rahmen des Seminars "Choreographie des Raumes im Tanz des 20. Jahrhunderts" im Fachbereich Theaterwissenschaften angefertigt.
Es stellen sich die Fragen: Wie und warum gehen Künstler? Welche Gründe finden sie für das Gehen und Bleiben? Auf welche Art und Weise machen sie Gehen und Bleiben zur Bewegungsursache ihrer Kunst?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kimsooja: Die Nadel als Verbindung von Raum und Zeit
2.1 Needle Woman: Urbane Ströme und die Rolle der Künstlerin
2.2 Wahrnehmung von Zeit und körperlicher Entgrenzung
3. Nancy Spero: Eruptive Zeichensprache gegen Krieg und Gewalt
3.1 Die Auseinandersetzung mit der politischen Realität
3.2 Bewegung, Verharren und das zeitliche Erleben in der Malerei
4. Schlussbetrachtung: Bewegung als Ausdruck des Da-Seins
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Gehen und Bleiben als Ausdrucksformen menschlicher Existenz und sozialer Interaktion. Im Zentrum steht die Frage, wie Künstlerinnen durch verschiedene Medien – insbesondere Videoinstallationen und Malerei – Räume, Zeit und politische Zustände reflektieren und den Betrachter zur aktiven Teilnahme an diesen Prozessen bewegen.
- Die Rolle des Künstlers als Beobachter und Vermittler im sozialen Raum.
- Die körperliche Erfahrung von Zeit und Bewegung in urbanen Kontexten.
- Feministische Perspektiven und die visuelle Artikulation von Krieg und Unterdrückung.
- Die Bedeutung von Wiederholung und Abwesenheit in der bildenden Kunst.
- Die Verbindung von menschlicher Bewegung und dem soziokulturellen Gefüge.
Auszug aus dem Buch
Needle Woman: Urbane Ströme und die Rolle der Künstlerin
Videoinstallation von Needle Woman 2000- 2001 steht bei der Künstlerin Kimsooja als vertikale Achse in den Metropolen Mexico City, Kairo, Lagos und London in einen Strom von Menschen. Dieser begegnet ihr und zieht an ihr vorbei. Der Betrachter nimmt die Wogen von Passanten im urbanen Leben wahr. In dieses taucht die Künstlerin ein. Sie bezeichnet sich als Zeuge, Barometer, Kompass, Messnadel der Wirklichkeit, die verschiedenen Kulturen anzeigt. Sie sticht wie eine Nadel in das bunte soziale Gewebe der Städte. Sie näht unterschiedliche Gesellschaften zusammen. Kimsooja sieht die Nadel als Verlängerung ihres Körpers. Sie verbindet Zwischenräume. Der Faden bleibt als verbundene und vermittelnde Spur des Geistes im Stoff.
Die Künstlerin taucht an beliebigen Orten auf. Bei genauem Blick zeigen sich soziale Identität in unterschiedlichen Hierarchien, Schichten, unterschiedlichen Reaktionen auf die Künstlerin. Im kosmopolitischen Gewimmel London laufen Menschen isoliert, unempfindlich und zielstrebig vorbei. Konträr reagieren die sie in Lagos neugierig, lachend, irritiert. Kimsooja wird durchsichtig und verschwindet fast. In einer anderen erscheint sie als gegenüber. Sie ist abwesend und anwesend zugleich, Teil des Raumes und der Zeit der Städte und außerhalb dieses Raumes und dieser Zeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Ausstellung „gehen bleiben“ und die Eröffnung der zentralen Fragestellung nach der künstlerischen Bedeutung von Fortbewegung und Verharren.
2. Kimsooja: Die Nadel als Verbindung von Raum und Zeit: Analyse der Videoinstallation „Needle Woman“, in der die Künstlerin als ruhender Pol in globalen urbanen Strömen agiert.
2.1 Needle Woman: Urbane Ströme und die Rolle der Künstlerin: Detaillierte Betrachtung der performativen Präsenz Kimsoojas in verschiedenen Metropolen und ihrer Funktion als soziale „Messnadel“.
2.2 Wahrnehmung von Zeit und körperlicher Entgrenzung: Untersuchung der zeitlichen Manipulation in den Videos und der daraus resultierenden Erfahrung von Transzendenz.
3. Nancy Spero: Eruptive Zeichensprache gegen Krieg und Gewalt: Darstellung von Nancy Speros künstlerischer Reaktion auf den Vietnamkrieg und die Unterdrückung von Frauen.
3.1 Die Auseinandersetzung mit der politischen Realität: Erörterung von Speros Einsatz feministischer Symbolik und ihre Kritik an politischer Gewalt in Mittelamerika und Chile.
3.2 Bewegung, Verharren und das zeitliche Erleben in der Malerei: Analyse der formalen Gestaltungsmittel in Speros Werk, wie Wiederholung und Querformat, zur Erzeugung eines zeitlichen Erlebens beim Betrachter.
4. Schlussbetrachtung: Bewegung als Ausdruck des Da-Seins: Zusammenführende Reflexion, in der Bewegung als fundamentales Merkmal menschlicher Existenz und das Bleiben als in das Gehen verflochtener Zustand definiert wird.
Schlüsselwörter
Kimsooja, Nancy Spero, Gehen, Bleiben, Videoinstallation, Malerei, Urbanität, soziale Identität, politische Kunst, Feminismus, Zeitwahrnehmung, Körperlichkeit, Zwischenräume, Performative Kunst, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen „Gehen“ und „Bleiben“ in der zeitgenössischen Kunst. Es wird analysiert, wie Künstlerinnen diese menschlichen Grundzustände nutzen, um komplexe gesellschaftliche und existenzielle Fragen zu thematisieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Rolle des Künstlers als Beobachter, die Wahrnehmung von urbanem Raum und Zeit, feministische Ansätze in der Kunst sowie die künstlerische Auseinandersetzung mit Gewalt und Krieg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gehen und Bleiben als intensive Lebenserfahrungen durch verschiedene Medien wie Videoinstallationen und Malerei vermittelt werden und welche Wirkung dies auf den Betrachter hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunstwissenschaftliche Analyse, die deskriptive und interpretative Ansätze kombiniert, um die Werke von Kimsooja und Nancy Spero im Kontext von Raum, Zeit und politischer Identität einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kimsoojas „Needle Woman“, die die Zeitwahrnehmung im städtischen Raum reflektiert, und Nancy Speros politisch motivierte Malerei, die Gewalt und Unterdrückung thematisiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, Körperlichkeit, Soziales Gewebe, Widerstand, urbane Ströme, Transzendenz und die Symbolik des Gehens.
Wie definiert Kimsooja ihre Rolle in „Needle Woman“?
Kimsooja sieht sich als Zeuge, Barometer, Kompass und „Messnadel“, die in das soziale Gefüge der Städte eindringt und verschiedene Kulturen miteinander verknüpft.
Warum spielt die Wiederholung in Nancy Speros Werk eine wichtige Rolle?
Die ständige Wiederholung von Figuren in ihren Bildern verstärkt das Leiden der dargestellten Opfer und erzeugt durch die Anordnung in einem extremen Querformat ein zeitliches Erleben für den Betrachter.
Welche Bedeutung hat die Geschwindigkeit der Videos für die Aussage von Kimsooja?
Die um 50% reduzierte Geschwindigkeit ermöglicht eine intensivere Wahrnehmung des Augenblicks und lässt Raum und Zeit als eine körperliche Einheit erscheinen, was den Kontrast zwischen der Künstlerin und dem städtischen Strom betont.
Inwiefern ist die Gewalt in Nancy Speros Arbeiten vergeschlechtlicht?
Spero assoziiert die in ihren Werken gezeigte Gewalt oft mit männlicher Dominanz, etwa durch die Darstellung phallischer Hubschrauberformen, und setzt die Frau als zentrales, leidendes, aber auch revolutionäres Symbol ein.
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- Jenny Brämsmann (Author), 2010, Kunst unter dem Aspekt Spazieren und Emanzipation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/149693